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Talent Monument: Folge 3

Denkmale der Nachkriegsmoderne

Was macht ein Denkmal zu einem Denkmal? Die Architektur der Nachkriegszeit galt lange als belanglos und eintönig. Aber der genaue Blick lohnt: auf diverse Architekturströmungen, auf vielschichtige Bauten und damit verbundene gesellschaftliche Visionen.

Nie zuvor wurde in Deutschland so viel geplant und gebaut wie in der Nachkriegszeit. Keine andere Architektur begleitet uns heute im Alltag so wie jene der 1950er, 1960er und 1970er Jahre. Wer sich mit offenen Augen dieser Epoche nähert, entdeckt unter den oft monotonen Massen vielfältige Baukunst von ästhetischem Reiz – ob raffinierte Details von eleganter Leichtigkeit, virtuose technische Konstruktionen oder expressive Raumschöpfungen. 


Nicht nur wegen ihrer architektonisch formalen Qualitäten, sondern auch aus historischen Gründen ist es wichtig, dass diese Bauten bewahrt werden. Als Repräsentanten ihrer Zeit sind sie Teil unserer jungen Geschichte, über die mehr zu erfahren eine Bereicherung ist.

Leichtfüßige Architektur: der Treppenaufgang der ehemaligen bayerischen Landesvertretung in Bonn. Sie wurde 1954/55 nach Entwürfen von Sep Ruf errichtet. Heute dient das junge Denkmal als Sitz der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.
Roland Rossner / DSD
Leichtfüßige Architektur: der Treppenaufgang der ehemaligen bayerischen Landesvertretung in Bonn. Sie wurde 1954/55 nach Entwürfen von Sep Ruf errichtet. Heute dient das junge Denkmal als Sitz der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.

Zeit des Aufbruchs


Die Geschichte beginnt mit einem Ende – mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als Deutschland einer Trümmerlandschaft glich. Sehr viele Städte lagen in Schutt und Asche. Und dennoch: Eine Stunde null gab es im Jahr 1945 trotz Zusammenbruchs und verheerender Zerstörungen auch nicht in der Architektur und der Stadtplanung. Das konnten die renommierten Architekturhistoriker Werner Durth und Niels Gutschow schon in den 1980er Jahren aufzeigen. Für den Wiederaufbau griff man auf Formen und Ideale zurück, die schon in der Vorkriegszeit entwickelt worden waren – im Traditionalismus, im organischen Bauen und besonders im Neuen Bauen.


In den ersten Nachkriegsjahren konzentrierte man sich zunächst auf die Beseitigung von Trümmern, auf das Reparieren von Beschädigtem und das Errichten von meist provisorischen Bauwerken. Die Mittel waren knapp und der Raumbedarf groß – besonders der zum Wohnen. Daher stammen aus dieser Zeit viele innovative technische Lösungen. So zählten zu den ersten neuen Sakralbauten die von Otto Bartning konzipierten Notkirchen mit dem Bausystem aus seriell vorgefertigten, von Laien montierbaren Holzelementen und günstigen Baustoffen.Bartning waren diese Kirchen aber „nicht notdürftiger Behelf“, sondern auf Dauer angelegte, „neue und gültige Gestalt aus der Kraft der Not“ (siehe auch Artikel: Denkmale in Zeiten von Krieg und Frieden). 

Die Offenbarungskirche in Berlin-Friedrichshain wurde 1949 eingeweiht. Sie ist ein Beispiel der von Otto Bartning geplanten Notkirchen.
Roland Rossner / DSD
Die Offenbarungskirche in Berlin-Friedrichshain wurde 1949 eingeweiht. Sie ist ein Beispiel der von Otto Bartning geplanten Notkirchen.

Parallel zu diesen ersten bescheidenen Bauprojekten wurde an umfassenden Plänen für die wiederaufzubauenden Städte gearbeitet. Sie folgten oft dem Ideal der gegliederten, aufgelockerten Stadt. An die Stelle der Mietskasernenstadt des 19. Jahrhunderts mit Korridorstraßen sollten durchgrünte, durchlüftete und durchlichtete Stadträume mit geschwungenen Straßen treten, an denen entlang in unregelmäßiger Streuung Zeilenbauten Akzente setzten.


Diesen stilistischen Prinzipien von Offenheit, Leichtigkeit und Dynamik folgte auch die Architekturmoderne der 1950er Jahre. Baukörper wurden gestaffelt und asymmetrisch angeordnet. Schlanke Stützen, vorkragende dünne Flachdächer und geschwungene Treppenaufgänge vermittelten ein Gefühl von schlichter Eleganz, wie zum Beispiel in der ehemaligen bayerischen Landesvertretung in Bonn von Sep Ruf. Nach den Jahren der Diktatur äußerte sich in diesen leicht und luftig wirkenden Bauten der Wunsch nach einem Leben frei von Ballast. Die Folgen des Krieges waren im Alltag noch lange zu spüren, auch in Bezug auf die Wohnsituation.


Architektur in Ost und West


Noch 1950 fehlten in der Bundesrepublik 6,3 Millionen Wohneinheiten. Mit umfassenden Bauprogrammen gelang es in der DDR und BRD erst nach und nach, die Raumnot zu lindern. Zeilenbauten und Rasterbauweise waren das architektonische Mittel, um schnell und günstig Unterkünfte von bescheidenem Komfort zu schaffen. Wie in Stuttgart mit dem 1953/54 errichteten GEDOK-Haus. In Anlehnung an das Neue Bauen entwarf die Architektin Grit Bauer-Revellio hier das deutschlandweit erste Wohn- und Atelierhaus für berufstätige Frauen.

1954 in funktionaler Formensprache gebaut: das Stuttgarter GEDOK-Haus mit Wohnateliers für berufstätige Künstlerinnen.
Landesamt für Denkmalpflege im RP Stuttgart / Iris Geiger-Messner
1954 in funktionaler Formensprache gebaut: das Stuttgarter GEDOK-Haus mit Wohnateliers für berufstätige Künstlerinnen.

Bis heute stehen ihnen in dem denkmalgeschützten, funktionalen Gebäuderiegel gegen geringe Miete lichtdurchflutete Wohnateliers zur Verfügung. Ab den 1950er Jahren wurde nicht nur im Wohnungsbau weiter an der Normierung und Typisierung gearbeitet. Mit Blick Richtung Amerika, wo Exilanten wie Mies van der Rohe ein neues Wirkungsfeld gefunden hatten, bestimmten Rasterarchitektur und nicht tragende Vorhangfassaden in der Bundesrepublik auch die Gestalt von Verwaltungs- und Geschäftsbauten.


Genauso setzte man in der DDR auf die industrielle und serielle Fertigung. „Nachdem sich mit traditionellen Bauweisen und Arbeiterpalästen die von der Partei- und Staatsführung gesteckten Ziele nicht erreichen ließen, wurden typisierte Systeme entwickelt, die den Prinzipien des internationalen Bauens folgten“, sagt Hans-Rudolf Meier, Professor für Denkmalpflege und Baugeschichte an der Bauhaus-Universität Weimar und Mitglied der Wissenschaftlichen Kommission der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. „Dabei ging es aber nicht nur um die Verwirklichung eines Bauprogramms.“


Baukunst in der Masse


Sichtbare Gleichheit sollte das Ideal des Sozialismus widerspiegeln und die Menschen prägen. „Sonderbauten gab es daher selten“, so Hans-Rudolf Meier. Zu den bekanntesten zählen die bildstarken Schalenbauten des Bauingenieurs Ulrich Müther. Seine dynamisch gekrümmten, nur wenige Zentimeter dicken Betondächer überspannten auf oft kühne Weise Kirchen, Messehallen, Gaststätten und Bushaltestellen. Meistens wurden die baulichen Unikate bewusst als städtebaulicher Kontrast zur seriellen Architektur eingesetzt – als hervorgehobener, gemeinschaftsstiftender Ort in der Welt des großen Kollektivs.

Lange Zeit stand der nach Plänen von Ulrich Müther gebaute Pavillon am Templiner Bürgergarten leer und verkam. Aktuell wird er instand gesetzt.
Wilfried Dechau
Lange Zeit stand der nach Plänen von Ulrich Müther gebaute Pavillon am Templiner Bürgergarten leer und verkam. Aktuell wird er instand gesetzt.

Grundsätzlich war die Architektur in den 1960er Jahren von plastischeren Formen geprägt als noch zu Beginn der Nachkriegszeit. Das Credo der Verdichtung wurde nicht nur im Städtebau maßgebend. Besonders in der Bundesrepublik entstanden massigere und komplexere Gebilde, in Höhe und Breite gestaffelt, im Grundriss versetzt. Zeltartige Formen, flexible Waben- und Modulbausysteme hielten Einzug ins Bauwesen. Die Materialien und Oberflächen waren nicht mehr glatt und glänzend wie in den 1950er Jahren, sondern rau und ursprünglich. Allem voran der Sichtbeton: Mit seinen körnigen Oberflächen und Bearbeitungsspuren verlieh er Wänden und ganzen Baukörpern nahezu skulpturale Qualitäten.


Die neuartigen Baustoffe und -formen entsprachen dem Zukunftsoptimismus der 1960er Jahre. Man glaubte an ständiges Wachstum, technischen Fortschritt und daran, dass die Architektur das menschliche Zusammensein positiv formen könne. „Die Architektur dieser Zeit ist nicht von ihrem sozialen Anspruch zu trennen“, so Architekturhistoriker Meier. „Der gemeinsame Nenner war der Glaube an die Gestaltbarkeit der Welt und daran, dass Architektur ein Instrument ist, diese zu verbessern. Die 1960er und 1970er Jahre waren eben mehr als Bauwirtschaftsfunktionalismus – was sie zweifellos auch waren.“

Die Kirche Sankt Ludwig in Saarlouis: Ihr 1970 fertiggestelltes Kirchenschiff von Gottfried Böhm entstand anstelle eines neogotischen Vorgängerbaus, der aus statischen Gründen abgetragen werden musste.
Roman Weis
Die Kirche Sankt Ludwig in Saarlouis: Ihr 1970 fertiggestelltes Kirchenschiff von Gottfried Böhm entstand anstelle eines neogotischen Vorgängerbaus, der aus statischen Gründen abgetragen werden musste.

Mit hinreichend zeitlichem Abstand lässt sich die Ära des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders, die bis in die 1970er Jahre reicht, als abgeschlossene Epoche der Architekturgeschichte betrachten. Viele ihrer hervorragenden Bauten stehen mittlerweile unter Schutz. Um die jungen und manchmal versteckten Talente zu erkennen, bedarf es hin und wieder eines zweiten Blicks. Die Chance dazu gibt es am 10. September 2023, am Tag des offenen Denkmals, der unter dem Motto „Talent Monument“ auch den jungen Denkmalen eine große Bühne bietet.


Amelie Seck

TALENT MONUMENT


Die 40-seitige Broschüre zum DSD-Jahresthema 2023 kann telefonisch bestellt werden unter: 

0228 9091-250 oder: www.denkmalschutz.de/talent-monument-bestellen

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