Denkmalarten Wohnhäuser und Siedlungen Öffentliche Bauten Ausgabe Nummer Dezember Jahr 2023

Denkmalschutz hat gesellschaftlichen Wert

Verantwortung übernehmen

Es gibt Denkmale, die helfen. Denn in ihnen findet karitative Arbeit statt – zum Teil schon seit Jahrhunderten. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hilft den Denkmalen – und damit auch den Menschen.

Sie gilt als die älteste, durchgehend genutzte Altenpflegeeinrichtung Europas. Als 2022 bekannt wurde, dass das Altenheim im Heiligen-Geist-Hospital wegen kostspieliger Brandschutzauflagen geschlossen werden sollte, war das Entsetzen in Lübeck groß und es formierte sich schnell bürgerschaftlicher Widerstand. Viele der Seniorinnen und Senioren, denen das Heim mit seinem besonderen Ambiente ihr Zuhause bedeutet, setzten sich zur Wehr: Die betagten Bewohner demonstrieren gegen die drohenden Entwicklungen. 1286 wurde das Hospital als Stiftung Lübecker Kaufleute errichtet. 

Gehört seit über 700 Jahren zu Lübeck: das Heiligen-Geist-Hospital. Bis heute wird hier karitative Arbeit geleistet – so soll es auch bleiben.
© Dr. Karen Meyer-Rebentisch
Gehört seit über 700 Jahren zu Lübeck: das Heiligen-Geist-Hospital. Bis heute wird hier karitative Arbeit geleistet – so soll es auch bleiben.

Das Heiligen-Geist-Hospital ist ein einmaliges Ensemble mit über 700-jähriger Nutzungsgeschichte als karitativer Ort – auch wenn die Kirche und die Halle mit den Kabinen, in denen bis 1970 die Pflegebedürftigen lebten, mittlerweile nur noch für museale und kulturelle Zwecke verwendet werden. Wohlfahrtspflege gehört an diesen Platz, die emotionale Diskussion um die mögliche Schließung des Seniorenheims zeigt die gesellschaftliche Relevanz dieser Einrichtung. Jetzt ist die komplette Schließung der Einrichtung vorerst vom Tisch. 


Die Bürgerschaft Lübecks, der Rat der Stadt, hat sich dagegen ausgesprochen. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD), die schon bei der umfassenden Restaurierung der Fassade des Hospitals geholfen hat, möchte sich aktiv für das Denkmal einsetzen: „Wir wollen konstruktiv helfen“, so DSD-Vorstandsvorsitzender Dr. Steffen Skudelny. Ein Haus der Fürsorge braucht also selbst Fürsorge.


Gebaute Nächstenliebe


Alte, karitativ genutzte Bauten wie das ehrwürdige Heiligen-Geist-Hospital in Lübeck oder das große Juliusspital in Würzburg sind besondere Denkmale. Als Orte sozialer Arbeit erzählen sie uns von seit Jahrhunderten gelebter Mitmenschlichkeit, von Hilfe in der Armut und Mildtätigkeit. Sie sind Orte, die einst Notleidenden eine sichere Herberge boten und von denen manche in jahrhundertelanger Kontinuität noch heute professionell tätige soziale Einrichtungen beherbergen.

Protest: Seniorinnen demonstrieren gegen die Heimschließung.
© picture alliance / dpa / Markus Scholz
Protest: Seniorinnen demonstrieren gegen die Heimschließung.

Schon in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Hospitälern nahm man sich der Alten und Kranken, der Witwen und Waisen in Fürsorge an. Ein trockener, warmer Schlafplatz, Kost, Logis und seelischer Beistand erwarteten sie in den Zufluchtsorten. Täglich gab es Messen für die Bedürftigen und Fürbitten für die Wohltäter. Die Hilfsbedürftigen wurden gepflegt, wenn auch weit entfernt von einer medizinischen Versorgung nach heutigen Maßstäben.

Vorgänger der heutigen Seniorenheime: Kabinen in der Halle des Heiligen-Geist-Hospitals in Lübeck.
© M.L. Preiss / DSD
Vorgänger der heutigen Seniorenheime: Kabinen in der Halle des Heiligen-Geist-Hospitals in Lübeck.

Diese Formen sozialer Hilfe verdankten die Armen vor allem dem biblischen Postulat des mitmenschlichen Handelns. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, findet sich schon im Buch Mose und wurde als wesentliches Gebot von Jesus aufgenommen. Seine besondere Zuwendung zu Schwachen, Unterdrückten und Ausgegrenzten war – und ist bis heute – das Vorbild, dem gläubige Christen nachfolgen.


Im frühen Mittelalter lag die Fürsorge von Notleidenden vorwiegend in klösterlicher und kirchlicher Hand. Ritterorden und andere religiöse Laiengemeinschaften, vor allem solche von Frauen, der Adel und das wohlhabende Bürgertum schlossen sich ihnen in der christlichen Caritas an. Immer noch lassen sich Spuren ihres mildtätigen Handelns in der Architektur selbst ablesen wie in den Hallen der Hospitäler in Lübeck oder Wismar, aber auch in der Kontinuität der Trägerschaft oder in den Patrozinien – man führe sich allein die vielen dem Heiligen Franziskus oder der Heiligen Elisabeth gewidmeten Stifte und Spitäler vor Augen.

Keimzelle der Evangelischen Stiftung Neinstedt: das Ensemble des Lindenhofs mit dem roten Fachwerkbau der Alten Post, ein Förderprojekt der DSD (links).
© Jens Schulze
Keimzelle der Evangelischen Stiftung Neinstedt: das Ensemble des Lindenhofs mit dem roten Fachwerkbau der Alten Post, ein Förderprojekt der DSD (links).

Dass die karitativen Bauwerke die Zeit überdauert haben, begründet sich auch in ihrem großen Nutzen für die Allgemeinheit. Kaiser Joseph II. etwa, ein Monarch der Aufklärung, ließ mit dem Aufhebungserlass von 1782 nur die Klöster bestehen, die in der Krankenpflege, im Unterricht oder der Seelsorge tätig waren.


Dennoch – 30 Jahre später – kam es im Rahmen des Reichsdeputationshauptschlusses 1803 zur Auflösung von Klöstern und Stiften. Mönche und Nonnen konnten den Armen kaum noch Hilfe bieten, eine staatliche soziale Fürsorge war noch nicht ausreichend entwickelt. Die industrielle Revolution schließlich, von Massenarmut gezeichnet, löste einen großen Schub an christlich-bürgerlichen Stiftungen aus.


So wurden in der Tradition christlicher Caritas bis zum Ende des 19. Jahrhunderts allein in Hannover rund 300 Wohltätigkeitsvereine gegründet, in Berlin soll es über 1.000 private soziale Einrichtungen gegeben haben. Zu der Zeit wurden von den beiden großen christlichen Kirchen die evangelische Innere Mission (1848), Vorläufer des Diakonischen Werks, und der katholische Caritas-Verband (1897) ins Leben gerufen.


Seele eines Ortes


Auf diese Zeit geht auch die Evangelische Stiftung Neinstedt bei Thale zurück, eine der größten diakonischen Einrichtungen im mitteldeutschen Raum. „Außer der Krankenpflege würde mir noch etwas mehr am Herzen liegen, – das ist die wirklich gemisshandelte Kinderwelt, diese Knospen, worin so mancher gute Keim verborgen liegt.“


3 FRAGEN AN ... 

EVA MARIA WELSKOP-DEFFAA

„JEDE GENERATION BRINGT MENSCHEN HERVOR, DIE TÄTIGE NÄCHSTENLIEBE AUF IHRE ART NEU ERFINDEN“

Eva Maria Welskop-Deffaa ist seit 2021 Präsidentin des Deutschen Caritasverbands und repräsentiert den Verband in Kirche, Staat und Gesellschaft. Sie trägt die Verantwortung für die Verbandsentwicklung und Strategie, für Politik, Kommunikation und die Wohlfahrtspflege.
© W. Wetzler / Caritas
Eva Maria Welskop-Deffaa ist seit 2021 Präsidentin des Deutschen Caritasverbands und repräsentiert den Verband in Kirche, Staat und Gesellschaft. Sie trägt die Verantwortung für die Verbandsentwicklung und Strategie, für Politik, Kommunikation und die Wohlfahrtspflege.


Frau Welskop-Deffaa, zu den Aufgaben der Caritas gehören die Kinder- und Familienhilfe, Dienste für Menschen mit Behinderung, Sie betreibt Senioreneinrichtungen und Krankenhäuser. Nicht wenige dieser karitativen Angebote werden seit Jahrhunderten in denselben Gebäuden durchgeführt. Sind Sie dadurch eine erfahrene Denkmalpflegerin geworden?


Eva Maria Welskop-Deffaa: Gute Denkmalpflege hütet den Genius Loci, sie hält die architektonische Idee lebendig, auch wenn sich die Funktion eines Gebäudes verändert, wenn die Weiternutzung eine gründliche Anpassung an neue Standards der Medizin, an Klimabedingungen oder an Brandschutzgesetze erfordert. Ich erlebe in der Caritas viel Liebe für die alten Gemäuer – zuletzt beim Elisabeth-Krankenhaus in Leipzig. Und nicht selten sind die Parkanlagen, die zu den ererbten Häusern gehören, richtige Naturdenkmäler – wie auf dem Gelände des Alexianer St.-Joseph-Krankenhauses in Berlin-Weißensee. Ein großes Geschenk für die, die dort leben und arbeiten.


Gibt es ein karitatives Haus, das Ihnen besonders in Erinnerung ist?


In meine Erinnerung haben sich verschiedene Caritas-Orte eingegraben, die ihr Zuhause an Bahnhöfen gefunden haben: In den Gewölben finden sich nicht selten Standorte der Bahnhofsmission.


Die Figur der Caritas hat Ihrer Organisation den Namen verliehen und verkörpert als eine der theologischen Tugenden die Liebe. Haben Sie Angst, dass die tätige Nächstenliebe Nachwuchsprobleme bekommen wird?


Die Geschichte der Caritas ist eine Geschichte charismatischer Persönlichkeiten, die sich vom Leid ihrer Zeit anrühren lassen und die Menschen zum Mittun anstiften. Jede Generation bringt Menschen hervor, die tätige Nächstenliebe auf ihre Art neu erfinden. Ich bin sehr sicher, dass sich auch morgen und übermorgen Menschen fürs Mitmensch-Sein begeistern lassen.



 


Seit über 170 Jahren ein Ort der Fürsorge. die Evangelische Stiftung Neinstedt. Auch Sophia Eichmann wohnt dort, machte hier ihren Schulabschluss und arbeitet nun in dem stiftungseigenen Café.
© Jens Schulze
Seit über 170 Jahren ein Ort der Fürsorge. die Evangelische Stiftung Neinstedt. Auch Sophia Eichmann wohnt dort, machte hier ihren Schulabschluss und arbeitet nun in dem stiftungseigenen Café.

Diesen Wunsch, den Marie Nathusius mit ihrem Mann Philipp teilte, ließ das wohlhabende Ehepaar 1850 Wirklichkeit werden, indem es auf dem barocken Gut Lindenhof im Harz ein Knabenrettungs- und Brüderhaus zur Fürsorge von Waisenkindern und Jungen aus sozial schwachen Familien gründete. 1861 eröffnete Johanne Nathusius, die Schwester von Philipp, im gleichen Dorf die Elisabethstiftung für geistig behinderte Menschen.


173 Jahre danach ist Neinstedt immer noch eine Anlaufstelle für Hilfesuchende. Das Denkmalensemble um den Lindenhof ist Herz und Seele des kleinen Ortes mit rund 1.800 Einwohnern. Etwa 480 von ihnen wohnen auf dem Gelände der evangelischen Stiftung – Senioren, Menschen mit geistiger, seelischer und körperlicher Behinderung. So wie Sophia Eichmann, die in einer betreuten Wohngemeinschaft ein Zuhause gefunden hat. „Mir gefällt das inklusive Dorf. Hier fühle ich mich geborgen. Hier habe ich meine Freunde“, sagt die 20-Jährige, die im Café auf dem Marienhof arbeitet, einem weiteren alten Bauwerk der Stiftung. Sie verkauft hier Kuchen und Brot aus der hauseigenen Bäckerei.

Daheim im denkmalgeschützten Bodelschwinghhaus in Neinstedt: junge Menschen, die auf verschiedene Art Unterstützung brauchen (mittig: Sophia Eichmann).
© Jens Schulze
Daheim im denkmalgeschützten Bodelschwinghhaus in Neinstedt: junge Menschen, die auf verschiedene Art Unterstützung brauchen (mittig: Sophia Eichmann).

Verantwortungsbewusst geht die soziale Institution mit ihrem reichen baulichen Erbe um, zu dem neben dem Lindenhof und Marienhof weitere Fachwerkhäuser, die Lindenhofskirche und einige historistische Gebäude in Neinstedt zählen. Eine der Herausforderungen dabei ist, den Erhalt der Denkmale mit einer barrierrefreien, modernen Nutzung zu verknüpfen (siehe Kasten).

 

„Ein gutes Leben“ im Weingarten 22 in Quedlinburg

Schon vor zehn Jahren gute Stimmung. Fast alle Bewohner von damals leben immer noch hier, zum Beispiel links Ute Kittel.
© Ray Behringer
Schon vor zehn Jahren gute Stimmung. Fast alle Bewohner von damals leben immer noch hier, zum Beispiel links Ute Kittel.


Menschen mit Handicap, die in einem Denkmal ihr Zuhause gefunden haben. Ein Denkmal, das durch soziale Nutzung gerettet wird. Diese optimale Doppelwirkung ist im Weingarten 22 in Quedlinburg zu finden.


Vier Häuser und vier Jahrhunderte vereint das Gebäudeensemble mitten in der Quedlinburger Altstadt. Nach jahrelangem Leerstand und Verfall übernahm es die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) und konnte es 2002 der Lebenshilfe Harzkreis-Quedlinburg als Haus der Lions und Rotarier übergeben. Mit Hilfe der beiden großen Serviceorganisationen war das Fachwerkensemble gerettet und gleichzeitig barrierearm für Menschen mit Behinderung umgebaut worden.

Ute Kittel kommt im Weingarten auch mit Rollstuhl gut zurecht, denn es gibt einen barrierefreien Eingang.
© René Tittel / Lebenshilfe Harzkreis-Quedlinburg
Ute Kittel kommt im Weingarten auch mit Rollstuhl gut zurecht, denn es gibt einen barrierefreien Eingang.

 

Dabei musste neu gedacht werden: Zwischengeschosse wurden nivelliert. Eine breite, gläserne Galerie verbindet die Häuser und ist rollstuhlgerecht und gut beleuchtet. Türschwellen, in Fachwerkhäusern sehr präsent, wurden umbaut. Zur Orientierung gibt es auch im Fahrstuhlschacht Fenster. Vor zehn Jahren, 2013, besuchte MONUMENTE den Weingarten 22 und traf auf begeisterte Bewohner.


Heute, 20 Jahre nach Eröffnung des Ensembles, kann Peter Knöschke, Bereichsleiter Wohnen und Freizeit der Lebenshilfe Harzkreis-Quedlinburg, bestätigen: „Im Weingarten 22 ist ein gutes Leben für Menschen mit Behinderung möglich.“ Fünf Wohnungen und zwölf Zimmer sind von insgesamt 19 Personen mit unterschiedlichen Handicaps belegt.


Mobilitätseinschränkungen und Sehbehinderungen kommen zu geistigen Beeinträchtigungen hinzu. Knöschke: „Nach DIN barrierefrei zu werden, ist in Denkmalen wie diesen nicht zu erlangen. Durchgehend 88 Zentimeter Türbreite Minimum ist einfach konstruktiv nicht machbar.“ Das ist auch nicht notwendig, wenn Flexibilität vorhanden ist.

Das Haus mit dem alten Holztor: für die Bewohner ein sicheres Zuhause.
© René Tittel / Lebenshilfe Harzkreis-Quedlinburg
Das Haus mit dem alten Holztor: für die Bewohner ein sicheres Zuhause.

 

Die Lebenshilfe Quedlinburg ist allein in der Stadt selbst noch für vier weitere Gebäude zuständig, allesamt Denkmale. Man weiß also, wie man Kompromisse zwischen Praktikabilität und Denkmalpflege erreicht. „Bei Denkmalen können Ausnahmen von der DIN bei der sogenannten Heimaufsicht beim Bundesland beantragt werden.“ Darin hat man Übung.


Es geht also, die behutsame Anpassung eines Denkmals für Einrichtungen karitativer Art mit ihren Spezialanforderungen. Knöschke weiß, dass die Bewohner dafür zu Kompromissen bereit sind: „Die spezielle Atmosphäre dieser Häuser macht schon etwas mit den Leuten. Hier ist nicht das sterile Heim. Das hat Wohncharakter, und den gibt es so nicht im Neubau.“ 50 Meter nur ist der Quedlinburger Marktplatz entfernt. „Die Lage ist toll – man ist gleich im Zentrum“, findet Bewohnerin Ute Kittel. Peter Knöschke bestätigt: „Das ist Inklusion im echten Sinne.“


Den erwähnten MONUMENTE-Artikel über das Haus Weingarten in Quedlinburg von 2013 finden Sie hier:


www.monumente-online.de/weingarten2013.php


Aktuell wird die sogenannte Alte Post des Lindenhofs instand gesetzt. Die statische Sicherung wurde von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gefördert. Dadurch hilft die DSD, dass der etwa 200 Jahre alte Fachwerkbau später als multifunktionaler Veranstaltungsraum für die gesamte Dorfgemeinschaft genutzt werden kann. Menschen mit und ohne Beeinträchtigung werden dort zusammenkommen und am Programm ohne Hindernisse teilnehmen können. Das Projekt steht für das soziale, inklusive Miteinander in der Ortsgemeinde.


Seit Generationen leben die Bewohner von Neinstedt mit der Sozialeinrichtung und ihrer Geschichte. Nicht vergessen, sondern aufgearbeitet hat die dortige Stiftung die Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus, als Neinstedt keine Stätte der Nächstenliebe, sondern der Gräueltaten war, als das NS-Regime seine menschenfeindliche Ideologie mit der Unterscheidung von lebens- und nicht lebenswertem Dasein in die Tat umsetzte. Eine Installation vor der Lindenhofskirche erinnert an die 1.019 Deportierten, von denen der Großteil ermordet wurde. „Die Achtung vor dem Leben ist uns Verpflichtung“, sagt der Vorstand der Evangelischen Stiftung Neinstedt, Hans Jaekel, zum Gedenkort.

Die Gemeindehäuser an der Großen Hamburger Straße in Berlin-Mitte rahmen seit 1905 die Sichtachse zur Sophienkirche.
© Peter Schabe / DSD
Die Gemeindehäuser an der Großen Hamburger Straße in Berlin-Mitte rahmen seit 1905 die Sichtachse zur Sophienkirche.

Aus Respekt vor dem Leben


Achtung vor dem Leben als Verpflichtung. An einem Ort in Berlin-Mitte ist genau dieser Geist ebenfalls zu spüren. Der Sophienkirchhof ist so lebendig wie ruhig, so historisch wie modern. Eine Oase inmitten der Großstadt. Nach außen hin ist das Viertel rund um die Sophienkirche touristisch und schick, die Altbauten sind in Perfektion saniert, aber „dahinter können sich dennoch Probleme verbergen“, wie Janka Haverbeck zu berichten weiß. Sie ist Kuratoriumsmitglied der Koepjohann’schen Stiftung, die 1792 vom Schiffsbaumeister Johann Friedrich Koepjohann und seiner Frau zugunsten von Frauen und Kindern in der Spandauer Vorstadt errichtet wurde.


Davon erzählt auch das barocke Grabmal der Koepjohanns, das inmitten des Kirchhofs steht, unbeeindruckt von der laut spielenden Kindergruppe im Garten des Gemeindehauses in der Großen Hamburger Straße 29. Das Haus ist vielfältig belegt, neben dem Kindergarten auch von der Koepjohann’schen Stiftung, die in Berlin-Mitte fünf Einrichtungen für Frauen, Seniorinnen, alleinstehende Eltern und wohnungslose Frauen betreibt. An der Sophienkirche ist es der Kieztreff.

Sommerfest im Sophienkirchhof, fotografiert vom Kirchturm zu Beginn der umfassenden Restaurierung.
© Rosalie Solas / Koepjohann’sche Stiftung
Sommerfest im Sophienkirchhof, fotografiert vom Kirchturm zu Beginn der umfassenden Restaurierung.

Gemeinsames Kaffeetrinken, Nähen, Kochen, Angebote für Kinder – alles dient dem Miteinander und dem Entgegenwirken von Vereinsamung oder Verarmung. „Hier im Kieztreff ist richtig Leben“, berichtet Janka Haverbeck. Regelmäßig finden im lauschigen Hof vor der barocken Kirche Sommerfeste statt. Zu Zeiten Koepjohanns war man sich allzu bewusst, dass Schönheit und Tristesse nahe beieinanderliegen. Haverbeck: „Koepjohann hat den Witwen und Waisen seine Fürsorge zukommen lassen. Leider muss auch heute noch, und immer mehr, bedürftigen Frauen durch privates Engagement geholfen werden.“

 


Der Sophienkirchhof befindet sich inmitten eines Viertels mit vielen jüdischen Einrichtungen. Wegen der funktionierenden Nachbarschaft mit dem katholischen Hedwigs-Krankenhaus und der evangelischen Sophienkirche wurde die Große Hamburger Straße früher Toleranzgasse genannt. Ebenso haben hier die Fehlentwicklungen in der deutschen Geschichte und deren Konsequenzen ihre Spuren hinterlassen: An den Wänden des Hauses mit dem Kieztreff sind bis heute die Einschusslöcher der letzten Straßenkämpfe um Berlin aus dem Jahre 1945 zu sehen. 


Sie sind bewusst als Narben in den Mauern belassen worden. So sind sie als Mahnung zu verstehen, wie schnell Mitmenschlichkeit in ihr Gegenteil kippen kann. Diese Narben wollen die DSD sowie das Denkmalamt bei der gerade laufenden Restaurierung des Gebäudes bewusst sichtbar lassen.

Einschusslöcher als Sinnbild: Ein Leben ohne Narben gibt es nicht. Auch nicht an so schönen Orten wie dem Sophienkirchhof.
© Beatrice Härig / DSD
Einschusslöcher als Sinnbild: Ein Leben ohne Narben gibt es nicht. Auch nicht an so schönen Orten wie dem Sophienkirchhof.

Hinschauen, helfen, pflegen – in Gebäuden, die schon sehr viel erlebt haben. Hier ist Denkmalschutz gelebte Caritas. Er übernimmt Verantwortung, nicht nur gegenüber den Geschichtszeugnissen. Denn Denkmale sind mehr als nur Stein und Mörtel. Sie transportieren historische und künstlerische Werte. Sie stehen für Bildung, kulturelle Vielfalt und nicht zuletzt sozialen Zusammenhalt. Sie sind Orte, an denen Menschen zusammenkommen. Kaum eine andere Nutzung von Denkmalen wie die sozialer oder karitativer Art zeigt, wie sinngebend der Erhalt von historischen Gebäuden sein kann. 


Sie bezeugen – oft über Jahrhunderte hinweg – einen der gelebten Werte unserer Gesellschaft: Mitmenschlichkeit. Sinnstiftendes Handeln unserer Vorfahren ist untrennbar verbunden mit heutigen Denkmalen. Diese Beispiele widerlegen die landläufige Meinung, dass Denkmalpflege nichts mit modernen Zeiten zu tun habe oder gar ohne Sinn sei. Diese Denkmale zeigen: Sie stehen mitten im Leben und die DSD, die die Bewahrung von Denkmalen unterstützt, hilft so dem Gemeinwohl und dem gesellschaftlichen Miteinander.


Liebe Leser, wir bitten Sie, uns hierbei zu helfen – besonders vor dem Hintergrund, dass 2023 für spendensammelnde, gemeinnützige Organisationen kein einfaches Jahr war. Damit es bis zum Ende des Jahres und auch, weil Weihnachten vor der Tür steht, in dieser Hinsicht weiterhin Trost und Hoffnung geben kann.

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Die steinerne Stiftungsurkunde des Juliusspitals in Würzburg: 1576 gründete der damalige Würzburger Bischof Julius Echter ein großes Armenspital mit Waisenheim. Die Stiftung Juliusspital besteht bis heute. Die Restaurierung des Fürstenbaus wurde 2017, die des Steinreliefs wird aktuell von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gefördert. Das Kunstwerk steht für die jahrhundertealte Tradition karitativer Arbeit und ist hier Sinnbild für die vielen erhaltenen Denkmale sozialer Einrichtungen.
© Roland Rossner / privat
Die steinerne Stiftungsurkunde des Juliusspitals in Würzburg: 1576 gründete der damalige Würzburger Bischof Julius Echter ein großes Armenspital mit Waisenheim. Die Stiftung Juliusspital besteht bis heute. Die Restaurierung des Fürstenbaus wurde 2017, die des Steinreliefs wird aktuell von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gefördert. Das Kunstwerk steht für die jahrhundertealte Tradition karitativer Arbeit und ist hier Sinnbild für die vielen erhaltenen Denkmale sozialer Einrichtungen.
 

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