Wohnhäuser und Siedlungen Nach 1945 August 2008 B

Die neue Lust am Bungalow

Die Leichtigkeit des Steins

Fast 17 Millionen Dollar. Das ist auch für das Auktionshaus Christie's keine alltägliche Summe. Bei 16,8 Millionen Dollar ist im Mai bei einer Auktion in New York für Nachkriegs- und zeitgenössische Kunst der Zuschlag erfolgt, und zwar für - und das ist ebenso ungewöhnlich - ein Bauwerk. Nicht einmal ein besonders großes.

Hinter dem Los verbarg sich ein Bungalow, das "Kaufmann House" von Richard Neutra. Für die Händler lief es genau wie die Gemälde und Skulpturen der Auktion unter der Kategorie Kunstwerk.

Die berühmte Aufnahme von Julius Shulman setzte dem Bungalow als Architekturform ein Denkmal. Das Case Study House Nr. 22 mit seinem grandiosen Blick über Los Angeles wurde 1960 von Pierre Koenig gebaut. 
© Julis Shulman, Taschen Verlag
Die berühmte Aufnahme von Julius Shulman setzte dem Bungalow als Architekturform ein Denkmal. Das Case Study House Nr. 22 mit seinem grandiosen Blick über Los Angeles wurde 1960 von Pierre Koenig gebaut.

Das "Kaufmann House" steht im kalifornischen Palm Springs. Jahrelang wurde es vernachlässigt, stand unbeachtet zum Verkauf am Rand der Wüste. Dabei galt es seit seiner Erbauung 1946 neben vielen anderen Bauten des Architekten als Ikone der Moderne, und es gehört zu den berühmten kalifornischen Prototypen des Bungalow-Baus. Eine Architekturform, die nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA zu ihrer ersten Blüte kam. Erst Jahre später schwappte die Begeisterung für den Bungalow als Einfamilienhaus nach West-Europa über.

Schon einmal war in den letzten Jahren in den USA ein Haus als Kunstobjekt versteigert worden. Mies van der Rohes "Farnworth House" von 1951 - auch dies ein Bungalow. 2003 kam es bei Sotheby's innerhalb von 7 Minuten für 7,5 Millionen Dollar unter den Hammer. Die amerikanischen Stahl-Glas-Wohnbauten Mies van der Rohes waren für viele der europäischen Bungalows Vorbild. Eigentlich stellten sie eine Art Heimkehr dar, denn in der Alten Welt, in den Ländern der Neuen Sachlichkeit, findet man ihren architektonischen Ursprung.

Revolutionär für 1933: Beim Landhaus Lemke in Berlin gehen Innen und Außen nahtlos ineinander über.  
© R. Rossner
Revolutionär für 1933: Beim Landhaus Lemke in Berlin gehen Innen und Außen nahtlos ineinander über.

Wie die Architektur jener Zeit in die 20er Jahre zurückreicht, kann man besonders schön an Mies van der Rohes Landhaus Lemke in Berlin-Hohenschönhausen ablesen. Allerdings erst wieder seit den 1990er Jahren. Denn in Deutschland haben Gebäude eine andere Historie: Das ziegelsichtige Landhaus Lemke ist das letzte Bauwerk, das Ludwig Mies van der Rohe vor seiner erzwungenen Emigration in die USA 1933 fertigstellen konnte. 1945 wurde dieses Paradebeispiel des Neuen Bauens mit seiner revolutionär klaren Struktur von der sowjetischen Armee requiriert. 1962 ging es in den Besitz des Ministeriums für Staatssicherheit über und verschwand damit lange für die Öffentlichkeit.

Eine kunsthistorische Definition des Bungalows als Bauform gibt es nicht. Der Name, der auf ein Hindi-Wort für ein schlichtes Landhaus zurückgeht, wird in vielerlei Hinsicht gebraucht, vor allem in der Reisebranche für Ferienhäuser, für das Wochenendhaus auf dem Land, in den USA generell für die einfachen Vorort-Eigenheime. Die Grundeigenschaft des Bungalows, um den es aber hier gehen soll - des Bungalows als eine Form des Einfamilienhauses, die ab den späten 1950er Jahren in Deutschland auftauchte -, ist eine Mischung aus Großzügigkeit und Understatement.

Ein früher Wegweiser zum internationalen Bungalowstil: Hans Scharouns Haus Mattern in Potsdam von 1934. Im hinteren Teil des Wohnraums gibt es sogar ein Wandgemälde von Oskar Schlemmer (nicht im Bild).  
© Akademie der Künste Maltusch Mattern / Akademie der Künste
Ein früher Wegweiser zum internationalen Bungalowstil: Hans Scharouns Haus Mattern in Potsdam von 1934. Im hinteren Teil des Wohnraums gibt es sogar ein Wandgemälde von Oskar Schlemmer (nicht im Bild).

Der Bungalow ist eingeschossig und flach, manchmal sind bei Hanglage Wirtschaftsräume in einem untergeschobenen Sockelgeschoss verborgen. Er klotzt nicht mit Höhe, sondern schmiegt sich in die Umgebung ein. Die geraden Linien zeigen die minimalistische Ästhetik der Moderne. Im Prinzip kann der Bungalow ohne eine gewisse Gartenfläche nicht funktionieren, denn die Natur soll über große Fensterwände in den Wohnraum geholt werden. Es gibt kein herausgearbeitetes Portal, der Eingang ist schlicht gehalten, dünne Vordächer lassen das Haus schweben. Im Innern gehen die Räume ineinander über, sie fließen, die Wände sind nur Raumteiler. Die Konstruktion ist schlicht, das Mauerwerk leicht. Spannbeton, Stahl und Glas sind die entscheidenden Baumaterialien. Angedacht war der Bungalow als preiswertes Familienmodell. Entwickelt hat er sich zu einer eher exklusiven Bauform, denn wer kann sich in der europäischen Stadt mit ihrer charakteristischen Dichte schon ein Grundstück der erforderlichen Größe leisten? So findet er sich meist in Vororten, man ist aufs Auto angewiesen: Die Stellfläche, der Carport, ist in der Regel fest in den Grundriss eingeplant. Der Wagen auf einer Höhe mit dem Wohnraum - in den 1950er Jahren Sinnbild einer neuen Zeit.

Ein Beispiel für den Weg der Klassischen Moderne von Europa nach Amerika und wieder zurück ist das Werk Richard Neutras. Er wurde in Wien geboren und siedelte in den 1920ern an die Westküste der USA. Seine Gebäude mit ihren Stahlskelettrahmen und den offenen Flächen wurden dort quasi als Apotheose des Neuen Bauens gesehen. Aber Neutra kam, wenn auch nur auf Stippvisite, zurück: In Deutschland - für viele gänzlich unbekannt - entwarf er in den 60er Jahren Konzepte für zwei Siedlungen. Weit entfernt vom Glamour Hollywoods entstanden 1964 im schleswig-holsteinischen Quickborn und im hessischen Mörfelden-Walldorf insgesamt über hundert Siedlungshäuser im Bungalow-Stil. Zwar fehlt die weite Natur oder das spektakuläre Stadtpanorama, aber auch hier verwirklichte Neutra seine Architekturauffassung: Ein Bauwerk wird durch die Reduzierung auf das Wesentliche edel, Eleganz durch eine überlegte Asymmetrie erreicht. Auch wenn hier nur kleine Gartenparzellen zur Verfügung standen, seine Auffassung, dass gute Architektur heilt, weil sie den Menschen mit der Natur versöhnt, stand den Grundrissen Pate.

Einer der Bungalows, die Richard Neutra in Mörfelden-Walldorf baute – mustergültig restauriert und 2005 von Julius Shulman fotografiert.  
© Julius Shulmann
Einer der Bungalows, die Richard Neutra in Mörfelden-Walldorf baute – mustergültig restauriert und 2005 von Julius Shulman fotografiert.

Bungalows besitzen ein zurückgenommenes Wesen, eine Noblesse der Unauffälligkeit, und werden in der Regel privat genutzt. So stehen nicht nur Bauten von Neutra, sondern überhaupt einige Bungalows namhafter Architekten unerkannt in deutschen Wohnstraßen: Hans Scharoun, Egon Eiermann, Gottfried Böhm, Joachim Schürmann - sie alle haben sich das ein oder andere Mal dem Flachbau, dem Wohnen auf einer Ebene, der neuen Leichtigkeit gewidmet.

Die Wiederaufnahme der Moderne - oder des "International Style", wie sie bezeichnenderweise auch genannt wird - war in West-Deutschland eine ganz klare politische Aussage. Was vor dem Krieg begann und unter den Nationalsozialisten verboten wurde, sollte nach 1945 rehabilitiert werden. So wie sich mancher Bungalowbewohner als privater Bauherr gegen die traditionelle Satteldach-Idylle im Heimatstil entschied, so zeigte sich der Staat im offiziellen Gewand. Eine Pavillongruppe für die Weltausstellung 1958 in Brüssel war wegweisend: Egon Eiermann und Sep Ruf schufen mit ihrem gläsernen und filigranen Entwurf für die Bundesrepublik ein Statement zur Anti-Monumentalität und zur funktionalistischen Moderne.

In diesem Bungalow fanden über Jahrzehnte die Staatsbesuche in der Bundesrepublik Deutschland statt. Heute kaum mehr vorstellbar: Sogar der G7-Weltwirtschaftsgipfel 1978 wurde hier abgehalten.  
© Architekturmuseum TU München
In diesem Bungalow fanden über Jahrzehnte die Staatsbesuche in der Bundesrepublik Deutschland statt. Heute kaum mehr vorstellbar: Sogar der G7-Weltwirtschaftsgipfel 1978 wurde hier abgehalten.

Übertroffen werden konnte diese Botschaft an den Rest der Welt nur noch an einem anderen Ort: in Bonn, dem Sitz der Bundesregierung. 1963 erhält Sep Ruf auf Initiative des damaligen Bundeskanzlers Ludwig Erhard den Auftrag, in der gleichen schwebenden Geometrie einen Bungalow als Wohn- und Empfangsgebäude der deutschen Bundeskanzler zu errichten. Und Sep Ruf baut: In den weitläufigen Park des Palais Schaumburg - Sitz des Bundeskanzlers - mit seinen uralten Bäumen und Blick auf den Rhein stellt er zwei eingeschossige, gegeneinander versetzte quadratische Atriumbauten. Der kleinere beherbergt die Privaträume, der größere - ausgestattet mit Designermöbeln - ist Empfängen und anderen politischen Begegnungen vorbehalten. Die gibt es reichlich: Von Kanzler Ludwig Erhard bis Kanzler Gerhard Schröder werden Staatsgäste aus aller Welt begrüßt, Koalitionsverhandlungen geführt, die deutsche Wiedervereinigung ausgehandelt. Obligatorisch nach offiziellen Terminen ist das Foto vor der Glasfront des Bungalows, das - durchaus gewollt als Botschaft der kompromisslosen bundesdeutschen Bescheidenheit - eher den Eindruck eines Familientreffens, eines privaten Besuchs bei Freunden vermittelt.

Obligatorisches Foto vor dem Kanzlerbungalow: US-Außenminister Henry Kissinger 1975 bei Kanzler Helmut Schmidt und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher  
© Bundesbildstelle Reineke
Obligatorisches Foto vor dem Kanzlerbungalow: US-Außenminister Henry Kissinger 1975 bei Kanzler Helmut Schmidt und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher

Was im Laufe der Jahre auf der Strecke blieb, war die Weltoffenheit und Modernität, die Deutschland mit diesem kleinen, aber feinen Bauwerk ausdrücken wollte. Es blieb klein, aber es war nicht mehr fein. Der Flachdachbau mit den niedrig wirkenden Decken wurde irgendwann vom Zeitgeist überholt, diverse Einbauten taten ihr Übriges. So viel ist schließlich gespottet worden über den Kanzlerbungalow: Bieder, spießig, der Inbegriff des langweiligen bundesdeutschen Heims sei er. Kaum ein anderes Gebäude hat die Geister seiner Bewohner so geschieden. Ludwig Erhard liebte den Kanzlerbungalow, Konrad Adenauer meinte, der Architekt verdiene zehn Jahre Gefängnis. Helmut Kohl, der hier 16 Jahre mit seiner Familie lebte, mag sich auch nach seiner Kanzlerschaft nicht vom Bungalow trennen, und so kommt es zu einer der seltsamsten Wohngemeinschaften überhaupt: Während Kohl die Privaträume bis 1999 weiter nutzt, empfängt sein Nachfolger Gerhard Schröder bis zum Umzug der Bundesregierung nach Berlin nur sporadisch und widerwillig in den Repräsentationsräumen.

Völlig zutreffend, nüchtern und ohne Häme wird heute geurteilt: "Der Kanzlerbungalow gilt auch im internationalen Vergleich mit Residenzen und Domizilen westlicher Regierungschefs als unverwechselbar und ohne historisches Vorbild." So die Wüstenrot Stiftung, die die Bauherrenfunktion bei der zur Zeit laufenden Restaurierung in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, dem heutigen Eigentümer, in Abstimmung mit dem Kanzleramt und dem Haus der Geschichte übernommen hat. Wenn die Arbeiten abgeschlossen sind und ab 2009 die Öffentlichkeit einen Teil der Räume besichtigen kann, werden viele erstaunt die unter den ideologischen Grabenkämpfen vergessenen Qualitäten dieses Flachbaus feststellen.

Staatskarosse vor dem Kanzlerbungalow 1965  
© Bundesbildstelle Egon Steiner
Staatskarosse vor dem Kanzlerbungalow 1965

Die einen werden die zeitlose Eleganz des 60er Jahre-Bauwerks bewundern, die anderen die geradlinige Funktionalität als eiskalte Ungemütlichkeit abtun. Architekten werden sich den Sep Ruf-Bau ganz genau anschauen, denn die Faszination der Flachdach-Moderne ist bis heute ungebrochen. Die Ähnlichkeit zur aktuellen Einfamilienhaus-Architektur der allerdings gehobenen Klasse ist frappierend. Form, Gestaltung und Details: Alles findet sich in den zeitgenössischen Entwürfen wieder. Und einige werden sich ohne jeglichen politischen Hintergedanken, aber in weiser Voraussicht überlegen, dass der stufenlose Bungalow, bei dem selbst der Garten ohne Treppe zu erreichen ist, genau die richtige Hausform fürs Alter ist. So oder so, der Bungalow als Bautyp ist noch lange nicht ausgestorben - ob als Alterssitz, als Architekturtraum oder als Kunstobjekt. Fatale Vernachlässigungen an den Wegweisern dieser Bauform wie in Palm Springs wird es zukünftig wohl weniger geben: Die Vor-Auktions-Eigentümer vom "Kaufmann House" hatten den Bungalow umsonst erhalten, die 1,5 Millionen Dollar Kaufpreis galten ausschließlich dem Grundstück. Mögen es in Mörfelden-Walldorf auch keine 17 Millionen werden, manch einer der Bewohner würde sein Eigenheim sicher mit ganz anderen Augen sehen, wüsste er von dem Wert seiner "weißen Schachtel".

Beatrice Härig

Richard Neutra
Der Bungalow Fasanenweg 10 in der Neutra-Siedlung in Mörfelden-Walldorf wurde von seinen Besitzern, dem Ehepaar Goedeking, sorgfältig restauriert. Dafür erhielten sie 2006 den 3. Platz des Bundespreises für Handwerk in der Denkmalpflege in Hessen, den die DSD zusammen mit dem Zentralverband des Deutschen Handwerks verleiht. Hilmer Goedeking ist Architekt und Vorsitzender der 2006 gegründeten Richard J. Neutra-Gesellschaft. Informationen unter Tel. 069/61 26 20.

Sep Ruf
Anlässlich des 100. Geburtstages von Sep Ruf würdigte ihn das Architekturmuseum der TU München 2008 mit einer Ausstellung: "Sep Ruf 1908-1982 - Moderne mit Tradition"

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, hg. v. Winfried Nerdinger, Prestel Verlag München 2008, 36 Euro, ISBN 978-3-7913-4143-9 (Buchhandelsausgabe), ISBN 978-3-7913-6208-3 (Museumsausgabe)

Kanzlerbungalow
Der Kanzlerbungalow in Bonn wurde restauriert. Initiator und Träger der baulichen Revitalisierung war die Wüstenrot Stiftung. Seit Frühjahr 2009 bietet das Bonner Haus der Geschichte Gruppenführungen nach Voranmeldung an. www.hdg.de

Landhaus Lemke
Das ehemalige Landhaus Lemke ist heute als Mies van der Rohe Haus eine Kunstgalerie und Di-So von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Oberseestraße 60, 13053 Berlin, Tel. 030/97 00 06 18. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) förderte die Restaurierung 2000 bis 2002 mit 50.000 Euro.