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Albrecht Dürer und die Kartierung der Sterne

Der Hase am Südhimmel

Sie spüren Kugelsternhaufen und Satellitengalaxien auf: Heutige Astronomen können Milliarden Lichtjahre weit ins All blicken. Vor 500 Jahren – das Fernrohr war noch nicht erfunden – sah unser Bild vom Himmel ganz anders aus.

Doch auch ohne großartige optische Hilfsmittel brachten herausragende Gelehrte um 1500 Bewegung in die Sternkunde. Zwei Holzschnitte von Albrecht Dürer, die 1515 als erste gedruckte Himmelskarten in Europa in Umlauf kamen, spiegeln den Stand der Wissenschaft an der Schwelle zur Neuzeit wider.

 

Die wundersamen Erscheinungen am Himmel zu begreifen und in ein System zu bringen, ist ein natürliches Bedürfnis des Menschen. Schon die frühen Hochkulturen waren in der Lage, sie zur Zeitbestimmung zu nutzen. Über Jahrtausende haben die Menschen den Rhythmus ihres Lebens, religiöse Handlungen, Landwirtschaft oder Heilkunde nach den Sternen ausgerichtet.


Die Babylonier fassten die hellsten Lichtpunkte am Nachthimmel mit imaginären Linien zu Figuren oder Gegenständen zusammen und gaben ihnen Namen. Von den Griechen und Römern wurde diese Katalogisierung weiter vorangetrieben und hat bis heute Bestand: Die Gestalten der antiken Mythologie tummeln sich auch in der modernen Astronomie.

In den Zwickeln der Nordkarte verewigte Dürer mit Aratos, Ptolemäus, Manilius und as-Sufi die Kronzeugen der Astronomie auf Wolkenbändern.
© Niedersächsische Staats- und Unversitätsbibliothek Göttingen
In den Zwickeln der Nordkarte verewigte Dürer mit Aratos, Ptolemäus, Manilius und as-Sufi die Kronzeugen der Astronomie auf Wolkenbändern.

Das einflussreichste astronomische Lehrbuch des Altertums hatte Claudius Ptolemäus Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. verfasst. In seinem später sogenannten „Almagest“ legte er die Position von über tausend Sternen fest und lieferte die Grundlagen für die mathematische Berechnung der Himmelsbahnen. Das Ptolemäische Weltbild, das die kugelförmige Erde als Zentrum des Universums definiert, bestimmte die Auffassung des Kosmos bis weit in die Neuzeit hinein.

 

Ein anderes wichtiges Zeugnis der antiken Sternkunde ist die „Astronomica“ von Marcus Manilius aus dem frühen 1. Jahrhundert. Die fünf Bücher blieben weitgehend unbeachtet und wurden erst im Spätmittelalter wiederentdeckt: Um 1473 erschien in Nürnberg die erste Druckversion; weitere kritische Ausgaben folgten und bescherten dem römischen Astrologen in der Renaissance den späten Ruhm. Besser überliefert wurden im Mittelalter die Werke des Hyginus und des Aratos von Soloi. Letzterer hatte im 3. vorchristlichen Jahrhundert ein Lehrgedicht über die Himmelserscheinungen geschrieben, das bereits im Altertum vielfach abgeschrieben und kommentiert worden war.


Das christliche Abendland tat sich naturgemäß schwer mit dem Personal des heidnischen Götterhimmels. Dennoch finden sich antike Sternbilder in mittelalterlichen Handschriften, die Tierkreiszeichen wurden gleichfalls in die christliche Ikonographie übernommen. Himmelskunde und Religion, Wissen und Glauben zu trennen, war über Jahrtausende kaum möglich und hemmte den Umgang mit dem überlieferten Wissen der Antike. Vor allem die Vorstellung, das Schicksal der Menschen hinge an der Macht der Sterne, lief der christlichen Heilsgeschichte zuwider. Der Generalverdacht des Aberglaubens rief immer wieder Kritiker auf den Plan – tatsächlich wurden Astronomie und Astrologie erst seit dem 17. Jahrhundert klar geschieden. Ihre unangefochtene Legitimation hatte die Sternkunde jedoch in Bezug auf die Kalenderberechnung, die für die Liturgie unerlässlich war.

Beim Südhimmel erscheint oben das Wappen des Kardinals Matthäus Lang, eines engen Mitarbeiters Maximilians I., samt Widmung. In den unteren Ecken sind die drei Autoren mit ihren Wappen aufgeführt sowie das Druckprivileg des Kaisers.
© Niedersächsische Staats- und Unversitätsbibliothek Göttingen
Beim Südhimmel erscheint oben das Wappen des Kardinals Matthäus Lang, eines engen Mitarbeiters Maximilians I., samt Widmung. In den unteren Ecken sind die drei Autoren mit ihren Wappen aufgeführt sowie das Druckprivileg des Kaisers.

Die antiken Traditionen weiterzuentwickeln überließ man mehr oder weniger den Arabern. Einer der bekanntesten Vertreter war der persische Astronom as-Sufi. In seinem „Buch der Fixsterne“ überarbeitete und ergänzte er im 10. Jahrhundert den Sternenkatalog des Ptolemäus und versuchte, die griechischen mit den arabischen Sternbildnamen in Beziehung zu setzen.

 

Erst seit dem Spätmittelalter wurde die Himmelskunde ernsthaft vorangetrieben. Im Lauf des 15. Jahrhunderts strebten verschiedene Gelehrte von Wien und Nürnberg aus die Wiederbelebung der astronomischen Wissenschaft an. Aufgrund eigener Planetenbeobachtungen und mathematischer Theorien wollten sie die aus der Antike überlieferten Werke verbessern und korrigieren.

 

Zu diesem humanistisch geprägten Kreis gehörte auch Johannes Müller, genannt Regiomontanus. Der Schüler Georg von Peuerbachs vollendete unter anderem die Übersetzung des „Almagest“ ins Lateinische und erstellte Tabellen über die Bewegung der Himmelskörper. 1471 ging er nach Nürnberg, wo er sich intensiven astronomischen Studien widmete und eine eigene Druckerei besaß. Seine Forschungsergebnisse ließen Zweifel am ptolemäischen System aufkommen.

 

Nicolaus Copernicus verfolgte die revolutionären Gedanken über ein neues Weltbild weiter. Nun sollte sich alles um die Sonne drehen. Seine zu Beginn des 16. Jahrhunderts niedergeschriebenen Hypothesen veröffentlichte er allerdings erst 1543. In einem Punkt war man sich lange einig: Davon, dass die Erde und ihre Bewohner den Mittelpunkt der Schöpfung und damit der Welt bildeten, waren die meisten Denker der griechisch-römischen Antike wie auch die Exegeten der Bibel überzeugt.

1660 kam der umfangreiche Himmelsatlas des Andreas Cellarius mit 29 Kupferstichen von Jan van Loon heraus. Tafel 25 stellt die klassischen Sternbilder über der Nordhalbkugel der Erde dar.
© Stiftung Weserrenaissance-Museum Schloss Brake, Lemgo
1660 kam der umfangreiche Himmelsatlas des Andreas Cellarius mit 29 Kupferstichen von Jan van Loon heraus. Tafel 25 stellt die klassischen Sternbilder über der Nordhalbkugel der Erde dar.

Es sollte noch eine Weile dauern, bis sich das heliozentrische Weltbild durchsetzen konnte. Einen Meilenstein stellte die Erfindung des Fernrohrs im Jahr 1608 dar. Plötzlich waren viel mehr Sterne am Himmel zu sehen, wurden Mondkrater, Jupitermonde, Orion- und Andromedanebel und der Ring des Saturn entdeckt. Vor allem Johannes Kepler und Isaac Newton gelang es, das copernicanische Modell durch genauere Berechnungen zu untermauern. Mit den neuen Kenntnissen über den Aufbau des Kosmos wurde die Kartierung des Sternenhimmels dann im 17. Jahrhundert weiter vorangetrieben.

 

Schon in mittelalterlichen Handschriften finden sich einzelne Karten, die zwischen nördlicher und südlicher Hemisphäre unterscheiden. Dabei liegen die Himmelspole jeweils im Zentrum, der Äquator markiert die Begrenzung. Seit dem 15. Jahrhundert definierte man die Aufteilung in Nord- und Südhimmel durch die Ekliptik – jene imaginäre Bahn, die die Sonne jährlich zu umschreiben scheint. All diese Karten bezogen sich auf die klassischen 48 Sternbilder des ptolemäischen Katalogs: Sie zeigen die zwölf Tierkreiszeichen längs der Ekliptik sowie 21 Bilder des nördlichen und 15 des südlichen Himmels.

 

Die ersten gedruckten Sternkarten des Abendlandes entstanden nicht von ungefähr in Nürnberg. Die wirtschaftlich und kulturell bedeutende Reichsstadt, sollte sich als ein Zentrum der Himmelskartographie etablieren. Albrecht Dürer, der enge Beziehungen zum Zirkel der humanistisch gebildeten Gelehrten pflegte und selbst großes Interesse an den Naturwissenschaften hatte, wurde auserkoren, die Darstellung des Himmels druckgrafisch umzusetzen.


Johannes Stabius, Historiograph und Kartograph am Wiener Hof, hatte bereits bei der Ehrenpforte – dem Riesenholzschnitt für Kaiser Maximilian I. – eng mit Dürer zusammengearbeitet. Neben einer Weltkarte erstellte er 1515 mit ihm gemeinsam die Himmelskarten. Für die Positionierung der Sterne war der Astronom Conrad Heinfogel zuständig. Dabei geht es am Südhimmel noch recht übersichtlich zu, hatte doch das Zeitalter der großen Entdeckungen gerade erst begonnen. Wie auch bei den meisten Vorläufern sind die einzelnen Sterne nach ihrer Leuchtkraft in drei Kategorien klassifiziert.

 

Die Kupferstichtafel 23 aus Cellarius’ Atlas zeigt „des christlichen Sternenhimmels zweite Hemisphäre“: Alle Sternbilder sind nach biblischen Figuren umbenannt, so wurde etwa Orion durch den heiligen Joseph ersetzt. Diese Deutung geht auf den Astronomen Julius Schiller zurück. Sein 1627 veröffentlichter christianisierter  Sternatlas konnte sich allerdings nicht durchsetzen.
© Stiftung Weserrenaissance-Museum Schloss Brake, Lemgo
Die Kupferstichtafel 23 aus Cellarius’ Atlas zeigt „des christlichen Sternenhimmels zweite Hemisphäre“: Alle Sternbilder sind nach biblischen Figuren umbenannt, so wurde etwa Orion durch den heiligen Joseph ersetzt. Diese Deutung geht auf den Astronomen Julius Schiller zurück. Sein 1627 veröffentlichter christianisierter Sternatlas konnte sich allerdings nicht durchsetzen.

Dass Dürers Figuren uns den Rücken zukehren, liegt an der damals üblichen Globenansicht: Er zeichnete die Sternbilder spiegelverkehrt – so als würde man von oben auf das Firmament schauen. Immerhin hat der Künstler die Köpfe, wenn auch zuweilen etwas unnatürlich, ins Profil gedreht. Bei den Sternbildern orientierte sich Dürer durchaus an älteren Karten, etwa aus einem Wiener Codex von 1435 oder dem 1503 in Nürnberg unter anderem von Conrad Heinfogel erstellten Exemplar. Einige Figuren hat er allerdings modifiziert und für lange Zeit geprägt, wie etwa die Darstellung der Leier: Aus dem Saiteninstrument der Antike wurde in der arabischen Überlieferung ein Geier oder Adler. Dürer verband die beiden Traditionen, indem er den Vogel mit einem Leierkörper versah. Auch der Hase (lepus) ist erst bei Dürer eindeutig als solcher zu erkennen – für den Meister der Naturbeobachtung ein Leichtes.

 

Für die 43 Zentimeter im Quadrat messenden Holzschnitte wurden mehrere Druckstöcke erstellt, sodass die Karten, mit kleinen Abweichungen, in einer großen Anzahl verbreitet werden konnten. Dürers Sternbilder wirkten in vielen Karten, Astrolabien und Himmelsgloben nach. Obwohl nur einer von drei Autoren, durfte der Künstler den Ruhm der Nachwelt ernten. Die original erhaltenen Exemplare, teilweise nachkoloriert, sind heute auf diverse Museen und Sammlungen verteilt und werden nun auch dauerhaft am Ort ihrer Entstehung präsentiert: im Nürnberger Albrecht-Dürer-Haus. In dem ehemaligen Wohnhaus des Malers und Grafikers wurde bereits 1828 ein Museum eingerichtet. 1509 hatte er das stattliche Fachwerkhaus von dem Astronomen Bernhard Walther erworben, der hier zusammen mit Regiomontanus vom Giebelfenster aus in den Sternenhimmel schaute.

 

Dürers Beitrag zur Sternkunde markiert eine Zeit weitreichender Umbrüche: Genauere Erd- und Himmelskarten ermöglichten erst die großen Expeditionen, die wiederum das geographische und astronomische Wissen erweiterten. Als man immer neue Himmelskörper ausfindig machen konnte, war die figürliche Darstellung der Sternbilder im 19. Jahrhundert obsolet geworden. Die Entmythologisierung hatte allerdings schon vorher stattgefunden. Im Zeitalter der Aufklärung zollte man nicht mehr den Göttern, sondern dem technischen Fortschritt Tribut: Neu entdeckte Sterne des Südhimmels heißen seither „Luftpumpe“, „Chemischer Ofen“ oder „Mikroskop“.


Moderne Sternenkataloge werden per Satellit und Weltraumteleskop erstellt. Doch die Geschichte hat gezeigt, dass auch die allerneuesten Kenntnisse des Himmels immer nur vorläufige sind.    


Bettina Vaupel

 

Literatur


Hans Gaab: Die Sterne über Nürnberg.

Albrecht Dürer und seine Himmels-karten von 1515. Hrsg.: Nürnberger Astronomische Gesellschaft. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2015


Weltvermesser. Das goldene Zeitalter der Kartographie. Hrsg.: Michael Bischoff, Vera Lüpkes, Rolf Schönlau (Ausst.-Kat. Weserrenaissance-Museum Schloss Brake, Lemgo). Sandstein Verlag, Dresden 2015



Albrecht-Dürer-Haus


Albrecht-Dürer-Haus, Albrecht-Dürer-Straße 39, 90403 Nürnberg,

Tel. 0911 2312568, www.museen.nuernberg.de/duererhaus, geöffnet Di, Mi, Fr 10–17, Do 10–20, Sa, So 10–18 Uhr, Juli–Sept. auch Mo.

 

Die Faksimiles der Sternkarten (die in Nürnberg bewahrten Originale sind schwarz-weiß) werden im Graphischen Kabinett gezeigt, wenn dort keine Sonderausstellung läuft.


Nürnberger Astronomische Gesellschaft

Die Präsentation der Dürerschen Himmelskarten erfolgte in Zusammenarbeit mit der Nürnberger Astronomischen Gesellschaft e. V., Regiomontanusweg 1, 90491 Nürnberg, Tel. 0911 9593538, www.nag-ev.de

 

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