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Denkmal in Not

Beim hohen C rieselt der Putz

Vor 110 Jahren wurde die Kirche in Kemnitz das letzte Mal restauriert. Jetzt ist der Kirchenbau in der Mitte des vorpommerschen Dorfs ein vielgeliebtes Flickwerk, das umfassend restauriert werden muss.

Glockenhell sind die Stimmen bis in die letzte Reihe zu hören. Es ist eine spontan anberaumte Chorprobe der Schulkinder in der Kirche von Kemnitz. Erfreut verfolgt Pastor Matthias Ballke, wie die Stimmen die Tonleitern auf und ab klettern. „Der Kirchensaal besitzt eine großartige Akustik. Hier zu proben und Konzerte zu geben, ist das reine Vergnügen.“ Doch dann legt sich ein Schatten über sein Gesicht: Die Kirche ist in schlechter baulicher Verfassung. „Beim hohen C rieselt der Putz“, sagt der Seelsorger. „Noch mehr Sorge habe ich, wenn der Posaunenchor spielt oder unser Kantor an der Orgel alle Register zieht. Dann denke ich, hoffentlich gerät der marode Dachstuhl nicht ins Rutschen.“ Allein der Anblick des Bauwerks von außen mit den zahlreichen vermörtelten Rissen im Mauerwerk unterstreicht seine Sorgen. Zum Teil sind sie wieder offen. „Der Bau ist in Bewegung. Das ist nicht gut.“

Die Dächer voller Moos, das Backsteinmauerwerk gezeichnet von grauem Mörtel gegen die Risse: Trotz permanter Reparaturarbeiten braucht die Kirche in Kemnitz nun dringend Hilfe.
Kemnitz, Heilig-Kreuz-Kirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Die Dächer voller Moos, das Backsteinmauerwerk gezeichnet von grauem Mörtel gegen die Risse: Trotz permanter Reparaturarbeiten braucht die Kirche in Kemnitz nun dringend Hilfe.

Dabei ist in dem kleinen Ort Kemnitz nahe Greifswald das Gotteshaus ein rege genutztes und vielbesuchtes Schmuckstück. „In der Kirche fühlt man sich wohl, ob einheimisch oder fremd. Sie war immer unser Schutz und Schild“, bestätigt Brigitte Möller, die in Kemnitzhagen, einem der fünf zur Gemeinde Kemnitz zugehörigen Dörfer groß wurde. Nicht nur die örtlichen Musikkapellen und Gesangsvereine proben hier und geben Konzerte, sondern auch andere aus der Region, wie etwa der Universitätschor aus Greifswald, wissen den Kirchenraum zu schätzen.


Doch der Zahn der Zeit nagt unerbittlich an dem Kirchengebäude. „1913 wurde unsere Kirche das letzte Mal restauriert“, sagt Pastor Ballke. „Mein Vorgänger, der hier 40 Jahre wirkte, war sich schon bewusst, dass sie eigentlich grundlegend instand gesetzt werden müsste. Seit zwölf Jahren bin  ich nun hier. Aber man scheut vor solch einem großen Projekt zurück. Jetzt müssen wir es angehen, der Kirchenbau mahnt uns eindringlich.“   


Um das Gotteshaus herum herrscht dörfliche Idylle: Der Backsteinbau mit dem neugotischen Turm erhebt sich aus der Mitte eines gepflegten, von Bruchsteinen umgebenen Kirchhofs. Ihm gegenüber säumen reetgedeckte Häuser aus dem 18. Jahrhundert und ein großer Dorfteich die Dorfstraße. Auf der Kirchensüdseite befinden sich drei Schulgebäude aus verschiedenen Epochen und der Kinderhort im Gemeindehaus, in dem auch der Pastor mit seiner Familie wohnt. „17 Kinder betreuen wir hier täglich“, erzählt der Seelsorger. „Der Bereich zwischen Pfarrgarten und Kirche ist unter den alten Bäumen ein herrlicher Platz zum Spielen, Feiern und geselligen Beisammensein“.

Keine Frage für die Kinder: Wenn ihr Pastor sie ruft, sind sie zur Stelle – so für ein Chorprobenfoto beim Monumente-Ortstermin.
Kemnitz, Heilig-Kreuz-Kirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Keine Frage für die Kinder: Wenn ihr Pastor sie ruft, sind sie zur Stelle – so für ein Chorprobenfoto beim Monumente-Ortstermin.

Baufällig und wertgeschätzt


Wer versucht, das moosbewachsene Satteldach, die an Dachtraufen und Turm wurzelnden Bäumchen und das wilde Muster der vermörtelten Risse nicht zu beachten, der erkennt, dass es sich bei der Heilig-Kreuz-Kirche um einen mittelalterlichen Kirchenbau mit viel Geschichte handelt. Seine Schauseite, die Nordfassade, kommt mit den großen Spitzbogenfenstern zwischen den Strebepfeilern und dem neugotischen Turm wie eine städtische Pfarrkirche daher. Auf der Südseite wirkt das Bauwerk mehr wie eine der kleinen mittelalterlichen Dorfkirchen in der Region. Das tief heruntergezogene Satteldach gibt ihr den Anschein einer Glucke, die ihre Küken unter die Fittiche nimmt.

Gebaut wurde die dem Heiligen Kreuz geweihte Kirche um 1300 unter der Kirchenherrschaft des nahen Klosters Eldena, einer Gründung der Zisterzienser. Davon zeugt vor allem noch der reichgegliederte Ostgiebel. Der Kastenchor mit dem großen Ostfenster, den weiß verputzten Zwillingsblenden und dem Giebelkreuz ist der älteste Bauteil der Kirche. Im Dreißigjährigen Krieg wurde der Landstrich schwer in Mitleidenschaft gezogen. „Der Liedtext 'Pommernland ist abgebrannt' trifft hier zu“, sagt Pastor Ballke. Kemnitz und die umliegenden Dörfer wurden verwüstet, die Kirche schwer beschädigt.


Seit 1634 zum Besitz der Universität Greifswald gehörend, begann bereits 1645 ihr Wiederaufbau als Saalkirche: Das nördliche Seitenschiff wurde abgetragen und das Dach auf der Südseite über das Seitenschiff und eine Vorhalle aus dem 14. Jahrhundert heruntergezogen. Daher rühren ihre unterschiedlichen Fassaden. 1743 gestaltete der Greifswalder Universitätsbaumeister Andreas Mayer, der auch das Kollegiengebäude der Universität plante, die Kirche so um, wie sie sich heute noch darstellt – bis auf den Kirchturm, der erst 1841 erbaut wurde. Mayer versah den Innenraum mit einem sechsjochigen, flachen Kreuzgewölbe und entwarf auch die noch einheitlich erhaltene Ausstattung mit dem Kanzelaltar als prominentestem Stück. 

Im Dachstuhl zeigt sich das Ausmaß der Schäden: einer der vertikalen Risse oberhalb des Gewölbes, die sich bis unten durch das dicke Mauerwerk ziehen.
Kemnitz, Heilig-Kreuz-Kirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Im Dachstuhl zeigt sich das Ausmaß der Schäden: einer der vertikalen Risse oberhalb des Gewölbes, die sich bis unten durch das dicke Mauerwerk ziehen.

In den vergangenen 110 Jahren seit der letzten Restaurierung wurde das Kirchengebäude kontinuierlich gepflegt und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln so gut wie möglich in Schuss gehalten. Doch jetzt ist bei aller soliden Bausubstanz eine umfassende Restaurierung nicht mehr aufzuschieben. „Es fällt der Gemeinde schwer, das Geld aufzubringen und ihre Kirche vermutlich für viele Jahre kaum nutzen zu können“, räumt Pastor Ballke ein. „Aber die Menschen freuen sich, wenn ihre Kirche wieder ein schätzenswertes äußeres Kleid erhält.“ 


Mehr als nur Risse im Mauerwerk


Ordentlich gefaltete Wolldecken auf den Kirchenbänken zeigen, dass den Gläubigen die feuchte Kälte in die Glieder krabbelt. Sie ist stärker vorhanden, als man in dem freundlichen Kirchenraum zunächst meint. Sie sitzt vor allem in dem hölzernen Dachstuhl. Seine Auflager auf der Mauerkrone sind durch anhaltende Feuchtigkeit vermorscht und von Schädlingen befallen. Sie dringt durch undichte Stellen im Dach ein. Fatalerweise saugen sich zudem die zu DDR-Zeiten aufgebrachten Dachsteine aus Beton wie ein Schwamm mit Nässe voll, die das Moos lange speichert. Von den Dachlatten breitet sich die Feuchtigkeit am Holz des Dachstuhls bis nach unten aus und staut sich an seinen Auflagern und Schwellenbalken. Zuganker, die im 18. Jahrhundert wegen des neu eingezogenen Kreuzgewölbes eingebracht wurden, halten auch diese sich ändernden Kräfte aus. Noch – die tiefen Risse in den dicken Backsteinmauern drängen zum Handeln. 

Der feuchte Kirchenbau trägt die Geschichte von Kemnitz in sich: Zugemauerte gotische Spitzbogenfenster und Löcher eines früheren hölzernen Baugerüstes.
Kemnitz, Heilig-Kreuz-Kirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Der feuchte Kirchenbau trägt die Geschichte von Kemnitz in sich: Zugemauerte gotische Spitzbogenfenster und Löcher eines früheren hölzernen Baugerüstes.

„Es ist viel zu tun an der Kirche“, sagt die Wolgaster Ingenieurin Dr. Anne Börrnert, die mit dem Bauprojekt betraut ist. „Der erste Schritt ist, das Dach bereichsweise zu öffnen und alle Schäden am Dachstuhl durch eine zimmermannsmäßige Sanierung zu beheben. Anschließend werden die Beton-Dachsteine abgenommen und das Dach mit Dachziegeln aus Ton neu eingedeckt. Wenn es wieder dicht und standsicher ist, muss das geschädigte Mauerwerk außen saniert und neu verfugt werden. Dann können die nächsten Bauabschnitte erfolgen wie die Restaurierung der Fenster, des Innenraums und vor allem des Turms. Er ist ein eigenes, wichtiges Bauprojekt.“


Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz möchte der Kirchengemeinde in Kemnitz zur Seite stehen. Es wäre schön, wenn in dem Gotteshaus wieder ein schallendes Halleluja erklänge – ohne die Sorge, dass dabei etwas rutscht und rieselt.


Christiane Rossner 


Heilig-Kreuz-Kirche

Schulstraße 1

17509 Kemnitz

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Hat die Schäden am Kirchenbau genau im Blick: Ingenieurin Dr. Anne Börrnert.
Kemnitz, Heilig-Kreuz-Kirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Hat die Schäden am Kirchenbau genau im Blick: Ingenieurin Dr. Anne Börrnert.
 

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