Menschen für Monumente

Serie: Schein und Sein – Folge 3

Richtiges Denkmal, falscher Ort?

Wann ist ein Denkmal noch ein Denkmal? Dass Bauwerke an andere Orte versetzt werden, ist für die Denkmalpflege nur die letzte Rettung, denn der Bau verliert seinen städtebaulichen, räumlichen und optischen Bezug. Dennoch unterstützt auch die DSD Translozierungen – in begründeten Ausnahmefällen.

Lesen Sie Teil 2 unserer Reihe "Schein und Sein" hier.


Der Hahn war als erstes dran. Als im März 2021 die Translozierung der Stabkirche Stiege, also ihr Umzug an einen anderen Ort, offiziell begann, fing man oben an der Turmspitze an. Die Holzkirche steht in einem einsamen Waldstück im Oberharz in der Nähe des Brocken neben der dramatisch verfallenen ehemaligen Tuberkulose- Heilstätte Albrechtshaus. Warum muss die Kirche umziehen? „Vandalismus“, erklärt Regina Bierwisch (68), im Vorstand des Fördervereins Stabkirche Stiege. „Wir können sie hier im Wald nicht länger schützen.“

Mit Abnahme der Turmzier begann der offizielle Start der Translozierung der Stabkirche Stiege. Im September soll sie an ihrem neuen Ort wiederaufgebaut sein.
Stiege, Stabkirche © Jens Schulze
Mit Abnahme der Turmzier begann der offizielle Start der Translozierung der Stabkirche Stiege. Im September soll sie an ihrem neuen Ort wiederaufgebaut sein.

Immer wieder kam es zu Brandstiftungen und mutwilligen Zerstörungen. Trauriger Höhepunkt war die brutal umgetretene hölzerne Kanzel im Altarraum. Am Bahnhof von Stiege, der durch die Schmalspurbahn sowieso schon eine Attraktion ist, bekommt sie jetzt deshalb einen neuen Standort. Sie ist ein Augenfänger, im Stil der nordischen Stabkirchen mehrfach gestaffelt und verziert mit Drachenköpfen. 1905 wurde sie vermutlich von einem skandinavischen Patienten der Heilstätte gestiftet. Durch ihre Konstruktion aus Holzbohlen ist ein schrittweiser Ab- und wieder Aufbau möglich.


Aufwendig ist die Aktion trotzdem, kostspielig sowieso und nur durch den gut organisierten, motivierten Förderverein durchführbar. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) unterstützt ihn, denn „dieses Denkmal wäre sonst sicher verloren“, erklärt Dr. Eckhard Wegner (63), Kunsthistoriker in der Abteilung Denkmalförderung der DSD.

Stark von Vandalismus gezeichnet: Die nordische Holzkirche Anfang 2021.
Stiege, Stabkirche © Jens Schulze
Stark von Vandalismus gezeichnet: Die nordische Holzkirche Anfang 2021.
Im März 2021 begann die Translozierung der Stabkirche von Stiege. Ab Ende Mai wird sie am neuen Standort Stück für Stück wieder aufgebaut.
Stiege, Stabkirche © Jens Schulze
Im März 2021 begann die Translozierung der Stabkirche von Stiege. Ab Ende Mai wird sie am neuen Standort Stück für Stück wieder aufgebaut.
 


Wann ist ein Denkmal noch ein Denkmal? Das ist die Frage, die sich im Zusammenhang mit Transferierungen von geschützten Bauwerken stellt, denn neben Form und Material definiert der Ort ganz wesentlich ein Denkmal. „Die Veränderung des Standortes von Denkmälern und ihrer Bestandteile … kann nur geduldet werden, wenn dies zu seinem Schutz unbedingt erforderlich ist“, erklärt das gewichtige Handbuch für Denkmalpflege und Denkmalschutz.


In die Praxis umgesetzt lautet indes die Frage: Ist ein Umzug nicht besser als der Totalverlust durch Abriss? Dagegen spricht: Das Gebäude verliert nicht nur Teile seiner originalen Materialität, sondern auch seine gewachsene Umgebung, optische und räumliche Bezüge und den städtebaulichen Kontext. Und doch macht eine Translozierung in begründeten Fällen Sinn. Übrigens: Versetzungen von Bauwerken sind älter, als man gemeinhin denkt. Unter den Förderprojekten der Stiftung finden sich staunenswerte Beispiele: Ehrgeizig war ein Unterfangen im Saarland. Nur 15 Jahre nach ihrer Erbauung 1864 wurde die Kapelle St. Joseph in Wallerfangen nicht mehr gebraucht. Um sie dauerhaft nutzen und so bewahren zu können, ließ Ernest Villeroy sie versetzen. Der Umzug erfolgte 1879 per Schiff über die Saar nach Mettlach, wo St. Joseph Stein für Stein wiederaufgebaut und mit Terrakotta-Dekor aus der Fabrik des Keramikwarenunternehmens Villeroy & Boch verziert wurde.

Die nur fünf Meter breite neugotische Kapelle St. Joseph in Mettlach hat im wahrsten Sinne des Wortes eine bewegte Geschichte hinter sich.
Mettlach, St. Joseph © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Die nur fünf Meter breite neugotische Kapelle St. Joseph in Mettlach hat im wahrsten Sinne des Wortes eine bewegte Geschichte hinter sich.

Im niedersächsischen Barnstedt wurde die 1593 eingeweihte Gutskapelle 1731 auf runden Baumstämmen innerhalb des Ritterguts an ihren heutigen Standort gerollt – eine frühe sogenannte Ganzteillozierung.


Die Umzüge kompletter Bauwerke sind auch heute noch aufsehenerregende Projekte. Großes Interesse rief die Wiederaufstellung des sogenannten Bundesbüdchens in Bonn im Mai 2020 hervor. Der Kiosk, ab 1957 beliebter Anlaufpunkt in der Bonner Republik, wurde wegen der Errichtung einer Kongresshalle 2006 von seinem angestammten Platz gegenüber des Deutschen Bundestags vertrieben und eingelagert. Erst 14 Jahre später fand er einen neuen Standort – wenige Meter versetzt, aber trotzdem wieder mitten im Geschehen des ehemaligen Regierungsviertels, das jetzt UN-Standort ist.

Nach 14 Jahren Einlagerung fährt das Bundesbüdchen zu seinem neuen Standort in Bonn.
Bonn, Bundesbüdchen © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Nach 14 Jahren Einlagerung fährt das Bundesbüdchen zu seinem neuen Standort in Bonn.

Kleines Bienenhaus – große Aktion


Die Zeit der rollenden Baumstämme ist vorbei, Tieflader übernehmen ihre Arbeit. Ende August 2020 trat ein altes, vom Verfall bedrohtes Bienenhaus in Wahlstorf im Landkreis Plön seine abenteuerliche Reise ins Freilichtmuseum Molfsee bei Kiel an. Dr. Nils Kagel (50), verantwortlich für die historischen Gebäude des Museums, ist begeistert, dass mit Hilfe einer Translozierung dieses einmalige Stück ländlicher Kultur gerettet werden kann: Er forscht momentan zur Geschichte der schleswig-holsteinischen Imkerei und Bienenzucht.


Kagel: „Das Plöner Bienenhaus stammt höchstwahrscheinlich aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Kein anderes ist in seiner Größe und seiner Art mit dem Innenhof nördlich der Elbe erhalten – ein seltenes Dokument der Imkerei, die früher in Schleswig-Holstein eine große Bedeutung hatte.“ Die Versetzung selbst wird mit Teilnehmern der Jugendbauhütte Lübeck durchgeführt. Zunächst war ein exaktes Aufmaß und eine fotografische Dokumentation angefertigt worden. „Das ist essenziell bei einer Translozierung“, betont Dr. Ivalu Vesely (55), Leiterin der Lübecker Jugendbauhütte. „Jedes einzelne Teil wird beschriftet und fotografiert, bevor es an den Abbau geht.“

Das schon sehr ramponierte Bienenhaus von Wahlstorf wird kurz vor seinem Kollaps in Sicherheit gebracht.
Wahlstorf, Bienenhaus © Jugendbauhütte Lübeck
Das schon sehr ramponierte Bienenhaus von Wahlstorf wird kurz vor seinem Kollaps in Sicherheit gebracht.

Die Dachlatten wurden abgetragen, nummeriert und gebündelt und zusammen mit den Gebinden in die Restaurierungsabteilung des Landesmuseums auf Schloss Gottorf gebracht. Denn hier gibt es eine Wärmekammer, in der die schädlingsbefallenen Hölzer behandelt werden können. Wie üblich wurde versucht, möglichst große Teile zu transportieren. Für die Wände kam eine ungewöhnliche Methode zum Einsatz. Jugendbauhüttenleiterin Vesely: „Die Lehmwände haben wir mit OSB-Platten eingeschalt. In die bohrten wir Löcher und füllten zur Stabilisierung Bauschaum ein. Mit einem Tieflader wurden diese Wandsegmente zum Freilichtmuseum nach Kiel gebracht.“ Hier warten sie nun, um voraussichtlich 2022 wieder aufgebaut zu werden, zusammen mit den präparierten Bauhölzern und exakt nach Plan. Archäologen haben nach dem Abbau Bodenfunde ausgewertet und einen Vorgängerbau nachweisen können. Hausforscher Kagel freut sich: „Auf den ersten Blick ist das Bienenhaus vielleicht nicht weltbewegend, aber sowohl für die Haus- als auch für die umweltgeschichtliche Forschung enorm interessant. Ein Unikum.“

Freilichtmuseen sind Orte, an denen das „versetzte“ Denkmal zum Museumsstück wird. Translozierte Gebäude, häufig mit Innenausstattung, sollen den Besuchern vergangene Epochen und Lebensweisen nahebringen. Dabei bilden die meisten Freilichtmuseen die regionalen Haustypen ab. „Das Freilichtmuseum ist eine Art Archiv für die Ursprungsformen“, erklärt Nils Kagel. „Und es dient auch als Forschungsstätte.“


Wasmeiers neues Zuhause für Bauernhäuser


Die bayerische Skilegende Markus Wasmeier (57), Doppel-Olympiasieger von 1994 und – das ist die weniger bekannte Seite – Sohn eines Restaurators und Lüftlmalers, bewegten weitaus emotionalere Motive: „Nachdem ich den Ab- und Wiederaufbau meines denkmalgeschützten Elternhauses als Elfjähriger selbst miterlebt habe, stand meine Entscheidung eigentlich fest. Schon immer wollte ich mit alten Gebäuden und Holz zu tun haben.“ Nach Beendigung seiner Sportkarriere baute er in der Oberland-Region zwischen Isar und Inn mehrere vom Verfall bedrohte Bauernhäuser ab, um sie zu bewahren. Dann eröffnete er 2007 auf einem Grundstück am Schliersee mit drei wiederaufgebauten Gebäuden auf rund 60.000 Quadratmetern sein Freilichtmuseum – eine Erfolgsgeschichte vom ersten Tag an.

Markus Wasmeier, im früheren Leben Skirennfahrer, seit vielen Jahren engagierter Häuserretter mit eigenem Museum.
Schliesee, Markus Wasmeier Freilichtmuseum © Wolfgang Breiteneicher / Schneider Press
Markus Wasmeier, im früheren Leben Skirennfahrer, seit vielen Jahren engagierter Häuserretter mit eigenem Museum.

Wasmeiers Antrieb: „Ich möchte einfach die alten, einsturzgefährdeten Häuser dieser Gegend retten. Ich sehe mich als Vermittler von Kultur und Geschichte und möchte das Erbe für kommende Generationen bewahren.“ Bei seinen eigenen Kindern jedenfalls hat dies gut funktioniert: Sie sind alle drei im Wasmeier-Museum tätig, einer wird es übernehmen. 2001 unterstützte die DSD ihn beim Aufbau des Lukashofs und dessen volkskundlich bedeutenden Inventars. Das Denkmal wurde einst 1513 fertiggestellt und gilt damit als eines der ältesten erhaltenen Gebäude des Tegernseer Tals.


Bei einigen Häusern konnten die Besucher des Museums hautnah miterleben, wie sie wiedererstanden: „Stein für Stein, Nagel für Nagel.“ Woher kommen die Häuser, die er in sein Museum bringt? „Ich sehe gefährdete Bauernhäuser. Und mir blutet einfach das Herz, wenn ich sehe, dass sie verschwinden“, sagt Wasmeier. Häufig gibt es Anfragen, auch von den örtlichen Denkmalpflegern. Mittlerweile stehen zwanzig transferierte Gebäude auf dem Museumsgelände, ein paar warten noch eingepackt auf ihren Aufbau. „Einige stammen im Kern aus dem 14. Jahrhundert. Wir zeigen in der Regel eine Darstellung von etwa 1700, alles Ältere wäre zu sehr Fantasie.“


Sämtliche Museumshäuser stehen wieder unter Denkmalschutz. Etwa 90 Mitarbeiter sind – zu nicht Corona-Zeiten – in dem privat-gemeinnützigen Museum beschäftigt. Motor seiner Energie ist die Liebe zum Thema: „Wenn ich zu meinen Häusern komme, geht mir das Herz auf. Sie haben Charakter, keins gleicht dem anderen.“ Hier, an diesem „besonderen Fleckerl Erde“, leben sie weiter – jahrhundertealte Denkmale am neuen Ort. Und er selbst? Bewohnt selbstverständlich auch ein transloziertes Bauernhaus – ursprünglich erwähnt wurde es um 1380, im Jahr 1460 in zwei Teile auseinandergezimmert, und nun mitsamt seiner historischen Gemälde wieder zu einer Einheit zusammengeführt.


Beatrice Härig


Lesen Sie Teil 4 unserer Reihe "Schein und Sein" hier.

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