Menschen für Monumente Menschen für Denkmale Ausgabe Nummer Juni Jahr 2021 Denkmale A-Z D

Schüler erleben die Kulturgeschichte ihrer Umgebung

"Denkmal aktiv": So wird Geschichte spannend

Das Programm „denkmal aktiv – Kulturerbe macht Schule“ mit seinen etwa 70 Projekten pro Schuljahr öffnet Augen. Auch in Coronazeiten.

Zwei Schülerinnen werden von ihrem Lehrer im Neuen Schloss in Bayreuth begrüßt. Sie sind die einzigen Besucher – und froh, dass sie endlich „ihr“ Projekt betreten dürfen: die Prunkräume der Markgräfin Wilhelmine. Zusammen mit ihrem Lehrer Dr. Heiko Weiß (46) wollen die Schüler vom Gymnasium Christian-Ernestinum die Rokoko-Räume genauer kennenlernen. In Kleinstgruppen ermöglicht ihnen der Geschichtslehrer den Schlossbesuch. Ihr Ziel: Sie wollen einen Führer entwickeln, eine App mit erklärenden Elementen und Quiz-Fragen. Dass digitale Medien einmal so nützlich werden könnten, um Besucher kontaktlos zu führen, ahnten sie bei der Projektplanung noch nicht.  

„Erzählt Geschichten!“  Dafür erarbeiten sich die Schüler von Heiko Weiß die Geschichte des Neuen Schlosses in Bayreuth.
Bayreuth, Neues Schloss © Lena Willgallis
„Erzählt Geschichten!“ Dafür erarbeiten sich die Schüler von Heiko Weiß die Geschichte des Neuen Schlosses in Bayreuth.

Broschüren, Plakate, Hörführer, Apps: Ein Schuljahr lang beschäftigen sich Schüler mit Denkmalen in ihrer Heimat und erarbeiten eine Abschluss-Dokumentation. Oft ist es für sie die erste bewusste Begegnung mit einem Denkmal. Diese Erfahrung steht im Mittelpunkt des seit 19 Jahren erfolgreichen Programms „denkmal aktiv – Kulturerbe macht Schule“ der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD). „Für die Schüler ist ein Denkmal ein spannender Lerngegenstand, der zu vielen Fragen anregt. Und das Denkmal schafft den Bezug zu schulischen Inhalten beinahe aller Fächer“, erläutert die Programm-Leiterin Dr. Susanne Braun von der DSD.

Von der ersten Beratung bis zum Abschluss des Projekts – Susanne Braun und ihre Kollegin Katja Hoffmann sind ein erfahrenes Team. Jährlich zum März erarbeiten sie die Ausschreibung. Schon in dieser frühen Phase versucht Braun, den Blick dafür zu weiten, in welchem Kontext das schulortnahe Denkmal zu untersuchen sein könnte. In Bayreuth zum Beispiel ist es die Geschichte der Markgräfin Wilhelmine, die den Schülern die Zeit der Aufklärung näherbringt. Zwei Teilnehmerkonferenzen mit Lehrern und Schülern dienen dem Austausch und sind wichtige Netzwerktreffen.


Der Netzwerkgedanke ist Programmbestandteil, denn Schulen können zwar mehrfach an denkmal aktiv teilnehmen. Aber ab der zweiten Teilnahme sind sie dann „Partnerschulen“. „Jedes Projekt ist erfolgreich, das Schülern ein Denkmal näherbringen und für dessen Wert und Bedeutung sensibilisieren konnte. Egal, ob daraus ein öffentlichkeitswirksames Ergebnis entstanden ist oder das persönliche Erlebnis mitgenommen wird“, sagt Braun. Und sie ergänzt: „Besonders bemerkenswert sind die Projekte, die über die Teilnahme hinaus wirken.“

denkmal aktiv 2008 in Lindau. Einer der Gärten wurde auf Initiative der früheren Lehrerin Marigret Brass-Kästl zum DSD-Förderprojekt.
Lindau, Gärten © Roland Rossner / DSD
denkmal aktiv 2008 in Lindau. Einer der Gärten wurde auf Initiative der früheren Lehrerin Marigret Brass-Kästl zum DSD-Förderprojekt.

Wie in Porta Westfalica, wo aus einem denkmal aktiv-Projekt zum jüdischen Friedhof Hausberge eine Schul-AG entstanden ist, die sich um die Pflege des Friedhofes kümmert. Obwohl der seinerzeit aktive Lehrer inzwischen im Ruhestand ist, bleibt die AG fest etabliert. Und tatsächlich wurde das dortige Mausoleum der Familie Michelsohn auf Antrag der AG in das Förderprogramm der DSD aufgenommen. 

Aber wie sieht die konkrete Unterstützung aus? Neben der Begleitung der Gruppen und der Durchführung von Teilnehmertreffen ist es vor allem das Material, mit dem Braun und Hoffmann die Themen Kulturerbe und Denkmalschutz für den Unterricht erarbeiten und ständig weiterentwickeln. Dafür sind sie auf Drittmittel und Ihre Spenden angewiesen. Hinzu kommt eine Unterstützung in Höhe von 1.900 Euro, die die Teilnehmer für Exkursionen, Seminare und die Technik ihrer Präsentationen verwenden. Denn darauf arbeiten die Gruppen hin, erläutert Braun: „Den Schülern bietet die interessierte Öffentlichkeit ein Forum, ihre Ergebnisse vorzustellen.“ Die Bayreuther Gruppe hat mit Fabian (18) ihren eigenen Technik- Profi, zur Vorbereitung nahmen sie alle an einem Seminar zum Thema Erzählmethoden teil.

Lehrerin Eva Chatzicharalambous (hinten links) mit Sven Jeschke von der Denkmalbehörde und fünf ihrer Schüler vor der Kreis-Bibliothek in Pritzwalk.
Pritzwalk, Kreis-Bibliothek © Stefan Beetz
Lehrerin Eva Chatzicharalambous (hinten links) mit Sven Jeschke von der Denkmalbehörde und fünf ihrer Schüler vor der Kreis-Bibliothek in Pritzwalk.

Auch in Pritzwalk entwickeln Schüler der Freiherr-von-Rochow-Schule einen interaktiven Führer. Zum Thema „Platte als Denkmal?“ tragen sie Fotos, Filme und Texte zu einer Stadtrallye zusammen. Sven Jeschke (41) von der Unteren Denkmalbehörde führt die Jugendlichen und deren Lehrerin Eva Chatzicharalambous (33) durch die brandenburgische Kleinstadt. „Was denkt ihr, warum steht der Bahnhof unter Denkmalschutz?“, fragt er. Der Projektgruppe wird jetzt klar, dass es nicht um Schönheit geht, sondern um die historische Substanz. „Hier erfahren wir Konkretes. Geschichtsunterricht ist sonst immer so generell“, sagt die sechzehnjährige Rhoda. Vor der städtischen Bibliothek, in Plattenbauweise errichtet, entsteht eine lebhafte Diskussion darüber, was wie alt ist. Um schön oder nicht geht es längst nicht mehr.


So verschieden die Projekte sind, so sehr unterscheiden sich auch die Präsentationsergebnisse. „Wir haben damals MP3-Player gekauft und unsere Texte aufgespielt. Ich weiß noch, wie begeistert meine Familie und Freunde waren“, erinnert sich der heute 32-jährige Recep Karlidag, der vor 13 Jahren an einem denkmal aktiv-Projekt teilgenommen hat. Die Lindauer Schüler hatten sich mit der Villen- und Parklandschaft am Bodensee beschäftigt. Über Hörführer erklärten sie die Geschichte einzelner Anwesen. Marie Seeberger (30) profitiert noch heute: „In Kontexten zu denken wird immer wichtiger. Nur so kann man sich Hintergründe erschließen“, sagt die Wahlhamburgerin.

Der Experte von der Unteren Denkmalbehörde erklärt, warum der Bahnhof von Pritzwalk unter Denkmalschutz steht.
Pritzwalk, Bahnhof © Stefan Beetz
Der Experte von der Unteren Denkmalbehörde erklärt, warum der Bahnhof von Pritzwalk unter Denkmalschutz steht.

In Bayreuth erzählt derweil Antonia (18): „Im Ausland habe ich mit meinen Eltern schon viel besichtigt. In Italien kenne ich einiges, hier eher nicht.“ Und ihre Stufenkameradin Mia ergänzt: „Wenn wir verreisen, schaue ich mir immer Kirchen und Museen an. Jetzt finde ich es interessant, wie viele tolle Schlösser wir hier in der Gegend haben.“ In Pritzwalk staunt indessen ein Schüler darüber, dass er selbst in einem Denkmal lebt. Er möchte sofort mehr über sein Wohnhaus herausfinden. Susanne Braun ist begeistert, wenn Schüler solche Erlebnisse haben.

Etwa 28.000 Jugendliche hatten schon die Möglichkeit, ähnliche Erfahrungen zu machen. Wie die DSD insgesamt finanziert sich auch dieses Angebot im Wesentlichen aus privaten Mitteln. Dr. Henning Schulte-Noelle (78), vormaliger Allianz-Vorstandsvorsitzender, erklärt seine Motivation, denkmal aktiv zu fördern: „Mir ist es ein großes Anliegen, bei der Jugend ein Bewusstsein für unser Kulturerbe zu wecken. Ich finde es wichtig, junge Menschen auch zu handwerklichem Arbeiten anzuleiten.“

Die Pritzwalker Gruppe dokumentierte die Führung selbst fotografisch, um die zu erarbeitende Stadtrallye dokumentieren zu können.
Pritzwalk © Stefan Beetz
Die Pritzwalker Gruppe dokumentierte die Führung selbst fotografisch, um die zu erarbeitende Stadtrallye dokumentieren zu können.

Führungen in Minigruppen, Treffen überwiegend digital und viel Koordinationsarbeit für die Lehrer – dennoch: Auch in diesem Schuljahr hat das Programm bei vielen Jugendlichen wieder sein Ziel erreicht: Denkmale als anregende Lernorte zu erleben und die eigene Kultur und Geschichte kennen, einordnen und schätzen zu lernen. Oder wie es Rhoda aus Pritzwalk ausdrückt: „Auf einmal ist Geschichte ganz schön spannend.“ Wir freuen uns, wenn Sie uns helfen, dieses Erlebnis vielen Schülern zu ermöglichen!


Julia Greipl


https://denkmal-aktiv.de/

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