Friedrichshafen, Zum guten Hirten © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn

Die Kirche Zum Guten Hirten in Friedrichshafen wurde instand gesetzt

Unter schützenden Händen

Wie die 1960 erbaute Kirche Zum Guten Hirten in Friedrichshafen zu ihrer ungewöhnlichen Form kam, verdankt sie auch ihrer kurzen, aber bewegten Geschichte.

Es sei ein „mutiger Schritt“ gewesen, meinte rückblickend der Stuttgarter Architekt Wilfried Beck-Erlang, als sich die katholischen Entscheidungsträger der Bodenseestadt Friedrichshafen, Stadtpfarrer und Kirchenstiftungsrat, auf seinen „neuartigen Kuppelvorschlag“ eingelassen hätten: „Ich konnte mit dem Argument überzeugen, dass der Schalenbau wie zwei behütende Hände übereinander Geborgenheit und Zuflucht im hektischen Leben bieten würde.“


Zwei Komponenten aus Beton bilden die Kirche Zum Guten Hirten. Eine gigantische Muschel, einem riesigen Schildkrötenpanzer gleich, wölbt sich über den  Gebetsraum auf achteckig asymmetrischem Grundriss. Hinter dem Hochaltar ragt die zweite, am oberen Ende wie ein Hirtenstab gekrümmte Mauerschale über den Kuppelbau hinaus und bildet den „Turm“ mit freiliegendem Glockenstuhl. Als die Kirche 2006 unter Denkmalschutz gestellt wurde, geschah dies, um ein „herausragendes Beispiel für die zu neuen Raumschöpfungen aufbrechende Sakralkunst der frühen sechziger Jahre“ zu würdigen.

Die katholische Kirche in Friedrichshafen war bei ihrer Errichtung ein architektonisch zukunftsweisender Bau. Hier die restaurierte Fassade, im Vordergrund eine Statue des „Guten Hirten“, geschaffen 1990 von Josef Baumhauer aus Schwäbisch-Gmünd
Friedrichshafen, Zum guten Hirten © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die katholische Kirche in Friedrichshafen war bei ihrer Errichtung ein architektonisch zukunftsweisender Bau. Hier die restaurierte Fassade, im Vordergrund eine Statue des „Guten Hirten“, geschaffen 1990 von Josef Baumhauer aus Schwäbisch-Gmünd

Überliefert ist neben der Selbstauskunft des Erbauers noch eine weitere, weniger poetisch anmutende Deutung der Architektur. Diese sieht darin keine beschützenden Hände, sondern einen Luftschiffhangar und verweist damit auf Friedrichshafens Tradition als Geburtsort der Zeppeline.


Die Stadt erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Zustrom von Vertriebenen ein rasantes Wachstum. Neubauquartiere entstanden, so auch in den 1950er-Jahren die Siedlung Löwental unweit des Flugplatzes am nordöstlichen Stadtrand. Dass die hier lebenden Katholiken eine eigene Kirche benötigten, war von Anfang an im Gespräch.

Die instand gesetzten Fenster werfen ihre warmen Farben in das lichtdurchflutete Innere der Kirche Zum Guten Hirten.
Friedrichshafen, Zum guten Hirten © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die instand gesetzten Fenster werfen ihre warmen Farben in das lichtdurchflutete Innere der Kirche Zum Guten Hirten.

Bei der Einweihung eines Altenwohnheims im nahegelegenen Kressbronn saß der Vorsitzende des Friedrichshafener Kirchenstiftungsrats 1959 zufällig neben Beck-Erlang, dem verantwortlichen Architekten. Dieser, damals ein Mittdreißiger, hatte schon zwei andere Gotteshäuser entworfen, als erstes 1953 St. Bonifatius in Metzingen. Er würde gerne wieder einmal eine Kirche bauen, soll Beck-Erlang geäußert haben. Man wurde sich einig. Im Mai 1960 wurden die Fundamente gelegt, zwei Jahre später weihte der Bischof von Rottenburg die neue Kirche.


In ihrer Ursprungsgestalt leuchtete sie in blendendem Weiß. Die Farbe war auf den nackten Beton aufgetragen, doch dem schönen Bild war keine Dauer beschieden. Baumängel traten bald zutage, Risse bildeten sich in der Kuppel, und schon zwei Jahre nach der Weihe war die Kirche Zum Guten Hirten ein Sanierungsfall. Zwischen 1964 und 1968 wurde unter anderem die Betonkuppel mit der lamellenartig strukturierten, schützenden Kupferhülle verkleidet, die bis heute das Erscheinungsbild prägt.

Geborgenheit unterm Schildkrötenpanzer: Blick auf die Orgel in der Kirche Zum Guten Hirten
Friedrichshafen, Zum guten Hirten © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Geborgenheit unterm Schildkrötenpanzer: Blick auf die Orgel in der Kirche Zum Guten Hirten

Als Schauplatz eines spektakulären Unglücks geriet die Kirche vier Jahre später in die Schlagzeilen. Im Anflug auf die nahegelegene Landebahn stürzte am 15. Juli 1972 eine Kleinmaschine ab, bohrte sich in die Kuppel und explodierte. Alle drei Insassen starben. Fünf Monate dauerte die Wiederherstellung des angeschlagenen Gebäudes. 


Im Jahr 2010 wurde der Innenraum umgestaltet und der Fußboden aus Stirnholzparkett komplett erneuert. Die bislang jüngste, von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz geförderte Sanierung, betraf die Fassaden aus Buntglas, Stahl und furniertem Pressholz, die sich an vier Seiten in die Krümmung des Betongewölbes schmiegen. Sie bestehen aus lamellenartig angeordneten, zwischen vier und elf Meter hohen Fensterbahnen. Von September bis Januar wurden die an vielen Stellen schadhaften Metall- und Holzteile der Rahmenkonstruktion ausgebaut und restauriert, brüchiges Glas erneuert. Auch wenn sich die Idee des Architekten von den Händen optisch zum Schildkrötenpanzer gewandelt hat – die Menschen in der wiederhergestellten Kirche befinden sich unter einem schützenden Dach.


Winfried Dolderer


Zum Guten Hirten, Lilienstraße 5, 88046 Friedrichshafen

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

  • Die neue Lust am Bungalow 08.11.2012 Bungalows Die Leichtigkeit des Steins

    Die Leichtigkeit des Steins

    Fast 17 Millionen Dollar. Das ist auch für das Auktionshaus Christie's keine alltägliche Summe. Bei 16,8 Millionen Dollar ist im Mai bei einer Auktion in New York für Nachkriegs- und zeitgenössische Kunst der Zuschlag erfolgt, und zwar für - und das ist ebenso ungewöhnlich - ein Bauwerk. Nicht einmal ein besonders großes.

  • Albrecht Dürer und die Kartierung der Sterne 13.01.2016 Himmelskarten Der Hase am Südhimmel

    Der Hase am Südhimmel

    Sie spüren Kugelsternhaufen und Satellitengalaxien auf: Heutige Astronomen können Milliarden Lichtjahre weit ins All blicken. Vor 500 Jahren – das Fernrohr war noch nicht erfunden – sah unser Bild vom Himmel ganz anders aus.

  • Von Seekisten und Seeleuten 08.11.2012 Seekisten Was auf der hohen Kante lag

    Was auf der hohen Kante lag

    In den alten Zeiten der Frachtsegler musste die gesamte Habe des Seemanns in eine hölzerne Kiste passen. Manchmal liebevoll bemalt, war sie das einzige persönliche Stück, das ihn auf seinen Reisen über die Weltmeere begleitete.

Service

Monumente Probeheft

Probeheft jetzt anfordern!


Zeitschrift abonnieren
Magazin für Denkmalkultur in Deutschland



Möchten Sie ausführlicher über aktuelle Themen aus der deutschen Denkmallandschaft lesen? 


Dann abonnieren Sie Monumente!  


 
 
Monumente Probeheft

Probeheft jetzt anfordern!


1
Zeitschrift abonnieren
Magazin für Denkmalkultur in Deutschland
2
Monumente Abo



Möchten Sie ausführlicher über aktuelle Themen aus der deutschen Denkmallandschaft lesen? 


Dann abonnieren Sie Monumente!  


3

Newsletter

Lassen Sie sich per E-Mail informieren,

wenn eine neue Ausgabe von Monumente

Online erscheint.

Spenden für Denkmale

Auch kleinste Beträge zählen!

 
 
 
0 Kommentare

0 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar!

Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

 
 

© 2015 Deutsche Stiftung Denkmalschutz • Monumente Online • Schlegelstraße 1 • 53113 Bonn