Kurioses Juni 2015

Von Seekisten und Seeleuten

Was auf der hohen Kante lag

In den alten Zeiten der Frachtsegler musste die gesamte Habe des Seemanns in eine hölzerne Kiste passen. Manchmal liebevoll bemalt, war sie das einzige persönliche Stück, das ihn auf seinen Reisen über die Weltmeere begleitete.

Sie wurde "wie eine Braut gehalten, nur, dass man sie nicht mit zur Koje nehmen konnte", erinnerte sich ein alter Seemann an sein wichtigstes Möbelstück. "Freude und Kummer, alles trautest Du einer Seekiste an. Ach, wenn eine Seekiste reden könnte! Auf ihr sitzt Du, wenn Dich Heimweh plagt. Hier liest Du den Brief aus der Heimat."

Das halbe Leben in einer Kiste - das ist heute schwer vorstellbar. Die robusten Holztruhen mit dem flachem Klappdeckel und den seitlichen Griffen haben eigene Geschichten zu erzählen: von der Enge unter Deck, von Einschränkung und Entbehrung, von Gefahren für Leib und Leben. Seefahrerromantik sieht anders aus.

Kapitänskiste aus Yellow Meranti, einem tropischen Laubholz, mit Schreibschatulle und diversen Schubladen (um 1870) 
Seekiste um 1870 © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Kapitänskiste aus Yellow Meranti, einem tropischen Laubholz, mit Schreibschatulle und diversen Schubladen (um 1870)

Die Seekiste war in früheren Zeiten für jeden Seemann neben der Koje die einzige Zuflucht im Gemeinschaftslogis. Ein kleines persönliches Reich, in dem für viele Monate, manchmal sogar Jahre die Habe Platz fand: Kleidung, Tabak, die Zeilen der Mutter oder das Bild der Liebsten. Die Seekiste diente nicht nur als Schrankersatz, sondern war zugleich Sitzmöbel, Essplatz, Werkbank oder Spieltisch. Sie machte den harten Alltag an Bord ein wenig leichter und fungierte ganz praktisch als Trittstufe, um in die obere Koje zu gelangen. Sie war das persönliche Eigentum des Seemanns, ihre Anschaffung stand am Anfang jedes Seefahrerlebens. Auch in den einfachen Seemannsherbergen, zwischen Ab- und erneuter Anmusterung, lebte man aus und mit ihr.

Erstmals erwähnt werden die "Seemannskisten" im "Jütischen Recht", einer Gesetzesordnung des dänischen Königs Waldemar II. von 1241. Die ältesten Beispiele sind aus der "Mary Rose" überliefert: Das riesige Kriegsschiff des englischen Königs Heinrich VIII. war 1545 gesunken, das Wrack konnte 1982 gehoben werden.

Über Jahrhunderte blieb die gängige Bauart mit den nach innen geneigten Seitenwänden unverändert. Die breitere Unterkante sorgte für Standfestigkeit und vereinfachte das Öffnen des Deckels. Stoßkanten und Scheuerleisten schützten die stark beanspruchten Kisten sowohl auf See als auch beim Transport an Land. Gelegentlich findet man Kufen, die das Ziehen über den Boden erleichterten und zudem Nässe fernhalten konnten.

Das Deckelbild dieser Kiste aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts erinnert an eine Salpeterfahrt zu einem chilenischen Küstenhafen. 
Seekiste 19. Jahrhundert © Peter Barrot
Das Deckelbild dieser Kiste aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts erinnert an eine Salpeterfahrt zu einem chilenischen Küstenhafen.

Feuchtigkeit und Ungeziefer von der Kleidung abzuwehren, war ohnehin die Hauptaufgabe der Seekisten. Das Gros kam schlicht und mit dunkelgrünem Anstrich daher - Zinkgrün war leicht herzustellen, preiswert, kratzfest und zudem antibakteriell.

Mit der Gestaltung verhielt es sich wie bei allen anderen Möbeln: je höher der Status, desto repräsentativer. Der einfache Seemann baute seine Kiste selbst oder bemühte den Dorftischler, für die eines Kapitäns oder Walfangkommandeurs war schon ein ambitionierter Handwerker, wenn nicht gar Künstler gefragt. Vor allem in der Barockzeit zierten ihre Kisten dekorative Reliefs, Malereien, Monogramme und aufwendig gestaltete Griffe. Die Innendeckel ließ man bevorzugt von Schiffsmalern schmücken. Wer es sich leisten konnte, griff bei Reisen in ferne Länder auf exotische Hölzer zurück, die nicht nur prestigeträchtig waren, sondern besseren Schutz vor Schädlingen boten. Auch die Ausmaße und die Aufteilung variierten je nach Stellung: Kapitäne und Kommandeure durften in ihren Kajüten über deutlich größere Kisten walten.

Fast alle Exemplare haben an der Schmalseite ein kleines Ablagefach: die sogenannte Beilade, manchmal auch weitere Schubfächer für Papiere und Wertgegenstände. Das schmale Bord an der hinteren Innenseite wird, ähnlich wie bei Aussteuertruhen, volkstümlich als hohe Kante bezeichnet. Die Redewendung "etwas auf der hohen Kante haben" könnte vielleicht darauf zurückgehen. Die Kisten der Kapitäne und Steuerleute verfügten oft über ein großes Fach, das durch eine hölzerne Trennwand "abgeschottet" war und die nautischen Instrumente barg. Lange Fächer nahmen Okulare oder gerollte Seekarten auf. Darüber hinaus gab es spezielle Schiffszimmermanns- oder Apothekenkisten.

Seekiste mit „Hoher Kante“ 
Seekiste mit hoher Kante © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Seekiste mit „Hoher Kante“

Alle Seekisten hatten ein Schloss - ob es wirklich auf See genutzt wurde, hing allerdings vom Ehrencodex der Mannschaft ab. Es sollte vor allem an Land, in den Häfen, Herbergen und beim Transport durch Fuhrleute Diebstähle verhindern. Im 19. Jahrhundert kamen Glockenschlösser auf, die unlautere Zugriffe unter Deck, etwa von tabaksuchenden Kameraden, deutlich erschwerten. Den Schlüssel zu seinem Allerheiligsten trug der Seemann bei sich oder versteckte ihn in seiner Koje.

Seekisten waren keine Massenware: Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Blütezeit der Segelschifffahrt, gab es in den wichtigen Hafenorten fertige Seekisten mit Inhalt zu kaufen. Als die Frachtsegler zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den Dampfschiffen abgelöst wurden, war auch das Ende der Seekiste besiegelt. Auf den stählernen Dampfern nahm sich das Logis sehr viel komfortabler aus: Es gab verschiedene Mannschaftsräume mit Tischen, Bänken und Spinden. Nun traten Seesäcke und Koffer an die Stelle der sperrigen Kisten.

Langenesser Seekiste des Melf Hans Bendix von 1798 
Langenesser Seekiste 1798 © Peter Barrot
Langenesser Seekiste des Melf Hans Bendix von 1798

Seekisten sind oft das einzige Zeugnis von der alten Seefahrt - bewahrt wurden allerdings nur wenige. Nach dem Gebrauch durch mehrere Generationen fristeten sie oft als Vorratskiste auf dem Speicher oder als Kohlenkiste im Keller ein klägliches Dasein, viele wurden achtlos beim Sperrmüll entsorgt. Besonders schöne Stücke überdauerten zuweilen als Sitzbank oder Truhe im Wohnzimmer. Von den friesischen Inseln und Halligen, aus der großen Zeit der Walfänger im 17. und 18. Jahrhundert, stammen die originellsten und ältesten erhaltenen Exemplare.

Die Bedeutung der Seekisten ist heute den wenigsten bekannt. Und so mag es zwischen Borkum und Usedom noch manchen ungehobenen Schatz geben, der ebenso gut als maritimes Museumsstück taugen würde.

Bettina Vaupel

Die abgebildeten Stücke befinden sich im Besitz von Peter Barrot, der seit vielen Jahren in privater Initiative Seekisten erforscht, sammelt und restauriert. Kontakt: peter@barrot.de

Literatur: Peter Barrot: Seekisten - Vielzweckmöbel der Seeleute. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte der Seefahrt. Hauschild Verlag, Bremen 2011. ISBN 978-3-89757-483-0, 208 S.

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