Jever, Blaudruckerei im Kattrepel © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn

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Textilgeschichte erleben

Das blaue Wunder von Jever

Seit November 2018 zählt es zum UNESCO-Weltkulturerbe: das Blaudruckverfahren. In einer der letzten Blaufärbereien Deutschlands lässt es sich erleben.

Blau – die Farbe des Meeres, der Matrosen, des friesisch blauen Porzellans ... Doch dass ausgerechnet in Jever Georg Stark als einer der letzten Blaufärber Deutschlands seine Werkstatt aufgeschlagen hat, ist ein Zufall. Denn der Blaudruck von Textilien war weit verbreitet, nachdem die Europäer herausbekommen hatten, wie sich Stoffe dauerhaft damit färben lassen.


Die Führung durch seine museale Werkstatt in einem für die Region typischen Backsteinhaus beginnt Georg Stark mit Barockmusik. Sie repräsentiert die Zeit vor 300 Jahren, aus der auch seine ältesten Model stammen, die Druckstöcke, mit denen er die Muster vor dem Färben auf die Stoffe aufbringt. Ein Teil der Sammlung von 600 Model liegt nummeriert und aufgestapelt in den Regalen an der Wand. Sie sind von unschätzbarem Wert, denn nachdem durch die industrielle Revolution auch die Blaufärber ihre Bedeutung verloren hatten, wurden viele Druckstöcke einfach vernichtet. So kann Georg Stark von Hermann berichten, der als kleiner Junge seinem Großvater half, die Druckstöcke zu verbrennen. Was er damals unbedingt behalten wollte, war ein altes Musterbuch, das der mittlerweile 80-Jährige kürzlich dem Blaufärber brachte. Ein Schatz an Vorlagen, den Georg Stark mit den vorhandenen Model abgleichen konnte. Außerdem baute er aufwendig einen Model nach.

Georg Stark in seiner musealen Werkstatt. Im Rahmen von Führungen lässt er Besucher am Färbevorgang teilhaben.
Jever, Blaudruckerei im Kattrepel © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Georg Stark in seiner musealen Werkstatt. Im Rahmen von Führungen lässt er Besucher am Färbevorgang teilhaben.

Über das Blau


Wenn die Europäer blau färbten, dann mit Färberwaid. Jedoch produziert die Pflanze nur sehr wenig Farbstoff, der sich zudem schnell aus den Stoffen herauswäscht. Mit der Erschließung des Seeweges nach Indien brachten die Kaufleute ein neues pflanzliches Mittel nach Europa, mit dem sich Leinen, Baumwolle und Seide dauerhaft blau färben ließen: Indigo. Dieses wird nicht einfach geerntet, sondern aufwendig hergestellt. Die abgeschnittenen Indigopflanzen werden mit Wasser und weiteren Zutaten bei 35 Grad Celsius vergoren. Danach lässt man das Wasser ab und schlägt es mehrere Stunden mit Ruten oder Holzlatten. Damit gelangt Sauerstoff in die Lösung, und das Kohlendioxid, das sich bei der Gärung bildet, wird ausgetrieben. Während der Behandlung bilden sich blaue Flocken, die gesammelt, getrocknet und in Stücke gepresst werden. Diese brachten Händler lange Zeit über den Seeweg nach Europa. Im 20. Jahrhundert wurde dann auch das Indigo durch neue synthetische Verfahren ersetzt, bis ihm ein neuer Trend am Ende der 60er-Jahre zu einem Comeback verhalf: Die Blue Jeans wurde Ausdruck einer veränderten Lebenseinstellung und etablierte sich weltweit als legere Freizeitmode. Sie wird zum größten Teil im fernen Osten hergestellt und nach wie vor mit Indigo gefärbt. 


Georg Stark präpariert das Indigo, das durch sein Herstellungsverfahren wie Stein anmutet, in einer traditionellen indischen Mühle. Sie besteht aus einem großen Kessel, in dem zwei Kugeln geschwenkt wurden, um den Rohstoff zu zermahlen. Das Farbpulver war jedoch nicht sofort als Pigment einsetzbar. Es war nicht einmal wasserlöslich und stellte die Europäer zunächst vor große Rätsel. Auf sie fanden die Alchemisten erst nach einiger Zeit Antworten, die dann in unterschiedlichen Verfahren mündeten.

Die Blaufärberei von Georg Stark in Jever
Jever, Blaudruckerei im Kattrepel © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Blaufärberei von Georg Stark in Jever

Der Färbeprozess


Georg Stark färbt nach einem alten Rezept von 1760. Zunächst bestreicht er die Modeln mit einer grünen Paste, die in der Fachsprache „Reserve“ und von Handwerkern „Papp“ genannt wird. Dann bringt er sie als Muster auf den weißen Stoff auf, indem er den Druckstock auf die entsprechende Stelle legt und ihn leicht anschlägt. Die so präparierten Stoffe werden ein paar Tage getrocknet. Für den Färbevorgang versetzt er einen drei Meter tiefen und mit Wasser gefüllten Bottich mit einer Indigo-Lösung. Oberhalb des Bottichs befindet sich ein Kronreifen, der heb- und senkbar ist. Hieran befestigt er den Stoff, bevor er in das Indigo-Bad getaucht wird. Und dann heißt es: „Warte, Du wirst Dein blaues Wunder erleben“. Die legendäre Redewendung hat in diesem Prozess ihren Ursprung. Im Indigobad „ziehen“ gelbe Moleküle „auf den Stoff“. Sobald dieser das Bad verlässt, reagieren sie mit dem Sauerstoff und verfärben sich dadurch grün und später blau. Große Stoffe kleben aneinander, so dass die einzelnen Bahnen mit Stöcken auseinander, und damit „grün und blau geschlagen“ wurden. Um die gewünschte Farbintensität zu erreichen, wird der Stoff bis zu zehnmal in den Färbebottich getaucht. In einer weiteren chemischen Prozedur nach einem traditionellen Rezept wird die „Reserve“ wieder vom Stoff entfernt, sodass die weißen Muster auf dem blauen Stoff erscheinen.

Jever, Blaudruckerei im Kattrepel © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
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Detailaufnahme eines Models. Gut 600 erhaltene Modeln warten in Georg Starks Werkstatt auf Ihren Einsatz.
Jever, Blaudruckerei im Kattrepel © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
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Ein Model wird in Papp gedrückt.
Jever, Blaudruckerei im Kattrepel © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
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Der Druckvorgang. Die Muster erscheinen hinterher weiß.
 
 
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Detailaufnahme eines Models. Gut 600 erhaltene Modeln warten in Georg Starks Werkstatt auf Ihren Einsatz.
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Ein Model wird in Papp gedrückt.
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Der Druckvorgang. Die Muster erscheinen hinterher weiß.
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Faszination der Muster


Die Herstellung von Mustern war zur Zeit der Blaufärber eine besondere Kunst. Der Jacquard-Webstuhl wurde erst im 19. Jahrhundert erfunden, an die Druckmuster von heute war noch nicht zu denken. Mit dem Blaudruck wurden Stoffe mit Mustern auch für den kleineren Geldbeutel erschwinglich. Im Barock bevorzugte man große Blumenmuster, die im Biedermeier durch zarte, kleinere abgelöst wurden. Beliebt waren vor allem Motive aus Asien wie Pfauenfedern, Päonien aus China, Nelken oder Granatäpfel. Die Herstellung der Druckstöcke, wie sie Georg Stark einem Muster nachbaute, war extrem aufwendig. „Formenstecher“ war früher ein eigener Beruf.


In den Formen, den „Model“, entstehen die Muster durch die Anordnung kleiner Stifte, die in Birnbaumholz eingesetzt werden. Um zu verhindern, dass sich das Holz verformt, wurde es eine Woche lang gekocht und dann 20 bis 30 Jahre lang gelagert. Weil es so kostbar war, verwendeten es die Modelbauer nur für die obere Schicht und verklebten es für die Stabilität mit weniger wertvollem Holz. Die Metallstifte stellten sie aus Drähten her. Um die jeweilige Form der Stifte zu erhalten, wurden die zunächst runden Drähte durch Zieheisen mit entsprechend geformten Löchern gezogen und dann auf Stiftgröße geschnitten. Wollte man kleinere Formen erhalten, zog man die Drähte immer wieder durch jeweils minimal kleiner geformte Löcher, bis sie die Endgröße erreicht hatten.

Jever, Blaudruckerei im Kattrepel © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
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Mutet wie Stein an: der pflanzliche Farbstoff Indigo
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Der Stoff taucht zunächst grün aus dem Tauchbad auf.
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Georg Stark mit einem Zieheisen zur Herstellung von Modeln.
 
 
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Mutet wie Stein an: der pflanzliche Farbstoff Indigo
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Der Stoff taucht zunächst grün aus dem Tauchbad auf.
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Georg Stark mit einem Zieheisen zur Herstellung von Modeln.
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Das Muster eines Models von Georg Stark ist noch heute häufig gefragt. Die geometrisch angelegten Sterne haben eine bemerkenswerte Geschichte: Die Universität von Chicago hatte in Ägypten bei Ausgrabungen am Roten Meer in einer Müllhalde gebrauchte Textilien gefunden, die durch die trockene Wüstenluft erhalten geblieben waren. Einige von ihnen wurden durch die seefahrenden Inder schon vor 2.000 bis 3.000 Jahren nach Ägypten exportiert. Auf die Frage von Georg Stark, ob der Fund eventuell auch blau gefärbte Textilien aufwies, bejahte dies die leitende Professorin der Ausgrabungen und zeigte sie ihm. Georg Stark traute seinen Augen nicht, als er ein Muster erkannte, das er von einem ungarischen Kollegen als Model übernommen hatte. Eine kleine Sensation, weil es die Überlieferung von Mustern über mehrere Jahrtausende bewies. Erstaunlich, wie bestimmte Muster die Menschen über so große Räume und Zeiten in ihrem Bann halten. Wie jedoch die Model nach Ungarn fanden, ist weiterhin unbekannt.

Der Drucktisch, auf dem Wolle und Seide bedruckt werden.
Jever, Blaudruckerei im Kattrepel © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Drucktisch, auf dem Wolle und Seide bedruckt werden.

Blaufärberkunst erleben


Auch wenn heute die Haltbarkeit und Robustheit des Indigos auf dem Stoff keine große Rolle mehr spielen, ist doch das Resultat der Blaufärbung für den modernen Menschen noch immer von großer Schönheit. Georg Stark erhält dementsprechend viele Aufträge. Besucher können die blauen Stoffe mit den authentischen Mus-tern im Museumsladen erwerben oder sich einfach vor Ort ein Bild dieser alten Handwerkskunst machen. In jedem Fall ist die Blaufärberei in Jever eine Reise wert.


Stefanie Kellner



Blaudruck Georg Stark

Kattrepel 3, 26441 Jever

Öffnungszeiten:

Mo–Fr. 11–17 Uhr

Sa.        10–14 Uhr

und nach Vereinbarung

 

www.blaudruckerei.de 

Blaudruck in Deutschland ist Immaterielles Kulturerbe der UNESCO


Die gemeinsame Nominierung der Bundesrepublik Deutschland mit Österreich, Tschechischer Republik, Slowakei und Ungarn auf der Tagung des Zwischenstaatlichen UNESCO-Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe in Port Louis, Mauritius, war erfolgreich.


Mehr Informationen unter:

https://www.unesco.de/kultur-und-natur/immaterielles-kulturerbe/immaterielles-kulturerbe-deutschland/blaudruck

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