Interviews und Statements

Interview mit Pfarrer Peter Adolf

Kirche ist Gemeinschaft

Interview mit Peter Adolf, 1980 bis 2013 katholischer Pfarrer mehrerer Pfarreien in Bonn, unter anderem St. Franziskus. Bei deren Renovierung in den 1990er-Jahren setzte er sich für die Einrichtung eines sogenannten Communio-Raums ein.

Die Kirche St. Franziskus in der Bonner Nordstadt wurde 1960 nach den Plänen der Kölner Architekten Karl Band und Werner Fritzen erbaut. In Fachkreisen erfährt das Gotteshaus seit einigen Jahren größere Beachtung, denn sein Inneres wurde Ende der 1990er-Jahre zu einem Communio-Raum umgestaltet: Die Gläubigen sitzen nicht mehr in Bankreihen hintereinander und schauen in Richtung Altar, sondern versammeln sich in Form einer Ellipse, deren Brennpunkte Altar und Ambo bilden, um eine leere Mitte.

MO: Bis in die 1980er-Jahre - also lange nach den liturgischen Neuerungen des Vatikanischen Konzils - zelebrierte der Priester in St. Franziskus noch immer mit dem Rücken zu den Gläubigen. Warum verzichtete man zunächst darauf, die Liturgiefeier versus populum, mit Blick zu den Gläubigen, einzuführen, wie es die meisten Kirchengemeinden Deutschlands getan hatten?

Pfarrer Peter Adolf: Ausschlaggebend für die Beibehaltung der ursprünglichen Bauform war zunächst das Bestreben des ersten Pfarrers von St. Franziskus, dort die Liturgie weiterhin so zu feiern, wie er es seit dem Bau der Kirche gewohnt war: am Hochaltar mit dem Rücken zur Gemeinde. Als dennoch - nach seinem Eintritt in den Ruhestand - ein provisorischer Holzaltar für die Zelebration hin zur Gemeinde aufgestellt wurde, war allen Beteiligten klar, dass dieser "Volksaltar" ganz und gar nicht zur übrigen Ausstattung der Kirche passte. Er war ein Fremdkörper in diesem Raum, der durch eine Kommunionbank vorne, die massiven Bankblöcke in der Mitte und die dominante Orgelbrüstung hinten optisch in drei "Bezirke" zerfiel. Außerdem wurde es im Altarraum mit dem Provisorium viel zu eng für eine feierliche, würdige Liturgie.

Die Dachkonstruktion der 1960 errichteten Bonner Franziskuskirche erinnert an ein Zelt.  
Bonn, Franziskuskirche © Firma Schmitt, Architekturphotographie, Berlin
Die Dachkonstruktion der 1960 errichteten Bonner Franziskuskirche erinnert an ein Zelt.

MO: Wie kam es dann zur Neugestaltung des liturgischen Raums?

Pfarrer Peter Adolf: In dieser Situation kam uns der "Zahn der Zeit" zur Hilfe. Die Bodenplatte der Kirche wies quer durch den Raum zunehmend Risse auf, die als Stolperfallen die Kirchenbesucher gefährdeten. Wir standen vor der Wahl: entweder eine umfangreiche Sanierung durchzuführen oder die Kirche zu schließen. Die Nähe zur "Mutterkirche" St. Marien und die sehr geschrumpfte Gemeinde legten letzteres nahe. Dennoch entschloss sich der Kirchenvorstand einhellig für die Sanierung. Das zündende Motto war der Satz eines seiner Mitglieder "Wir wollen eine Kirche für unsere Kinder und Enkel bauen". Auf der Suche nach einer Konzeption, die dieser Absicht gerecht werden könnte, lag es nahe, sich der Unterstützung von Prof. Albert Gerhards zu bedienen, Lehrstuhlinhaber für katholische Liturgie an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität in Bonn. Seine Impulse für einen "Communio-Raum" stießen bei den Entscheidungsträgern auf einhellige Zustimmung. So hatte es der von ihm empfohlene Architekt Prof. D. G. Baumewerd nicht schwer mit seinen Vorschlägen. Er hatte zuvor die Pfarrkirche St. Christophorus in Westerland /Sylt im gleichen Stil gebaut.

Schlichte Stühle, die in Form eine Ellipse angeordnet sind, formen den Communio-Raum.  
Bonn, Franziskuskirche © Firma Schmitt, Architekturphotographie, Berlin
Schlichte Stühle, die in Form eine Ellipse angeordnet sind, formen den Communio-Raum.

MO: Welche Vorteile hat der Communio-Raum für die Liturgie?

Pfarrer Peter Adolf: Wenn wir von Vor- oder Nachteilen sprechen, bewegen wir uns auf der Ebene der "Nützlichkeit". Das epochal Neue der "Communio-Gestalt" liegt auf einer anderen Ebene. Hier zeigt sich in der Architektur ein neues Verständnis dessen, was nach den Erkenntnissen des II. Vatikanischen Konzils Kirche in der Welt von heute darstellt und wie die versammelte Gemeinde ihre Beziehung zu Gott feiert. Das lässt sich im Rahmen eines Interviews nur andeuten. Hier nur einige Stichworte dazu.

- Kirche zeigt sich hier als offene Gemeinschaft derer, die um ihre innere Mitte versammelt sind: das Wort Gottes und die Erinnerung an das Lebenswerk Jesu Christi in der Feier seiner bleibenden Lebenshingabe, der Eucharistie bzw. des Abendmahls. Die Gemeinde als ganze vollzieht diese Liturgie im Miteinander der verschiedenen Rollen, nicht in einer Trennung zwischen feierndem Priester und zuschauenden bzw. zuhörenden "Gottesdienstbesuchern". Sie stehen gemeinsam auf dem "Boden" der Taufe (keine durch Stufen markierte Trennung). "Kirche" im geistlichen Sinn sind sie alle, biblisch verstanden als "Tempel Gottes", erfüllt und durchwirkt von Gottes Heiligem Geist.

- Die Offenheit der Raumgestalt deutet an, dass die Gemeinde sich nicht selbst feiert, sondern offen für alle ist, die nach der Sinn-Tiefe des Lebens suchen, wie für jene, die in der Solidarität Jesu für die Menschen bestellt sind.

- In dieser Raumgestalt sehen sich die Anwesenden von Angesicht zu Angesicht. Durch die leere Mitte hindurch, die wie ein Brennglas die geheimnishafte Gegenwart der leidenschaftlichen Liebe Gottes zu den Menschen symbolisiert, hat jeder der Anwesenden sein "Ansehen", seine Würde im Blick des Anderen. Jeder kann wahr-genommen werden mit allem, was er/sie von sich in diese Situation mit einbringt: Freude oder Leid, Hoffnung oder Freude - und bleibt doch selbst für den Anderen ein unverfügbares Geheimnis.

Grundriss der von Karl Band entworfenen Kirche mit der elliptischen Communio-Gestalt.  
Bonn, Franziskuskirche © Werkgemeinschaft Prof. Baumewerk + Sieber
Grundriss der von Karl Band entworfenen Kirche mit der elliptischen Communio-Gestalt.

MO: Die Idee, dass sich die Gottesdienstteilnehmer in Ellipsenform versammeln, wirkt sehr modern. Lässt sich diese Anordnung auf historische Vorbilder zurückführen, zum Beispiel auf das Chorgestühl der Kloster- und Stiftskirchen?

Pfarrer Peter Adolf: In der Tat sind die Vorbilder für diese Form in den Klosterkirchen und Bildungshäusern zu suchen. Aber auch antike Kirchenräume gehören dazu. Was daran "modern" ist, mag man diskutieren. Modernität ist jedenfalls nicht die Triebfeder für diese Raumgestalt. Umso besser, wenn Menschen von heute sich hier angesprochen fühlen.

MO: Der Begriff "Communio-Raum" schließt das Wort "Gemeinschaft" ein. Hat ein solches Raummodell tatsächlich Einfluss auf das "Gemeinschaftsgefühl" oder das Gemeindeleben allgemein?

Pfarrer Peter Adolf: Ganz sicher ist, dass in diesem Raum die Liturgie anders erlebt wird als in den Kirchen, wo die Menschen voneinander nur den Rücken sehen. Als Zelebrant habe ich erleben können, dass es etwa bei der Predigt spontane Reaktionen von den Mitfeiernden gab, ohne dass dies als peinlich oder gar als störend empfunden wurde. Auch spontane Beiträge zum Fürbittgebet sind hier möglich und willkommen. Die "Communio-Gestalt" ist geradezu angelegt auf Kommunikation, verbal oder non-verbal. Wer sich darauf einlässt, wird auf Dauer auch sein Christsein anders verstehen als ein Besucher/eine Besucherin einer sich vor ihm/ihr vollziehenden Feier. Das zeigt sich auch im Empfang der hl. Kommunion der Messfeier. Hier in St. Franziskus stehen die Empfangenden zusammen in der Ellipse und verzehren das Heilige Brot erst, wenn alle es erhalten haben.

MO: Gibt oder gab es auch negative Stimmen?

Pfarrer Peter Adolf: St. Franziskus ist auf den ersten Blick keine "gefällige" Kirche. Widerspruch und Ablehnung waren vorprogrammiert. Das gleiche gilt aber auch von dem Kirchenbild, das uns durch das Konzil vermittelt wurde und das hier seinen Ausdruck findet. Gewöhnungsbedürftig ist für einige sicherlich auch die Bilderlosigkeit dieser Kirche. Es brauchte einige Zeit, um die "neuen Bilder", die Bilder der feiernden Gemeinde zu den verschiedenen Festzeiten und in den vielfältigen liturgischen Formen zu erkennen und zu schätzen. Mancher vermisste den "Platz hinter der Säule". Auch die Verlagerung des Tabernakels mit dem aufbewahrten Heiligen Brot in die Seitenkapelle war nicht nach jedermanns Geschmack, obwohl so schon seit Jahrzehnten in den liturgischen Vorschriften nach dem Konzil vorgesehen.

MO: St. Franziskus ist Sitz des Jugendpastoralen Zentrums in Bonn. Spricht der Communio-Raum besonders junge Leute an?

Pfarrer Peter Adolf: Zu unserer großen Verwunderung zeigten junge Menschen (unter 20 Jahren) zunächst großes Unverständnis für diese Form. Die Bilder von traditionellen Kirchen waren für sie so selbstverständlich und unzweifelhaft, dass manche auf diesen Raum ärgerlich reagierten. Das änderte sich in dem Maße, als sie selbst zu Mitfeiernden wurden und sich der Dynamik des Raumes ausliefern konnten. Heute hat sich das etwas geändert, zumal der Raum auch viele temporäre Veränderungen erlaubt. Wenn es dann zur Feier noch einen Chor oder eine Band gibt, springt der Funke schnell über. Dennoch bedarf es auch heute noch einer ständigen Hinführung, um die Chancen und Schätze dieser Raumgestalt zu entdecken.

MO: Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Julia Ricker


Zur Person: Peter Adolf, Jahrgang 1943, war von 1980 bis 2013 katholischer Pfarrer mehrerer Pfarreien der nördlichen Innenstadt Bonns. Geprägt von den Erneuerungen des II. Vatikanischen Konzils (1962-1965) war es ihm ein wesentliches Anliegen, die Gemeinden für eine fruchtbare Begegnung mit der zeitgenössischen Kultur in ihrer ganzen Vielfalt zu öffnen. Zu seinem Stil einer dialogischen Pastoral zählt auch sein Bemühen, Kirchen und kirchliche Räume so zu gestalten, dass an ihnen der Geist des Dialogs ablesbar ist. Dank der Unterstützung durch namhafte Künstler, Architekten und Theologen konnte dieses Anliegen bei der Renovierung der Kirche St. Franziskus (1998-2000) in exemplarischer Weise verwirklicht werden.

Literatur:
A. Gerhards (Hrsg), In der Mitte der Versammlung. Liturgische Feierräume, Trier 1999, und ders. u.a., Communio-Räume, Regensburg 2003.


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