Städte und Ensembles August 2013

Hamburg präsentiert die Projekte der Internationalen Bauausstellung

Vom Flak- zum Energiebunker

Einen "Sprung über die Elbe" wollten die Stadtplaner wagen, als sie die Internationale Bauausstellung Hamburg (IBA) 2006 starteten. Denn die Stadtteile Veddel, Wilhelmsburg und Harburg, auf die sich dieses Instrument zur Stadtentwicklung erstreckt, liegen zwar nur wenige S-Bahn-Stationen vom Hamburger Zentrum entfernt. Doch kaum ein Bewohner Blankeneses oder anderer Nobelstadtteile hat sich je dorthin verirrt. Im März 2013 wurden die meisten Projekte präsentiert.

"Beeindruckend, oder?" fragt mich eine ältere Dame, die gerade ihren Dackel spazieren führt. Wir stehen vor einem ehemaligen Flakbunker in Hamburg-Wilhelmsburg. Unsere Blicke schrauben sich an dem 42 Meter hohen Koloss nach oben, bis sie an einer Solaranlage auf dem Dach hängen bleiben. Aus dem "unbequemen Denkmal" des Zweiten Weltkriegs wurde im Rahmen der IBA ein Kraftwerk.

Der ehemalige Flakbunker in Hamburg-Wilhelmsburg war 2007 kein schöner Anblick. 
Hamburg-Wilhelmsburg, Flak-Bunker © IBA Hamburg GmbH/Martin Kunze, Hamburg
Der ehemalige Flakbunker in Hamburg-Wilhelmsburg war 2007 kein schöner Anblick.

Das einst eigenständige Wilhelmsburg wurde Ende des 17. Jahrhunderts durch Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg-Celle gegründet, der drei Elbinseln durch Deiche miteinander verbinden ließ. Mit der Anlage mehrerer Werften entwickelte sich Wilhelmsburg um 1900 zu einem wichtigen Industriestandort. Die Einwohnerzahl kletterte von 8.800 im Jahr 1890 auf rund 28.000 im Jahr 1910. 1927 schloss sich Wilhelmsburg mit dem benachbarten Harburg zusammen. Zehn Jahre später wurde das Gebiet nach Hamburg eingemeindet. Wilhelmsburg gehört heute zum Bezirk Mitte, ist der flächenmäßig größte Stadtteil der Elbmetropole und nach Manhattan die zweitgrößte bewohnte Flussinsel der Welt.

Die verheerende Sturmflut, bei der 1962 über 300 Menschen starben, traf vor allem Wilhelmsburg. Viele Wohnhäuser wurden zerstört. Man überlegte sogar, den Stadtteil als Siedlungsgebiet völlig aufzugeben. Schließlich wurden die Deiche erhöht, um das Gebiet vor weiteren Sturmfluten zu schützen. Doch durch sie geriet Wilhelmsburg noch mehr ins Abseits. "Vieles, was andernorts nicht erwünscht war", heißt es in einem Reiseführer zu den IBA-Projekten, "wurde hier abgeladen: eine große Sondermülldeponie, Autobahnkreuze, Hochspannungsleitungen, Containerlager - und schließlich auch Hochhaussiedlungen des sozialen Wohnbaus."

2001 fand auf Betreiben engagierter Wilhelmsburger eine Konferenz zur Zukunft ihres Stadtteils statt. Die dort entwickelten Ideen flossen in das Konzept der IBA ein, das Veddel, Wilhelmsburg und Harburg durch rund 60 Projekte aufwerten möchte. Sie wird von der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt getragen. Diese hat die IBA Hamburg GmbH gegründet und mit dem Umzug nach Wilhelmsburg in einen farbenfrohen Neubau ein Zeichen gesetzt.

Der Neubau der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt erhielt eine farbenfrohe Fassade. 
Hamburg-Wilhelmsburg © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Neubau der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt erhielt eine farbenfrohe Fassade.

Seit 2006 entwickelt die Gesellschaft die Leitthemen "Metrozonen", "Stadt im Klimawandel" und "Kosmopolis". Die meisten Projekte wurden auf den Weg gebracht, und am letzten März-Wochenende 2013 startete das Präsentationsjahr. Mit der internationalen gartenschau hamburg (igs), die am 26. April ebenfalls in Wilhelmsburg eröffnet wurde, ist die IBA eng verzahnt.

Die drei Stadtviertel sollten unter sozialen und ökologischen Gesichtspunkten weiterentwickelt werden. Außerdem wurde als ehrgeiziges Ziel von der IBA selbst definiert, dass sich Wilhelmsburg bis 2050 zu 100 Prozent mit regenerativer und selbst erzeugter Energie versorgen soll. Es entstanden innovative Konzepte für Neubauten wie beim Algenhaus. Dort werden in gläsernen Fassadenelementen Mikroalgen gezüchtet, die durch Photosynthese und Solarthermie Biomasse und Wärme produzieren. Daneben wurde zum Beispiel die Energiebilanz von zwei 1926 errichteten und unter Denkmalschutz stehenden Wohnbauten deutlich verbessert. Obwohl sie durch eine Dämmung des Daches, doppelt verglaste Fenster und weitere Maßnahmen, energetisch gesehen, annähernd Neubaustandard erreichen, blieb ihre charakteristische Klinkerfassade erhalten.

Metamorphose eines Speichers

Das Leitthema "Metrozonen" beinhaltet eine Aufwertung von Vierteln, die ursprünglich vor allem industriell geprägt waren, in denen gearbeitet und weniger gewohnt wurde. Wie der Harburger Binnenhafen, der jedoch nicht erst seit der IBA zu neuem Leben erwacht. 1978 wurde in dem Stadtteil die Technische Universität Hamburg-Harburg gegründet, und viele Studenten beleben ihn seither.

In Hamburg-Harburg wurde das Fleethaus, ein leer stehender Getreidespeicher (rechts im Bild), zu einem Bürogebäude mit Parkhaus umgebaut. Links die ehemaligen Silos des Mühlenbetriebs, heute ebenfalls für Büros genutzt 
Hamburg-Harburg, Fleethaus © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
In Hamburg-Harburg wurde das Fleethaus, ein leer stehender Getreidespeicher (rechts im Bild), zu einem Bürogebäude mit Parkhaus umgebaut. Links die ehemaligen Silos des Mühlenbetriebs, heute ebenfalls für Büros genutzt

Zu Beginn der 1980er Jahre führte die Hamburger Denkmalpflegerin Gabriele Bohnsack-Häfner intensive Verhandlungen mit Investoren, um Wohnbauten und Industriebrachen neuen denkmalgerechten Nutzungen zuzuführen. "Ich habe einen großen Respekt vor den Menschen, mit denen ich in Harburg zu tun hatte. Die sich dort niederließen, obwohl das Umfeld problematisch war und sie aus ihren Häusern nicht auf schöne Elblandschaften, sondern auf heruntergekommene Gebäude schauten." Es wurden spannende Nutzungskonzepte für Speichergebäude und Silos entwickelt, beispielsweise für das Fleethaus, einen denkmalgeschützten, 1883 errichteten und mehrfach erweiterten Getreidespeicher der Harburger Mühlenbetrieb Aktiengesellschaft. Das Backsteingebäude hatte jahrzehntelang leer gestanden, aus seiner Fassade wuchsen Birken, und die Hälfte des Daches fehlte. 2005 schließlich fand sich eine überraschende Lösung. "Wir hatten Silos, die einmal zum Mühlenbetrieb gehörten, mit gläsernen Anbauten zu einem Bürohaus umgebaut", erzählt Bettina Husemann von der aurelius Immobilien GmbH. "Die Stadt forderte eine hohe Ablösesumme von uns, weil wir keine Parkplätze nachweisen konnten. So entstand die Idee, aus dem Getreidespeicher ein Parkhaus zu machen." Die Architekten v. Bassewitz Limbrock Partner GmbH und VSM Schultz-Meistering entwickelten ein Konzept, das sich rechnete. Heute befinden sich im ehemaligen Getreidespeicher nicht nur 284 Stellplätze, sondern auch Büros und eine Tagesstätte, in der die Kinder der Büroangestellten betreut werden.

Blick vom Harburger Binnenhafen auf die Schlossinsel und den noch erhaltenen, eingerüsteten Schlossflügel 
Hamburg-Harburg, Binnenhafen © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Blick vom Harburger Binnenhafen auf die Schlossinsel und den noch erhaltenen, eingerüsteten Schlossflügel

Das Fleethaus liegt in der Nähe des Kanalplatzes. Von dort führte früher eine Brücke auf die Harburger Schlossinsel, die im Rahmen der IBA Hamburg wiederhergestellt wird. Zu einem der "Metrozonen-Projekte" gehört auch die Neugestaltung der Schlossinsel mit einem Park und Wohnhäusern. Außerdem wird der einzige Flügel, der vom Schloss der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg übrig blieb, saniert. Zurzeit untersuchen Archäologen die Gewölbe, die vermutlich aus dem 14. Jahrhundert stammen.

Doch zurück zu den Elbinseln Wilhelmsburg und Veddel, auf denen Menschen aus über 100 Nationen leben. Mit ihnen zusammen hat die IBA Hamburg überlegt, wie man ihre Wohnsituation verbessern kann. Beispielsweise wurden sechs "Heimatforscher" beauftragt, die Bewohner einer ehemaligen Werftarbeitersiedlung aus den 1930er Jahren im südlichen Reiherstiegviertel in ihrer jeweiligen Landessprache nach ihren Wünschen und Anregungen zu befragen. Außerdem entstehen Bildungs- und Sprachzentren, in denen junge Migranten gefördert werden.

Die Aufwertung Wilhelmsburgs wird allerdings nicht von allen positiv gesehen. Kritiker befürchten, dass die Mieten in den nächsten Jahren drastisch steigen und dadurch die jetzigen Bewohner vertrieben würden. Uli Hellweg, Geschäftsführer der IBA Hamburg, hält dagegen, dass sich der meiste Wohnraum in städtischem Besitz befinde und daher auf unangemessene Mieterhöhungen Einfluss genommen werden könne. Nach der Modernisierung der Werftarbeitersiedlung müssen die Bewohner 13 Cent pro Quadratmeter mehr zahlen. Weil man die Häuser gleichzeitig energetisch ertüchtigte, sparen sie Nebenkosten.

Eine wichtige Rolle als Energielieferant spielt dabei der alte Flakbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. In dem einem Kastell nachempfundenen, 1943 errichteten Gebäude fanden viele Menschen während der Bombardements auf die Stadt Schutz. Von seinen Türmen aus, in denen sich heute das Café "vju" befindet, konnten Flaks abgeschossen werden. Im Oktober 1947 sprengten die Briten das Innere des Bunkers. Seit 2004 ist das Mahnmal des Zweiten Weltkriegs als denkmalwürdig eingestuft.

Im Rahmen der IBA baute man den Bunker zu einem regenerativen Kraftwerk mit Großwärmespeicher aus. Ein riesiger gedämmter Wasserkessel im Inneren mit einem Fassungsvermögen von zwei Millionen Litern wird durch die Wärme eines Biomasse-Blockheizkraftwerks, einer Holzfeuerungsanlage und der Solaranlage auf dem Dach gespeist. Zum Einsatz kommt außerdem die Abwärme der nahegelegenen "Nordischen Oelwerke". Der Bunker versorgt den Teil des Reiherstiegviertels, in dem sich die Werftarbeitersiedlung befindet. Wenn der Ausbau des Wärmenetzes 2015 abgeschlossen ist, soll er 3.000 Haushalte mit Wärme und 1.000 mit Strom beliefern.

Aus dem ehemaligen Flakbunker wurde im Zuge der IBA Hamburg ein regeneratives Kraftwerk. 
Hamburg-Wilhelmsburg, Flakbunker © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Aus dem ehemaligen Flakbunker wurde im Zuge der IBA Hamburg ein regeneratives Kraftwerk.

Die Hundebesitzerin, die ich bei meinem Besuch in Wilhelmsburg vor dem Bunker traf - und sicher nicht nur sie -, war zunächst skeptisch, "dass in die Sanierung des Schandflecks mehrere Millionen Euro gesteckt" werden. "Ich fand es besser, mit dem schönen Geld Schulen zu renovieren oder Armen zu helfen", sagt sie. "Doch seit ich weiß, wie viel Energie gespart und damit die Umwelt geschützt wird, bin ich froh, dass der Bunker nicht abgerissen wurde. Und wir Wilhelmsburger sind mächtig stolz, dass bei uns der einzige Energiebunker der Welt steht."

Carola Nathan