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Van de Veldes Haus Schulenburg ist wieder ein Gesamtkunstwerk

Am Anfang war ein Möbelstück

Am westlichen Rand der thüringischen Stadt Gera befindet sich inmitten eines ausgedehnten Waldgebietes ein Meisterwerk des belgischen Jugendstil-Architekten Henry van de Velde. Er entwarf und errichtete die repräsentative Villa in den Jahren 1913 bis 1915 für den Geraer Textilfabrikanten Paul Schulenburg.

Die Gartenseite des Hauses Schulenburg in Gera 
© Bildarchiv Foto Marburg
Die Gartenseite des Hauses Schulenburg in Gera

Schulenburg hatte 1906 auf der Dresdner Kunstgewerbe-Ausstellung ein von van den Velde entworfenes Speisezimmer erworben und suchte nun einen geeigneten Ort, der mit diesem Einzelstück ein Gesamtkunstwerk bilden sollte. "Jetzt tat er den Schritt, den der Besitz guter Möbel so häufig nach sich zieht, den Schritt zum eigenen Hause", schreibt Karl Ernst Osthaus dazu in seiner 1920 erschienenen Henry van de Velde-Monographie.

Das sogenannte Haus Schulenburg in Gera war der letzte einer ganzen Reihe von Privataufträgen, die Henry van de Velde zwischen 1912 und 1915, also noch während seiner Tätigkeit als Direktor der Weimarer Kunstgewerbeschule, ausführte. Er stattete den zweieinhalbgeschossigen Klinkerbau mit moderner Haustechnik aus, entwarf die gesamte Innenarchitektur bis hin zu Möbeln, Teppichen, Geschirr, Silbergegenständen, der Beleuchtung, ja sogar den Bezugstoffen für die Sitzmöbel und textilen Wandbespannung.

Das Haus wurde außen und innen sensibel restauriert. 
© Bildarchiv Foto Marburg
Das Haus wurde außen und innen sensibel restauriert.

Auch nachdem van de Velde 1917 ins Schweizer Exil gegangen war, blieb Schulenburg dem Architekten verbunden. Um ihn finanziell zu unterstützen, kaufte er zum Ende des Ersten Weltkrieges einige wertvolle Gemälde aus dem Privatbesitz van de Veldes, darunter Werke von Paul Signac und Maurice Denis.

1921 entwarf van de Velde eine ausgedehnte Gewächshausanlage einschließlich Seerosenteich, Kaskadenbrunnen und Gärtnerwohnung für den Gartenbaubetrieb Paul Schulenburg. Bauleiter war der Geraer Architekt Thilo Schoder, ein Meisterschüler van de Veldes. 1928 erhielt van de Velde den Auftrag, den ursprünglich von Richard Riemerschmidt eingerichteten Damensalon als Wohnzimmer mit Makassarholzverkleidung der Wände, indirekter Beleuchtung, und Möbeln auszustatten. In den folgenden Jahrzehnten wurde das Haus mehrfach umgebaut und stand ab 1990 leer.

Haus Schulenburg ist Sitz des Vereins "Europäische Vereinigung der Freunde Henry van de Veldes e. V.". 
© Bildarchiv Foto Marburg
Haus Schulenburg ist Sitz des Vereins "Europäische Vereinigung der Freunde Henry van de Veldes e. V.".

Haus Schulenburg hat wieder eine Zukunft

Im Dezember 1996 kauften der in Gera aufgewachsene Arzt Dr. Volker Kielstein und seine Frau Rita das Gebäude und ließ es behutsam restaurieren. Dabei wurden die Details aus der Erbauungszeit sorgfältig konserviert und störende Veränderungen rückgängig gemacht. Von 1997 bis 1999 unterstützte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz verschiedene Arbeiten mit rund 200.000 Euro.

In diesem Jahr wurde das Ehepaar Kielstein für seinen unermüdlichen Einsatz zur Erhaltung des Ensembles mit dem Denkmalschutzpreis des Landes Thüringen ausgezeichnet. Denn sie haben nicht nur für die Restaurierung des Hauses und die Wiederherstellung des Gartens gesorgt, sondern statteten es auch mit Originalmöbeln aus. Heute ist es Museum mit einer wichtigen Sammlung von Buchgestaltungen des Architekten und Sitz der Europäischen Vereinigung der Freunde Henry van de Veldes e.V. Für 2013, wenn sich Henry van de Veldes Geburtstag zum 150. Mal jährt, planen Kielsteins Ausstellungen, die unter der Schirmherrschaft des belgischen Botschafters und des Repräsentanten der flämischen Regierung in Deutschland stehen: zur Baugeschichte von Haus Schulenburg und zu seinem vielseitigen Architekten.

Carola Nathan

Weitere Infos im WWW:

www.haus-schulenburg-gera.de

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