Menschen für Monumente

Wir schlagen eine Brücke zur Jugend

Ein Generationenwerk

Denkmalschutz ist unser Geschenk an die Zukunft", lautete das Credo des langjähringen Vorstandsvorsitzenden und Gründungsvaters der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Professor Dr. Gottfried Kiesow. Wir erhalten unser kulturelles Erbe nicht aus Eigennutz, sondern für nachfolgende Generationen. Dieser Aufgabe stellt sich die Deutsche Stiftung Denkmalschutz seit vielen Jahren. Ihre Stifter und Förderer engagieren sich in unterschiedlicher Weise dafür, eine Verbindung zu jungen Menschen herzustellen und diese für unsere Baudenkmale zu interessieren und zu begeistern.

Das Ehepaar Linhard erfüllt in Quedlinburg jungen Menschen Träume

Brigitte und Dr. Hans Linhard in der Werkstatt der Pölle 5 mit Sarah Hodum, Casha Rüdel und Anna-Sophie Räuscher (v. l. n. r.).  
Quedlinburg, Jugendbauhütte, Linhard © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Brigitte und Dr. Hans Linhard in der Werkstatt der Pölle 5 mit Sarah Hodum, Casha Rüdel und Anna-Sophie Räuscher (v. l. n. r.).

Zwei ganz unterschiedliche Ansätze des Generationenwerks möchten wir Ihnen vorstellen. Zum einen gibt es das Projekt der Stifter Brigitte und Dr. Hans Linhard. Die Linhards helfen jungen Menschen dabei, ihren Weg zu finden, indem das Ehepaar die Finanzierung der Jugendbauhütte in Quedlinburg maßgeblich unterstützt. Die Redakteurin Christiane Schillig besuchte die Jugendbauhütte im Winter 2010.

Zum anderen gibt es die ehrenamtliche Tätigkeit der 90-jährigen Kunstpädagogin Ilse Naumann, die Teilnehmern des freiwilligen Jugendbauhütte-Jahres aus ihrem reichen Erfahrungsschatz referiert. Über die Schulter blickte ihnen die Redakteurin Friedegard Hürter im Sommer 2011.


Ihre Zimmer tragen die Namen "Ritter Sport" wie quadratisch, praktisch, gut oder "Sonnenallee" nach dem Film über DDR-Jugend von Leander Haußmann. In Quedlinburg wohnen 14 junge Frauen und Männer ein Jahr lang in dem Fachwerkhaus Pölle 5 gemeinsam unter einem Dach, um ein Freiwilliges Jahr in der Denkmalpflege zu leisten. Sie leben aber ganz anders als ihre Kollegen in den Bauhütten des Mittelalters. Jedes Zimmer hat Internet-Anschluss und Telefon. Nahezu alle bringen ihre Laptops mit. Von solch einem Komfort träumten die 14-jährigen Lehrlinge einer Dombaubütte nicht einmal. Wie das Linhardhaus an der Pölle, ein stattlicher dreigeschossiger Fachwerkbau mit Werkstatt, bestand eine gotische Bauhütte zwar ebenfalls aus Holz, war aber grob zusammengezimmert und meist mit einem großen Schlafsaal ausgestattet, wo man im Stroh übernachtete. In wenigen Hütten gab es verschließbare Fenster und Öfen. Die Lehrlinge durchliefen eine sechsjährige Ausbildung, für die die Eltern eine Bürgschaft hinterlegen mussten. Zurückgezahlt wurde das Geld nach erfolgreicher Beendigung der Lehrzeit. Heute beziehen die Jugendlichen ein monatliches Taschengeld, und wer sich bei einer der insgesamt zwölf Jugendbauhütten bewirbt, hat reelle Chancen auf einen Platz. Im Mittelalter lief die Auswahl anders: Es wurden nur männliche Jugendliche aufgenommen, deren Eltern verheiratet waren.

Im Kern jedoch ist die Bauhütte von Quedlinburg mit denen in Köln, Straßburg und Wien des 13. und 14. Jahrhunderts vergleichbar: Es wird auf begrenzte Zeit ein Leben in Gemeinschaft geführt, bei dem das Bauen und das Wissen um damit zusammenhängende Gewerke in den Mittelpunkt des Tagesablaufs rücken. Während es früher Hüttengeheimnisse gab und den Lehrlingen verboten wurde, Gebräuche und Techniken an Außenstehende weiterzugeben, ist genau dies bei den Jugendbauhütten, die die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) seit mehr als zehn Jahren zusammen mit den Internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten (ijgd) organisiert, ausdrücklich erwünscht. Die jungen Menschen sind Botschafter für die gute Sache. Sie kommen von überallher aus Deutschland und aus den europäischen Nachbarländern nach Quedlinburg und tragen das Erlebte, den Umgang mit Baukultur und Kunst, zu ihren Freunden und Verwandten zurück.

Komfortabel und gemütlich: die Wohnküche der Pölle 5, ein Treffpunkt der Bauhüttler  
Quedlinburg, Jugendbauhütte © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Komfortabel und gemütlich: die Wohnküche der Pölle 5, ein Treffpunkt der Bauhüttler

Darüber hinaus ist das Linhardhaus etwas ganz Besonderes. Das 1663 errichtete Fachwerkgebäude war von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) übernommen und mit Teilnehmern der Jugendbauhütte 2002/03 saniert worden. Im September 2003 übergab die Stiftung es den Jugendlichen als temporäres Heim und zwar im Beisein des Stifterehepaares Brigitte und Dr. Hans Linhard. Ihre Spenden und die Erträge ihrer treuhänderischen Stiftung unter dem Dach der DSD waren in die Sanierung der Pölle 5 geflossen. Mittlerweile dienen die Erträge als eine "Pflegeversicherung" für das Haus.

Das Ehepaar Linhard hatte einen Beitrag zur Wiedervereinigung leisten und dabei nicht nur wertvolle Bausubstanz bewahren wollen. Es schwebte ihnen vor, etwas Lebendiges zu schaffen. Die Linhards nahmen den Vorschlag von Professor Kiesow bei einem Rundgang durch Quedlinburg gerne auf, das heruntergekommene Fachwerkhaus Pölle 5 zu retten und zu einer Ausbildungsstätte für junge Menschen zu machen. Nach der Restaurierung lebt das Haus wieder. Es ist immer jemand dort, auch an den Wochenenden und an Feiertagen. Viele Ehemalige schauen vorbei und besuchen die nächste "Generation". Die Bauhüttler sind glücklich, weil sich das Ehepaar auch nach Fertigstellung des Linhardhauses weiter um das Wohlergehen der jungen Leute sorgt.

Brigitte und Dr. Hans Linhard gemeinsam mit einigen Teilnehmern der Quedlinburger Jugendbauhütte und der Jugendbauhüttenleiterin Stephanie Pirscher (3. v. r.)  
Quedlinburg, Jugendbauhütte © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Brigitte und Dr. Hans Linhard gemeinsam mit einigen Teilnehmern der Quedlinburger Jugendbauhütte und der Jugendbauhüttenleiterin Stephanie Pirscher (3. v. r.)

Manchmal treffen sich die Stifter und die Bauhüttler auch persönlich. Das gehört zu den unvergessenen Erlebnissen auf beiden Seiten. Die Linhards lassen sich gern in der Werkstatt der Pölle 5 zeigen, wie die Jugendlichen Türen und Geländer für die Feininger-Galerie am Schlossberg 11 in Quedlinburg bearbeitet haben. Sie erfahren, wie morsches Holz ausgesägt und weggebrochene Stücke ergänzt werden. "Wir tauschen die Fenster nicht komplett aus, sondern ersetzen nur soviel Holz wie unbedingt nötig", erläutert die 17-jährige Anna-Sophie Räuscher aus Zilly bei Osterwieck.

Als die jungen Frauen beginnen, von ihren Einsatzorten zu erzählen, strahlt Dr. Hans Linhard. Die 20-jährige Casha Rüdel und die drei Jahre jüngere Anna-Sophie Räuscher arbeiten für die Kreisarchäologie Harz beim Landesamt für Archäologie und nehmen an Grabungen teil. Den langen Winter haben sie genutzt, um die Funde aus der Bronze-, der Eisen- und der vorrömischen Zeit zu inventarisieren - das sind Siedlungsfunde wie Scherben, Keramik und Knochen. Anna-Sophies Mutter arbeitet in der Bodendenkmalpflege, und darum hat die 17-jährige einen Startvorteil. Sie kennt sich bereits nach wenigen Monaten sehr gut aus. Aber auch die Württembergerin Casha fand schnell Zugang zur Archäologie und spielt inzwischen mit dem Gedanken, Geschichte zu studieren.

"Es ist wichtig zu wissen, was man möchte und das dann zu tun, denn mit seinem Beruf verbringt man später die meiste Zeit seines Lebens", resümiert Dr. Hans Linhard aus langer Erfahrung. Anna-Sophie kann das nur bestätigen: "Wenn man sich etwas Zeit lässt, seinen Weg zu finden, hat der Job später eine ganz andere Qualität", betont sie. Und weil die insgesamt 24 Teilnehmer in Quedlinburg neben ihrer Einsatzstelle während der Seminarwochen in viele Handwerksbereiche schnuppern, können sie aus eigener Erfahrung sagen, ob ihnen die Steinmetzarbeiten, das Schreinern, Stuckieren, Aufmessen, die Bürotätigkeit oder die Forschung und Dokumentation am besten liegen.

Eines der Zimmer in der Pölle 5. Beim Teetrinken Vinciane Brouyere, Sarah Hodum, Anna-Sophie Räuscher und Casha Rüdel (v. l. n. r.)  
Quedlinburg, Jugendbauhütte © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Eines der Zimmer in der Pölle 5. Beim Teetrinken Vinciane Brouyere, Sarah Hodum, Anna-Sophie Räuscher und Casha Rüdel (v. l. n. r.)

Brigitte Linhard freut sich über die zahlreichen jungen Frauen, die sich freiwillig melden. Sie selbst hat ein begonnenes Studium der Geschichte und Kunstgeschichte wegen des Krieges abbrechen müssen und 1945 auf ein Machtwort des Vaters hin eine kaufmännische Lehre in dessen Unternehmen absolviert. Während des anschließenden betriebswirtschaftlichen Studiums in Nürnberg lernte sie ihren Mann kennen, der später in die Firma eintrat. Diese Entwicklung haben beide nie bereut. Sie findet aber warme und aufmunternde Worte für die Frauen, die ihre eigenen Ziele verfolgen. Vor allem die 18-jährige Sarah imponiert ihr, die Bauingenieurin werden möchte und die 17-jährige Anna-Sophie. Sie möchte Maschinenbau studieren und danach in die Entwicklungshilfe gehen.

Daneben interessiert die Linhards natürlich das Zusammenleben unter dem Dach, das sie retteten: Die Berlinerin Brigitte Linhard denkt an ihre eigene Jugend zurück, als sie nach dem Schulabschluss ein hauswirtschaftliches Jahr in Garmisch-Partenkirchen fernab vom Elternhaus verbrachte. Ihre Kochkünste waren danach zwar mäßig, aber die dort geschlossenen Freundschaften haben noch heute Bestand. Auch in der Pölle beginnt für die jungen Leute ein ganz neuer Lebensabschnitt, denn die meisten ziehen direkt aus dem Elternhaus hierher. Sie müssen sich erst einmal zusammenraufen und beginnen, aufeinander Rücksicht zu nehmen. "Es ist kein betreutes Wohnen", unterstreicht Stefanie Pirscher, die Leiterin der Jugendbauhütte Quedlinburg, lächelnd. Die Verantwortung für das Haus liegt in den Händen der Jugendlichen. Das zeigen schon die plakatgroßen Putzpläne, die im Eingangsbereich und in den Wohnfluren hängen und das tägliche Leben regeln. Mit diesen Details steht und fällt das Konzept der Jugendbauhütten. Wenn das Gemeinschaftsleben funktioniert, klappt fast immer auch alles andere. Ob im Mittelalter die jungen Männer ebenso in einer Euphorie des Miteinanders aufgingen und ihren kargen Schlafstätten Namen gaben wie "Drittes Stroh rechts"?

Christiane Schillig

Teilnehmer der Jugendbauhütte Brandenburg/Berlin profitieren vom Wissen der Ilse Naumann

Von der kopfsteingepflasterten, ruhigen Dorfstraße aus betrachtet, unterscheidet sich die Lehmbauwerkstatt im mecklenburgischen Wangelin nur durch einige farbenfrohe Vogelhäuschen von den umliegenden alten Häusern. Auf der Rückseite des Gebäudekomplexes aber herrscht geschäftiges Treiben, es klopft, hämmert und brummt. Strohballen stapeln sich auf dem verwilderten Grundstück, während in den daneben stehenden Badewannen der Lehm gestampft wird.

Die Freiwilligen der Jugendbauhütte Brandenburg/Berlin verbringen eine Seminarwoche in der Wangeliner Lehmbauwerkstatt.  
Jugendbauhütte Brandenburg/Berlin © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Freiwilligen der Jugendbauhütte Brandenburg/Berlin verbringen eine Seminarwoche in der Wangeliner Lehmbauwerkstatt.

Etwa 20 junge Erwachsene mit Lehmspritzern auf ihren T-Shirts und in den Haaren sind damit beschäftigt, an der Außenwand des ehemaligen Wangeliner Dorf-Tanzsaals eine Strohballendämmung anzubringen, die anschließend mit Lehm verputzt wird. Sie gehören zu einer Gruppe von insgesamt 35 jungen Leuten, die sich für ein Freiwilliges Jahr in der Denkmalpflege (FJD) entschieden haben. Die Jugendbauhütte bietet 16- bis 26-Jährigen die Möglichkeit, unterschiedliche Arbeitsfelder in der Denkmalpflege kennenzulernen. Dazu gehören etwa Handwerksbetriebe, Museen, Architekturbüros, Denkmalämter oder wissenschaftliche Einrichtungen.

So ist für Corinna Schulz die Entscheidung für ein FJD bei der Jugendbauhütte Brandenburg/Berlin ein Glücksgriff. Denn trotz eines abgeschlossenen Studiums der Kunstgeschichte hatte sie das Gefühl, für einen Berufseinstieg noch nicht genug Praxiserfahrung zu besitzen. Diese Lücke kann die 26-jährige an ihrem Einsatzort Museum Schloss Lübben mit großem persönlichen Gewinn schließen.

Während ihres Abschluss-Seminars treffen die Teilnehmer der Jugendbauhütte Brandenburg/Berlin Ilse Naumann.  
Jugendbauhütte Brandenburg/Berlin © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Während ihres Abschluss-Seminars treffen die Teilnehmer der Jugendbauhütte Brandenburg/Berlin Ilse Naumann.

Sieben Mal pro Jahr treffen sich die Freiwilligen zu je einwöchigen Seminaren, um gemeinsam zu arbeiten, verschiedenste handwerkliche Fertigkeiten zu erlernen und ihr theoretisches Wissen zu erweitern.

In der Wangeliner Lehmbauwerkstatt, in der die Freiwilligen der Jugendbauhütte Brandenburg/Berlin ihre letzte Seminarwoche verbringen, geht es vor allem um die Baumaterialien Lehm und Stroh, die für die Wärmedämmung historischer Bauernhäuser eine wichtige Rolle spielen. Und während sie auf einem Gerüst stehen und ihre neu erworbenen Kenntnisse in die Praxis umsetzen, beobachtet eine ältere, weißhaarige Dame die Fortschritte aufmerksam. Sie kennt die Gruppe, die sie schon bei mehreren Seminaren als Dozentin begleitet hat. Die ungewöhnliche "Liaison", wie die 90jährige es augenzwinkernd nennt, begann vor zwei Jahren, als sie auf einer Berliner Regionalveranstaltung zum zehnjährigen Bestehen der ersten Jugendbauhütte Bernd Henning kennenlernte. Was der Leiter der Jugendbauhütte Brandenburg/Berlin über seine Arbeit erzählte, stieß bei Ilse Naumann auf größtes Interesse. Sie berichtete Bernd Henning, dass sie selbst schon vor fast 70 Jahren etwas Ähnliches gemacht hat wie die Freiwilligen der Jugendbauhütte heute.

In der Wangeliner Lehmbauwerkstatt geht es um Wärmedämmung durch Lehm und Stroh.  
Jugendbauhütte Brandenburg/Berlin © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
In der Wangeliner Lehmbauwerkstatt geht es um Wärmedämmung durch Lehm und Stroh.

Als junge Studentin der Kunstpädagogik fuhr sie im Auftrag der "Forschungsstelle Deutscher Bauernhof" von 1943-45 gemeinsam mit einer Gruppe weiterer Studenten in den Semesterferien durch Deutschland, um die Inventare von Bauernhöfen aufzunehmen und zu vermessen. Eine "Dokumentation zur Sicherung luftbedrohter, denkmalwürdiger Bauernhöfe" sollte Gebrauchsgegenstände wie Möbel und Geräte aus der Zeit vor der Industrialisierung erfassen. So konnten orts- oder landschaftstypische Formen und Muster für die Ausbildung an Handwerker- und Meisterschulen bewahrt werden. Mit sehr einfachen technischen Mitteln wie Zeichenblock, Millimeterpapier und Zirkel ausgerüstet, zeichnete Ilse Naumann bei ihren dreiwöchigen Touren Möbel, Truhen, Herdgerät, Küchengeschirr, Körbe, Trachten und Schmuck und notierte deren Alter, Material, Farbe und die Spuren von Beschädigungen.

Obwohl von allen Blättern, die damals entstanden, drei Satz Lichtpausen angefertigt und an vermeintlich sicheren Orten deponiert wurden, verlor sich ihre Spur in den Kriegs- und Nachkriegswirren, so dass Ilse Naumann heute mit ihren wenigen erhaltenen Unterlagen eine wichtige Zeitzeugin ist.

Davon sollten auch die Freiwilligen der Jugendbauhütte erfahren, beschloss Bernd Henning und lud die alte Dame zu einem Vortrag im Rahmen der Seminarreihe ein. Trotz ihres Alters sagte sie zu, denn sie hält es für außerordentlich wichtig, dass Jugendliche zwischen Schule und Berufsausbildung geradezu "handgreiflich" mit unwiederbringlichem Kulturgut in Berührung kommen.

Was sie aus ihrem Berufsleben erzählte und mit ihren Zeichnungen veranschaulichte, weckte so großes Interesse, dass schon bald weitere Veranstaltungen geplant wurden. Dazu gehörte auch eine Diareihe über die Geschichte und Entwicklung der Gefäße. "Es ging mit den zur Schale geformten Händen los", erläutert die 90jährige. "Wenn Sie heute Tassen ansehen, ist diese Halbkugel doch die optimale Form. Meine Spezialität ist es, anhand der Kulturgeschichte aufzuzeigen, dass sich signifikante Gegenstände aus dem Gebrauch entwickelt und bewährt haben." Seitdem sich aus den vielen Gesprächen am Rande ergab, dass Ilse Naumann auch Webmeisterin ist, gehören ihre Vorträge und Lehrgänge bei der Jugendbauhütte Brandenburg/Berlin zum festen Bestandteil der Seminarreihe. Ob es historische Textiltechniken sind, Wollverarbeitung, eine uralte Bandwebtechnik oder der Umgang mit Handspindeln, der den Jugendlichen ein Gefühl für Faden und Drehung vermitteln soll: Die Ideen scheinen nicht auszugehen, und im Winter wird die alte Dame mit den Jugendlichen für das Schulungszentrum in Heiligengrabe Vorhänge schablonieren.

Ilse Naumann diskutiert mit den Jugendlichen.  
Jugendbauhütte Brandenburg/Berlin © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Ilse Naumann diskutiert mit den Jugendlichen.

Die Jugendbauhüttler wissen die fachkundige Anleitung, die Ilse Naumann ihnen kostenlos erteilt, zu schätzen. "Für uns ist es eine Bereicherung, wenn Frau Naumann dazukommt", findet Corinna Schulz. "Sie weiß unheimlich viel und erzählt so spannend, dass man gerne zuhört. Wenn sie etwas erklärt, kann man sich das bildlich vorstellen, weil sie so spricht wie wir." Und der 20-jährige Jan Siebert fügt hinzu: "Frau Naumann versucht immer, unseren Blick für Details zu schärfen, sei es an Möbeln oder Keramik, eigentlich an allem. Sie fragt auch, wie es uns geht, was wir bisher gemacht haben oder welche Pläne wir für die Zukunft haben. Und was sie dazu sagt, ist auch interessant. Wir freuen uns immer, wenn sie kommt."

Friedegard Hürter