Gotik Herrscher, Künstler, Architekten Dezember 2009

Arnold von Westfalen baute für die Wettiner

Ein Dienstpferd und jährlich ein Hofgewand

"Groß vogel wollen große nest haben,damit sie fur ander gehaltenund brachtlich gesehen werden."Württembergische Räte 1496 an Herzog Eberhard II.

Wer in den Himmel schaut, sich in der ­Tiefe verliert und eine Zeitlang den Boden unter den Füßen vergisst, dem eröffnet sich das Raumwunder der Albrechtsburg in Meißen. Durch die Säle der Wettiner sollte man mit erhobenem Kopf schreiten und sich gefangen nehmen lassen von den Kontrasten zwischen Licht und Schatten in tiefgefurchten Zellengewölben über sich.

Ein Höhepunkt spätgotischer Profanbaukunst: Der Große Saal auf der Albrechtsburg in Meißen mit den charakteristisch gedrehten und gekehlten Pfeilerbasen. 
© Frank Hoehler, Dresden
Ein Höhepunkt spätgotischer Profanbaukunst: Der Große Saal auf der Albrechtsburg in Meißen mit den charakteristisch gedrehten und gekehlten Pfeilerbasen.

Wer nur konnte so scharfkantig bauen, mit exakt geführten Graten, immer wieder anders, in keinem Raum wie im vorhergehenden? Die Albrechtsburg ist das Meisterwerk Arnold von Westfalens. Er war ab 1471 Landesbaumeister der Wettiner und verantwortlich für den Ausbau der Burg zum Herrschersitz. Von Meißen aus verbreiteten sich seine Zellengewölbe in Sachsen, nach Preußen und Österreich, nach Böhmen und Polen. Niemals wieder wurde jedoch die gleiche Virtuosität wie auf dem Burgberg erreicht. Arnold setzte mit der Al­brechtsburg Maßstäbe, die noch heute in ihrer ­Monumentalität und Dynamik überzeugen. Sie ist die phantasievollste und großartigste Leistung spätmittelalterlicher profaner Baukunst in Deutschland - ein Geniestreich.

Eigentlich ist das ein unzulässiges Urteil. Denn der Geniekult gehört in die Zeit der Romantik und sollte eigentlich überwunden sein. Täglich jedoch werden Leistungen Einzelner hervorgehoben, wird das Herausragende aufgezeigt, der Superlativ gesucht. Es ist scheinbar ein inneres Bedürfnis, Genies aufzuspüren.

Aber wie steht es mit nahezu vergessenen Künstlern wie Arnold von Westfalen, über den niemand eine Biographie verfasste und der selbst über sein Leben auch nichts schrieb? Ist er deshalb kein Genie wie Leonardo da Vinci oder Ludwig van Beethoven? Sein gebautes Werk beweist das Gegenteil, doch wieviel prominenter wäre es wohl heute, wenn hinter seiner genialen Architektur eine schillernde Persönlichkeit stünde! Dass man über Arnold von Westfalen nicht sehr viel weiß, soll an dieser Stelle nicht davon abhalten, ihn und seine Arbeit zu würdigen.

Einer unter vielen

Arnold lebte im 15. Jahrhundert - er starb 1481 oder 1482. Sein Geburtsdatum kennt man nicht. Es mag um 1425/30 liegen. Berühmt und mächtig waren damals die Auftraggeber, "große Vögel", die ein "großes nest" zur Repräsentation verlangten. Der gotische Baumeister gehörte mit zum Kreis der privilegierten, ausgebildeten Steinmetze. In der Bauhütte nahm er als ein Rädchen im Getriebe zunächst seinen Platz unter anderen Namenlosen ein. Es gab Lehrlinge, Gesellen und Wandergesellen, Kunstdiener, Laubhauer, Parliere, Steinbildhauer und Meister. Arnold von Westfalen lernte mit Zirkeln - dem Greif-, Stech- und Stangenzirkel - umzugehen, Winkel und Richtscheit anzuwenden, und er beherrschte geometrisch-technische Regeln der Steinbaukunst, alles anspruchsvolle und hochangesehene Tätigkeiten.

Der Große Wendelstein in der Albrechtsburg ist eine Meisterleistung von Arnold von Westfalen und wurde später vielfach kopiert; hier der Blick in die Zellengewölbe. 
© Frank Hoehler
Der Große Wendelstein in der Albrechtsburg ist eine Meisterleistung von Arnold von Westfalen und wurde später vielfach kopiert; hier der Blick in die Zellengewölbe.

Kunstdiener und Parlier könnte er bei Hans Kumoller in Zerbst gewesen sein. Der Architekturhistoriker Stefan Bürger vermutet, dass Arnold von Westfalen an der Wiener Dombauhütte sein Wissen vervollkommnete. Sie gehörte neben der Kölner und Straßburger zu den Haupthütten im Mittelalter. Damit entfernte sich Arnold aus der Provinz und lernte Progressives kennen. Im Umfeld des Wiener Dombaumeisters Hans Puchspaum hat er wohl den Bau von Kirchen in Wien und Steyr miterlebt, wo gedrehte Basen und vorhangbogenartige Formen gemeißelt wurden, die weiterentwickelt zu Arnolds Markenzeichen wurden. Ab 1460 soll Arnold in die landesherrlichen Dienste der Wettiner getreten sein, in Görlitz gearbeitet und vielleicht sogar Brücken in Dresden gebaut haben. Nachweisbar sind ­Bürgers Vermutungen nicht, aber plausibel. Sie fußen - wie so oft nötig für schriftenarme Zeiten - auf stilistischen Vergleichen. Quellen für wirklich Geschehenes gibt es erst für das letzte ­Lebensjahrzehnt von Arnold.

Aus dem Dunkel der Geschichte tritt Arnold von Westfalen zwischen 1471 und 1482. Im Juni 1471 stellten der Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht in Dresden ein Schriftstück aus, das als sogenannte Bestallungsurkunde für das gerade ins Leben gerufene Landeswerkmeisteramt gilt. Es ist eine "Uffnemung Meister Arnolts Westveling zcu eynem buwemeister". Von nun an erhielt Arnold Jahressold und Wochenlohnzahlungen und jährlich ein Hofgewand durch die kurfürstliche Kammer. Die ihm unterstellten Amtsleute mussten Arnold auf den Baustellen verköstigen, ihn beherbergen und sein Dienstpferd versorgen. Von bürgerlichen Steuern und Diensten war er befreit. Er wählte die Bauleute aus und legte ihren Lohn fest. Arnold hatte es zur obersten Instanz im Bauwesen gebracht.

Die Albrechtsburg heute: In den Jahren 1873 bis 1882 entstand als Neuschöpfung von Historienmalern der Dresdner Kunstakademie ein bilder- und ornamentreicher Schmuck im Geiste der Romantik und des Historismus. 
© Frank Hoehler, Dresden
Die Albrechtsburg heute: In den Jahren 1873 bis 1882 entstand als Neuschöpfung von Historienmalern der Dresdner Kunstakademie ein bilder- und ornamentreicher Schmuck im Geiste der Romantik und des Historismus.

Sachsen gehörte damals zu den aufstrebenden Ländern. Die Söhne des Kurfürsten Friedrichs des Sanftmütigen, Kurfürst Ernst (1464-86) und Herzog Albrecht (1486-1500), hatten 1464 die gemeinsame Landesherrschaft über Sachsen und Thüringen angetreten und beschlossen, auf dem gewaltigen, rings im Lande sichtbaren Meißner Burgberg eine neue Residenz zu errichten. Der Burgberg, auf dem sich auch der Dom und verschiedene andere Gebäude drängen, war seit dem 10. Jahrhundert Sitz zweier feudaler Herrschaftsgewalten: des Markgrafen und des Bischofs. Weil die Burg günstig lag, lockte sie Kaufleute, Händler und Handwerker an, die Stadt blühte auf und stärkte gleichzeitig das Fürstengeschlecht der Wettiner, eine willkommene Wechselwirkung. Als man im erzgebirgischen Schneeberg dann 1470 weiteres Silber fand, brachte das den Landesherren viel Geld in die Kassen. Von überallher strömten nun Künstler, um zum Ruhme der Sachsen zu dichten, zu malen und zu bauen und dem bis dahin von der Gotik nahezu unberührten Land einen neuen und eigenwilligen Anstrich zu geben. Unter ihnen stand, zur richtigen Zeit am richtigen Ort, in erster Reihe Arnold von Westfalen, tief verwurzelt in mittelalterlichen Traditionen. Währenddessen hatten in Rom Architekten wie Leon Battista Alberti (1404-72) bereits ihre Hauptwerke des kommenden Stils, der Renaissance, geschaffen. Der führende Florentiner Architekt der Renaissance, Filippo Brunelleschi (1377-1446), war seit 26 Jahren tot, als Arnold antrat, um im politisch mächtig gewordenen Sachsen eine andere großartige Leistung zu vollbringen: die deutsche Spätgotik zu ihrer vollendeten Form zu führen.

Doch Künstler-Architekt?

Seine Stärken lagen in der Praxis und in der Theorie. Es existiert glücklicherweise ein Brief des Obermarschalls Hugo von Schleinitz an den Rat von Mittweida, der besagt, dass Meis­ter Ornald (Arnold) "Seines Gnädigen Herrn Obersten Werckmeister zum Kriebenstein (…) der tüglichste und behän­des­te Werckmeister uf Steinwerck und Mauern zu machen sey/ den er ie erkant habe/dass er nicht allein in der Kunst/und Arbeit/son­dern auch in dem Rath tüglich und gut sey."

Arnold war also Planer, Gutachter, Inspektor und Berater. Aus unserer Sicht heute verkörperte er den kreativen Künstler-Architekten und überwachenden Bauleiter mit organisatorischen Talenten in einer Person.

Während Arnold den ersten Schlossbau auf deutschem Boden errichtete und sich mit großzügigen Vorhangbogenfenstern, die regelmäßig in die Fassade eingeschnitten sind und viel Licht spenden, vom unregelmäßigen, trutzigen Burgenbau abwendet, betreut er - wenn auch nur zeitweise - zahlreiche andere Bauten in den wettinischen Landen. Sie sind wie die gotischen Kathedralen das Werk vieler Generationen von Handwerkern und Künstlern. Arnold hinterlässt überall seine Spuren. Das sind oft atemberaubende Gewölbe, diffizile Wendelsteine und freundliche große Fenster: so am Schloss Hartenfels in Torgau, am Dresdner Schloss, an der Burgkapelle in Rochlitz, am Küchentrakt der Burg Kriebstein, an Schloss Tharandt. Er baut in Grimma, an der Pleißenburg, am Gewandhaus in Leipzig und an der Zwickauer Marienkirche. In Meißen selbst erkennt man seine Handschrift an den unteren Türmen des Doms und an der Wolfgangkapelle.

Die durch Silberbergbau reichen Wettiner-Brüder Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht verliehen ihrem politischen und gesellschaftlichen Rang mit dem Bau der Albrechtsburg auf dem bereits dicht bebauten Meißner Burgberg machtvoll Ausdruck. Sie sollte als neue Residenz für zwei Familien und ihr Gefolge am Ort der alten Markgrafenburg dienen. 
© Frank Hoehler, Dresden
Die durch Silberbergbau reichen Wettiner-Brüder Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht verliehen ihrem politischen und gesellschaftlichen Rang mit dem Bau der Albrechtsburg auf dem bereits dicht bebauten Meißner Burgberg machtvoll Ausdruck. Sie sollte als neue Residenz für zwei Familien und ihr Gefolge am Ort der alten Markgrafenburg dienen.

Er ist ein vielbeschäftigter Mann, der die Vollendung seines größten Werks nicht mehr erlebt. An der Albrechtsburg wird bis 1525 weitergebaut, mit einer Unterbrechung von 1498 bis 1520.

Allerdings liegt Ironie in der Geschichte: Der zur Residenz bestimmte, mit ungewöhnlichem Aufwand an Material ausgeführte Bau sollte niemals seiner Bestimmung dienen. Kurz nachdem die Bauarbeiten abgeschlossen waren, wurde die gemeinsame Regierung der wettinischen Brüder aufgehoben und das Land geteilt. Albrecht fiel die alte Mark Meißen zu. Aus diesem Grund nannte man die Burg im 17. Jahrhundert nach ihm "Albrechtsburg". Schon Albrechts Sohn und Nachfolger, Georg der Bärtige, kehrte Meißen den Rücken und erhob Dresden zur Residenz.

Sein Meisterwerk der Spätgotik gilt zwar als Meilenstein der Architekturgeschichte, wurde aber niemals bewohnt. Und es kam noch schlimmer. Der Bau wurde während des Dreißigjährigen Krieges stark beschädigt und die gesamte Inneneinrichtung vernichtet. 1710 widmete August der Starke die Burg zur Porzellanmanufaktur um, weil er glaubte, dass man in ihrer isolierten Lage das Geheimnis um das "weiße Gold" am besten bewahren könne.

Handwerker auf einer Baustelle im späten 15. Jahrhundert: Federzeichnung aus der Spiezer Bilderchronik, Bern, 1485. 
© Repro
Handwerker auf einer Baustelle im späten 15. Jahrhundert: Federzeichnung aus der Spiezer Bilderchronik, Bern, 1485.

Aber bleiben wir bei Arnold, denn damals entwickelte sich unter seiner Leitung die Meißner Bauhütte zur zentralen Ausbildungsstätte für sächsische Steinmetzen und Maurer. Sie bestimmte für ein dreiviertel Jahrhundert das Baugeschehen und trug das ­- wir können an dieser Stelle nicht umhin, das Wort zu gebrauchen - "geniale" Formverständnis Meister Arnolds ins ganze Land.

Ausschlaggebend wurde scheinbar eine Kleinigkeit: Man stellte die ehemals schlechter bezahlten Maurer mit den Steinmetzen im Lohn gleich. Ein kleiner Schritt mit großer Wirkung. Dadurch kam es zur bruderschaftlichen Zusammenarbeit beider Gewerke, die unbedingt für Arnolds Wölbungstechnik nötig waren. Die Maurer konnten sie ohne Gerüste aus freier Hand fertigen. Das war billiger und ging viel schneller: Die Maurer spielten plötzlich eine bedeutende Rolle. Auf der anderen Seite hatte Arnold ständig damit zu kämpfen, dass die Arbeiter von den Baustellen wegliefen. Trupps, die aus Schwaben und Franken kamen, zogen bald wieder ab. Die Bauherren waren gezwungen, die Räte der Städte anzuschreiben, um Handwerker zu bekommen und Entlaufene durch Zureden oder Gewalt zur Rückkehr zu zwingen.

War Arnold etwa ein unbeugsamer Chef? Am Lohn seiner Leute konnte es jedenfalls nicht liegen. Während ein Maurer in der Hütte 13 Groschen Wochenlohn erhielt, Zimmerleute 12 und ein Tagelöhner 8, bekamen die Schlosser und Tischler in der Stadt nur 3 bis 5 Groschen, ein Schneider nur einen, also wesentlich weniger als sogar die Ungelernten am Bau eines landesherrlichen Schlosses. Man kann nur mutmaßen, warum es Massenfluchten gab. Wahrscheinlich war die Arbeit besonders anspruchsvoll und anstrengend. Der Tag begann um fünf Uhr morgens und endete um sieben Uhr abends. Und das an sechs Tagen in der Woche. Gegessen wurde auf der Baustelle. Ein schwacher Trost: Im Spätmittel­alter gab es neben den freien Sonntagen über vierzig Feiertage. Dem Charakter des obersten Auf­sehers kommt man auf diese Art aber auch nicht näher.

Spurensuche im Hafer

In dem unstillbaren Verlangen, einer Persönlichkeit wie Arnold von Westfalen doch noch ein Gesicht zu verleihen, weil es kein Bildnis von ihm gibt, werden auch sperrige Dokumente entziffert.

Die Handschrift Arnold von Westfalens erkennt man deutlich an der Kapelle von Schloss Rochlitz, das er um 1470 umgestaltete. 
© Frank Hoehler, Dresden
Die Handschrift Arnold von Westfalens erkennt man deutlich an der Kapelle von Schloss Rochlitz, das er um 1470 umgestaltete.

Der Wissenschaftler Ernst-Heinz Lemper studierte in den 1970er Jahren den Futterverbrauch und Hufbeschlag von Arnolds Dienstpferd. Wo immer die Haferrationen in Haushalts-Rechnungen auftauchten, konnte er sicher sein, dass sich Arnold an diesen Orten aufgehalten hatte. 1477 wird er in Wochenrechnungen der Albrechtsburg sogar laufend "cum equo" - mit Pferd - unter den vom Meißner Küchenamt Verpflegten genannt. Daraus entnahm Lemper - immerhin -, dass Arnold auf der Burg wohnte und die Arbeiten intensiv vorantrieb.

Gibt es denn nicht vielleicht doch noch etwas richtig Menschliches zum Schluss? Etwas, das den Baumeister, der mit seinen Räumen weit mehr als bloßes Handwerk schuf, aus dem Schatten seines Werkes treten lässt? Eigentlich schon. 1479 erwarb Arnold von seinen Schwägern für 700 Gulden das Rittergut Langenau bei Freiberg, ein "Anwesen mit Herrenhaus, Vorwerk und Bauernstellen, der hohen und niederen Gerichtsbarkeit". Nach seinem Tod wandte sich seine Frau Margarete von Rülcke in einem undatierten Brief hilfesuchend an ihre Vormünder. Offenbar hatte sich Arnold von Westfalen völlig übernommen. Wie viele Genies starb er verschuldet und hinterließ ein armes, unmündiges Kind und eine klagende Witwe. Sie konnte nicht einmal mehr die ausstehenden Arztrechnungen ihres Mannes bezahlen.

Christiane Schillig

Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen
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