Öffentliche Bauten Oktober 2009

Das Mariengymnasium in Jever hütet eine bedeutende Bibliothek

Ostfriesland ist ein Bücherland

Es dürfte Sie etwas erstaunen, aber Ostfriesland ist, zumindest historisch gesehen, ein Bücherland." So beginnt ein Brief vom 12. September 2007 an die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD), verfasst von Hermann Schiefer, einem engagierten Denkmalpfleger am Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege.

Das größte Gymnasium Niedersachsens besteht neben dem hier gezeigten Altbau aus dem Jahr 1900 aus mehreren Gebäuden, die zwischen 1957 und 1980 entstanden. 
© ML Preiss
Das größte Gymnasium Niedersachsens besteht neben dem hier gezeigten Altbau aus dem Jahr 1900 aus mehreren Gebäuden, die zwischen 1957 und 1980 entstanden.

Schiefer geht es um Unterstützung bei der Erhaltung von 10.000 Büchern. Er schreibt, dass Ostfriesland einst nicht nur reich an Privatbibliotheken wegweisender Humanisten, Theologen und Juristen war, sondern dass in Städten wie Emden im 16. Jahrhundert ebenso fleißig gedruckt wurde. Ostfrieslands Problem: Es gibt dort keine gewachsene Landesbibliothek. Verantwortungsvolle Sammler retteten jedoch Teile des hiesigen Bücherschatzes aus der Renaissance vor dem Verkauf außer Landes. So hütet etwa die Landschaftsbibliothek Aurich wichtige Handschriften und Drucke - und die Bibliothek des Mariengymna­siums in Jever, die mit ihrem bibliophilen Erbe nicht allein gelassen werden kann.

Wie kommt es, dass im größten Gymnasium Niedersachsens mit etwa 1.500 Schülerinnen und Schülern eine der bedeutendsten Büchersammlungen der Region aufbewahrt wird? Immerhin stammen die ältesten Bände aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert. Wie konnten solch wertvolle Bücher in eine Schulbibliothek gelangen?

©  ML Preiss 
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Ganz einfach: Sie gehören zu diesem Ort. Denn das Mariengymnasium wurde bereits 1573 von Maria von Jever als Lateinschule gegründet, und ihr Schloss liegt vis à vis dem heutigen Hauptgebäude. Insofern ist die Bibliothek, die im Wesentlichen im 19. Jahrhundert aufgebaut wurde, immer an diesem Ort geblieben - eine Seltenheit. Für ­ihre Bestände gilt, was für viele alte Bibliotheken zutrifft: Es kommen immer wieder Überraschungen zutage. So fand man in Jever vor einer Weile Notenblätter des Komponisten Georg Philipp Telemann. Auch die Entdeckung von Händel-Handschriften im Mariengymnasium hatte zuvor die Fachwelt aufhorchen lassen. Die Buchbestände, die bereits erfasst wurden, sind an den Niedersächsischen Zentralkatalog in Göttingen angeschlossen und damit der Öffentlichkeit zugänglich.

Aufgrund der normalen Alterung und zu feuchter Lagerung in den Nachkriegsjahren entstanden unterschiedlich schwere Schäden an den Einbänden und am Buchpapier. Nun wird sukzessive behutsam gesäubert, entfettet und der Erhaltungszustand dokumentiert. Welche Bücher in welcher Reihenfolge von erfahrenen Restauratoren behandelt werden, hängt vom Schadensbild und den finanziellen Möglichkeiten ab. Der Bibliotheksleiter Hartmut Peters und seine Mitarbeiterinnen in der Buchwerkstatt werden von einem rührigen Förderverein unterstützt, der mit der Universität Göttingen zusammenarbeitet. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz fördert das große Engagement mit Hilfe der Rudolf-August Oetker Stiftung.

Angela Pfotenhauer

Kopfgrafik - Bild links: Einer der Schätze der Bibliothek ist die "Lübecker Bibel von 1470", geschrieben in niederdeutscher Sprache, reich geschmückt mit Holzschnitten von zwei verschiedenen Künstlern, links der Homann Atlas Nr. 1 und Nr. 2, Nürnberg 1730 bis 1790.