Wohnhäuser und Siedlungen Städte und Ensembles Menschen für Denkmale August 2009

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz unterstützt das Wohnen zur Probe in Görlitz

Schau doch mal rein!

Die Wahl fällt schwer, denn in der Jesus-Bäckerei sieht alles lecker aus. Lutz Hohle entscheidet sich für helle Brötchen und eine Kokosmakrone zum späten Frühstück. Er verlässt den kleinen Eckladen in der Görlitzer Altstadt am Nikolaigraben und steigt auf sein Fahrrad, das er vor dem Bildstock nebenan geparkt hat.

Blick auf die Görlitzer Peterskirche 
© S. Wenzel
Blick auf die Görlitzer Peterskirche

Hier hält jedes Jahr am Karfreitag die Gemeinde auf der Prozession zum Heiligen Grab. Bildstock und Bäckerei sind eine Station des Passionswegs Christi, der in der nahegelegenen Peterskirche beginnt. Der Bäckermeister spendet den Gläubigen Salzbrot zur Wegzehrung. Lutz Hohle ist nicht religiös, aber er schätzt das Hausgebackene und die familiäre Atmosphäre. Für ihn ist die Jesus-Bäckerei eine "coole Entdeckung" in einer Stadt voller Altertümer, etwas Kurioses, das er im ehrwürdigen Görlitz nicht erwartet hätte. Er radelt zurück ins Gründerzeitviertel, in die Hartmannstraße 1a, wo er zur Probe wohnt.


Hohle ist einer von 576 Interessenten aus Deutschland, Polen, der Schweiz und sogar aus Chile, die sich darum beworben haben, gratis ­eine Woche Görlitzer Innenstadtluft zu schnuppern: in einer restaurierten, modern eingerichteten "Dreiraumwohnung", immer von Sonntag bis Sonntag. Dieses Angebot des Görlitz Kompetenzzentrums Revitalisierender Städtebau der Technischen Universität Dresden und der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft wird vom Bundesbauministerium gefördert. Das Modell zielt darauf ab, Vorurteile vor allem ostdeutscher Bürger gegenüber der historischen Altstadt und den Gründerzeithäusern abzubauen und die von Leerstand geplagten Viertel zu beleben.

Der 33-jährige Hohle, den ein Radiobericht über die Testwoche hierherlockte, wohnt in der Stadt Brandenburg. Görlitz ist ihm nicht fremd. Er wurde hier geboren und verbrachte die ersten acht Lebensjahre an der Neiße. Das in seiner Erinnerung grau-in-graue Stadtbild erkannte er kaum wieder wie viele, die nach langer Abwesenheit zurückkehren. Unter- und Obermarkt, Peter- und Brüderstraße sind nahezu vollständig restauriert und wirken durch ihre Farben freundlich und einladend. Touristen streifen bei gutem Wetter in Scharen durch die Stadt und nehmen an kostenlosen Führungen teil.

Lutz Hohle vor der Jesus-Bäckerei 
© R. Rossner
Lutz Hohle vor der Jesus-Bäckerei

Alarmierende Ruhe

Viel Geld - auch von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz - floss in die Restaurierung des Kulturgutes dieser östlichsten deutschen Stadt. Mit nahezu 4.000 Baudenkmalen aus allen Epochen kann sich Görlitz mit einem ungeheuren baulichen Reichtum schmücken. Die Besucher bewundern das Äußere, freuen sich an der Kulisse, aber sie dringen nicht bis in ihre Seele vor, denn sie verlassen die Stadt nach wenigen Tagen wieder. Viele Görlitzer leben lieber außerhalb des Zentrums in Plattenbau-Siedlungen wie Königshufen. In den bürgerlichen Wohnvierteln des 19. Jahrhunderts ist es werktags und am Wochenende, morgens, mittags und abends still. Ein Drittel der Wohnungen steht leer, Erdgeschossläden warten darauf, dass hier Caféhausbetreiber oder Einzelhändler einziehen - eine alarmierende Ruhe. Die Quartiere im Südwesten haben den Ruf, dicht bebaut, dunkel, eng und laut zu sein, ohne Ausblick auf die Schönheiten der Stadt oder ins Grüne. Außerdem fürchten viele die berüchtigten Kohleheizungen, hohe Decken, in denen es im Winter kalt bleibt und sich im Sommer die stickige Luft staut, und vor allem die Toiletten auf halber Treppe. Dies sind Szenarien längst vergangener DDR-Zeiten, die sich tief in die Köpfe der Menschen eingegraben haben.

Beate und Gerhard Michna auf dem Balkon ihrer Probewohnung in der Löbaustraße 6 in Görlitz 
© R. Rossner
Beate und Gerhard Michna auf dem Balkon ihrer Probewohnung in der Löbaustraße 6 in Görlitz

Gerhard und Beate Michna sind aus dem rund 1.800 Einwohner zählenden Luftkurort Jonsdorf im Zittauer Gebirge gekommen, um in Görlitz zur Probe zu wohnen. Sie tragen sich seit zwei Jahren mit dem Gedanken, ihr Eigenheim und das 1.500 Quadratmeter große Grundstück zu verlassen. Vor dreißig Jahren haben sie es in vier harten Jahren selbst errichtet. Nun wird ihnen die Arbeit dort zu viel, und sie brauchen den Platz nicht mehr. Sie brauchen jetzt Ärzte. Gerhard Michna hat mehrere Bypass-Operationen hinter sich. Er ist darauf angewiesen, dass ihn regelmäßig Spezialisten untersuchen. Die fand der 69-jährige Rentner in Görlitz. Er muss aber jedes Mal über Zittau, Hirschfelde und Ostritz anreisen. Seine Frau Beate, die nach der Wende zur Fußpflegerin umschulte und nun selbständig arbeitet, lernte in Görlitz bei der Post. 1963 sah die Stadt noch schön aus, und daran erinnert sie sich gern. Aber für die beiden ist "auf Probe" alles ungewohnt in Görlitz. Sie fühlen sich nicht recht wohl in ihrer Haut, als sie in den knallroten Sesseln sitzen und zum Fenster in die Löbaustraße hinausblicken: "Mich bedrückt die Aussicht aus der Wohnung, kein Stück Himmel und kein Streifen Grün", sagt sie.

"Das Leben ist anders"

Dann nehmen sie zum ersten Mal nach dreißig Jahren die Straßenbahn, lassen ihr Auto vor der Haustür stehen, amüsieren sich ein bisschen, denn sie wissen nicht, wie sie an Fahrkarten kommen sollen. Man hilft ihnen weiter, und die zwei bekommen ein Gefühl dafür, wie mobil sie bleiben können, auch wenn sie in ein paar Jahren vielleicht kein Auto mehr fahren.

Sonnenschein lockt die Michnas immer wieder nach draußen, und im Laufe der Woche tun sie das, was in Jonsdorf nicht möglich ist: Sie besuchen eine Kirche nach der anderen, zunächst die beherrschende Peterskirche auf dem Burgberg über der Neiße, die Jacobuskirche, die Nikolaikirche und schließlich zu Fuß die Lutherkirche in ihrem Wohnquartier. Die Pracht im Inneren des neugotischen Zentralbaus macht die zwei schweigsam. Sie bestaunen den Schmuck der Wände und Gewölberippen, Ornamentbänder mit Weinlaub und Getreideähren, Lilien, Heckenrosen und Tulpen, Eichenlaub und Palmenzweige. Das Gefallenen-Gedenkbuch trägt auf dem holzgeschnitzten Einbanddeckel die Lutherrose. Ihre Augen gehen über von der Schmuckvielfalt, dem Gold und den rot glühenden Farbfenstern. Und immer noch bleibt viel zu entdecken: In die Synagoge haben es die Michnas bisher nicht geschafft, auch nicht in die Ratsapotheke oder in den Schönhof.

Er lädt zum Bleiben ein: der Görlitzer Marienplatz mit dem „Dicken Turm 
© S. Wenzel
Er lädt zum Bleiben ein: der Görlitzer Marienplatz mit dem „Dicken Turm

Das Leben in der Stadt ist anders. Daran muss man sich erst gewöhnen. Werbeplakate und gute Worte nutzen aber nicht viel. Die Menschen müssen selbst die Unterschiede spüren. Deshalb können sie in Görlitz Probe wohnen.

Im Mai 2007 verabschiedeten die EU-Minis­ter für Stadt- und Raumentwicklung die Charta von Leipzig und forderten darin eine "Renaissance der Städte": Die Stadt muss schön sein. Baukultur ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Sie gibt Impulse für Wachstum. In Zeiten, in denen es überall alles gibt, werden ortsabhängige Qualitäten, eben das Nicht-Austauschbare wie die Görlitzer Baukunst, besonders wichtig.

Während die Michnas langsam den Zugang zu Görlitz finden, hat ihn sich Lutz Hohle im Internet und mit Hilfe eines Stadtmagazins sehr schnell verschafft. Schon nach ein paar Tagen bewegt er sich in den Altstadt-Straßen und Cafés wie zu Hause. Erstaunt darüber, wie viel lebendiger hier im Vergleich zu Brandenburg alles ist, schlendert er über den Obst- und Gemüsemarkt an der Elisabethstraße und kauft von einer jungen Frau einen Korb polnischer Erdbeeren. Die Erdbeeren schmecken aromatisch wie die deutschen, aber sie sind günstiger als anderswo im Land. Die Nähe zur Nachbarstadt Zgorzelec, die bis 1945 ein Stadtteil von Görlitz östlich der Neiße war, findet Lutz Hohle spannend, genießt die Mischung aus Bekanntem und Fremden.

Lutz Hohle beim Einkauf auf dem Markt in der Elisabethstraße. 
© R. Rossner
Lutz Hohle beim Einkauf auf dem Markt in der Elisabethstraße.

Im Café Flüsterbogen gegenüber dem Hotel Börse am Rathaus spricht er junge Leute an, die ihm einen Besuch im Apollo-Theater empfehlen. Dort sieht er "Neunzehn/Neun/&/Achtzig", ein Wendestück und trifft nicht nur auf der Bühne jugendliche Schauspieler, sondern auch ein junges Publikum und fühlt sich nicht mehr allein.

Schockierend ist der Zustand des Kaufhauses am Demianiplatz, einer der schönsten Paläste dieser Art in Deutschland und noch im originalen Zustand von 1912/13. Außen sieht man dem mit Naturstein verkleideten Stahlskelettbau den Niedergang nicht an, die hohen Fensterbahnen und der reiche Bildhauerschmuck sind phantas­tisch restauriert, aber innen kämpft die ehrfurchtgebietende Architektur in ihrer Wirkung gegen Ramschregale an: Das sich zum Lichthof über drei Geschosse öffnende Erdgeschoss mit Treppenbrücken beherbergt auf einfachen Tischen Billigprodukte und Sonderangebote wie eine prächtige Pralinenschachtel, die mit Schokoladenbruch gefüllt ist.

Kein Hauch der weiten Warenwelt

Die Michnas waren neugierig auf dieses Flaggschiff der Kaufkultur, das von weitem mit dem Berliner "KaDeWe" konkurrieren kann. Sie staunen nicht schlecht über das ornamentale Jugendstil-Glasdach in schwindelnder Höhe, kaufen aber nichts: "Die Qualität lässt zu wünschen übrig", so Gerhard Michna. Im Zentrum des Konsums zeigen sich die Widersprüche offen: Zwar wurde in Görlitz in den vergangenen zwanzig Jahren viel geleistet, aber noch immer liegt die Arbeitslosigkeit bei rund 19 Prozent, und die Kaufkraft ist entsprechend gering.

Der Untermarkt vom Balkon gesehen 
© S. Wenzel
Der Untermarkt vom Balkon gesehen

Im Juni 2008 hatte Görlitz 58.864 Einwohner. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren es noch 90.000. Schon zu DDR-Zeiten wanderten die Menschen auf der Suche nach Arbeit ab. Seit 2007 atmen die Stadtväter auf: Mehr Menschen melden ihren Wohnsitz an als ab. Jeder Zweite der 2.000 Neubürger ist über 60 Jahre alt. In Seniorenkreisen hat sich die Stadt als Ruhesitz mit geringen Lebenshaltungs-Kosten und einem ansprechenden Kulturangebot einen guten Namen gemacht.

Stadt der kurzen Wege


Damit aus Görlitz aber nicht ausschließlich ein Paradies für Rentner wird, wendet sich das Projekt "Probewohnen" auch an Familien. Die Schuberts nahmen im vergangenen Herbst an der ersten Staffel teil und zogen vorübergehend mit den beiden jüngeren Kindern in den dritten Stock der Löbaustraße 6. Hier erwarteten sie klare Formen in Schwarz, Weiß und Rot, viel Sachlichkeit und keinerlei Stuck, denn die Testwohnungen sind keine Luxusexemplare. Sie gehören zum bezahlbaren Durchschnitt, haben mittelhohe Decken und Kunststoffböden statt Parkett. Die Familie stellte sich für eine Woche komplett um: Sie bewohnte bis dahin einen idyllischen Vierseithof in Königshain, zehn Kilometer westlich des Görlitzer Zentrums.

Das vom Zweiten Weltkrieg verschonte Gründerzeitviertel nach der Restaurierung 
© R. Rossner
Das vom Zweiten Weltkrieg verschonte Gründerzeitviertel nach der Restaurierung

Der ist inzwischen verkauft, denn Vater Wolfram arbeitet ohnehin in der City, und die Kinder gehen hier zur Schule, haben hier ihre Freunde und Hobbys. Das Quartier, in dem sie nahezu alles zu Fuß erledigen können, überzeugte die Schuberts: Sie mieteten eine Fünf-Zimmer-Wohnung. Mutter Anna-Magdalena fährt jetzt nicht mehr jeden Tag als "Taxi Mama" in die Stadt und wieder hinaus. Plötzlich hat sie soviel freie Zeit, dass sie ab August eine Ausbildung als Steuerfachgehilfin beginnt.

Auf eine solche Vorzeige-Familie wie die Schuberts hatte die Leiterin des Projekts "Probewohnen", Anne Pfeil, gar nicht zu hoffen gewagt. Sie setzten in die Tat um, was das Modell auf lange Sicht bezweckt. Bei schrumpfender Bevölkerung in Deutschland wird sich über kurz oder lang das Leben aller verändern. Die räumliche Trennung von Wohnen, Arbeiten und Versorgung passt nicht mehr ins 21. Jahrhundert. Wenn mittelgroße Städte überleben wollen, müssen sie sich auf ihren Kern konzentrieren, dürfen an den Rändern nicht weiter zerfleddern. Einer Stadt ohne Zentrum fehlt das Herz, und sie stirbt. Der Leerstand in Görlitz ist kein Einzelfall. Städte wie Halle und Chemnitz treten ihm entgegen, indem sie unter Protesten begonnen haben, Häuser und Siedlungen abzureißen. Andere schielen nach Görlitz und den ideenreichen Anstrengungen, Vorbehalte gegen das Wohnen in der Innenstadt auszuräumen. Die Charta von Leipzig sieht in einer "Stadt der kurzen Wege" die bessere Zukunft, wo Strom, Heizkosten und Benzin eingespart werden und grünes Umland nicht mehr mit Eigenheimen oder Einkaufszentren zersiedelt wird. Durch günstige Mieten allein ist kaum jemand in die City zu holen; die Preise sind mit vier bis sechs Euro pro Quadratmeter im Zentrum wie am Stadtrand von Görlitz annähernd gleich.

Mieter als Experten


Beim "Probewohnen" sind die Wohnenden und nicht die Architekten die Experten. Von ihren Beobachtungen lernen die Wissenschaftler der TU Dresden. Die Stadtforscher haben alle Gespräche mit den Ausgewählten - vor, während und nach der Testwoche - aufgezeichnet und wichtige Hinweise zur Gestaltung der Wohnung, der Innenhöfe und der Straße erhalten. Vielen war die gute Nachbarschaft sehr wichtig. Dahinter treten Wünsche zum Schnitt und zur Lage der Wohnung zurück. Die Wohnungsbaugesellschaften sollten künftig also besonderes Augenmerk darauf richten, die Hausgemeinschaft sorgfältig auszuwählen, sagt Anne Pfeil, und beispielsweise bunt Senioren, Singles und Familien mischen. So könnten ältere Menschen jungen Familien beim Babysitten helfen und jüngere für Betagte einkaufen. Wenn das Miteinander klappt - hörte man in Interviews -, fühlen sich alle am wohlsten und nehmen gern die räumliche Nähe zueinander in Kauf.

Etwa sechzig Prozent der Altbausubstanz in Görlitz´ Gründerzeitviertel wurde bislang restauriert. 
© R. Rossner
Etwa sechzig Prozent der Altbausubstanz in Görlitz´ Gründerzeitviertel wurde bislang restauriert.

Und wie sieht es bei Gerhard und Beate Michna und Lutz Hohle aus? "Hätten Sie mich vor einer Woche gefragt, ob ich mir vorstellen kann wieder herzuziehen, hätte ich schlichtweg abgelehnt. Aber jetzt käme das für mich durchaus in Frage", meint der junge Mann.

Die Michnas sind verhaltener. Sie haben erlebt, wie abwechslungsreich der Alltag sein kann, wissen aber auch, wie viel Mühe es kostet, neue Freundschaften zu schließen. Dennoch möchten sie den Umzug wagen. Absolutes Muss wäre allerdings ein Balkon mit Blick ins Grüne, eine kleine Entschädigung für die Aussicht auf das Zittauer Gebirge.

Christiane Schillig