Februar 2008

Helfen Sie mit, ein tausendjähriges Kloster zu bewahren

Im Namen der Ilse

An einem kalten und regnerischen Novembertag steige ich zum Kloster Ilsenburg empor. Unwillkürlich muss ich an Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" denken, der an einem spätherbstlichen Morgen Ende November beginnt. Adson von Melk müht sich mit seinem Mentor William von Baskerville den verschneiten Pfad zu einer Benediktinerabtei hinauf und ist überrascht "von der Massigkeit dessen, was sich später als Aedificium herausstellen sollte". Das wäre ihm vermutlich in Ilsenburg nicht viel anders gegangen. Dort hätten ihn die 30 Meter hohen Türme der Klosterkirche in den Bann gezogen. Die Größe der Anlage lässt sich heute leider nur noch erahnen, schmälert die Bedeutung dieses Benediktinerklosters aber keineswegs.

Die Restaurierung von Kloster Ilsenburg ist auf einem hoffnungvollen Weg, aber es bleibt noch viel zu tun.  
© ML Preiss
Die Restaurierung von Kloster Ilsenburg ist auf einem hoffnungvollen Weg, aber es bleibt noch viel zu tun.

Die düstere Geschichte Ecos spielt im Jahr 1327. Damals war die Blütezeit des Ilsenburger Klosters bereits vorbei. Es war zu Beginn des 11. Jahrhunderts vom Halberstädter Bischof Arnulf gegründet worden, nachdem König Heinrich II. seine Jagdpfalz Elysynaburg der dortigen Kirche geschenkt hatte. Weil die königlichen Vasallen die Pfalz nicht verlassen wollten, wurden sie kurzerhand verjagt und kamen in einer Burg auf dem nahegelegenen Ilsenstein unter, von wo aus sie das Kloster unablässig angriffen. Erst zu Beginn des 12. Jahrhunderts gelang es, die Königstreuen von dort zu vertreiben und die Burg zu zerstören. Sieben Jahrhunderte später wird Heinrich Heine während seiner Harzreise auf diesem Granitfelsen stehen, "der sich lang und keck aus der Tiefe erhebt. (...) Hier schaut man das unten liegende Ilsenburg und die Ilse, weit hinab ins niedere Land".

Ehemaliges Dormitorium des Klosters  
© ML Preiss
Ehemaliges Dormitorium des Klosters

Unter Burchard II., der 1059 zum Bischof ernannt worden war, entwickelte sich die Benediktinerabtei in Ilsenburg zu einem der bedeutendsten und einflussreichsten Klöster der Region. Er ließ die Kirche und die Konventgebäude neu errichten und berief seinen Neffen Herrand zum Abt, dem mehrere Reformen gelangen. Reste der Klosteranlage aus dem 11. Jahrhundert sind in Ilsenburg bis heute nachzuweisen, auch wenn Brände und Zerstörungen ihr arg mitgespielt haben. Die Klosterkirche, der seit dem 16. Jahrhundert das nördliche Seitenschiff fehlt, wurde am 5. Juni 1087 durch Burchard II. geweiht. Sie besaß ursprünglich neben den beiden mächtigen Türmen ein Querschiff und einen dreischiffigen Chor. Das große Westportal ist heute zugemauert, aber noch gut im Mauerwerk auszumachen. Welche Ausmaße die Kirche damals hatte, lässt sich an den beeindruckenden Säulen und Pfeilern zwischen Haupt- und südlichem Seitenschiff nachempfinden.

Königskapitell im südlichen Kapitelsaal  
© ML Preiss
Königskapitell im südlichen Kapitelsaal

Man vermutet, dass die drei Klosterflügel, von denen der westliche nicht mehr vorhanden ist, unter den Äbten Sigibodo (um 1138-61) und Thiother (1161-76) errichtet wurden. Viele romanische Säulen mit ihren wunderschönen Kapitellen - sie sind mit Palmetten, Halbschilden und anderem Schmuck verziert - blieben aus dieser Zeit erhalten und machen das Besondere der ehemaligen Benediktinerabtei aus.

Ein Kloster ohne Bücher sei wie eine Küche ohne Geschirr und eine Wiese ohne Blumen, legt Eco dem Abt seines Romans in den Mund. Auch in Ilsenburg gab es eine Bibliothek. Sie befand sich zusammen mit dem Skriptorium vermutlich im Refektorium und nicht - wie in anderen Benediktinerabteien - im Obergeschoss der Marienkapelle, die sich an den Ostflügel mit Kapitelsaal und Dormitorium anschloss. Man ist in Ilsenburg mit Recht stolz darauf, dass die Klosterbibliothek gut bestückt war. Ob die Urhandschrift des Sachsenspiegels Eike von Repchows - eines der wichtigsten Rechtsbücher des späten Mittelalters - wirklich im dortigen Skriptorium entstanden ist, konnte aber nicht eindeutig nachgewiesen werden. Der Bestand der Bibliothek ist seit der Auflösung des Klosters im 16. Jahrhundert in alle Winde zerstreut. Bislang können nur vier Handschriften - darunter ein großer lateinischer Bibelcodex aus dem 12. Jahrhundert - dieser Klosterbibliothek zugeschrieben werden.

Nach der Reformation fiel das Kloster an die Grafen zu Stolberg-Wernigerode, die es ausbauten und dort eine evangelische Klosterschule etablierten. Während des Dreißigjährigen Krieges lebten die Grafen in Ilsenburg und richteten dort später, als sie ihren Hauptsitz nach Wernigerode zurückverlegt hatten, Wohnungen für ihre Beamten ein.

Aufwendig gearbeitete Säulen schmücken den einstigen Kapitelsaal.  
© ML Preiss
Aufwendig gearbeitete Säulen schmücken den einstigen Kapitelsaal.

1862 ließen die Grafen auf dem Gelände des Klosters unter Einbeziehung älterer Gebäude ein neoromanisches Schloss errichten, das sie bis 1929 von Zeit zu Zeit bewohnten und anschließend an die Evangelische Kirche verpachteten. Sie unterhielt dort ein Auslandsseminar, das aber 1938 geschlossen wurde. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es verschiedene Nutzungen für das Schloss, unter anderem als Hotel. Pläne der 1980er Jahre, aus der ganzen Anlage ein Erholungsheim zu machen, wurden nach der Wende nicht weiter verfolgt. Eine im Jahr 2000 von Maria Fürstin zu Stolberg-Wernigerode errichtete Stiftung kümmert sich nun darum, Kloster Ilsenburg zu restaurieren und einer geeigneten Mischnutzung als Museum, Veranstaltungsort und Begegnungsstätte zuzuführen.

Die umfangreichen und sehr kostspieligen Arbeiten - man musste Dachtragewerke und Dachdeckungen sanieren, das Mauerwerk entfeuchten, sämtliche Fenster und Türen erneuern, die romanischen Säulen sichern und vieles mehr - sind auch durch die Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz auf einem hoffnungsvollen Weg. Es werden aber noch viele Mittel benötigt, bis das kostbare Denkmal tatsächlich gerettet ist. Wir bitten Sie daher, liebe Leserinnen und Leser, helfen Sie uns, Kloster Ilsenburg und damit auch seine tausendjährige Geschichte zu bewahren.

Carola Nathan

Einen Literaturtipp zum Thema finden Sie

Die Klosterkirche und ein kleines Museum zur Geschichte des Klosters im ehemaligen Refektorium sind Mo-Fr von 8 bis 16 Uhr, an Feiertagen und an Wochenenden nach vorheriger Anmeldung zu besichtigen: Gesellschaft der Freunde und Förderer des Klosters Ilsenburg e. V., Bernd Minnich,
Tel. 0160/93 76 88 16.

Kopfgrafik - linkes Bild: Einige der Säulen im Refektorium weisen an den Schäften gedrehte Taue auf.