Öffentliche Bauten Herrscher, Künstler, Architekten April 2006

Die Franckeschen Stiftungen in Halle

Mitten im Aufbruch

August Hermann Francke zu verstehen, den Theologen, Geistlichen und Erzieher, fällt heutzutage, wo das Individuum mitsamt seinen Bedürfnissen größer geschrieben wird als gemeinschaftliche Werte, nicht eben leicht.

Franckes Pädagogik verschreckt auf den ersten Blick nicht nur wegen ihrer antiquierten und umständlichen Sprache, sondern auch wegen der darin verfochtenen Prinzipien, erklärte er doch die »Brechung« eines störrischen Willens, die ständige Beaufsichtigung der Kinder und ein Verbot des Spielens für erzieherisch notwendig; strikt pflegte er überdies zwischen den sozialen Schichten zu unterscheiden, ebenso strikt Jungen und Mädchen voneinander fernzuhalten. Alles das lässt den Voreiligen das schmale Büchlein über die »Segensvollen Fußstapfen des noch lebenden und waltenden, liebreichen und getreuen Gottes« rasch zuschlagen und möglicherweise für immer beiseite legen. Blickt man jedoch auf die überkommenen Zeugnisse dieses unermüdlichen Wirkens, dann geraten die schnell gefassten Urteile leicht ins Wanken. Franckes Hallenser Erbe ist noch heute eine Stadt in der Stadt, ein überaus lebendiger Ort der Bildung und Kultur zumal, an dem so manches tradiert wird, was die Gegenwart ansonsten oft schmerzlich vermisst: die allgemeine Persönlichkeitsbildung beispielsweise, die Integration von geistiger und praktischer Bildung, das Nebeneinander von Forschen, Unterrichten und Lernen. Aus Franckes »Fußstapfen« lässt sich wohl doch noch die eine oder andere Lehre ziehen. Nicht von ungefähr hat sich hier im Frühjahr 2002 die Bundeskulturstiftung angesiedelt. Von dem überaus erfolgreichen Francke, der aus vier Talern und sechzehn Groschen ein Imperium schuf, könnte auch sie noch so manches lernen.

Protest gegen die Verelendung
Christliche Erziehung im Kneipenviertel

Die Vorstellung, dass das Nachdenken über förderungswürdige deutsche Kultur nunmehr in den Räumen des ehemaligen »Waysenhauses zu Glaucha an Halle« stattfindet, in einer Stadt für Kinder und Jugendliche also, erscheint im Nachhinein als gelungener Coup eines zugegebenermaßen listigen Schriftstellers. Vielleicht hat Günter Grass mit dem folgenschweren Hinweis auf Halle dem zeitgenössischen Kulturbetrieb und seinen Repräsentanten indirekt eine erneute Philippika halten wollen, das jedoch, ohne einen weiteren theoretischen Diskurs zu führen, sondern durch praktischen Anschauungsunterricht - im Angesicht von Hunderten von Heranwachsenden nämlich, die täglich hierher strömen, um Kindergärten, Schulen, Ausbildungsstätten oder Universitätsfakultäten zu besuchen.

In der Tat könnte die seit längerem der Neuorientierung überantwortete Kultur von diesem Standort profitieren, wenn sie sich denn Franckes Sorge um die »Kinderlein« zu Herzen nähme und die Kultur und ihre Förderung nicht als ein Privileg von Erwachsenen handhaben würde. Umgekehrt hält der kulturelle Floh im Pelz der Erziehung und ihrer Wissenschaften auch für die Alteingesessenen vielerlei Anregungen bereit. Im Gedanken an den kreativen Gründervater ließe sich auch aus den Fragestellungen der zeitgenössischen Kunst manch wichtige Anschauung für das Leben gewinnen. August Hermann Francke jedenfalls hätte die Neuen unter seinem Dache sicherlich ebenso herzlich begrüßt wie seine Nachfolger - und sogleich nach Mitteln und Wegen gesonnen, sie in sein weit ausgreifendes Erziehungsprojekt einzubinden. Klugheit und Organisationstalent gehörten nämlich neben außerordentlichem Gottvertrauen zu den herausragenden Eigenschaften dieses Erziehers. Buchstäblich aus dem Nichts hatte er an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert sein Schul-Imperium geschaffen, nachdem er zuvor genügend Gleichgesinnte in großzügige Spender verwandelt hatte - nach dem Motto »Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb«.

Francke nahm von Beginn an nicht nur Waisenjungen, sondern auch Mädchen in seine Schule auf.  
© ML Preiss
Francke nahm von Beginn an nicht nur Waisenjungen, sondern auch Mädchen in seine Schule auf.

Dabei war Franckes Start in der Saalestadt im Jahr 1692 alles andere als einfach gewesen. Versteckte und offene Anfeindungen galten dem in Leipzig bekannt gewordenen Vertreter des Spener'schen Pietismus, zumal sich dieser nicht scheute, der eingesessenen protestantischen Kirche grobe Vernachlässigung ihrer seelsorgerischen Pflichten vorzuhalten. Die Hallenser Geistlichkeit wollte den Neuen partout weder als Pfarrer in Glaucha noch als Professor für Theologie an der gerade gegründeten Universität akzeptieren. Jahrelange unerquickliche und aufreibende Streitigkeiten waren die Folge und schließlich ein kurfürstliches Machtwort aus Brandenburg zugunsten des Neuerers - der Beginn einer folgenreichen und für die Francke'schen Einrichtungen äußerst nutzbringenden Verbindung zum Hof des späteren Königs in Preußen.

In Glaucha - im 17. Jahrhundert noch eine selbstständige Gemeinde vor den Toren Halles - hatte der junge Francke auch ohne die leidige Kollegenschelte mit äußerst schwierigen Bedingungen zu kämpfen. Eine noch nicht lange zurückliegende Pestepidemie und zwei Stadtbrände hatten zahllose Familien ihrer Existenz und ihrer Angehörigen beraubt. Die Zurückgebliebenen suchten Trost in den reichlich vorhandenen Kneipen, Kinder fristeten ihr Dasein als herumlungernde Waisen, asoziales Verhalten nahm zu. Pfarrer Richter, Franckes unmittelbarer Vorgänger, war wegen Fehlverhaltens aus dem Amt entlassen worden; Gottesdienst und religiöse Disziplin lagen ebenso im Argen wie Erziehung und Ausbildung.

Energisch und ohne zu zögern nahm Francke die Erneuerung des gottesdienstlichen und des Gemeindelebens in Angriff, bot regelmäßigen Katechismusunterricht und zusätzliche Predigten an, kümmerte sich um die Sonntagsheiligung und die Armenfürsorge. Er führte schließlich so genannte studentische Freitische ein und gründete drei Jahre nach seiner Ankunft ein Waisenhaus. Dabei schloss er, und das war durchaus nicht selbstverständlich, auch die »armen Mägdelein« nicht von den Grundlagen der Bildung aus.

Die Fassade des Hauptgebäudes zieren zwei zur Sonne aufstrebende Adler.  
© ML Preiss
Die Fassade des Hauptgebäudes zieren zwei zur Sonne aufstrebende Adler.

Franckes rastlose Tätigkeit paarte sich schon bald mit dem notwendigen Erfolg. Wenige Jahre nach dem Start seines erzieherischen Projekts war er Bauherr eines stattlichen viergeschossigen Gebäudes für die »armen Wayselein«, zugleich kühner Planer großzügiger Erweiterungsbauten, nicht minder erfolgreicher Spendensammler, Prediger, Universitätslehrer, Missionsreisender, Schriftsteller und alsbald auch Unternehmer. Bereits kurz nach der Jahrhundertwende zeichnete sich die Kontur der Franckeschen Stiftungen in ihrer Komplexität deutlich ab: Im Entstehen befand sich ein baulicher Spiegel der pietistischen Erziehung mit separaten Bereichen für praktische und geistige Arbeit, für Studium und Anschauungsunterricht - ein »Pflantz-Garten, von welchem man eine reale Verbesserung in allen Ständen in und auserhalb Teutschlands, ja in Europa und allen übrigen Theilen der Welt« erwarten sollte. Das stattliche Waisenhaus, das zwischen 1698 und 1700 am Rande Glauchas emporwuchs, sollte mithin von Beginn an nicht allein sich selbst genügen, sein gläubiger Stifter verstand es als einen »kleinen Abriß eines größern Wercks«, ihm ging es um nicht mehr und nicht weniger als die moralische Erneuerung der Welt.

Vom Waisenhaus zur Schulstadt
Steinerne Chronik des Erziehungswesens

Es wäre entschieden zu kurz gegriffen, globales Denken und Handeln als exklusives Kennzeichen der Gegenwart ansehen zu wollen, in der Vergangenheit dagegen das überschaubar Kleine und Verständliche zu verorten. Zahlreiche Beispiele lassen sich anführen, die belegen, dass der Mensch - ohne dabei die gleichen Attribute zu verwenden wie heute - immer schon über seine Grenzen hinaus strebte. Einzelnen ist das auch gelungen; August Hermann Francke war zweifelsohne einer von ihnen.

Die Rede von der »ecclesia universa« ernst nehmend, schöpfte er aus seinem Glauben die Kraft für ein auf die Mitarbeit seiner Schüler aufbauendes weltweites Missionswerk. Die den Stiftungen angeschlossene Bibelanstalt besorgte die kostengünstige Verbreitung der Grundlektüre eines jeden Christen, und das in zahlreichen, auch entlegenen Sprachen wie Wendisch, Estnisch oder Serbisch, Bulgarisch, Russisch oder Hebräisch. Franckes Predigten wurden in der hauseigenen Druckerei in hoher Auflage vervielfältigt, bei Bedarf auch übersetzt und in alle Welt verschickt. Allein in den Jahren 1711-13 konnten 350 000 Exemplare seiner Predigten verkauft werden. Ähnlich erfolgreich operierte die Anstalts-Apotheke.

Die Armillasphäre diente zur Einführung in die Astronomie. 
© ML Preiss
Die Armillasphäre diente zur Einführung in die Astronomie.

In Halle, das war auch für die Zeitgenossen unschwer zu erkennen, hatten die Überzeugung und die Überzeugungskraft eines Einzelnen buchstäblich Berge versetzt. Dabei war bereits der Halle'sche »Pflantz-Garten« als Zentrum emsiger Betriebsamkeit klug konzipiert, verlegte sich Francke doch von Beginn an darauf, seine älteren Schüler in die Ausbildung der Jüngeren einzubinden, Lernen und Lehren eng miteinander zu verzahnen und so eine Schar von Getreuen herauszubilden. So konnten seine Schulen aus sich selbst heraus wachsen - großzügige Spenden halfen, das auch nach außen hin sichtbar zu dokumentieren.
Nach dem geräumigen, heute noch platzbeherrschenden steinernen Waisenhaus entstanden vor dem ehemaligen Rannischen Tor in kurzen Abständen weitere große Bauten, die sich dem quer gelagerten Haupthaus als vier- bis sechsgeschossige Flügelbauten auf der Gartenseite anschlossen: das Mägdeleinhaus (1709), das Englische Haus (1710), das Bet- und Singesaalgebäude (1711), das Lange Haus (1713), das Pädagogium Regium (1713) mit den zugehörigen Ökonomiegebäuden, später ein Krankenhaus (1721), die Bibliothek und Druckerei (1727) sowie weitere Schul- und Ökonomiegebäude. Francke entschied sich dabei bis 1721 stets für die vergleichsweise kostengünstige Fachwerkbauweise, auch wenn er seine Bauten in Größenordnungen plante, die der Fachwerkbau in Deutschland bislang noch nicht gekannt und bewältigt hatte.

Zusammen mit dem Waisenhaus bildeten die seitlichen Flügelbauten und das quer gelagerte Pädagogium am östlichen Platzende allmählich als Kern der Gesamtanlage den Lindenhof heraus. Alle Gebäude waren denkbar schlicht gehalten, selbst das repräsentative Haupthaus verzichtete konsequent auf jedwede schmückende Bauzier. Im Mittelpunkt stand für den Bauherrn eindeutig der dienende, das heißt der funktionale Aspekt der Architektur.
Die Eckpfeiler der Francke'schen Erziehung - geistige Bildung durch Bibel- und Katechismusunterricht, Verbindung von Theorie und Anschauung in der Ausbildung, weitgehende wirtschaftliche Unabhängigkeit durch prosperierende eigene Unternehmen - spiegelt auch die innere Ordnung des in mancherlei Hinsicht Maßstäbe setzenden Hauptgebäudes wider. Im Keller beziehungsweise im Erdgeschoss waren die Druckerei, die Apotheke, ein Laboratorium und die Buchhandlung mitsamt den zugehörigen Nebenräumen untergebracht. Das erste Obergeschoss wiederum beherbergte die Schul- und Speiseräume der Knaben und Studenten, darüber lag der Predigtsaal, im Dachgeschoss schließlich fanden sich der Schlafsaal und weitere Schulstuben wie auch die Bibliothek und die berühmte Naturalienkammer mit ihren damals 153 Gegenständen; die Dachterrasse schließlich diente astronomischen Beobachtungen.

Für das Naturalienkabinett hatte Francke Duplikate aus der kurfürstlichen Raritätenkammer erhalten. 
© ML Preiss
Für das Naturalienkabinett hatte Francke Duplikate aus der kurfürstlichen Raritätenkammer erhalten.

Anschauung und zugleich praktischen Nutzen für die Stiftung boten daneben auch die verschiedenen Gartenanlagen, die sich auf der Südseite des großen Geländes erstreckten und vor allem den Alltag der »armen Mägdelein« bestimmen sollten. Denn Francke hatte bei aller Aufgeschlossenheit für die Notwendigkeiten der elementaren Bildung doch nie einen Hehl daraus gemacht, dass die für die Gesellschaft konstitutive soziale Ordnung auch in dem Erziehungssystem seinen Niederschlag finden müsse. Nicht von ungefähr wusste er in seiner Pädagogik zwischen dem Haus-, dem Lehr- und dem Regierstand wohl zu unterscheiden. Für den Alltag der Schüler bedeutete das nicht zuletzt, dass die Waisenkinder intensiv in Küche und Werkstätten arbeiteten und sich ansonsten mit den Grundlagen der schulischen Bildung begnügten, während die zukünftigen Regierungsbeamten, die im Pädagogium ihre Ausbildung erhielten, intensive Studien betrieben und die für notwendig erklärte praktische Anschauung nicht unbedingt aus der Mitarbeit in der stiftungseigenen Küche bezogen.

Wiederaufbau zwischen Hochstraße und Plattenbauten

Für Franckes Stiftungen - nach seinem Tod 1727 erfolgreich weitergeführt von Verwandten und Schülern - endete die Hauptbauzeit im Jahre 1745; der von einer Mauer umwehrte Baukomplex hatte sich bis dahin gewaltig ausgedehnt und genoss über Europa hinaus Ansehen. Studenten aus Russland und England gehörten regelmäßig zu den Besuchern der Latina oder des Pädagogiums, königliche Visiten aus Berlin hoben die Einrichtung aus dem Kreis der ortsüblichen Erziehungsanstalten heraus, viele bedeutende Schriftsteller und Denker wie Goethe oder Schiller setzten überdies ihren Fuß über die Schwelle des berühmten Waisenhauses.

Das lange Haus ist das größte bekannte Fachwerkhaus in Europa. 
© ML Preiss
Das lange Haus ist das größte bekannte Fachwerkhaus in Europa.

Im 19. Jahrhundert in das preußische Schulsystem integriert, erlebten die Stiftungen eine erneute Bautätigkeit mit dem Entstehen der so genannten Roten Schule und des Lyzeums, die - wiewohl eigenständige Einrichtungen - den engen Kontakt zu den Stiftungen und einen gemeinsamen Geist pflegten. Schwierig wurde die Lage für Franckes Erbe erst im 20. Jahrhundert. Nicht nur erfolgte nun die schrittweise Integration der Einrichtung in die Universität und damit der Verlust der juristischen Selbstständigkeit, die Nachkriegsjahre unter DDR-Herrschaft bescherten den altehrwürdigen, 1945 teilweise zerstörten Gebäuden auch eine nicht abreißende Geschichte von Vernachlässigung und Desinteresse. Sichtbarstes Zeichen dafür war die im Jahr 1968 über dem südlichen Altstadtring erbaute, nur einen Steinwurf vom Langen Haus entfernte Hochstraße nach Halle-Neustadt, die das Gelände der Stiftungen grob durchschnitt und den historischen Gebäuden mächtig auf den Leib rückte. Die Waisenhausmauer und der Ostflügel des Pädagogiums fielen dem Bau zum Opfer, Stiftungs- und Apothekengärten wurden vom Gelände abgetrennt. Aber auch die Bebauung des ehemaligen Plantagenhains des Geländes mit hoch aufragenden Wohnblöcken in Plattenbauweise atmete nichts mehr von Franckes Geist.

Sein Erbe war buchstäblich von der neuen Ästhetik sozialistischer Stadtplanung in die Zange genommen worden, und nur unverbesserliche Optimisten werden für die baufälligen Fachwerkbauten um den historischen Lindenhof noch einen Heller gegeben haben. Aber Francke, der von sich selber sagen konnte, dass sich auch in Zeiten größter Bedrängnis wie ein Wunder am Ende stets eine Rettung seines Schulunternehmens abgezeichnet habe, scheint mit seinem Gottvertrauen bis in die Gegenwart ausgestrahlt zu haben. Nicht nur kam die für das Bauwerk rettende politische Wende von 1989 gerade noch rechtzeitig, auch fand sich in dem rührigen Paul Raabe ein kongenialer Nachfolger des pietistischen Reformers, dem es bereits 1990 gelang, unter beachtlichem öffentlichem Interesse mit der Sanierung der arg gefährdeten Gebäude zu beginnen.

Auch das Mägdeleinhaus ist inzwischen restauriert. 
© ML Preiss
Auch das Mägdeleinhaus ist inzwischen restauriert.

Mit einer zeitgemäßen Formulierung des Francke-Wortes »denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb« konnte Raabe die notwendigen Mittel zusammenbringen, um die Baulichkeiten instand zu setzen, 1991 die Re-Privatisierung der Stiftungen herbeizuführen und den schönen Lindenhof erneut mit dem munteren Hin und Her von Schülern und Studenten zu füllen. Das von Christian Daniel Rauch geschaffene Francke-Standbild am oberen Ende des Hofes scheint gütig über das Wohl und Wehe der Einrichtung zu wachen.
An den umfangreichen Restaurierungsarbeiten beteiligte sich die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in den Jahren 1992-98 mit einem Betrag von etwa 900 000 Euro. Der größte Teil des Geldes wurde benötigt, um die Fundamente des Hauptgebäudes, das sich um zwölf Zentimeter gesetzt hatte und starke Risse aufwies, zu sichern. Die Stiftung unterstützte ferner die Sanierung der Freitreppe, der hofseitigen Fachwerkfassade und des einsturzgefährdeten, bereits zum Abriss freigegebenen alten Mägdeleinhauses.

Zum Beginn des 4. Jahrhunderts ihrer Geschichte sind die Franckeschen Stiftungen noch immer »mitten im Aufbruch«. Vieles ist inzwischen passiert und manches unstrittig anders geworden: Die »Mägdelein« müssen nicht mehr im Garten arbeiten, Spiel und Sport sind nicht mehr verpönt, und auch Anschauungsgegenstände der Schüler haben sich naturgemäß verändert - und doch sind die Franckeschen Stiftungen immer noch etwas Besonderes. Sie haben sich das Mit- und Nebeneinander der verschiedenen Ausbildungstypen bewahrt, eigene Forschungsschwerpunkte ausgebaut und daneben auch die Benachteiligten nicht vergessen: Handwerkliche Qualifizierung arbeitsloser Jugendlicher gehört eben auch zum Programm der neuen Stiftungen. Missionieren wollen Franckes Nachfolger heute niemanden mehr, aber Beispiel geben, das wollen und können sie noch immer.

Dr. Ingrid Scheurmann