Künzell, Loheland © Beatrice Härig, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn

Die anthroposophische Siedlung Loheland

Werte, Waggons, vegane Doggen

Im nächsten Jahr jährt sich zum 100. Mal die Gründung des Projekts Loheland – eine frühe Erfolgsgeschichte der Reformpädagogik. Die Jugendbauhütte Hessen-Marburg hilft, dieses außergewöhnliche Denkmal zu bewahren.

Ein Kamm, ein geschnitztes Spielzeugpferd und ein Holzlöffel liegen auf der Brüstung eines Fensters der Waggonia – gefunden hinter der Spanholzverkleidung von Jugendlichen, die in Loheland einen Freiwilligendienst in der Denkmalpflege absolvieren. Die Waggonia ist Teil der Siedlung Loheland, die 1919 im Zuge der Reformpädagogik als „exemplarisches Frauen­projekt der Moderne“ gegründet worden war. Sie ist – so wie die ganze Siedlung Loheland mit ­ihren heute etwa 50 Gebäuden – eine Entdeckung: 1925 wurde die Waggonia aus vier ausgedienten Reichsbahn-­Waggons gebildet, die in der anthroposophischen Schulsiedlung die Lichtbild-, also Fotowerkstatt, die Schneiderei, eine kleine Wohnung und Schülerinnenzimmer beherbergten sowie in einem hölzernen Anbau die ­Küche für Tierfutter: In Loheland wurden vegan ernährte ­Doggen gezüchtet, seinerzeit berühmt und bis nach New York verkauft. 

Loheland-Tanz, Fotomontage um 1930. Die Lichtbildwerkstatt der Siedlung Loheland befand sich in der Waggonia. Die Loheländer Fotografie war wegweisend und inspirierte auch die Fotografen des Bauhauses.
Fotomontage, Künzell, Loheland © Loheland-Stiftung Archiv
Loheland-Tanz, Fotomontage um 1930. Die Lichtbildwerkstatt der Siedlung Loheland befand sich in der Waggonia. Die Loheländer Fotografie war wegweisend und inspirierte auch die Fotografen des Bauhauses.

Die Doggen gibt es hier heute nicht mehr. Die Waggonia ist nach dem Auszug der letzten Bewohnerin 1994, einer Musikerin und Komponistin, in die Jahre gekommen und bedarf einer gründlichen Restaurierung. In enger Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege und dem beauftragten Restaurator führt Tischlermeister Thom Hein sie durch. Mehrere Jugendbauhüttler – aktuelle und ehemalige – helfen ihm dabei und finden manches Zeugnis der Vergangenheit.


Geblieben ist der Geist der Gründerinnen in diesem Flecken in der Rhön unweit von Fulda: Unter der Leitung von den Gymnastiklehrerinnen Hedwig van Rohden und Louise Langgaard war 1919 auf einer etwa 55 Hektar großen Wald- und Landfläche Loheland angesiedelt worden. Aus dem schon davor betriebenen ­„Seminar für klassische Gymnastik“ wurde eine Schule für Körperbildung, Landbau und Handwerk mit Gebäuden für Schüler und Lehrer, mit Werkstätten und Unterrichtshäusern. „Loheland-Gymnastik“ war ein stehender Begriff, der hier entwickelte Ausdruckstanz sorgte im ganzen Land für Furore. Ganz im Sinne der Reformbewegung wurde schon 1927 eine biodynamische Landwirtschaft nach Rudolf Steiner und den Demeter-Richtlinien eingeführt.

Gebaute Geborgenheit: Das Steinhaus von 1924/25 ist geprägt von seinem runden Grundriss und dem skulpturalen Dach.
Künzell, Loheland © Loheland-Stiftung Archiv
Gebaute Geborgenheit: Das Steinhaus von 1924/25 ist geprägt von seinem runden Grundriss und dem skulpturalen Dach.

Noch heute leben die rund 70 Bewohner der Siedlung, die seit 1971 in Form einer Stiftung geführt wird, nach den anthroposophischen Ideen, ganzheitlich, in einer aufmerksamen, sozialen Gemeinschaft. Wohl kaum ein anderes Projekt der reformerischen Zeiten von vor 100 Jahren hat seinen ursprünglichen Geist so stark bewahrt. Heute werden neben der Landwirtschaft ein Tagungshotel, eine Waldorfschule, ein Kindergarten und die Berufsfachschule für Sozialassistenz betrieben – alles eingebettet in einen urwüchsigen Wald mit Blick in die Hügelketten des Biosphärenreservats Rhön, in eine Landschaft, die in die ganzheitliche Lebensweise mit einbezogen wird. 


Die Loheländerinnen der ersten Stunde leisteten ­Pionierarbeit, nicht nur in der Erwachsenen- und Körperbildung: Sie waren hervorragend vernetzt in der Szene der innovativen Siedlungsbewegungen, der ­Jugendarbeit, der Reformpädagogik und des modernen Kunstgewerbes. Die Architektur der einzelnen Gebäude ist ein aussagekräftiger Bestandteil dieser Philosophie. Kein Haus gleicht dem anderen. Sie wurden als über das Gelände verstreute „Gesundhäuser“, die zur Menschenbildung beitragen sollten, angelegt. Mit ihren hohen Dächern, ihrer oftmals runden Gestalt, dem heimischen Naturstein und ihrer Reformarchitektur zeigen sie Wohlfühlformen.

Die Jugendbauhütten-Teilnehmer sind sozusagen ganzheitlich mit ihrer Einsatzstelle verbunden: In dem Haus von 1919 wohnen sie während ihres freiwilligen Jahres, keine 50 Meter von der Tischlerwerkstatt entfernt. Im Vordergrund das moderne Gebäude für Eurythmie.
Künzell, Loheland © Beatrice Härig, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Jugendbauhütten-Teilnehmer sind sozusagen ganzheitlich mit ihrer Einsatzstelle verbunden: In dem Haus von 1919 wohnen sie während ihres freiwilligen Jahres, keine 50 Meter von der Tischlerwerkstatt entfernt. Im Vordergrund das moderne Gebäude für Eurythmie.

16 Bauwerke aus der Zwischenkriegszeit existieren noch, von denen einige märchenhaft wirken. Viele hatte Louise Langgaard selbst entworfen. Ihre Errichtung bedeutete in den Nachkriegsjahren einen ungeheuren Kraftakt. Die Waggonia mit ihrer aus der Not geborenen Entstehungsgeschichte – die ausgemusterten Zugwaggons wurden von der preußischen Reichsbahn als Geschenk angeboten – ist Sonderfall und typisch zugleich. Die Waggons wurden auf Fundamente gesetzt, mit Holz verkleidet, abgewalmten Satteldächern versehen und u-förmig um eine Art Innenhof platziert. So ergeben sie eine Anlage mit eigener, beschützender Atmosphäre. Ihr Inneres mit den gewölbten Decken und den Wandschränken hat den Waggon-Charakter bewahrt, selbst die Schiebefenster stammen teilweise noch aus ihren Zeiten als Zugwagen.


Für die Denkmalpflege ist Loheland ein ungewöhnliches und herausforderndes Projekt, für die Jugendbauhütte Hessen seit vier Jahren ein Glücksfall. Zwei Einsatzstellen befinden sich hier, außerdem machen derzeit zwei ehemalige Freiwillige bei Tischlermeister Hein eine Ausbildung.

Das Evahaus von 1924/25 in der Siedlung Loheland: Hier wohnte die Tanzpädagogin Eva Maria Deinhardt. Die anthroposophische Siedlung steht als Gesamtensemble unter Denkmalschutz, die etwa 20 Gebäude aus der Gründungszeit sind zusätzlich Einzeldenkmale.
Künzell, Loheland © Loheland-Stiftung Archiv
Das Evahaus von 1924/25 in der Siedlung Loheland: Hier wohnte die Tanzpädagogin Eva Maria Deinhardt. Die anthroposophische Siedlung steht als Gesamtensemble unter Denkmalschutz, die etwa 20 Gebäude aus der Gründungszeit sind zusätzlich Einzeldenkmale.

2018, als die Restaurierung der Waggonia begann, organisierte die Jugendbauhütte Hessen-Marburg spontan einen dreitägigen ehrenamtlichen Einsatz mit aktiven und ehemaligen Freiwilligen, um die historischen Ziegel zu sichern. Alle arbeiteten Hand in Hand – Reformpädagogen hätten es sich nicht besser wünschen können.


Nicht nur zeitlich fällt die Gründung der Frauensiedlung Loheland 1919 mit dem Beginn der staatlichen Hochschule Bauhaus in Weimar zusammen: „Die Umwandlung des ganzen Lebens und des ganzen inneren Menschen“ forderte Walter Gropius als ihr erster Direktor und formulierte damit die Stimmung einer gesamten Ära. Wie die Idee in unterschiedlicher Weise umgesetzt wurde, ist eine Entdeckungsreise weit über die Architekturgeschichte hinaus.

Von außen ist wegen der Holzverkleidung und des aufgesetzten Daches die außergewöhnliche Architektur kaum zu erkennen: Die Waggonia besteht aus vier ausrangierten Reichsbahn-Waggons. Foto von 1930/31.
Künzell, Loheland © Loheland-Stiftung Archiv
Von außen ist wegen der Holzverkleidung und des aufgesetzten Daches die außergewöhnliche Architektur kaum zu erkennen: Die Waggonia besteht aus vier ausrangierten Reichsbahn-Waggons. Foto von 1930/31.

Loheland ist im Hinblick auf das Bauhaus-Jubiläumsjahr 2019 eine spannende, einzigartige Parallelwelt der Moderne, die neben dem Postulat der weißen Bauhaus-Kuben Bestand hat. Hier findet sich ein bis heute gelebter Lebensentwurf, der in seinem hundertsten Jahr aktueller wirkt denn je. Es sind nicht nur geschnitzte Holzspielzeuge, die die Freiwilligen der Jugendbauhütte in der Waggonia finden. Es ist eine Denkmalpflege, die vom Damals ins Heute führt.


Beatrice Härig

Zum Jubiläumsjahr 2019:

„Loheland – gelebte Visionen für eine neue Welt“, Ausstellung im Vonderau Museum Fulda, 26.9.2019–5.1.2020

Ein umfangreiches Festprogramm ist in Vorbereitung. Informationen unter www.loheland.de


Adresse: Loheland, 36093 Künzell



 
Jugendbauhütten-Teilnehmer und Jugendbauhütten-Leiter Oliver Dahn im Sommer 2018 bei einem Einsatz an der Waggonia, die zurzeit vollständig eingerüstet ist.
Künzell, Loheland © Jan Bosch, Jugendbauhütte Hessen-Marburg
Jugendbauhütten-Teilnehmer und Jugendbauhütten-Leiter Oliver Dahn im Sommer 2018 bei einem Einsatz an der Waggonia, die zurzeit vollständig eingerüstet ist.

Die Jugendbauhütte Hessen-Marburg

Die Jugendbauhütte Hessen-Marburg öffnet jedes Jahr 22 Freiwilligen die Türen zu spannenden Einsatzstellen in der Denkmalpflege. Einen Schwerpunkt bildet dabei die vielfältige Museumslandschaft, die Hessen zu bieten hat – vom Frankfurter Städelmuseum und dem Deutschen Architekturmuseum bis zum Freilichtmuseum Hessenpark. Auch in weiteren Institutionen wie der Archäologie im Landesamt für Denkmalpflege oder der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessens sowie in privaten Unternehmen und Büros im Bereich Denkmalpflege sind die Freiwilligen jeweils für ein Jahr willkommen. Und eben in der Stiftung Loheland. Hier betreut Tischlermeister Thom Hein jeweils zwei Jugendliche – abgesehen von den ehemaligen Jugendbauhüttlern, die im Anschluss an das Freiwillige Soziale Jahr direkt eine Ausbildung in der siedlungseigenen Schreinerei anschließen. Weitere Seminare sind in der Waggonia geplant.

Loheland ist nur ein Beispiel der nachhaltigen Bildungsarbeit der Jugendbauhütten. Gemeinsam leben, gemeinsam arbeiten – das Motto der Jugendbauhütte lässt sich direkt am Denkmal sehr gut umsetzen. 

Weitere Projekte 2018 waren die Restaurierung von Fensterläden am Alten Schloss in Höchst und der Lehmbau an einem frühsteinzeitlichen Langhaus im Freilichtmuseum „Zeiteninsel“ in Argenstein.

In der Seminararbeit kooperiert die Jugendbauhütte Hessen-Marburg mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und der Propstei Johannesberg in Fulda. Das Schmiedeseminar dort ist ein fester Bestandteil in jedem Zyklus. 2019 ist eine Jugendbauhütten-Grabung an der Burg Breuberg im Odenwald in Zusammenarbeit mit hessenARCHÄOLOGIE geplant.

14 Jugendbauhütten bundesweit bieten Jugendlichen von 16 bis 26 Jahren einen Freiwilligendienst in der Denkmalpflege an, ob im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahrs oder des Bundesfreiwilligendienstes. Verschiedene gemeinsame Wochenseminare ergänzen die Arbeit in den Einsatzstellen. Die Jugendbauhütten sind ein Projekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in Trägerschaft der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (ijgd).



Informationen: www.jugendbauhuetten.de


Arbeiten Hand in Hand in Loheland: Die Tonziegel des Daches von 1925 werden von den Freiwilligen für die Restaurierung gesichert.
Künzell, Loheland © Jan Bosch, Jugendbauhütte Hessen-Marburg
Arbeiten Hand in Hand in Loheland: Die Tonziegel des Daches von 1925 werden von den Freiwilligen für die Restaurierung gesichert.
 

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