Kleine und große Kirchen

Was die Dorfkirche in Dannefeld zusammenhält

Beten im Stützkorsett

Dannefeld bei Gardelegen liegt am südwestlichen Rand des Drömlings, einem ab dem 18. Jahrhundert trockengelegten Sumpfgebiet. Die Dorfkirche wurde 1774 erbaut und ist in ihrer Bauweise typisch für die etwa zeitgleich entstandenen Sakralbauten im Drömling: eine Fachwerk-Ziegel-Konstruktion mit Satteldach, die aus einem Saalraum auf rechteckigem Grundriss, mit dreiseitigem Chorabschluss und Westturm besteht. Der hohe Fachwerkturm mit dem spitzen Helm bestimmt das Erscheinungsbild der Kirche.

© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn

Kurz vorgestellt 


Dannefeld bei Gardelegen liegt am südwestlichen Rand des Drömlings, einem ab dem 18. Jahrhundert trockengelegten Sumpfgebiet. Die Dorfkirche wurde 1774 erbaut und ist in ihrer Bauweise typisch für die etwa zeitgleich entstandenen Sakralbauten im Drömling: eine Fachwerk-Ziegel-Konstruktion mit Satteldach, die aus einem Saalraum auf rechteckigem Grundriss, mit dreiseitigem Chorabschluss und Westturm besteht. Der hohe Fachwerkturm mit dem spitzen Helm bestimmt das Erscheinungsbild der Kirche.

Unter den Linden, 39649 Gardelegen-Dannefeld.   Dannefeld liegt ca. 60 km westlich von Stendal.

Auf den ersten Blick fallen die Stützen an der Kirche mit dem hohen Westturm und dem spitzen Helm nicht störend auf. Regelmäßig an der Nord- und Südwand angeordnet, gesellen sich die hellen Vierkanthölzer zu dem rötlichen Fachwerk und den großflächigen, weißgefassten Sprossenfenstern des Gotteshauses. So unauffällig sie erscheinen, so rettend sind sie. Zur Notsicherung mussten sie im Sommer 2016 angebracht werden, denn die Kirche in Dannefeld bei Gardelegen drohte auseinanderzubrechen und durfte nicht mehr betreten werden.

Dannefeld liegt im Südwesten der Altmark in Sachsen-Anhalt und zwar am Rand des Drömlings, einem Waldsumpfgebiet. Ab 1770 wurde unter dem preußischen König Friedrich dem Großen mit dem schwierigen Projekt begonnen, den Drömling planmäßig zu entwässern. Dadurch sollte der Boden für eine geregelte Weide- und Graswirtschaft verbessert werden, um gezielt Kolonisten anzusiedeln. Bereits um 1774 – in der kurzen Spanne zwischen Ostern und Pfingsten – wurde die Kirche in Dannefeld als ein für die Dörfer am Drömling typischer Fachwerkbau errichtet. Weil die Gegend arm an Feldsteinen und mittlerweile auch an Holz war, wurde häufig Material verwendet, das vorher schon verbaut gewesen war. Die Zimmerleute verwendeten alte Hölzer wieder, die trotz Zapfenlöchern und Balkenkerben noch stabil und gesund genug waren. In Dannefeld errichteten sie damit die rechteckige Saalkirche mit dem dreiseitigen Chorschluss und dem eingezogenen, markanten Westturm.

Am Turm der Kirche in Dannefeld wirkt der abplatzende Putz alarmierend, er stellt jedoch das geringste Problem des Kirchengebäudes dar.
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, BonnDenkmalschutz, Bonn
Am Turm der Kirche in Dannefeld wirkt der abplatzende Putz alarmierend, er stellt jedoch das geringste Problem des Kirchengebäudes dar.

Bei der Bauaufnahme vor zwei Jahren dachte man, der weiche Baugrund sei die Ursache für die gefährdete Standsicherheit der Kirche. Doch dann stießen der Bauingenieur Hans-Gerhard Meyer und ein beauftragter Baustatiker neben einer Vielzahl von Schäden auf die tatsächliche Ursache: Um 1900 hatte man die Kirche umgestaltet. Anlass war vermutlich die neue Orgel, die 1883 der regional bedeutende Orgelbauer August Troch gefertigt hatte. Das Instrument erhielt seinen repräsentativen Platz auf der Westempore. Die Emporen hingegen, die sich innen an den seitlichen Außenwänden befanden, wurden entfernt. Doch man hatte nicht bedacht, dass sie die Außenwände aussteiften, sprich ihnen zusätzlichen Halt gaben. Nun drückten die horizontalen Kräfte des Dachtragwerkes und die des Windes zwar langsam, aber stetig die seitlichen Fachwerkwände des Kirchenschiffs auseinander.

Außerdem wurde beim Einbau der Orgel auch eine tragende Holzstütze in der Ostwand des eingezogenen Turms weggenommen und durch eine Abfangkonstruktion ersetzt. Gerade diese wurde besonders in Mitleidenschaft gezogen, als der Turm im Laufe der Zeit den Anschluss an das Langhaus verlor. Nässe drang ein, es bildete sich Fäulnis am Holz, Schädlinge nisteten sich ein. „Es wurde damals auch nicht sorgfältig gearbeitet“, erklärt Architekt Meyer. Im Zuge des Umbaus ersetzte man das Fachwerk der westlichen Turmwand durch eine Kalksandsteinmauer. Dabei wurden einige der gelösten, aber notwendigen Verbindungseisen  nicht wieder in den Deckenebenen befestigt.

In idyllischer Lage am Dorfanger und neben der Kirche des Ortes gelegen: der alte Pfarrhof im ostwestfälischen Marienmünster-Löwendorf, der in seiner Grundkonstruktion aus dem 17. Jahrhundert stammt
Marienmünster-Löwendorf, Alter Pfarrhof © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
In idyllischer Lage am Dorfanger und neben der Kirche des Ortes gelegen: der alte Pfarrhof im ostwestfälischen Marienmünster-Löwendorf, der in seiner Grundkonstruktion aus dem 17. Jahrhundert stammt

Noch ein Punkt, der die Standsicherheit des Kirchenbaus gefährdet. Dass die Handwerker damals für den Innenraum einen nahezu diffu­sionsdichten Anstrich wählten, kann ihnen hingegen nicht vorgeworfen werden. Die neue Mixtur wurde gern verwendet, weil sie den Putzflächen einen gewissen Schutz bot und leicht zu reinigen war. Allerdings war damals kaum bekannt, dass die Farbe die Fachwerkwände nicht „atmen“ ließ, weil sie den natürlichen Ausgleich der Feuchtigkeit unterbindet – mit fatalen Folgen.

Welchen Schaden das Gotteshaus genommen hat, zeigt sich innen weniger plakativ als außen. Der Kirchenraum wirkt gepflegt und wegen der großen Fenster hell und freundlich. Ein gotischer Schnitzaltar mit einer Strahlenkranz-Madonna und Heiligenfiguren schmückt den Chor, ein barocker Taufengel, der noch heute vielbewundert seinen Dienst versieht, schwebt davor. Seitlich des Altars befinden sich eine Kanzel von 1662 und eine Pfarrloge. Darüber hängt eine weiße mit Schriftzug geschmückte Fahne von 1675. Auf sie sind die Dannefelder besonders stolz. Sie ist eine der drei letzten altmärkischen Bauernfahnen, die davon zeugen, dass für den Großen Kurfürsten allen voran die Drömlingsbauern gegen die in Brandenburg eingefallenen Schweden in den Krieg gezogen waren.

Der Eingang zum Kirchhof: Auch die Sandsteinpfeiler sind „gebraucht“. Die Reliefs mit Bibelsprüchen mahnen seit 1735 an die Vergänglichkeit alles Irdischen.
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Eingang zum Kirchhof: Auch die Sandsteinpfeiler sind „gebraucht“. Die Reliefs mit Bibelsprüchen mahnen seit 1735 an die Vergänglichkeit alles Irdischen.


Der Blick zurück auf die Westempore erinnert den Besucher daran, dass die Kirche dringend Hilfe braucht: Die verbretterte Muldendecke ist so weit abgesackt, dass sie auf den neuromanischen Prospekt der Orgel drückt. Zum Glück sind die Pfeifen noch nicht verbogen und das Instrument bespielbar. Zurzeit sucht die Gemeinde nach einem geeigneten Platz, um sie zu ihrem Schutz auszulagern. Die zur Sicherung neu eingezogenen massiven Querbalken und der große Stahlträger im ersten Turmgeschoss verhindern wie die Stützen innen und außen, dass sich Dachstuhl und Deckengewölbe noch mehr senken. Sie werden erst wieder entfernt, wenn der Turm und die Dachstuhlkonstruktion restauriert sind. Im Dezember 2016 wurde die Sperrung aufgehoben, denn der Fachwerkbau ist dank der Notsicherung stabilisiert. Pfarrerin Cornelia Gerlitz und die 186 Kirchenglieder sind froh, ihr Gotteshaus, mit dem sie sich eng verbunden fühlen und das eine wichtige Rolle in ihrem Gemeindeleben spielt, wieder nutzen zu können. Auch wenn die Kirchgänger sich mit Umsicht zwischen und unter den Stützstreben hindurch zum Eingang begeben müssen und von Barrierefreiheit keine Rede sein kann, so können sie sich doch wieder alle 14 Tage in der Kirche zum Gottesdienst versammeln, das Weihnachtsfest, Hochzeiten und Taufen feiern und der Verstorbenen gedenken. Seit fast zwei Jahren hält das Stützkorsett die Kirche zusammen – nur drei Jahre würde es laut Architekt Meyer und Baupfleger Rainer Wellkisch vom Kreiskirchenamt Salzwedel dauern, um das Dannefelder Gotteshaus umfassend zu restaurieren – wenn der Gemeinde das nötige Geld zur Verfügung stünde.   


Christiane Rossner

© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Blick zur Westempore: Die Muldendecke hat sich so abgesenkt, dass sie bereits auf die Orgel drückt. Die hellen Vierkantstützen sind Teile der Notsicherung.
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Weg zur Kirchentür erfordert Achtsamkeit wegen der Stützen. Die Gemeinde nimmt das als Zeichen der nahen Rettung ihres Gotteshauses gern in Kauf.
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
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Wie dieser Balken im Kirchturm wurden viele weitere Hölzer beim Bau 1774 wiederverwendet.
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
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Blick zur Westempore: Die Muldendecke hat sich so abgesenkt, dass sie bereits auf die Orgel drückt. Die hellen Vierkantstützen sind Teile der Notsicherung.
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Der Weg zur Kirchentür erfordert Achtsamkeit wegen der Stützen. Die Gemeinde nimmt das als Zeichen der nahen Rettung ihres Gotteshauses gern in Kauf.
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Wie dieser Balken im Kirchturm wurden viele weitere Hölzer beim Bau 1774 wiederverwendet.
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