Sehen und Erkennen April 2018 F

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Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat ihr Förderprogramm 2018 verabschiedet

Die Stiftung fördert 2018 die Restaurierung von 363 Denkmalen, darunter Kirchen, Schlösser, Bürgerhäuser, Gärten, archäologische Grabungen und technische Denkmale

Viele Jahre war die Alte Münz in Wertheim unbewohnt und gammelte vor sich hin. Lediglich im Erdgeschoss gab es eine Gastronomie. Dabei handelt es sich bei dem aus zwei Häusern bestehenden Ensemble neben der Burg um das wohl älteste Gebäude der Stadt: Das Steinhaus wurde 1261/74 errichtet und um 1560 aufgestockt, das Fachwerkhaus 1587 angebaut.

 

Im letzten Jahr konnte der Soziologe und Psychologe Harald Brode, der seit vielen Jahren leerstehende Denkmale in Baden-Württemberg – manche von ihnen sogar bereits vom Abriss bedroht – restauriert, das Ensemble zusammen mit zwei Partnern erwerben. Schon lange hatte er ein Auge auf die Alte Münz geworfen und den Hauseigentümer immer wieder auf Fehlstellen im Dach und andere Schäden hingewiesen. Daher war das Denkmal in einem schlechten, aber keinem bedrohlichen Zustand, als es an die neuen Besitzer überging. Mittlerweile wurden Malereien und weitere wertvolle Details freigelegt, die die einstige Nutzung als Wohnhaus des Schultheißen und später als Verwaltungssitz für die Münzprägeanstalt der Grafschaft Wertheim belegen. 

Inmitten der malerischen Altstadt von Wertheim befindet sich die aus zwei Häusern bestehende Alte Münz.
Wertheim, Alte Münz © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Inmitten der malerischen Altstadt von Wertheim befindet sich die aus zwei Häusern bestehende Alte Münz.

Ein Schuljahr lang setzen sich die Schülerinnen des traditionsreichen Stetten-Instituts intensiv mit diesem Bauwerk auseinander und stellen sich den Fragen: Welche Qualitäten hat dieses Denkmal? Wieviel ist es uns wert? Und verliert das Theater als Einrichtung an Wertschätzung, wenn der zentrale Spielort für etwa fünf Jahre geschlossen bleibt? Junge Menschen auf das Denkmal aufmerksam zu machen und sie zur Teilhabe an der Debatte zu ermutigen – das ist das Ziel dieses Projekts, das der pensionierte Architekt Wolfgang Weise initiierte, der schon während seiner Berufstätigkeit Schüler an historische Bauten heranführte und dies nach wie vor mit großer Überzeugung verfolgt. In dem Lehrer Willi Spatz und der Lehrerin Kirsten Gerhardt hat er engagierte Partner gefunden.


Zunächst beschäftigten sich die Schülerinnen der 11. und  12. Klasse  mit  Moden  und  Formen  des Theater­baus im Allgemeinen und mit dem Augsburger Theaterbau im Besonderen. Sie lernten anhand von Vorträgen Kriterien kennen, nach denen ein Gebäude als schützenswert eingestuft wird. Für die Jugendlichen nahm sich der Baubeauftragte des Theaters Hendrik Euling-Stahl, der schon die Sanierungen der Theater in Freiburg und Köln begleitet hat, ausführlich Zeit und führte sie durch das gesamte, für die Öffentlichkeit geschlossene Drei-Sparten-Haus. 1938 wurde der Neorenaissance-Bau von Paul Baumgarten erweitert und nach massiven Schäden im Zweiten Weltkrieg unter Verwendung der äußerlich vereinfachten Umfassungsmauern 1953–56 wiederaufgebaut. So trifft man im Inneren des Gebäudes auf reine Nachkriegsarchitektur. Gerade die hatte es den Schülerinnen besonders angetan. Die Architekturfotografien, die während der Führung entstanden, zeigen, wie sehr die Mädchen die Qualitäten des Bauwerks erkannt und verinnerlicht haben: Besonders von der Eleganz des Foyers und der geschwungenen Treppenhäuser waren die jungen Fotografinnen begeistert. Mit der Kubatur des Theaters setzten sie sich auseinander, indem sie die Funktionseinheiten von Foyer, Zuschauerraum und Bühnenbereich aufschlüsselten und auf dieser Grundlage dekonstruktivistische Theatermodelle schufen.

Das Nicolaihaus ist eines der ältesten Bürgerhäuser Berlins, hier tagte die Wissenschaftliche Kommission im Februar.
Berlin, Nicolaihaus © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das Nicolaihaus ist eines der ältesten Bürgerhäuser Berlins, hier tagte die Wissenschaftliche Kommission im Februar.

Harald Brode ist kein Unbekannter bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD): Sie unterstützte ihn bei der Restaurierung des Senftenschlössles in Untermünkheim und des Alten Spitals in Neuenstein. Viermal wurde er mit seinen Mitstreitern für das große Engagement zur Rettung von historischen Gebäuden mit dem Denkmalschutzpreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Einen Großteil der Arbeiten, die bei den Restaurierungen anfallen, übernimmt Harald Brode in enger Abstimmung mit den Denkmalbehörden selbst. An der Sanierung der Alten Münz in Wertheim wird sich die DSD ebenfalls finanziell beteiligen. 

Am 28. Februar beriet die Wissenschaftliche Kommission zusammen mit dem Vorstand der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und den Kunsthistorikern und Architekten der Abteilung Denkmalförderung das Förderprogramm 2018.
Wissenschaftliche Kommission © Matthias Wagner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Am 28. Februar beriet die Wissenschaftliche Kommission zusammen mit dem Vorstand der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und den Kunsthistorikern und Architekten der Abteilung Denkmalförderung das Förderprogramm 2018.

Die Wissenschaftliche Kommission, die Ende Februar das diesjährige Förderprogramm zusammen mit dem DSD-Vorstand sowie den Kunsthistorikern und Architekten der Abteilung Denkmalförderung beriet, hat dies empfohlen. Es ist vorgesehen, dass 363 Denkmale 2018 eine Förderung erhalten, darunter Stadtkirchen wie das Ulmer Münster, Dorfkirchen, Schlösser, Bürgerhäuser, Gärten, archäologische Grabungen und technische Denkmale. 


Das Budget für 2018 reicht jedoch bei weitem nicht aus, um allen Antragstellern mit dringenden und berechtigten Anfragen eine Zusage zu erteilen. Sie, liebe Förderer und Förderinnen, können in diesem Jahr erneut dazu beitragen, dass für weitere gefährdete Denkmale Förderverträge abgeschlossen werden. Wie wichtig Ihr Beitrag ist, zeigen die Zahlen vom Vorjahr: Durch Ihre Spenden war die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in der Lage, 475 Förderzusagen zu erteilen. Das waren 85 mehr als ursprünglich im Budget eingeplant. Ein großartiger Erfolg bei der Bewahrung unserer Denkmallandschaft, der erst durch Sie ermöglicht wurde.

 

Carola Nathan

Die Mitglieder der Wissenschaftlichen Kommission (von links): Dr. Markus Harzenetter, Prof. Dr. Gerd Weiß (Vorsitzender), Dipl.-Ing. Barbara Ettinger-Brinckmann, Dr. Sigrid Bias-Engels, Friedrich-Wilhelm von Rauch und Dr. phil. habil Hans-Rudolf Meier (stellvertretender Vorsitzender) der Wissenschaftlichen Kommission sowie Stiftungsratsvorsitzender Prof. Dr. Jörg Haspel. Nicht auf dem Foto: Prof. Dr. Elisabeth Merk
Wissenschaftliche Kommission © Matthias Wagner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Mitglieder der Wissenschaftlichen Kommission (von links): Dr. Markus Harzenetter, Prof. Dr. Gerd Weiß (Vorsitzender), Dipl.-Ing. Barbara Ettinger-Brinckmann, Dr. Sigrid Bias-Engels, Friedrich-Wilhelm von Rauch und Dr. phil. habil Hans-Rudolf Meier (stellvertretender Vorsitzender) der Wissenschaftlichen Kommission sowie Stiftungsratsvorsitzender Prof. Dr. Jörg Haspel. Nicht auf dem Foto: Prof. Dr. Elisabeth Merk

Die Wissenschaftliche Kommission tagte

 

Am 28. Februar 2018 hat die Wissenschaftliche Kommission zusammen mit dem Vorstand sowie den Architekten und Kunsthistorikern der Abteilung Denkmalförderung das diesjährige Förderprogramm der Deutschen Stiftung Denkmalschutz beraten und verabschiedet. Über die Aufgaben der Wissenschaftlichen Kommission, der renommierte Experten im Bereich des Denkmalschutzes angehören, sprach Monumente mit dem Vorsitzenden Professor Dr. Gerd Weiß.

 

Seit wann gibt es die Wissenschaftliche Kommission der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und wer gehört ihr an?

 

Die Wissenschaftliche Kommission hat sich am 17. Mai 1991, also sechs Jahre nach Gründung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD), konstituiert und bestand zunächst aus fünf Mitgliedern. Heute gehören ihr sieben Fachleute aus den Bereichen an, die im Zusammenhang mit der Förderpolitik der DSD stehen, also Denkmalpfleger, Architekten, Städteplaner, Kunsthis­toriker etc.

 

Was genau macht die Wissenschaftliche Kommission?

 

Die Mitglieder der Wissenschaftlichen Kommission erhalten von den Kunsthistorikern und Architekten der Abteilung Denkmalförderung eine Liste – nach Bundesländern – mit Vorschlägen, welcher Antragsteller eine finanzielle Unterstützung für die Restaurierung seines Denkmals bekommen soll. Zu Beginn des jeweiligen Förderjahres berät die Wissenschaftliche Kommission dann zusammen mit dem DSD-Vorstand und den Mitarbeitern der Denkmalförderung die Vorschläge und spricht Empfehlungen aus.

 

Werden auf den Sitzungen auch allgemeine denkmalpflegerische Themen behandelt?

 

Ja. Bei unserer Tagung im Februar haben wir erneut über die Sanierung von St. Hedwig in Berlin diskutiert. Das Bistum möchte den 1958–63 durch den Architekten Hans Schwippert geschaffenen Innenraum grundlegend umgestalten. Dies würde die Schließung der raumbestimmenden Öffnung zur Unterkirche und die Entfernung wertvoller Ausstattungsstücke bedeuten und das historische Gesamtkunstwerk zerstören. Die Wissenschaftliche Kommission hat der DSD empfohlen, sich weiterhin für eine Bewahrung der Schwippert’schen Gestaltung einzusetzen.

 

Neben Einzelfällen beraten wir auch bei fachlichen Themen der täglichen Arbeit, beispielsweise bei der Frage, wie die DSD zur Anbringung von Regenrinnen und Fallrohren an mittelalterlichen Kirchen steht, die bautechnisch sinnvoll sein können, aber nicht zur ursprünglichen Ausstattung gehören.

 

Und was hat die Diskussion ergeben?

 

Dass man jeden Fall einzeln betrachten muss. Denn einerseits ist es notwendig, das Regenwasser vom Bau wegzuführen, andererseits passen die Regenrinnen aus ästhetischen Gründen häufig nicht zu einem mittelalterlichen Gebäude und führen bei mangelnder Wartung zu neuen Schäden. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass Vor- und Nachteile genau abzuwägen sind und man auch über alternative Möglichkeiten wie zum Beispiel die Anbringung von Wasserspeiern und Drainagen nachdenken sollte.

 

Tagt die Wissenschaftliche Kommission nur einmal im Jahr?

 

Nein, sie trifft sich auch, um aktuelle denkmalpflegerische Fragen und die Arbeitsweise der Stiftung zu erörtern.

 

Zu welchen Themen äußert sich die Wissenschaftliche Kommission?

 

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz ist als private und bundesweit tätige Institution unabhängig. Sie kann deutlich ihre Stimme erheben, wenn Denkmale keine Stimme haben oder zusätzliche Hilfe benötigen. Auch mit ihrer Wissenschaftlichen Kommission kann die Stiftung fachlich fundiert die Bedeutung der Denkmalpflege selbst dann thematisieren, wenn es keiner hören möchte – oder es nur noch um den Nachruf auf ein verlorenes Denkmal geht.

 

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