Interviews und Statements

Interview mit Dr. Elisabeth Rüber-Schütte vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

Der Eiserne Vorhang als Denkmal

Seitdem die "Mauer" als innerdeutsche Grenze gefallen ist, muss sich die Denkmalpflege mit dem Problem auseinandersetzen, sie als Erinnerungsort zu bewahren. Dr. Elisabeth Rüber-Schütte berichtet über den denkmalpflegerischen Umgang mit baulichen Zeugnissen der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze.

MO: Vor 25 Jahren fiel "die Mauer". Sofort wurde mit der Demontage der Grenzanlagen begonnen. Wie schnell konnte der Denkmalschutz reagieren, um Teile des Grenzsystems als Zeugnis für kommende Generationen zu bewahren?

Dr. Elisabeth Rüber-Schütte: Der institutionellen Denkmalpflege wurde nicht umgehend nach Öffnung der Grenzen Zugang zu allen Bereichen der ehemaligen innerdeutschen Grenze ermöglicht. So konnte erst zu einem späteren Zeitpunkt die komplexe Anlage der Grenzübergangsstelle Marienborn besichtigt und denkmalfachlich bewertet werden. Zu diesem Zeitpunkt waren hier, wie auch an anderer Stelle, bereits Teile demontiert und entfernt oder gar durch Vandalismus beschädigt worden. Gleichwohl erkannten in dieser Übergangszeit, in der andere wichtige Fragen im Vordergrund standen, sowohl engagierte Bürger als auch Mitarbeiter der Denkmalbehörden die Bedeutung der Stunde und die Verpflichtung, dieses kulturelle Erbe für zukünftige Generationen zu bewahren. Daher wurden bereits im Jahre 1990 noch von dem damaligen Institut für Denkmalpflege der DDR, Außenstelle Halle, drei bemerkenswerte und beispielhafte Zeugnisse als Denkmale ausgewiesen: Als Inbegriff der totalen Abriegelung und von unmittelbarer Bedeutung für die ehemaligen DDR-Bürger der in seiner vollständigen Erstreckung noch bewahrte Grenzabschnitt vor dem Ort Hötensleben und die in ihren Hausruinen und Straßensystem noch erlebbare Wüstung Jahrsau. Als Dokument der Spaltung Deutschlands und Europas im Kontext des Kalten Krieges die ehemalige Grenzübergangsstelle Marienborn.

Hötensleben in Sachsen-Anhalt. Eine der wenigen Stellen, an denen die Mauer noch steht, nämlich 350 Meter lang. Trotz ländlicher Idylle lässt sich hier das System Grenze begreifen. 
Hötensleben © Roland Rossner
Hötensleben in Sachsen-Anhalt. Eine der wenigen Stellen, an denen die Mauer noch steht, nämlich 350 Meter lang. Trotz ländlicher Idylle lässt sich hier das System Grenze begreifen.

Die Unterschutzstellung bedeutete allerdings nicht zugleich den vollständigen Erhalt. Im Bereich der Grenzübergangsstelle erzwang beispielsweise der im höheren öffentlichen Interesse liegende Ausbau der Autobahn A2 den Abbau der seitlichen Straßensperren. Mit der Einrichtung einer Rast- und Tankanlage war zudem der Abriss des gesamten Abfertigungsbereiches der Ausreise verbunden. Weiteren drohenden Verlusten wirkte der Landtagsbeschluss zur Errichtung einer Mahn- und Gedenkstätte auf dem Gelände der ehemaligen Grenzübergangsstelle entgegen. Allerdings bezieht sich die nachfolgend eingerichtete Gedenkstätte nur auf einen Teilbereich des ausgewiesenen Denkmals.

MO: Die ehemalige Grenzübergangsstelle Marienborn an der Autobahn Berlin-Hannover war die größte Kontrollstelle und lag bis 1990 in der Verantwortung aller vier Besatzungsmächten. Was sind, neben den schieren Ausmaßen, heute die größten Herausforderungen bei der Erhaltung der "GüSt Marienborn" als Denkmal?

Soldaten lernen Geschichte: an der Gedenkstätte Marienborn 
Marienborn, Gedenkstätte © Roland Rossner
Soldaten lernen Geschichte: an der Gedenkstätte Marienborn

Dr. Elisabeth Rüber-Schütte: Der Verschleiß und die Materialermüdung der Gebäude und Anlagen, die Anfang der 1970er-Jahre errichtet wurden. Beispielsweise sind im Bereich der raumgreifenden Überdachungsanlagen aus Stahlpfetten, Wellplastikdächern und grauen Wellblechverkleidungen konstruktive Probleme zu beheben und ist Rostschäden und Versprödungen entgegenzuwirken. Reparaturen oder Ausbesserungen sind teilweise nur schwer umzusetzen, da die damals verwendeten Materialien und Bauteile heute nicht mehr hergestellt werden und auch nicht mehr zu erwerben sind.

Daneben stellen sich besondere Herausforderungen bei der Denkmalvermittlung, denn oftmals wird der kleinere Bereich der Gedenkstätte mit dem deutlich umfangreicheren Baudenkmal der Grenzübergangsstelle Marienborn gleichgesetzt. Unbeachtet bleibt dabei die historische und funktionale Sachgesamtheit mit einem zentralem Kontrollbereich, einem sogenannten Bereitstellungsraum und einem Wohn- und Verwaltungskomplex.

MO: In Hötensleben, 15 Kilometer von der ehemaligen Grenzübergangsstelle Marienborn entfernt, ist wie Sie bereits erwähnten ein fast ein Kilometer langer Teil der Grenzanlage bewahrt worden und für die Öffentlichkeit zugänglich. Gab es bei den Bewohnern Widerwillen gegen diese Entscheidung?

Dr. Elisabeth Rüber-Schütte: Es ist einigen Bürgern von Hötensleben nicht hoch genug anzurechnen, dass sie sich bereits kurz nach der politischen Wende für die Bewahrung aussagefähiger Bereiche der Grenzsicherungsanlagen ihres eigenen Dorfes eingesetzt haben. Ihre Zielstellung, einen vollständigen Grenzabschnitt mit zwei unterschiedlichen Ausbaustandards "Ausbau vor Ortschaften" und "normaler pioniertechnischer Ausbau" zu erhalten, fand zwar auf der kommunalpolitischen Ebene Unterstützung, führte aber 1993 nach Wegnahme des zwischenzeitlich entstandenen Wildwuchses und somit einer vollständigen Wiedersichtbarmachung der ehemaligen Sperranlagen zu erheblichen Bürgerprotesten und der Initiative "Die Mauer muss weg". Das trotz massiver Widerstände weitere Eintreten für den Erhalt dieser wichtigen Zeugnisse fand Beachtung bei der regionalen und überregionalen Presse. Nachdem ein nachgeordneter Bereich der Grenzanlage abgetragen worden war, der Kreistag für das Denkmal gestimmt hatte und die Gründung des Grenzdenkmalvereins Hötensleben e.V. vollzogen worden war, war jedoch der Konflikt weitgehend beigelegt. Das einzigartige Engagement für den Erhalt der Grenzanlagen fand bundesweit Anerkennung durch die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande für den Vereinsvorsitzenden, Herrn Achim Walther.

MO: Bausubstanz muss gepflegt werden, auch die von ehemaligen Grenzmauern und -türmen. Wie sieht die praktische Denkmalpflege an den Resten der Grenze aus? Was muss in Marienborn beachtet werden?

Heute gerade für die junge Generation schwer nachzuvollziehen, welche Angst diese Baracken früher einflößten. 
Marienborn, Gedenkstätte © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Heute gerade für die junge Generation schwer nachzuvollziehen, welche Angst diese Baracken früher einflößten.

Dr. Elisabeth Rüber-Schütte: Der denkmalpflegerische Umgang mit den baulichen Zeugnissen der ehemaligen innerdeutschen Grenze entspricht der üblichen Denkmalpraxis und umfasst befundgerechte Sanierungs- und Pflegemaßnahmen. Einen umfangreicheren Aufwand stellen die infolge Feuchteeintrag notwendigen Betonsanierungen unterirdischer Bauteile dar. Kaum mehr auszubessern und zu reparieren ist die Wellplastik der Überdachungsanlagen, da hier bereits die oberste Schicht vollständig verloren gegangen ist.

Eine große Bedeutung kommt der regelmäßigen Pflege der Freiflächen und Blickbeziehungen zu, da nicht zuletzt auch die nach 1945 angelegten Rodungsflächen von hoher Aussagekraft für das Denkmal sind.

MO: Gibt es Interessenkonflikte mit Vertretern des Naturschutzes, die entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze die unzähligen Biotope schützen wollen?

Dr. Elisabeth Rüber-Schütte: Nein. Das Verständnis für die Bewahrung des ehemaligen Grenzverlaufes und die Erhaltung der Kolonnenwege und Wachtürme ist gegeben.

MO: Sind Museen, Historiker und Denkmalpfleger übergreifend organisiert, um die Erinnerungskultur entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze zu koordinieren?

Dr. Elisabeth Rüber-Schütte: Wir haben in Sachsen-Anhalt eine gute und konstruktive Zusammenarbeit mit der Stiftung Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn mit Grenzdenkmal Hötensleben, bei der sich fachliche Schwerpunkte und Ausrichtungen sinnfällig ergänzen. Wichtig sind zudem die länderübergreifenden Kontakte, die ja auch in dem "European Heritage Label - Netzwerk Stätten des Eisernen Vorhanges" ihren Ausdruck finden. Gemeinsam mit der Technischen Universität Berlin und in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt und der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg wurde vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt ein Forschungsantrag zur Baugeschichte der innerdeutschen Grenze gestellt.

MO: Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Beatrice Härig


Zur Person: Dr. Elisabeth Rüber-Schütte, Studium der Kunstgeschichte, Christlichen Archäologie und Romanistik in Bonn, München und Wien; 1991 Promotion in Kunstgeschichte Bonn; 1990-1992 wiss. Volontärin am Rheinischen Amt für Denkmalpflege, Brauweiler; 1992-1994 Projektreferentin bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz; seit 1994 wiss. Mitarbeiterin am Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt; seit 2011 Abteilungsleiterin der Bau- und Kunstdenkmalpflege; seit Wintersemester 2000/2001 Lehrbeauftragte an der Hochschule für Bildende Künstler Dresden, Studiengang Restaurierung.


Lesen Sie den Artikel über das Grüne Band an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze in Monumente Online unter:

monumente-online.de/de/ausgaben/2014/3/biotop-grenze.php#.VpjnS1Jcq20

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