Städte und Ensembles Menschen für Denkmale

Eine private Spende stößt die Sanierung des Quedlinburger Pulverturms an

Wenn sich Puzzleteile zusammenfügen

Es begann mit einem 80. Geburtstag. Die Jubilarin, Dr. Susanne Kauffmann-Kramer, lud im Frühjahr 2011 Familienangehörige und Freunde zu einem mehrtägigen Besuch in ihre Heimatstadt Quedlinburg ein. Vor allem die jüngere Generation sollte die Wurzeln der seit 1680 dort ansässigen, weit verzweigten Verwandtschaft kennenlernen.

Die pensionierte Ärztin hatte die Kreisstadt am Rande des Harzes 1950 verlassen und im Rheinland, wo sie bis heute lebt, ein neues Zuhause gefunden. Seit der Wende fährt sie wieder regelmäßig in ihren Geburtsort mit seinen malerischen Fachwerkhäusern und verwinkelten Gassen, der seit 1994 zum UNESCO-Welterbe zählt. Allein 18 Häuser, in denen einst Vorfahren lebten, hatte die Gastgeberin ausfindig gemacht. Die Spendendose, die sie mitgebracht hatte, galt jedoch einem anderen Bauwerk: dem Pulverturm, der eng mit dem Beginn des Familienzweiges Basse verbunden ist und sich heute in einem desolaten Zustand befindet.

Das gemeinschaftliche Engagement ermöglichte die Sanierung des Stadtturms: Ingolf Wobst, Prof. Bernhard Servatius, Dr. Eberhard Brecht, Maren Stüwe, Rainer Mertesacker, Dr. Rosemarie Wilcken, Klaus-Dieter Plate, Dr. Susanne Kauffmann-Kramer, Dr. Oliver Schlegel (v. l.) 
Quedlinburg, Pulverturm © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das gemeinschaftliche Engagement ermöglichte die Sanierung des Stadtturms: Ingolf Wobst, Prof. Bernhard Servatius, Dr. Eberhard Brecht, Maren Stüwe, Rainer Mertesacker, Dr. Rosemarie Wilcken, Klaus-Dieter Plate, Dr. Susanne Kauffmann-Kramer, Dr. Oliver Schlegel (v. l.)

Der dreigeschossige Quaderbau mit seinem achtseitigen, hölzernen Turmhelm und vier übergiebelten Dacherkern gehört zu den Wachtürmen der Stadtmauer. Hier wurde das Pulver zur Verteidigung ausgegeben, wenn sich Feinde der massiven Befestigungsanlage aus dem frühen 14. Jahrhundert näherten. Ein gewaltiger Graben, Wehrgänge, Bastionen sowie 28 Halbschalentürme, die sich zur Stadt hin öffneten, schützten die wohlhabende Kaufmannssiedlung. Da ihre westliche Seite am verwundbarsten war - sie lag etwas tiefer, und es fehlten natürliche Hindernisse - sind die Stadttürme hier dicht gestaffelt.

Allein zwei von ihnen befinden sich auf dem Grundstück, das Gottfried Basse (1778-1825), der Ururgroßvater der heute 82-Jährigen, 1806 kaufte. Auch ein Stück der teilweise abgerissenen Stadtmauer sowie der davor liegende Graben gehörten dazu.

Eingerüstet und noch mit Helm: Der Pulverturm, einst Teil der Stadtmauer, im Jahr 2011 
Quedlinburg, Pulverturm © Rainer Mertesacker, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Eingerüstet und noch mit Helm: Der Pulverturm, einst Teil der Stadtmauer, im Jahr 2011

Der Buchdrucker und -händler errichtete auf dem großen Areal eine Druckerei und gründete einen Verlag, der bald florierte und deutschlandweit bekannt wurde. Zum Programm gehörten neben Klassikern und Sachbüchern aller Art reich bebilderte Ritter- und Räuberromane, die reißenden Absatz fanden. "Gemordet muss auf jeder Seite werden, Blut muß fließen wie Wasser", erklärte einer der damaligen Autoren das Erfolgsrezept des geschäftstüchtigen Verlegers.

Gottfried Basse starb mit nur 47 Jahren. Seine Söhne führten den Verlag weiter, doch in der darauffolgenden Generation musste das Unternehmen durch den frühen Tod der Erben aufgegeben werden.

Um die Jahrhundertwende erwarb der Großindustrielle Georg Lindenbein das weitläufige Grundstück. Der ehemalige Graben wurde aufgeschüttet, und wo sich vorher der Verlag befand, entstand eine prunkvolle Villa - ein architektonisches Kleinod im neogotischen Stil mit verspielten Erkern, Giebeln und Türmchen, mit prachtvoll geschnitzten Kassettendecken und eindrucksvollen Wandmalereien.

Während auch einer der Türme dem Stil des Historismus angepasst wurde, blieb der andere, der Pulver- oder Basseturm, unverändert. Von alten Fotos weiß die interessierte Ahnenforscherin Susanne Kauffmann-Kramer, dass sein zur Stadt gewandter Holzerker bereits 1920 abgestürzt war.

Nach der Flucht der Familie Lindenbein aus der DDR begann für die Villa eine wechselvolle Zeit mit unterschiedlichen Nutzungen, bis ein fünfjähriger Leerstand nach der Wende und Vandalismus zu einem dramatischen Verfall des Gebäudes führten.

Rettung nahte, als der Hildesheimer Immobilienmakler Ingolf Wobst das heruntergekommene Anwesen erwarb. Innerhalb von sechs Jahren sanierte er das Herrenhaus, das er seither mit seiner Familie bewohnt und in dem das Schlosshotel "Zum Markgrafen" untergebracht ist. Während auch die 12.000 Quadratmeter große Parkanlage in ihrer alten Wegeführung wiederhergestellt wurde, verfiel der seit den 1980er Jahren eingerüstete Pulverturm immer mehr. Eine noch zu DDR-Zeiten geplante Sanierung war durch die Umbrüche der Wiedervereinigung auf der Strecke geblieben. Und der neue Besitzer zeigte ebenfalls wenig Interesse daran.

Noch fehlt der Helm mit vier übergiebelten Dacherkern, der dem Pulverturm in Zukunft Schutz bieten wird. 
Quedlinburg, Pulverturm © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Noch fehlt der Helm mit vier übergiebelten Dacherkern, der dem Pulverturm in Zukunft Schutz bieten wird.

Inzwischen zählt das jahrhundertealte Denkmal zu den am stärksten gefährdeten mittelalterlichen Stadttürmen. Seine vor einem halben Jahr abgenommene Haube war nahezu zerstört, und das einsackende Dachwerk wurde immer deutlicher sichtbar. Jedes Jahr, wenn Susanne Kauffmann-Kramer nach Quedlinburg fuhr, schien sich der Pulverturm etwas stärker geneigt zu haben. Da zudem das Mauerwerk durch jahrzehntelang eindringende Feuchtigkeit geschädigt ist, sah die Hobby-Fotografin, die das Bauwerk regelmäßig ablichtete, dringenden Handlungsbedarf. Es stellte sich allerdings die Frage, was sie als Privatperson ausrichten konnte.

Die 1.000 Euro, die zu ihrem Geburtstag gespendet wurden, übergab Susanne Kauffmann-Kramer der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) zur Verwahrung. Auf Anraten des zuständigen Projektarchitekten Rainer Mertesacker ließ Dr. Oliver Schlegel, Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises Harz, der zusammen mit der DSD von nun an die Federführung bei der Suche nach Förderern übernahm, eine Kostenberechnung für die Sanierung des Pulverturms erstellen und setzte selbst ein Zeichen, indem er, trotz geringen Etats, 2.000 Euro zur Finanzierung bereitstellte.

Ein Spaziergang durch Quedlinburgs verschneite Altstadt weckt bei Susanne Kauffmann-Kramer viele Kindheitserinnerungen. 
Quedlinburg © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Ein Spaziergang durch Quedlinburgs verschneite Altstadt weckt bei Susanne Kauffmann-Kramer viele Kindheitserinnerungen.

Die zu erwartenden Sanierungskosten wurden mit etwa 100.000 Euro beziffert. So unmöglich ein solches Projekt zu stemmen schien - die Ex-Quedlinburgerin gab nicht auf. Sie nahm Kontakt zu dem jetzigen Eigentümer, Ingolf Wobst, auf und überzeugte auch ihn. Ihre Spende hatte die Dinge ins Rollen gebracht, und wie bei einem Puzzle setzten sich viele Einzelteile zu einem Ganzen zusammen. Immer mehr Menschen und Institutionen zogen an einem Strang. Die DSD konnte Professor Bernhard Servatius, ihren früheren Kuratoriumsvorsitzenden, dazu gewinnen. Der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende der Axel Springer AG war von der beispielhaften Initiative so angetan, dass er mit dem Sieghardt v. Köckritz-Preis, der ihm 2011 verliehen wurde, einen Beitrag leisten wollte. Die damit verbundene Förderung eines denkmal-geschützten Objekts widmete er dem Quedlinburger Stadtturm. Auch das Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalts, das mit großem Abstand den Löwenanteil trug, konnte mit ins Boot geholt werden.

Wie sehr sich alle Beteiligten über das erfolgreiche gemeinschaftliche Engagement freuen, wurde bei der Übergabe des Fördervertrags unserer Stiftung deutlich. Die Vorstandsvorsitzende, Dr. Rosemarie Wilcken, würdigte das bürgerschaftliche Engagement Susanne Kauffmann-Kramers ausdrücklich. "Ich habe doch nur einen ganz kleinen Beitrag geleistet", meinte diese bescheiden, als sie dem Quedlinburger Oberbürgermeister, Dr. Eberhard Brecht, Ende Februar auf dem verschneiten ehemaligen Familiengrundstück den Vertrag übergab.
Möglichst bald will man damit beginnen, den Helm wiederzuerrichten und das Dach einzudecken, um anschließend die Feuchtigkeitsschäden am Mauerwerk zu beheben. Die geplante Innensanierung des Pulverturms wird der Eigentümer übernehmen, der eine touristische Nutzung plant.

Aus dem Nachdruck eines Büchleins, das einst im Verlag ihres Vorfahren erschienen war, las Kauffmann-Kramer abschließend einige Zeilen vor, die sich direkt auf die Geschichte des Bauwerks zu beziehen scheinen:

"Ein Haus sei noch so gut gebaut, wenn es hineinschneit, regnet, thaut,
der Hagel frei darüber streift, das Wasser durch die Decke läuft,
dann ist's in kurzer Zeit nichts nutz. Doch gibt das Dach dem Turme Schutz,
dann bleibt der sämmtliche Verband von Holz und Stein in gutem Stand."

Friedegard Hürter


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