Menschen für Monumente

Interview mit Susanne Weckwerth

Kinder auf der via regia

MO: Die diesjährige Sächsische Landesausstellung widmet sich der Geschichte der via regia. Ihren Fokus richtet sie auf das Leben der Menschen an und auf dem wichtigen Handelsweg, der im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit den europäischen Kontinent verband. Aus verschiedensten Regionen und Ländern stammend, begegneten die Reisenden sich auf der Ost-West-Route, tauschten Güter und Ideen. Viele Themen, die auch das begleitende Bildungsprogramm für Kinder und Jugendliche widerspiegeln wird. Welche Angebote stellt es speziell für Familien aber auch für Kindergärten und Schulen bereit?

Susanne Weckwerth: Die Landesausstellung soll für Kinder und Jugendliche - gleich einer Entdeckungsreise - Geschichte am authentischen Ort erlebbar machen. Dazu gibt es zum einen spezielle Familienführungen an den Wochenenden und darüber hinaus verschiedene fächerübergreifende Führungen für Schulklassen: Zum Beispiel Hoch zu Ross oder lieber doch zu Fuß? für Vorschulkinder und Erst- bis Fünftklässler, Pioniere des Reisens? Kaufleute und Pilger unterwegs für die Klassen 6 bis 12. Schüler der Klassen 7 bis 12 können an den Führungen Flausen im Kopf oder Ideen im Gepäck? Künstler, Denker und Heilige unterwegs oder Mit welchem Maß soll man messen? teilnehmen. Natürlich kann der Ausstellungsbesuch auch mit weiteren Bausteinen verbunden werden. Dazu gehören Workshops im Anschluss an die Führung, die Bildungsangebote der anderen Görlitzer Museen oder auch ein Stadtrundgang auf der via regia durch Görlitz. Alle Angebote eignen sich für schulische Projekttage und -wochen genauso wie zur Feriengestaltung. Zur Ausstellung entsteht ein Juniorkatalog für Kinder ab zwölf Jahren. Außerdem können sich Kinder ab sechs Jahren mit einem Hörspiel auf die Ausstellung vorbereiten. In der Schau selbst werden sie zum aktiven Mitmachen angeregt, hier können sie kleine Fragebögen ausfüllen.

Blick auf die Laubengänge von Kaufmannshäusern am Görlitzer Untermarkt 
Görlitz, Untermarkt © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Blick auf die Laubengänge von Kaufmannshäusern am Görlitzer Untermarkt

MO: Welche Programme richten sich speziell an Erwachsene?

Susanne Weckwerth: Es gibt spezielle Führungen für Senioren immer am Montag um 16 Uhr. Für Kunstliebhaber wird es darüber hinaus Führungen zu einzelnen Objekten geben. Die Termine sind auf unseren Internetseiten zu finden.

MO: Werden sich - im Sinne der via regia - in den Veranstaltungen auch Kinder aus verschiedenen Ländern begegnen und zusammenarbeiten?

Susanne Weckwerth: Unbedingt, denn die Landesausstellung im Dreiländereck Deutschland, Polen, Tschechien ist für diese Art der Zusammenarbeit geradezu prädestiniert. Wir haben zum Beispiel alle sächsischen Schulen angeschrieben, die eine Partnerschule in Polen oder Tschechien haben und sie gemeinsam nach Görlitz eingeladen. Sie werden die Ausstellung gemeinsam besuchen und auch die Workshops zusammen machen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass alle Führungen und Workshops jeweils in polnischer, tschechischer und deutscher Sprache angeboten werden. Es gibt dazu auch eine Kooperation mit der Görlitzer Jugendherberge. Die Partner haben so die Möglichkeit, gemeinsam einige Tage in Görlitz zu verbringen und neben dem Besuch der Landesausstellung auch die Angebote der anderen Görlitzer Museen zu nutzen, die Stadt zu besichtigen und die Abende gemeinsam zu gestalten. Hierfür gibt es schon erste Anfragen und es wird ein Besuch des Via Mobils der deutschen und danach der tschechischen Schule vorbereitet.

Vor 1550 entstand das Gebäude am Untermarkt mit seinem Renaissanceportal. 
Görlitz, Untermarkt © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Vor 1550 entstand das Gebäude am Untermarkt mit seinem Renaissanceportal.

MO: Besondere Projektangebote bietet der sogenannte Junior Campus. Was genau ist der Junior Campus?

Susanne Weckwerth: Beim Junior Campus wird die gesamte Stadt Görlitz zum Lernfeld.
Es gibt drei Workshops, die den Ausstellungsbesuch vertiefen oder ergänzen sollen: Beim Medienworkshop: begeben sich Schülerinnen und Schüler in einer klassischen "Schnitzeljagd" (1. bis 4. Klasse) oder ausgestattet mit einem GPS-Gerät (5. bis 12. Klasse) auf "Schatzsuche". Sie erkunden die Gassen und Gebäude rund um den Ober- und Untermarkt. Und können dabei unterschiedlichen Fragen nachgehen: Wie funktionierten der Handel und die Handelsbauten? Wer waren die Akteure, und welche Spuren haben sie hinterlassen?
Im Mittelpunkt des Theaterworkshops steht die Begegnung von historischen Personen - Händlern, Gastronomen, Pilgern, Studenten und Görlitzern - in Form eines szenischen Rollenspiels.
Der Technikworkshop vertieft Fragen zum Reisen auf der via regia. Welche Distanzen wurden überwunden? Wie orientierten sich die Reisenden? Welche Bedeutung hatte die Entwicklung des Vermessungswesens und des Kartografierens der Straße für Herrscher und Reisende? Zu den Workshops können die Schüler auch einen Stadtrundgang buchen oder die anderen Görlitzer Museen besuchen, also ganz Görlitz auf der via regia erkunden.

MO: Warum halten Sie es für wichtig, bestimmte Themen auch außerhalb der Schule zu vermitteln?

Susanne Weckwerth: Das hat etwas mit dem "Be-greifen" zu tun. Mit einer eher plastisch visuellen Vermittlung. Wir wollen zum Beispiel mit unserem Via Mobil zu Schulen fahren und zeigen, wie aktuell das Thema "Bewegung und Begegnung" ist. Wohin würdet ihr gern reisen? Mit wem würdet ihr gern reisen? Was kann eine Reise bringen, wie verändert sie den Reisenden? Das sind Fragen, die mit den Schülern diskutiert werden könnten. Wir wollen zeigen, dass die Landesausstellung zwar 800 Jahre Geschichte vermittelt, dass die Themen aber auch heute aktuell und relevant sind und durchaus mit der Lebenswelt der Jugendlichen zu tun haben. Wenn man sich mit historischen Themen beschäftigt, ist es immer besonders wichtig zu zeigen, wie und warum sie noch immer aktuell sind.

MO: Können die museumspädagogischen Angebote das Arbeiten in der Schule unterstützen oder vertiefen?

Susanne Weckwerth: Alle Angebote sind thematisch extra so konzipiert, dass sie jede Menge Anknüpfungspunkte zum Lehrplan und zum fächerübergreifenden Unterricht bieten. Damit wollen wir das fächerverbindende Arbeiten im Unterricht unterstützen. Das betrifft alle Disziplinen von Deutsch über Geschichte und Geografie bis hin zu Mathematik, Physik, Biologie, Ethik, Religion und Kunst.

Der Anger in Erfurt 
Erfurt, Anger © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Anger in Erfurt

MO: Werden Themen behandelt, die die Kinder auch aus ihren eigenen Lebenszusammenhängen kennen?

Susanne Weckwerth: Absolut. Gerade das Reisen, das Sich-Bewegen, Unbekanntem zu begegnen sind doch Dinge, die Kinder und Jugendliche aus ihren eigenen Lebenszusammenhängen kennen.

MO: Welche Erkenntnisse können die Kinder und auch die Erwachsenen für die Gestaltung ihres Alltags gewinnen?

Susanne Weckwerth: Das ist natürlich individuell sehr verschieden. Aber ich denke, wichtig wäre zu erkennen, dass physische Bewegung immer auch eine Veränderung im Kopf herbeiführt. Andere Sitten, fremde Bräuche und Kulturen kennenzulernen, diese Erfahrungen mit nach Hause zu nehmen, führt unweigerlich zu einem Perspektivwechsel. Und es kann helfen, die Frage zu beantworten: Wo will ich selbst hin?
Wer viele Möglichkeiten kennt, den bewahrt diese Erkenntnis vielleicht vor einer allzu beschränkten Sicht auf die Dinge und auch davor zu glauben, dass nur die eigene Entscheidung richtig ist. Zu wissen, dass es viele Möglichkeiten gibt sich zu entscheiden, ist wichtig für die eigene Lebenswirklichkeit.

MO: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Julia Ricker

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