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Zur Entstehung botanischer Gärten

Eine Muskatnuss an der Uhr

Im letzten Jahr wurden zwei denkmalgeschützte Tropenhäuser nach mehreren Jahren der Restaurierung wiedereröffnet: Grund genug für uns, einmal der Entstehung botanischer Gärten in Deutschland nachzugehen.

1907 wurde das Große Tropenhaus in Berlin-Dahlem aus Stahl und Glas eröffnet. Die jüngste Restaurierung des über 26 Meter hohen und 60 Meter langen, freitragenden Kuppelbaus dauerte drei Jahre. 
© I. Haas Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin-Dahlem
1907 wurde das Große Tropenhaus in Berlin-Dahlem aus Stahl und Glas eröffnet. Die jüngste Restaurierung des über 26 Meter hohen und 60 Meter langen, freitragenden Kuppelbaus dauerte drei Jahre.

Zitronenmelisse, Safran, Koriander, Zimt, Rosmarin - beim Kochen greift man heute gerne auf die vielfältigen Küchengewürze zurück. Doch wer kann sich dabei vorstellen, dass der "gemeine" Pfeffer im Mittelalter fast unbezahlbar und der oft gebrauchte Muskat im frühen 19. Jahrhundert so wertvoll war, dass seine Nüsse - in Gold gefasst - die Uhrketten französischer Kavaliere schmückten?

Nicht nur auf dem Gebiet der Kräuter und Gewürze, sondern in der Botanik allgemein sind viele der heute weitverbreiteten Pflanzen eigentlich Exoten, die einst unter großem Aufwand ihren Weg nach Europa fanden. Sie waren selten, außergewöhnlich und vielbewundert. Wer weiß noch, dass die dekorative Dahlie eigentlich in Mexiko und Guatemala beheimatet ist? 1789 kam sie mit den spanischen Eroberern auf die Iberische Halbinsel und trat erst zwanzig Jahre später ihren Siegeszug in die Gärten an. Oder die Hortensie, die Lieblingsblume der preußischen Königin Luise. Der zwischen Zartrosa und kräftigem Blau reizvoll blühende Strauch wurde in den kaiserlichen Gärten Japans kultiviert und fiel 1690 erstmals Engelbert Kaempfer aus Lemgo auf, der damals Arzt bei der Niederländischen Ostindien-Kompanie war. Als lebende Pflanze wurde die Hortensie 1789 von dem Botaniker Sir Joseph Banks für die Royal Botanic Gardens in Kew bei London mitgebracht. Von dort aus avancierte sie schnell zur europäischen Modeblume und gilt heute als ein Klassiker unter den Gartensträuchern.

"Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland in der Urwaldhütte am Orinoco", Holzstich von Otto Roth 1870 
© bpk, Berlin
"Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland in der Urwaldhütte am Orinoco", Holzstich von Otto Roth 1870

Schon immer wurden unbekannte Pflanzen - und davon gibt es Tausende - von Reisen in nahe und ferne Länder mitgebracht. Das Interesse bestand zunächst in ihrer breitgefächerten Nutz- und Heilwirkung. "Alle Wiesen und Matten, alle Berge und Hügel sind Apotheken", notierte Paracelsus (1493-1541). Vornehmlich Ärzte und Gelehrte legten sich für ihre Studien Gärten nach dem Vorbild der klösterlichen Kräuter- und Gewürzgärten an. Im Hortus Medicus, dem Apothekergarten, wurden die Pflanzen nicht nach Gattungen, sondern nach ihrer Wirkung auf die verschiedenen Symptome, wie etwa Verdauungsbeschwerden, Husten oder Rückenschmerzen angeordnet.

Mit der Entdeckung Amerikas und der Erforschung der Seewege um Afrika nach Indien, China und Australien durch die Portugiesen, Spanier, Italiener und Engländer wurden auch neue Pflanzenwelten erschlossen. Berauscht von der Pracht und Vielfalt entwickelte sich ab dem 15. Jahrhundert die eigentliche Botanik, die Erforschung von Art und Beschaffenheit der Wildpflanzen. Zu den ältesten botanischen Universitätsgärten gehören die in Pisa, Padua und Florenz, in Deutschland die von Leipzig, Jena und Heidelberg. Zu den wichtigen Botanikern der Renaissance zählt Charles de l'Écluse, bekannter als Carolus Clusius (1526-1609), der zunächst in Wien gewirkt hatte und dann als Professor 1593 an die Universität Leiden wechselte - im Gepäck zahlreiche Tulpenzwiebeln aus der Türkei, die er in Leiden erstmals in den Boden seines Hortus Academicus setzte. Dank seines regen Kontaktes zu anderen Botanikern war er auch für die Verbreitung zahlreicher neuer Zierpflanzen verantwortlich.

Vom Sammeln und Besitzen

Die wachsende Freude an unbekannten Arten führte dazu, dass zunächst Mediziner und Missionare, später Pflanzenliebhaber als sogenannte Reisebotaniker auf den monatelangen Schiffsfahrten mitsegelten, entweder auf eigene Rechung oder im Auftrag von Handelsgesellschaften, Fürstenhäusern oder reichen Privatiers.

Säulenkakteen im Maurischen Haus der Stuttgarter Wilhelma. Der einzige zoologisch-botanische Garten Deutschlands entstand ab 1837 auf Wunsch von König Wilhelm I. von Württemberg (1781–1864). Vorbild für den Architekturstil war die Alhambra im spanischen Granada. 
© Wilhelma, Stuttgart
Säulenkakteen im Maurischen Haus der Stuttgarter Wilhelma. Der einzige zoologisch-botanische Garten Deutschlands entstand ab 1837 auf Wunsch von König Wilhelm I. von Württemberg (1781–1864). Vorbild für den Architekturstil war die Alhambra im spanischen Granada.

Unerschrocken sammelten sie von den fremdartigen Pflanzen, so viele sie konnten, hielten ihre Erkenntnisse in Zeichnungen und Beschreibungen fest und versuchten ihre Funde getrocknet als Herbarbeleg, als Samen oder lebende Pflanze über tausende Seemeilen sicher nach Hause zu bringen.

Dabei waren die Umstände auf den Schiffen oft sehr widrig. Selten zeigten die Kapitäne für die Platz einnehmenden, empfindlichen Exoten und für das seltsame Treiben der Botaniker Verständnis, von der Besatzung ganz zu schweigen. Zu den Schikanen kamen das salzige Klima, Stürme und Trockenheit. Die Verluste bei den in die Tausende gehenden Pflanzenbelegen waren oftmals groß. Mit dem Ward'schen Kasten, einem kleinen Reisegewächshaus, das der englische Arzt Nathaniel Ward 1829 erfand, sollten viele Pflanzen später die weiten Reisen besser überstehen.

Daheim wurden die unbekannten Neulinge nicht nur von Fachkollegen interessiert begutachtet, sondern auch der Adel zeigte sich von ihnen und den Reisegeschichten fasziniert. Die Präsentation der Schönheiten und Exoten wurde zum gesellschaftlichen Ereignis. Man griff im übertragenen Sinne zum Spaten und bereicherte die seit dem 16. Jahrhundert beliebten Orangerien, wie die Haine mit den bis dahin als exotisch geltenden Zitrusbäumen hießen, um die Fremdlinge.

Reisebotaniker und Pflanzenjäger

Zahlreiche Fachliteratur und Gärtnerratschläge wurden verfasst. Dem schwedischen Botaniker Carl von Linné (1707-78) gebührt das große Verdienst, eine Systematik für die Erfassung und Zuordnung von Pflanzen vorgelegt zu haben. Seine zweiteilige Bezeichnung mit Gattungs- und Artnamen in lateinischen und griechischen Wortstämmen ist in der scientia amabilis, in der "liebenswerten Wissenschaft", wie er die Botanik nannte, bis heute gebräuchlich. Dabei staunte er über die Leute, die ihr Vermögen und ihre bürgerliche Existenz aufgaben: "Guter Gott, wenn ich das traurige Schicksal so vieler botanischer Jünger bedenke, bin ich versucht zu fragen, ob Männer, die für ihre Liebe zum Pflanzensammeln ihr Leben und alles andere so verzweifelt aufs Spiel setzen, nicht bei Trost sind."

Die afrikanische Flora fühlt sich wohl unter der gläsernen Kuppel mit Galerie des 1858–61 aus Gusseisen errichteten und jüngst restaurierten Palmenhauses im Schlosspark von Pillnitz. Dem botanischen Interesse des Kurfürsten Friedrich August und späteren Königs von Sachsen (1750–1827) verdankten der Holländische und der Chinesische Garten ihre Entstehung. 
© R. Rossner
Die afrikanische Flora fühlt sich wohl unter der gläsernen Kuppel mit Galerie des 1858–61 aus Gusseisen errichteten und jüngst restaurierten Palmenhauses im Schlosspark von Pillnitz. Dem botanischen Interesse des Kurfürsten Friedrich August und späteren Königs von Sachsen (1750–1827) verdankten der Holländische und der Chinesische Garten ihre Entstehung.

Einer der bedeutendsten Reisebotaniker war Sir Joseph Banks (1743-1820), der 1768 die Hälfte des Preises für die erste Südseereise von James Cook bezahlte. Von der abenteuerlichen Fahrt brachte Banks 1.300 neue Arten und 110 neue Gattungen mit. Dank seiner erzählerischen Gabe wurde der Salonlöwe Banks als Held gefeiert und gelangte bald zu größerem Ruhm als Kapitän Cook. Man ernannte ihn zum inoffiziellen Direktor der Royal Botanic Gardens in Kew, die er zur bedeutenden Forschungsstation ausbaute.

Mit der steigenden Nachfrage wurde das Suchen und Sammeln von Pflanzen im kommerziellen Auftrag gebräuchlich. Stand anfänglich das botanische Forschungsinteresse wie etwa bei Alexander von Humboldt (1769-1859) oder Philipp Franz von Siebold (1796-1866) im Vordergrund, traten nunmehr die "plant hunter", die Pflanzenjäger, auf den Plan. Ihre Auftragsreisen gerieten immer mehr zu geheimen, durch Sabotageakte unter den Jägern verschärfte Abenteuer. So ertragreich und wissenschaftlich interessant ihr Sammeln auf der einen Seite war, so ausbeuterisch und schädlich war es auf der anderen. Eines der unrühmlichen Beispiele ist die Jagd nach Orchideen. Der Bremer Kaufmann Frederik Sander eröffnete 1876 bei London eine Samenhandlung, wobei er eine Leidenschaft für die raffinierten Blüten entwickelte und seine wohlhabende Kundschaft mit dem Orchideenfieber infizierte. Rastlos schickte er seine Pflanzenjäger in die Regenwälder, wo sie unter großem Druck, hohem Risiko und gewaltigen körperlichen Strapazen arbeiteten. Manche gingen soweit, dass sie Gebiete, in denen sie Orchideen gefunden hatten, verbrannten, damit kein anderer sie ernten konnte.

Ein Stahlkleid für die Pflanzen

In unseren kalten Breiten brauchten die Exoten besondere Pflege. Bislang hatte man die Pflanzen zur Überwinterung in schlichten Holzkonstruktionen eingehaust. Aus ihnen entwickelten sich allmählich die langgestreckten Orangeriegebäude, zunächst aus Holz und durch Kohleöfen erwärmt, später an drei Seiten gemauert und mit Glasscheiben für die Sonneneinstrahlung an der Südseite und auf dem Dach.

Doch immer mehr der begehrten Exoten brauchten es dauerhaft gleichmäßig warm, lichtdurchflutet und feucht. Als Vorreiter in der industriellen Revolution waren es auch die Briten, die moderne Gewächshäuser aus Gusseisen und rundum verglast konstruierten. In der Form orientierte man sich weiterhin an den klassischen Orangerien: langgestreckt mit Mittel- und Seitenpavillons, später mit markanten Kuppeln versehen, die Glasfenster von schlanken Pilastern gegliedert. Mit dem Stahlskelettgerüst konnten dann die großen, weite Flächen frei überspannenden Palmenhäuser gebaut werden. Auch hier waren das Palmenhaus von 1848 in den weltberühmten Kew Gardens und der Crystal Palace, den der Architekt Joseph Paxton (1803-65) erstmals auf der Londoner Weltausstellung 1851 präsentierte, maßgebend. Warmwasserleitungen im Boden gaben den Exoten ihr heimatliches Tropengefilde, und von umlaufenden Galerien konnten Besucher die faszinierende Pracht bewundern.

Viele botanische Gärten sind seither entstanden. Allein in Deutschland gibt es an die 100 Anlagen. Sie erfüllen heute die unterschiedlichsten Aufgaben. Für Besucher meistens auch zugänglich, möchten sie mit einem abwechslungsreichen Programm Interessierten die Flora und Fauna der Welt nahebringen und Hobbygärtner inspirieren. Zum anderen wollen sie auch ein angenehmer Ort des genussvollen Verweilens sein. Über ihre ureigenste Aufgabe des wissenschaftlichen Sammelns, Erforschens und Kultivierens hinaus sind die botanischen Gärten im Zuge des Naturschutzes und der Erhaltung der Artenvielfalt wichtige Lieferanten geworden. Seit kurzem werden Samenbanken angelegt, in denen möglichst viele Arten eingefroren werden, um sie für die Zukunft zu sichern.

Carl Blechens Gemälde "Das Innere des Palmenhauses" von 1832 zeigt das von Karl Friedrich Schinkel in Zusammenarbeit mit Alexander von Humboldt 1829–31 erbaute Palmenhaus auf der Berliner Pfaueninsel. Aus ungeklärter Ursache brannte das beliebte Ausflugsziel 1880 bis auf die Grundmauern nieder. 
© bpk/Nationalgalerie SMB/Jörg P. Anders, Berlin
Carl Blechens Gemälde "Das Innere des Palmenhauses" von 1832 zeigt das von Karl Friedrich Schinkel in Zusammenarbeit mit Alexander von Humboldt 1829–31 erbaute Palmenhaus auf der Berliner Pfaueninsel. Aus ungeklärter Ursache brannte das beliebte Ausflugsziel 1880 bis auf die Grundmauern nieder.

Die Kostbarkeiten der botanischen Gärten werden einem bewusst, wenn man zum Beispiel erfährt, dass der Botanische Garten in Berlin-Dahlem, der drittgrößte der Welt, durch den Zweiten Weltkrieg vier Millionen gesammelte Herbarbelege verloren hat, die zum Teil über 250 Jahre alt waren. Seit sechzig Jahren versucht man, den Bestand durch Ankauf und Tausch aufzufüllen. Er ist mittlerweile wieder auf 3,5 Millionen Belege angewachsen.

Beim Spaziergang durch die Pracht aus Farben, Formen und Düften kann man vielleicht ein wenig von der Freude Alexander von Humboldts und Aimé Bonplands verspüren, die sie 1799 im Dschungel von Venezuela empfanden: "Wie die Narren laufen wir bisitzt umher; in den ersten drei Tagen können wir nichts bestimmen, da man immer einen Gegenstand wegwirft, um einen anderen zu ergreifen. Bonpland versichert, dass er von Sinnen kommen werde, wenn die Wunder nicht bald aufhören."

Christiane Rossner

Literaturhinweise:

Kej Hielscher, Renate Hücking: Pflanzenjäger. In fernen Welten auf der Suche nach dem Paradies. Piper Verlag, München, 4. Auflage 2009

Stephani Hauschild: Oasen für die Sinne. Wie der Garten ins Wohnzimmer kam. Thorbecke Verlag, Ostfildern 2007

Heinz-Dieter Krausch, "Kaiserkron und Päonien rot ...", Entdeckung und Einführung unserer Gartenblumen. Dölling und Galitz Verlag, München, Hamburg 2003

Loki Schmidt, Die Botanischen Gärten in Deutschland. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1997

Eine Liste der Botanischen Gärten in Deutschland bietet:
www.homoeopathiker.de

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