Öffentliche Bauten Nach 1945 Herrscher, Künstler, Architekten Material Februar 2010 B

Die Böhms erneuern den Sakralbau

Gott wohnt auch im Beton

"Der Vater erhebe seinen Sohn zum Mitbesitzer,er lasse ihn mitbauen, - pflanzen und erlaube ihm,wie sich selbst, eine unschädliche Willkür.Eine Tätigkeit lässt sich in die andre verweben,keine an die andre anstückeln. Ein junger Zweig verbindetsich mit einem alten Stamme gar leicht und gern,an den kein erwachsener Ast mehr anzufügen ist." Johann Wolfgang von Goethe,Die Wahlverwandtschaften, 1809

Tief bewegt kehrte Dominikus Böhm 1913 von der Hochzeitsreise aus Italien zurück. Gemeinsam mit seiner Gattin Maria Scheiber hatte er Venedig und Verona besucht und während der Flitterwochen römische Ruinen und frühchristliche Kirchen genossen. Nach dieser Zeit zeichnete der junge Architekt mit Begeisterung Campanile, Basiliken und Zentralbauten à la Ravenna und übernahm sogar das typisch römische Streifenmauerwerk.

St. Johann Baptist in Neu-Ulm außen 
Ulm, Johann Baptist © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
St. Johann Baptist in Neu-Ulm außen

Dominikus Böhm gab damals ein zweites Bekenntnis ab. Das erste war das der christlichen Religion, der er als tiefgläubiger Katholik ein Leben lang treu blieb. Das zweite galt Italien und seiner Baukunst. Noch im Jahr der Heirat ließ er sich im Mitgliederverzeichnis des Deutschen Werkbundes offiziell als Domenico Böhm eintragen. Später diente ihm Corrado Riccis Buch über die italienische Romanik aus dem Jahr 1920 als Quelle der Inspiration. Es lag immer auf seinem Schreibtisch, zerlesen und mit Notizen und Merkzetteln gespickt. Die Romanik bedeutete für Böhm den Eingang in die Welt der architektonischen Urformen, der großen rechteckigen Flächen, der Würfel, Zylinder und ihrer sich in der Waage haltenden Verhältnisse. Seine Bauten ­wollten modern und mys­tisch zugleich sein, sie schu­fen eine auf Stimmungen gerichtete sakrale Monumentalität. Keine, die den Menschen klein macht, sondern eine, die den einzelnen erhebt. Der 1880 geborene, bodenständige Mann aus dem bayerischen Schwaben wurde einer der Meister des katholischen Sakralbaus im 20. Jahrhundert, zunächst kritisch von der Kirche beäugt, aber in seinem Todesjahr 1955 - nachdem er 55 Kirchen in Deutschland und Polen geschaffen hatte - hochgeehrt.

"Übervater" Dominikus Böhm

Hinter dem berühmten Namen und einem vielgestaltigen Œuvre steht der Familienvater Böhm. Dominikus bekam mit seiner Frau Maria aus dem Salzkammergut drei Söhne und begründete eine Dynastie von Architekten, die heute in dritter Generation im Kölner Villenviertel Marienburg arbeitet. Der Geist des bärtigen, auch körperlich mächtigen "Übervaters" schwebt noch immer in den Räumen, die er als Architekturbüro und Wohnhaus für die Familie 1931/32 im "gemäßigten Bauhausstil" errichtete. Von Marienburg aus zogen sein Sohn Gottfried, geboren 1920, und die vier in Köln zur Welt gekommenen Enkel Stephan, Markus, Peter und Paul in die Welt aus und kehrten wieder in den Hort der Familie zurück; eine Kontinuität, die heute in Zeiten jetsettender Architekten mit Büros in Dubai und China untypisch erscheint.

St. Johann Baptist in Neu-Ulm innen 
Neu-Ulm, St. Johann Baptist © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
St. Johann Baptist in Neu-Ulm innen

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz schätzt sich glücklich, einen der frühen Kirchenbauten von Dominikus Böhm in ihrer Obhut zu haben. Die treuhänderisch verwaltete Julius-Rohm-Stiftung nimmt sich der Pflege der Kirche St. Johann Baptist in Neu-Ulm an und setzt momentan die Auferstehungskapelle mit 50.000 Euro instand. Dominikus Böhm schuf mit dem Um- und Erweiterungsbau der 1857-60 entstandenen neuromanischen Garnisonskirche ein mystisches Lichtspiel im Innern. Es strömt diffus herein, rieselt farbig geformt durch gefaltete Wände und stürzt aus offenem Scheitel herab. Eine komplizierte, bühnenähnliche Architektur, verwandt mit den dramatischen Kulissen-Entwürfen Hans Poelzigs für das Kino der 1920er Jahre. Durch die von ihm selbst entwickelte Rabitztechnik entsteht eine raue, lichtfangende Oberfläche. Denn in die Architekturkonstruktion hängte Böhm ein Netz ein, in das Ziegelbrocken geflochten wurden und das Handwerker abschließend mit einer Art grobem Putz überwarfen. Das Ergebnis mutet archaisch und ungeheuer expressionistisch an. Besucher werden in ein Gefühlsbad getaucht, ausgerechnet durch das "kalte" Material Beton. Böhm ist der erste, der Beton für den deutschen Kirchenbau verwendet. Er schätzt ihn als preiswerten und "ehrlichen" Baustoff und experimentiert damit.

Der Kirchenbau gehörte nach dem Ersten Weltkrieg zu den gesellschaftlichen Aufgaben ersten Ranges. Damals wurde Religion Lehrfach in den Schulen, und die Zahl der Priesterweihen ging steil nach oben. Dominikus Böhm machte die erstarrte Liturgie zu seinem Lieblingsthema. Er orientierte sich dabei an den 1923 erschienenen Schriften des Priesters Johannes van Acken, der eine "christozentrische Kunst" verlangte. Als einer der ersten brachte Böhm den Altar wieder an die Gemeinde heran. Das zwang auch die Priester, die bis dahin mit dem Rücken zu den Gläubigen standen, sich den Menschen im buchstäblichen Sinne zuzuwenden - ein halbes Jahrhundert, ehe beim Zweiten Vatikanischen Konzil ebendiese Reformen beschlossen wurden.

Ein Portrait Dominikus Böhms vom Fotografen Hugo Schmölz. 
© Repro
Ein Portrait Dominikus Böhms vom Fotografen Hugo Schmölz.

Mit der stimmungsvollen Architektur zielt Böhm auf den Nerv des Volkes und möchte direkt in ihre Herzen vordringen. Gewiss spielt Koketterie mit, wenn er sich als Künstler-Baumeister versteht, der als Werkzeug Gottes seine Eingebungen unmittelbar dem Schöpfer verdankt. Bei aller Religiosität gerieten Böhms Bauten in den 1930er Jahren in Erzbistum Köln unter Beschuss. Mittlerweile hatte er nach seiner Berufung als Professor an die Kölner Werkschulen am Rhein Fuß gefasst. Das Generalvikariat aber wollte sich nicht mit seinem Entwurf für die kreisrunde Kirche St. Engelbert in Köln-Riehl anfreunden. Böhms Vorschlag mache den Eindruck des Primitiven, Fremdartigen und künde vom Orient. Der Unbeirrbare kannte den Klerus und redete sich heraus. Er behauptete, die Gestaltung für Riehl an eine entfernt ähnliche Laterne über der Vierung von St. Aposteln in Köln - bewiesenermaßen schönste rheinische Romanik - angelehnt zu haben. Zähneknirschend ließen die Auftraggeber ihn den Zentralbau mit den parabelförmigen Elementen verwirklichen. Bei einer Papstaudienz 1931 erhielt er die Rechnung: Pius XI. ermahnte Böhm, künftig die Tradition zu wahren. St. Engelbert lehnte der Papst rigoros ab.

Für Gottfried Böhm hingegen bedeutet St. Engelbert alles, was er an der Kunst des Vaters schätzt: Ihm erscheint der Bau so wichtig, weil er die Auffassung von der Architektur als Plastik zeige, reich an Formen und vielgestaltig, "eine große zusammenfassende, stark geformte Haut", die den Raum umschließt. Bei den Kölnern heißt das Meisterwerk aus Backstein und Beton liebevoll-abschätzig "Zitronenpresse".

St. Engelbert in Köln-Riehl, entstanden 1930–32. 
© R. Rossner
St. Engelbert in Köln-Riehl, entstanden 1930–32.

Die zweite Generation

Gottfried Böhms Weg schien vorgezeichnet. Er bewundert das starke Selbstbewusstsein des Vaters, der im Beruf auch mal grob und cholerisch reagieren konnte. In der Familie sei er warm und herzlich gewesen, bestimmend zwar, aber nicht beherrschend.

Schon als Kind verbrachte er viel Zeit im Büro des Vaters, wo er Pläne und Fensterentwürfe ausmalen durfte. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zog die Familie in Dominikus' Heimatort Jettingen zurück. Während des Kriegs hielten sich Vater und Sohn - Gottfried Böhm studierte als 22-Jähriger ab 1942 Bildhauerei und Architektur in München - mit kleinen Aufträgen über Wasser. Friedhofskapellen und Entwürfe für Fenster waren die Höhepunkte, an denen sie gemeinsam zeichneten, nah beieinander in einer Dachstube von zehn Quadratmetern Größe. "Wir beide haben Pfeife geraucht. Es war eine sehr schöne Atmosphäre", erinnert sich Gottfried Böhm.

              
© G. Boehm

Sein Lebenswerk beginnt zu einem Zeitpunkt, als das von Dominikus noch nicht beendet ist, ihre Arbeit greift ineinander und ergänzt sich gegenseitig. Die in Schubladen gestapelten Zeichnungen des Vaters waren für Gottfried Böhm nach dem Krieg eine wichtigere Quelle als die Werke international arbeitender Kollegen wie Walter Gropius und Mies van der Rohe. Er besuchte sie zwar später in Amerika, aber zu Beginn der 1950er Jahre hatte Böhms Prägung bereits stattgefunden. Bis zum Tod des Vaters im Jahr 1955 blieben sie zusammen im Kölner Architekturbüro, wo nach dem Krieg der Wiederaufbau die drängendste Aufgabe war. Das erste unabhängige Werk ist 1949 die Neu und Alt furios verbindende St. Kolumba-Kapelle. Dort entwickelte Gottfried Böhm die Betonschalungen des Vaters weiter und erfand eine zeltdachartig hängende "Gewebedecke". Seinen Zeichnungen gibt er eine Art Signatur bei: eine Personengruppe "en miniature" irgendwo am Rande des Blattes. Ein schlaksiger, großer Sohn, manchmal mit ausgestrecktem Arm, zeigt dem Vater, einem kleinen runden Mann, das jüngste Werk.

Im Schatten des Vaters stehend fühlt sich Gottfried Böhm jedoch keineswegs. Losgelöst von den Fesseln des Historismus denkt er Dominikus’ Gedanken weiter und dies evolutionär und nicht revolutionär. Aus dem Vorbild heraus entwickelt er eine eigenwillige, ausdrucksstarke und vor allem körperhafte Architektur.


Sie gipfelt in der Wallfahrtskirche von Neviges bei Wuppertal, wo Böhm 1968 im Auftrag des Kölner Erzbistums einen kristallinen Betonfelsen auftürmte, ebenso erhaben wie irritierend. Er kam dem Wunsch von Erzbischof Josef Kardinal Frings nach, den vornehmlich evangelischen Bürgern des Ortes ein monumentales Denkmal des Katholizismus vor die Nase zu setzen.


Das Beton-Rathaus von Bensberg, das mit dem dortigen Schloss korrespondieren sollte, bekrönte er 1967 mit einem Turm, der wie eine in den Himmel aufschießende Rudolf-Steiner-Schule aussieht. Es sind bildhafte, dramatische Bauten, für die er 1986 – bislang als einziger Deutscher – mit dem Pritzker-Preis, dem „Nobelpreis für Architektur“, geehrt wurde. Einordnen lassen sich diese Solitäre nicht, weder in die Zeit, in eine Schule oder in eine Region. Es war gerade dieser „Familienstil“, der den Juroren besonders gefiel.

Leicht, aber dennoch festlich und würdevoll: der große Saal im Bensberger Rathaus
Bensberg, Rathaus © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Leicht, aber dennoch festlich und würdevoll: der große Saal im Bensberger Rathaus

In den 1960er Jahren wurde Gottfried Böhm gerufen, wenn man etwas Irreguläres und Extravagantes wollte, so wie heute die Stararchitekten Zaha Hadid oder Daniel Libeskind gefragt sind. Dabei legt er gesteigerten Wert darauf, dass sich seine Bauten in die Umgebung einfügen, dass Historisches durch moderne Beigaben in Einklang gebracht wird. Genau wie sein Vater glaubt er an die Möglichkeit des „goldenen Mittelwegs in der Kunst“, an ein Produkt aus Verstand und Gemüt, das sich in der Weiterentwicklung der Tradition zeigt. Ein Künstler kann zwanglos aus dem Vorrat alter und neuer Formen schöpfen, kombiniert mit ingenieurhaft kühnen Konstruktionen. Zwischen Vater und Sohn gibt es keine harschen Brüche. Brüche werden durch die Zeit verursacht.


Nach 1970 ist Schluss mit dem sakralen Bauboom, und Gottfried Böhm musste sich neu erfinden. Bis dahin hatte er 69 Gotteshäuser in Europa und Amerika gebaut, mehr als ein Dutzend allein in Köln. Fortan plante er Büros, Kaufhäuser, Festhallen, Altenwohnheime und Wohnsiedlungen – die ganz besondere Emphase des „Böhmstils“ floss fein dosiert auch in die profanen Bauten ein. Er liebt Kuppeln, Türme, weite einheitlich überspannte Räume und verachtet das Uniforme und Maßstablose. Aus der Aufgabe etwa, einen Ort für den Sitz des gewählten Rates einer Stadt zu schaffen, ergibt sich für ihn der Ausdruck von Würde wie von selbst: „Das Gehäuse des Menschen ist Raum und Rahmen für seine Würde und soll sich entsprechend dem Inhalt und der Funktion nach außen darstellen.“ Wie den Kirchen möchte er politischen Bauten Glanz und eine menschenfreundliche Inszenierung verleihen.

Die Wallfahrtskirche in Neviges fasst 6.000 Menschen und ist nach dem Kölner Dom die zweitgrößte Kirche der Erzdiözese.
Neviges, Mariendom © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Wallfahrtskirche in Neviges fasst 6.000 Menschen und ist nach dem Kölner Dom die zweitgrößte Kirche der Erzdiözese.

Verwundert es da, wenn Helmut Kohl für seine Pläne, den Reichstag in Berlin wieder mit einer Kuppel zu versehen, Gottfried Böhm mit einem damals geheimen Gutachten betraute? 1985 bat man Böhm, Möglichkeiten zu finden, den Plenarsaal umzugestalten. Dem Kanzler erschien der Wiederaufbau des Saals von Paul Baumgarten in den 1960er Jahren inzwischen „akustisch unbrauchbar“. Böhm präsentierte seinen Entwurf im Oktober 1988 Helmut Kohl persönlich. Es war vorgesehen, den neuen Plenarsaal in der Dachebene zu errichten und mit einer achteckigen Kuppel aus transparentem Stahlskelett zu bekrönen. Über Treppen und Stege würde jedermann die Kuppel hinaufsteigen dürfen, um die hinter Glas abgeschirmten Sitzungen und die Hauptstadt von oben zu betrachten.


Den restaurativen Akzent à la „Wir sind wieder wer“, den man in die Kuppel hätte hineinlesen können, vermied Böhm zugunsten einer Symbolik, die über Demokratie erzählt. Böhms aus den Zeichnungen sprechendes Bild war eindeutig: Das wählende Volk steht über dem Parlament.


Der Fall der Mauer machte die im Verborgenen entstandene Planung –  eine Kompensation Kohls für den neuen Plenarsaal in Bonn, die den Willen zur deutschen Einheit beteuerte – über Nacht aktuell. Böhm setzte die Arbeit fort, und als 1992 der internationale Wettbewerb zum Umbau des Reichstags ausgeschrieben wurde, machte man sein Projekt öffentlich und stellte es den anderen Architekten als Information zur Verfügung. Böhm beteiligte sich – nun mit dem Vorschlag einer dekonstruktivistisch zerschnittenen Betonkuppelschale – ebenfalls am Wettbewerb. Er schied schon in den ersten Runden aus. Der Plenarsaal im Dachgeschoss erhebe die Abgeordneten über ihr Volk, bemängelte die Jury. Dass die Kuppel begehbar sein würde, übersah sie. Die Geschichte danach ist bekannt: Sir Norman Foster gewann den Wettbewerb und baute seinen Plenarsaal ebenerdig an alter Stelle – unter einer Kuppel. Gegen diese wehrte er sich vehement, doch der Bundestag gab sie ihm per Beschluss vor.

Alt und Neu kombiniert: das Rathaus in Bensberg, Reste der Burg und das Schloss
Bensberg, Rathaus © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Alt und Neu kombiniert: das Rathaus in Bensberg, Reste der Burg und das Schloss

Wenn sich heute auf dem Symbol der Berliner Republik die Menschen tummeln, denkt niemand mehr an Gottfried Böhm, aber jeder an Norman Foster. Ihn im Übrigen verehrt die Architekten­familie Böhm, unter anderem, weil er die neueste Technik und den Gedanken des Klimaschutzes mit in seine Pläne aufnimmt.

 

Die dritte Generation

Hatte Gottfried Böhm nur den Vater als Vorbild, so schauen die drei als Architekten tätigen Söhne Stephan, Paul und Peter auf zwei Generationen zurück. Werden sie von den Vorbildern erdrückt? Wohl kaum. Der Zweitälteste, Peter Böhm, Jahrgang 1954, hat neben eigenen Bauten schon viele Jahre gemeinsame Projekte mit dem Vater realisiert. Er sagt zwar, das Arbeiten im Familienband sei eine „harte Schule“, aber die Harmonie überwiege. Innerhalb der Familie kritisiert man sich untereinander, sagt sich gegenseitig, was man über die Entwürfe des anderen denkt. Eine besondere Rolle spielt dabei Gottfried Böhms Ehefrau Elisabeth, geboren 1931 im schwäbischen Mindelheim und gleichfalls Architektin. Berühmt-berüchtigt ist innerhalb der Familie ihr „spontaner“, Blick und das „hemmungslose, aber konstruktive Urteil“. Sie selbst nahm ihren Beruf nach langer Pause 1989 wieder auf. So agieren alle in ständiger sich inspirierender Konkurrenz miteinander, sie diskutieren im Atelier wie am Küchentisch.

Modell der Moschee in Köln-Ehrenfeld
Köln, Modell Moschee © Büro Paul Böhm
Modell der Moschee in Köln-Ehrenfeld

Vielleicht ist es diese intensive Form der Auseinandersetzung, die Stephan, Peter und Paul Böhm standfest macht und ihnen das Selbstbewusstsein für ebenso monumentale Werke gibt, wie sie Vater und Großvater verwirklichten. Mit seinem Entwurf für die in der öffentlichen Kritik stehende Kölner Moschee beweist Paul Böhm, der jüngste der vier Brüder, Mut und  Respekt gegen­über seiner Aufgabe. Er widmet sich dem Sakralbau mit ähnlicher Hingabe, wie es die Väter taten. Diese Überzeugung von der Kraft und Würde aller Bauten, mit deren Hilfe Menschen ihr Zusammenleben regeln, zeichnet die Familie Böhm als etwas besonderes aus und schafft ein Generationenwerk, das nicht allein auf glücklicher Fügung beruht. Hier lassen die Älteren die Jüngeren mitbauen und mitpflanzen, so dass sich die jungen Zweige mit dem alten Stamm leicht und gerne verbinden.


Christiane Schillig

Exkurs

Von wegen Haltbarkeit! – Über das sensible Material Beton

 

Kopfzerbrechen bereiten Denkmalpflegern und Restauratoren gerade solche Werke von Gottfried Böhm, die zu seinen schönsten und originellsten zählen und für die er mit dem Nobelpreis für Architektur, den Pritzker-Preis, ausgezeichnet wurde. Es sind Kirchen wie diejenige in Neviges oder das Rathaus von Bensberg. Sie bestehen entweder in großen Partien oder sogar komplett aus Sichtbeton. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts glaubten die Architekten, Beton sei nicht nur „preiswert“ und „ehrlich“, sondern auch besonders dauerhaft. Aber in den 1970er Jahren deutete sich bereits an, dass der Beton durch die Luftverschmutzung – vor allem auch die säurehaltigen Emissionen – undicht wurde und die Armierungen durchrosteten. Wie sein Vater experimentierte Gottfried Böhm mit der Zusammensetzung seiner Materialien und mit Wölbungstechniken aus Beton. Den Ingenieuren und Handwerkern verlangte das bei der Ausführung der Bauten ein hohes Maß an Können ab, weil die Ausführung jedes Baues sie vor eine neue Aufgabe stellte. Nicht Routine, sondern Einfallsreichtum war gefragt, wenn es einen Böhm-Bau zu realisieren galt.

 

Probleme bei den Bauten von Gottfried Böhm – beobachtet durch Denkmalpfleger vor allem im Kölner Raum – ergeben sich besonders bei den geneigten Flächen der sogenannten Kristallgebirge aus Beton. An der Wallfahrtskirche in Neviges waren erste Schäden schon bald nach der Fertigstellung der Gebäude festzustellen. Deshalb versah man sie noch gegen Ende der 1970er Jahre mit einer hellen Kunststoffbeschichtung. Im Laufe der Zeit wurden die Folien unansehnlich, und der Gesamteindruck der Kirche mit den vorgelagerten Pilgerhäusern litt enorm. Außerdem verhinderte die Folie nicht einmal, dass weiterhin Regenwasser eindrang und sich in Rinnen und Kehlen des Betondaches sammelte. Die Dächer waren nicht dicht und konnten Niederschlagswasser nicht abweisen. In den ästhetisch sensibel gestalteten Innenräumen bildeten sich Flecken und Risse, die unschön und auch bauphysikalisch schädlich waren. Daher mussten die schrägen Flächen durch wasserundurchlässiges Material, oftmals mit Blei, abgedeckt werden. Bei diesen Reparaturen wurde viel experimentiert, so dass es neben gelungenen auch weniger gelungene Ergebnisse gab. Leider wird fast immer bei einer Restaurierung die Wirkung des „kristallinen“ Baukörpers beeinträchtigt und das intendierte Bild des „Monoliths“ verunklärt.

 

Aus denkmalpflegerischer Sicht fachgerecht wurde bis Ende 2005 Gottfried Böhms Rathaus in Bensberg saniert, wobei es gelang, auch die ästhetischen Qualitäten der Sichtbetonoberflächen aus den späten 1960er Jahren zu bewahren. Da man den Beton nicht mit einer dichten, deckenden Paste überzog, bewahrten die Bauten ihre raue Haut. Zunächst wurden von der beschädigten Betonoberfläche größere Partien wie Schuppen vorsichtig abgenommen und vorübergehend eingelagert. Daraufhin konservierten Techniker die frei liegenden Armierungseisen oder nahmen sie heraus und ersetzten sie durch neue. Der umgebende karbonatisierte Beton wurde auf elektrochemischem Wege alkalisiert. Anschließend wurden die ausgelagerten Schuppen wieder angebracht und ihrem Umfeld farblich angepasst.

 

Nach dieser erfolgversprechenden Methode wurden in den letzten Jahren verschiedene Kirchenbauten von Gottfried Böhm restauriert, darunter St. Gertrud in Köln-Neustadt, Christi Auferstehung in Köln-Melaten, St. Johannes der Täufer in Köln-Lindenthal, Herz Jesu in Gladbach-Schildgen sowie St. Stephanus in Brühl.

 

Neviges, Mariendom © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn