© Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin Brandenburg / Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn

Schlösser und Burgen Landschaften, Parks und Friedhöfe Klassizismus Herrscher, Künstler, Architekten Dezember 2009

Vor zweihundert Jahren starb Königin Luise

Die Gnädige Frau von Paretz

Es sollte Luises letzter Besuch in Paretz sein, und sie konnte sich nur schwer trennen. Sie bestellte die Kutsche zum Rohrhaus, das auf dem höchsten Hügel des Dorfes stand. Von dort blickte sie herunter auf das Schlösschen und die Kirche und nahm Abschied von diesem geliebten Ort, in dem sie unbeschwerte und glückliche Tage verbracht hatte. Wenige Wochen später starb die Königin.

Der preußische König Friedrich Wilhelm II. hatte seiner Schwiegertochter Luise zu ihrem 19. Geburtstag ein großzügiges Geschenk gemacht: das Schloss in Oranienburg, das sie zusammen mit ihrem Mann, dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm, während der Sommermonate bewohnen sollte. Doch die barocke Anlage erschien ihnen viel zu groß, um sich dort abseits der strengen Hofetikette ins Private, Familiäre zurückziehen zu können. Als sie im Sommer 1794 an einem Gartenfest des Hofmarschalls Valentin von Massow teilnahmen, lernten sie sein Gut in Steinhöfel kennen. Es wurde damals gerade vom Vizedirektor des Oberhofbauamtes und Mitbegründer der Berliner Bauakademie, David Gilly, umgebaut. Im Jahr darauf besuchten Luise und Friedrich Wilhelm Steinhöfel erneut und waren von der fertiggestellten Anlage so begeistert, dass sie sich etwas Gleichwertiges von Gilly schaffen lassen wollten.

Der 10. Geburtstag von Kronprinz Friedrich Wilhelm 1805 in Paretz, festgehalten auf einem Gemälde von Heinrich Anton Dähling. Der Prinz steht zwischen seinem Vater, König Friedrich Wilhelm III., und seinen Brüdern Wilhelm und Karl. An Königin Luise schmiegt sich Prinzessin Charlotte, daneben ihre Schwester Alexandrine. 
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Der 10. Geburtstag von Kronprinz Friedrich Wilhelm 1805 in Paretz, festgehalten auf einem Gemälde von Heinrich Anton Dähling. Der Prinz steht zwischen seinem Vater, König Friedrich Wilhelm III., und seinen Brüdern Wilhelm und Karl. An Königin Luise schmiegt sich Prinzessin Charlotte, daneben ihre Schwester Alexandrine.

Diesen Traum verwirklichten sie schließlich in Paretz, wo das Gut des Grafen Blumenthal zum Verkauf stand. Friedrich Wilhelm kannte den kleinen, stillen Ort an der Havel aus Kindertagen und war sich sicher, die richtige Wahl zu treffen. Denn beide "waren von Jugend auf an Stille und Einsamkeit gewöhnt, beide genügsam, anspruchslos und den erkünstelten Genüssen des Luxus und der Verschwendung abhold, beide liebten die freie, heitere, offene Natur und ihre erhebenden Genüsse, und wie dem einen, so war es auch dem anderen ein Bedürfnis, sich von Zeit zu Zeit aus der Zerstreuung und dem Treiben und Drängen der Welt in die Ruhe der Einsamkeit zurückzuziehen, sich hier wieder zu sammeln und für die Pflichten und Obliegenheiten des Berufs und der Verhältnisse neu zu beleben und zu stärken", beschreibt 1845 Johann Heinrich Lehnert, Prediger und ein Vertrauter Friedrich Wilhelms III., die beiden.

Der Mittelrisalit des Paretzer Schlosses wird durch zwei Pyramidenpappeln akzentuiert. 
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Der Mittelrisalit des Paretzer Schlosses wird durch zwei Pyramidenpappeln akzentuiert.

Der Kronprinz konnte allerdings die Kaufsumme aus seiner jährlichen Apanage nicht begleichen. So musste sein Vater mit 80.000 Talern einspringen. Der Vertrag wurde im Januar 1797 unterzeichnet, die Pläne zum Umbau des Gutes hat David Gilly aber vermutlich vorher geliefert. Denn die Arbeiten waren bereits zum Erntedankfest 1797 soweit vorangeschritten, dass sich das Kronprinzenpaar auf einen ersten längeren Besuch in Paretz freuen konnte.

"Nur immer denken, daß Sie für einen armen Gutsherrn bauen", hatte Friedrich Wilhelm seinem Architekten mit auf den Weg gegeben. Gilly musste zwei Aufgaben bewältigen: Einen idyllischen Rückzugsort für seinen Auftraggeber schaffen und gleichzeitig ein landwirtschaftliches Gut anlegen, das Erträge erwirtschaften sollte. Die bestehenden Gebäude wurden abgerissen, und anstelle des Gutshauses errichtete Gilly ein langgestrecktes Schloss, das wegen seiner bescheidenen Proportionen eher als königliches Landhaus bezeichnet werden muss. Die Küche kam in einem angrenzenden Trakt unter, und den Stall für die königlichen Pferde hatte man mit dem Gartensaal zusammengelegt, der Luise und Friedrich Wilhelm bei größeren Gesellschaften als Speisezimmer diente.

David Gilly - ein klassizistischer Baumeister

David Gilly stammt von französischen Refugiés ab, die sich 1699 in Schwedt an der Oder angesiedelt hatten. Dort wird er 1748 geboren. Als Dreizehnjähriger beginnt er eine Baulehre und macht schnell Karriere. Nach der Reformation des Bauwesens in Preußen 1770, bei der den einzelnen Provinzen Landbaumeister zugeordnet werden, wird ihm dieses Amt für Pommern übertragen. Sechs Jahre später wird Gilly zum Baudirektor und 1782 zum Oberbaudirektor befördert. In dieser Zeit entwickelt er einen eigenen baukünstlerischen Stil, und er zählt zu den sehr frühen Vertretern des deutschen Klassizismus. 1788 wird er in das Berliner Oberbaudepartement berufen. Viele Gebäude, die er bis zu seinem Tod im Jahr 1808 errichtet, sind nicht mehr erhalten. Umso wichtiger sind daher die Ensembles in Steinhöfel und Paretz, die uns heute nach ihrer Restaurierung wieder einen Eindruck von dem hohen künstlerischen Niveau Gillys liefern.

Ein königliches Landhaus

Das 60 Meter lange, 13 Meter tiefe und nur anderthalbgeschossige, schlichte "Schloss" irritierte den Hof. Lediglich die Mittelrisalite waren akzentuiert: der gartenseitige durch recht zurückhaltende Schmuckelemente an der Fassade, der straßenseitige durch zwei Pyramidenpappeln und Sandsteinbänke. Luises Oberhofmeisterin Gräfin Voß war bei ihrem ersten Besuch im Mai 1797 sehr enttäuscht, fand das Dorf "nicht im geringsten hübsch; auch das Haus, das gebaut wird, bekommt keine richtigen Proportionen". Als der Hof am 2. September desselben Jahres erneut nach Paretz kam, notierte die Gräfin in ihr Tagebuch: "Der Garten ist nicht übel und wenn er nicht so feucht wäre, könnte er ganz erträglich sein."

Hinter der strengen Fassade des königlichen Landhauses verbargen sich jedoch prächtige Innenräume, deren Wände mit wertvollen Tapeten bespannt waren. Wie es dort zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgesehen hat, ist im "Inventarium von dem Königlichen Lust Schloss zu Paretz, aufgenommen den 5ten May 1810" überliefert. Außerdem ist das "Paretzer Skizzenbuch" mit Grund- und Aufrissen sowie Fassaden- und Giebelansichten der Dorfgebäude erhalten, das Hofmarschall Valentin von Massow seinem König 1811 überreichte, als er seinen Dienst quittierte.

Das Schlafzimmer Luises und Friedrich Wilhelms in ihrem königlichen Landhaus mit Blick in den angrenzenden Gesellschaftssaal. 
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Das Schlafzimmer Luises und Friedrich Wilhelms in ihrem königlichen Landhaus mit Blick in den angrenzenden Gesellschaftssaal.

Durch den Haupteingang gelangte man in das Vestibül, dessen Wände "nach blauer schlesischer Marmorart gemalt" waren. Links schloss sich ein Billardzimmer an, in dem der König gerne eine Partie mit Gräfin Voß spielte. Es folgte das Wohnzimmer der Königin, das mit einem Sofa, einem zierlichen Sekretär und einem Tafelklavier ausgestattet war. Über das Toilettenzimmer und einen Raum für die Oberhofmeisterin betrat man das kleinere der beiden Treppenhäuser und von dort das Arbeitszimmer des Königs. Dann kam das Schlafzimmer des Königspaars, in dem zwei Himmelbetten standen, "darin in beide: Zwei Matratzen. Zwei Unterbetten. Zwei Pfühle. Zwei Kopfkißen von blau gestreiften halbseidenen Zwilch. Vier Kopfkißen mit grün, roth und weiß gestr. Taffend überzogen. Zwei gesteppte Decken von bunt gewürfl. seiden Zeuge". Gesellschafts- und Gartensaal rundeten diesen Flügel des Hauses ab; im rechten Gebäudeteil befanden sich die Zimmer für Logiergäste und im Mezzaningeschoss die Räume für die Bediensteten.

Die Paretzer Dorfkirche 
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Die Paretzer Dorfkirche

Man nimmt an, dass David Gilly vor allem bei der Anlage der Schlossgärten von seinem Sohn Friedrich unterstützt wurde, der auch einige Parkarchitekturen wie das Rohrhaus entwarf. Neben dem königlichen Landhaus wurde ein Wirtschaftshof mit Ställen, Scheunen und weiteren Gebäuden gebaut. Friedrich Wilhelm III. - er war nach dem Tod seines Vaters im November 1797 König geworden - ließ von David Gilly schließlich das ganze Dorf planmäßig neu anlegen. Es entstanden ein Amtshaus, mehrere Bauerngehöfte und ein Familienhaus, in dem ein Leineweber, ein Fischer, vier Drescher und Tagelöhner, ein Müller und der Dorflehrer wohnten. Es wurden auch eine Schmiede und ein Gasthaus gebaut, und den Eingang zum Dorf betonte der Architekt durch zwei Torhäuschen, in denen ein Schafstall und die Wohnung für den Schafhirten untergebracht waren.

Blick in die Königsloge 
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Blick in die Königsloge

Gilly lieferte auch die Pläne für den Umbau der kleinen, das erste Mal 1197 erwähnten Feldsteinkirche. Sie unterstand allerdings seit dem Mittelalter nicht dem jeweiligen Patron, sondern dem Domkapitel in Brandenburg. Der Hof konnte daher nicht ohne Weiteres eine neue Gestaltung verfügen. Die Kirche war am 28. Dezember 1796, als Ludwig, der Bruder des Kronprinzen, starb, jedoch derart baufällig, dass sich die Dorfbewohner weigerten, im Turm das vorgeschriebene Trauergeläut in Gang zu setzen. Der Kirchengemeinde wurden daher Mittel für die Sanierung angeboten - unter einer Bedingung: Die Pläne Gillys sollten dabei berücksichtigt werden.

Der Umbau begann im Juli 1797, und bereits am 3. Advent desselben Jahres fand der erste Gottesdienst in der noch nicht ganz fertiggestellten Kirche statt. Aus dem Feldsteinbau war eine neugotische Kirche geworden mit dem ersten Bohlenbinderdach, das in Brandenburg errichtet wurde.

Die Königsfamilie betrat die Kirche durch einen Anbau, der die Königsloge aufnahm. Wenn sich Luise in Paretz aufhielt, besuchte sie jeden Tag den Gottesdienst. Die Kirche war aber zu ­ihrer Zeit viel düsterer. Erst 1860 wurden nach Plänen von Friedrich August Stüler vier weitere Fenster eingefügt, der Fußboden angehoben und der Kanzelalter, der zwei Drittel des Chorfensters verdeckte, entfernt.

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Gilly gestaltete den Eingang des Dorfes mit diesen beiden Torhäusern, in denen ein Schafstall und die Wohnung für den Schafhirten untergebracht waren
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Das Billiardzimmer im Paretzer Schloss. Ein Billiardtisch ist leider nicht mehr erhalten.
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Das Arbeitszimmer des Königs. Im Bücherschrank wird die Literatur aufbewahrt, die Luise bevorzugte, darunter Werke von Williarm Shakespeare und von ihrem Arzt Christoph Wilhelm Hufeland.
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Das originale Tafelklavier der Königin Luise
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1962 bzw. 1991 wurden bei der Restaurierung der Paretzer Kirche Malereien an der Rückwand des Chores freigelegt, die vermutlich aus dem 14. Jahrhundert stammen.
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Der von David Gilly errichtete ehemalige Gasthof in Paretz
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Blick auf einige Wirtschaftsgebäude der Paretzer Gutsanlage: Mehlwaage, Leiterschauer und Spritzenhaus
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Gilly gestaltete den Eingang des Dorfes mit diesen beiden Torhäusern, in denen ein Schafstall und die Wohnung für den Schafhirten untergebracht waren.
 
 
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Gilly gestaltete den Eingang des Dorfes mit diesen beiden Torhäusern, in denen ein Schafstall und die Wohnung für den Schafhirten untergebracht waren
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Das Billiardzimmer im Paretzer Schloss. Ein Billiardtisch ist leider nicht mehr erhalten.
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Das Arbeitszimmer des Königs. Im Bücherschrank wird die Literatur aufbewahrt, die Luise bevorzugte, darunter Werke von Williarm Shakespeare und von ihrem Arzt Christoph Wilhelm Hufeland.
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Das originale Tafelklavier der Königin Luise
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1962 bzw. 1991 wurden bei der Restaurierung der Paretzer Kirche Malereien an der Rückwand des Chores freigelegt, die vermutlich aus dem 14. Jahrhundert stammen.
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Der von David Gilly errichtete ehemalige Gasthof in Paretz
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Blick auf einige Wirtschaftsgebäude der Paretzer Gutsanlage: Mehlwaage, Leiterschauer und Spritzenhaus
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Gilly gestaltete den Eingang des Dorfes mit diesen beiden Torhäusern, in denen ein Schafstall und die Wohnung für den Schafhirten untergebracht waren.
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Leben in einer Parallelwelt


Luise und Friedrich Wilhelm lebten in Paretz in einer Parallelwelt. Sie versuchten, dort die Rollen als „gnädige Frau“ und Gutsherr bzw. Dorfschulze zu geben – allerdings auf hohem Niveau. Wenn sich der Hof im Spätsommer von Sanssouci in das Haveldorf aufmachte, wurde alles, was zu einem angenehmen, höfischen Leben zählte, mitgenommen. Vierzig Kutschen, die jeweils von Vier- bzw. Sechsspännern gezogen wurden, waren dafür nötig. Für die Versorgung mit Lebensmitteln und für den Transport der Gäste fuhren das Dorf im Schnitt täglich zwanzig weitere Kutschen  an.


Das Paar genoss es, dem strengen Hofzeremoniell und den Pflichten in Berlin für einige Wochen zu entkommen – vor allem, seit sie das Land regierten. Sie erlaubten sich in Paretz sogar, das Schlafzimmer zu teilen, was an einem anderen Ort undenkbar gewesen wäre. Sie machten Spaziergänge und Ausflüge per Boot und Kutsche in die nähere Umgebung, gingen zur Jagd und ver­gnügten sich bei Gesellschaftsspielen. Musiker aus den Regimentern, die sogenannten Janitscharen, spielten auf, und Mitglieder der Hofoper sowie des Balletts sorgten für Unterhaltung.


Doch auch während dieses Landlebens achtete „die Voß“ auf angemessene Umgangsformen. Ernst Wichert legt dem König in seinem 1877 erschienenen Dramolet „Die gnädige Frau von Paretz“ die durchaus glaubwürdigen Worte in den Mund: „Respect, Luise! Nicht vergessen, daß uns Dame d’Etiquette mit strengen Augen mustert. Wird wieder viel zu schelten geben, fürcht’ ich.“


Die längeren Aufenthalte, die der Hof von 1797 bis 1805 jedes Jahr an der Havel verlebte, begannen jeweils im Spätsommer und dauerten zwei bis sechs Wochen. Doch auch in dieser Zeit musste das Königspaar manchmal nach Berlin reisen, um dort offizielle Termine wahrzunehmen. Abschluss und Höhepunkt bildeten in Paretz die Erntedankfeste, bei denen sich Luise und Friedrich Wilhelm unter die Dorfbewohner mischten. Der König nahm vor dem Haupteingang seines Landhauses, der nur zu festlichen Anlässen genutzt wurde, den Erntekranz aus den Händen der Großmagd entgegen. Es schloss sich ein Festumzug durch das Dorf an, und auf einem Jahrmarkt, der während der Erntedankfeste stattfand, kaufte Luise die Produkte auf, um die Bauern ihres Dorfes zu unterstützen. Abends ging es dann zum Tanz auf die Tenne, der von der Königin mit dem Amtmann eröffnet wurde.

  


 

In Paretz wurde aber auch zu höfischen Fes­ten geladen, bei denen Luise und Friedrich Wilhelm vor allem Gäste aus dem Landadel empfingen. Durch einen „Kaufzettel und Nachweisung deren Ausgaben bei der Königl. Hofküche in Potsdam vom Sonntag, den 30. September 1804“ für einen Ball in Paretz wissen wir, dass damals die Menüfolge aus 28 Positionen bestand. Zu Beginn gab es Bouillon, dann verschiedene Pasteten, „Haasenkuchen“, „Rebhünerkäse“, einige Fleischgerichte – begleitet von „Schneidebohnen à la Foulette mit Cotellettes und Omelets“ sowie „Spinath mit Fricandeaux und weiche Eier“ – und schließlich die köstlichsten Nachspeisen. Wer an welcher Tafel Platz nehmen durfte, bestimmte aber auch in Paretz die höfische Hier­archie.


Die Kinder des Königpaars begleiteten die Eltern eher selten in das ländliche Idyll. Aber es kamen andere zu Besuch: Die Geschwister Luises und Friedrich Wilhelms, die Großmutter, Marie-Luise von Hessen-Darmstadt, der Königliche Kapellmeister Friedrich Wilhelm Hummel, der Leibarzt Christoph Wilhelm Hufeland oder der Berliner Stadtkommandant Ernst Friedrich Wilhelm von Rüchel. Wichtige Ereignisse im höfischen Leben absolvierte die königliche Familie in der Regel in Berlin. Mit einer Ausnahme: den zehnten Geburtstag des Kronprinzen und späteren Königs Friedrich Wilhelm IV. An diesem 15. Oktober 1805 trat er ins Erwachsenenalter ein, wurde ins Militär aufgenommen und puderte das erste Mal sein Haar.


Der Krieg Preußens gegen Napoleon beendete die jährlichen Aufenthalte des Hofes in Paretz zunächst. Luise kam nach ihrem Exil in Königsberg und Memel nur noch einmal, im April 1810, in ihr geliebtes „Schloss-Still-Im-Land“. Als Friedrich Wilhelm Paretz zusammen mit seiner Tochter Charlotte kurz nach dem frühen Tod Luises das erste Mal besuchte, ließen sie sich auch die Kirche öffnen. Dort breiteten sie ein hellblaues, mit Silberfäden besticktes Seidentuch über den Altar – es war eines der letzten von der Königin getragenen Umschlagtücher, und es wird seither mit sehr viel Umsicht bewahrt. Ein besonderer Ausdruck der ihr entgegengebrachten Verehrung ist außerdem die „Apotheose der Königin Luise von Preußen“.


Dieses Tonrelief schuf Johann Gottfried Schadow im Auftrag eines königlichen Salzinspektors. Friedrich Wilhelm III. konnte es 1818 erwerben und ließ es in der Paretzer Kirche an der Westwand der Königsloge aufstellen.

Der König nahm das spätsommerliche Landleben von 1814 an wieder auf und wurde ab 1824 von seiner zweiten Frau, der Gräfin Liegnitz, begleitet. Seine auf dem Sterbebett geäußerten Worte „Wenn ich doch noch einmal nach Paretz könnte!“ zeigen, wie sehr auch er an seinem Rückzugsort hing. So lag es nahe, dass die Kinder Luises und Friedrich Wilhelms aus dem Landhaus einen Ort der Erinnerung an ihre Eltern machten und kaum etwas veränderten. Dieser Zustand blieb bis 1945 weitgehend erhalten.


Zum Ende des Zweiten Weltkriegs lag Paretz jedoch mitten im umkämpften Gebiet, und das königliche Landhaus wurde als Lazarett umfunktioniert. 1948 wurde es Bauernhochschule und Mitte der 1960er Jahre zog die oberste Tierzuchtbehörde der DDR ein. So blieb das Gebäude zwar erhalten, doch man veränderte das Innere vollkommen.


Das Land Brandenburg übernahm es 1999 und stellte den ursprünglichen Zustand wieder her. Die kostbaren Tapeten, die beherzte Privatleute zu einem großen Teil 1945 geborgen hatten, wurden restauriert. Auch einige originale Möbel, darunter das Tafelklavier der Königin, stehen wieder in den Räumen, die man seit 2002 besichtigen kann.


Die Kirche wurde in den Zustand des 19. Jahrhunderts zurückversetzt, wie auch weitere Gebäude des Dorfes. Paretz atmet preußische Geschichte, und so meint man bei den noch heute stattfindenden Erntedankfesten, Pferdegetrappel und das Knirschen von Kutschenrädern zu hören. Als kämen Luise und Friedrich Wilhelm erneut in ihr Refugium, um dort einmal mehr unbeschwerte und glückliche Tage weitab des strengen Hofzeremoniells zu verbringen.


Carola Nathan

Öffnungszeiten 

Kirche: täglich von 10 bis 17 Uhr.

Schloss: Sa, So, feiertags 11 bis 16 Uhr (1.11.–14.5.) bzw. bis 17 Uhr (15.5.–15.10.)

 

Das Schloss in Paretz wird von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg verwaltet.


Die Restaurierung der wertvollen Wandtapeten wurde durch die Cornelsen Kulturstiftung ermöglicht. An der Sanierung des Schloss-Ensembles beteiligten sich  das Land Brandenburg, die Freunde der Preußischen Schlösser und Gärten e. V., die Hermann Reemtsma Stiftung, die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und andere.


Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) sowie die Lotte-und-Willy-Vogel-Stiftung und die Prinzessin-Elisabeth-von-Sachsen-Altenburg-Stiftung in der DSD unterstützten zusammen mit weiteren Geld­gebern die Restaurierung der Paretzer Kirche.