Öffentliche Bauten Kurioses 1900 Juni 2009 P

Die ehem. Pathologie in Hamburg-Eppendorf

Nachschub aus Übersee

Sie galt als Ort der Wahrheit: Die Pathologie des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg war gefürchtet. Nicht so sehr bei den Patienten, die kamen im Normalfall nicht mit ihr in Kontakt, vielmehr bei den praktizierenden Medizinern. Jeden Mittag nämlich mussten Ärzte, deren Patient gestorben war, in den kleinen Hörsaal des Instituts treten.

In dieser Größe aus dieser Zeit nur hier erhalten: der Sektionssaal der ehemaligen Pathologie im Hamburger UKE. Die Seziertische sind original aus den 1920er Jahren, die Unterkonstruktionen wurden aus alten Rohren improvisiert. Der Saal wird zur Zeit restauriert. 
© R. Rossner
In dieser Größe aus dieser Zeit nur hier erhalten: der Sektionssaal der ehemaligen Pathologie im Hamburger UKE. Die Seziertische sind original aus den 1920er Jahren, die Unterkonstruktionen wurden aus alten Rohren improvisiert. Der Saal wird zur Zeit restauriert.

Vor den mit Kollegen besetzten steilen Stuhlreihen nahte die Stunde der Wahrheit, denn den Augen der Pathologen blieb nichts verborgen. Anhand der Organe der Verstorbenen wurde das ärztliche Handeln überprüft, eine Art der "Qualitäts­sicherung", bevor dieser Ausdruck überhaupt erfunden war.


Heute muss die Mittagsvisite keiner mehr fürchten: Schon lange wird sich in der Rechtsmedizin um die Todesfälle gekümmert. Der an den Hörsaal angrenzende Sektionssaal ist Mitte des letzten Jahres geräumt worden und die Pathologie innerhalb des Klinikgeländes umgezogen. Was bedeutet, dass die Räumlichkeiten bereit sind für neue Aufgaben. Ein Ort von wirkungsvoller Authentizität, wert, genauer betrachtet zu werden.

Der Architekt Fritz Schumacher, Hamburgs verdienstvoller Baudirektor von 1909 bis 1933, hat in seinem schier unfassbaren Arbeitspensum auch im damaligen Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf gebaut und zwei seiner schönsten Gebäude geschaffen: das Haus für die Erika-Schwestern und das Institutsgebäude, in das unter anderem die Pathologie einzog.

Die ehemalige Pathologie 
© R. Rossner
Die ehemalige Pathologie

Entstanden war das Krankenhaus 1884-89 am Rande Hamburgs als Folge der verheerenden Cholera-Epidemien - und zwar nach den damals neuesten Erkenntnissen der Krankenpflege: Auf einem großen Parkgelände waren für jede klinische Disziplin luftdurchflutete Pavillons errichtet worden. Kaum etwas schreitet jedoch so schnell voran wie der medizinische Fortschritt. Schon wenige Jahre später entstand deshalb das Institutsgebäude mit Spezial­laboratorien für die Forschung, das erste seiner Art überhaupt. Es legte die Grundlage für die Zukunft des Krankenhauses als Universitätsklinik, des späteren UKE. Schumacher entwarf 1911 einen repräsentativen dreiflügeligen Backsteinbau - er sollte wegen des Ersten Weltkriegs erst 1926 fertiggestellt werden -, dessen dominierender Mitteltrakt die Hörsäle und den Sektionssaal aufnahm. Stark sind die Bezüge auf das kurz zuvor errichtete Erika-Haus, nicht nur in der äußeren Gestaltung, auch in der Farbgebung der Innenräume: Der Veranstaltungssaal im Erika-Haus mit den sonnigen, strahlenden Farben und seiner warmen Eleganz korrespondiert mit der gelb-orangen keramikgefliesten Eingangshalle der ehemaligen Pathologie. Deren übrige ursprüngliche Fassung muss allerdings erst ermittelt werden. Sie ist im Laufe der klinischen Nutzung unter mehreren Schichten Farbe verschwunden.

Stete Weiterentwicklung ist Verpflichtung am UKE und seine beständigste Tradition. Seit einiger Zeit ist es in einem besonders umfassenden Wandel begriffen, denn ein ehrgeiziger Masterplan soll es zur modernsten medizinischen Einrichtung ­Europas machen. Im Februar dieses Jahres wurde eine neue Ära im Klinikbau eingeläutet: Mit der Einweihung eines gewaltigen Neubaus - beworben als Krankenhaus mit Hotelatmosphäre und kurzen Wegen - sprengte man nicht nur in der organisatorischen Neuausrichtung den bisherigen Rahmen, auch der ehemalige Pavilloncharakter des UKE gehört immer mehr der Vergangenheit an.

So medizinisch kühl der Sektionssaal gehalten ist, so einladend ist die Eingangshalle der alten Pathologie mit ihren leuchtenden Keramik-Fliesen – ganz nach dem Farbgeschmack Fritz Schumachers. 
© R. Rossner
So medizinisch kühl der Sektionssaal gehalten ist, so einladend ist die Eingangshalle der alten Pathologie mit ihren leuchtenden Keramik-Fliesen – ganz nach dem Farbgeschmack Fritz Schumachers.

Der passende Moment also, um sich der Anfänge zu erinnern. An die Wurzeln des Krankenhauses im Speziellen wie auch denen der modernen Medizin im Allgemeinen. Beides findet in der ehemaligen Pathologie, mittlerweile in Fritz Schumacher-Haus umbenannt, seinen perfekten Ausdruck. Unter dem federführenden Engagement von Professor Dr. Adolf-Friedrich Holstein, ehemaliger Direktor des Anatomischen Instituts und jetzt Vorsitzender des Freundes- und Förderkreises des UKE e. V., wird zur Zeit das Gebäude restauriert. Zum einen soll es so weit wie möglich in seinen Ursprungszustand zurückversetzt werden - was allgemein mit großem Wohlwollen aufgenommen wird.

Denn wie stark sich auch im fortschrittsorientierten Medizinerherz die Sehnsucht nach der Ästhetik vergangener Zeiten regt, zeigt die überwältigende Annahme des Erika-Hauses, das nach seiner Restaurierung 2005 - auch dank der Mittel der Deutschen Stiftung Denkmalschutz - das unbestrittene architektonische Schmuckstück der Klinik geworden ist. Zum anderen existieren bereits ausgereifte Pläne für die zukünftige Nutzung der ehemaligen Pathologie: Eine Akademie für Gesundheit soll mit Vorträgen und Kursen dem gesteigerten Interesse des Laien an Gesundheitsfragen entgegenkommen. Das ihr angeschlossene medizinhistorische Museum wird dieses Angebot vertiefen. In vielen der UKE-Institutskeller schlummern noch historische Exponate, außerdem wurden bereits zahlreiche von Medizinern liebevoll gepflegte Sammlungen und alte Praxiseinrichtungen zur Verfügung gestellt. Die Museumsräume mit ihren Exponaten werden Fortbildungsveranstaltungen einen ausgezeichneten Rahmen bieten. Der zukünftige Leiter des Museums, Professor Dr. Heinz-Peter Schmiedebach, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin, legt dabei Wert auf eine hamburgspezifische Ausrichtung: Der Hafen bescherte dem Krankenhaus einen permanenten Nachschub an Krankheitsbildern aus Übersee.

Ein Teil der Hamburger Moulagen-Sammlung – zur Zeit noch im Fundus, später wichtiger Part des Medizinhistorischen Museums. 
© R. Rossner
Ein Teil der Hamburger Moulagen-Sammlung – zur Zeit noch im Fundus, später wichtiger Part des Medizinhistorischen Museums.

Ein heimlicher Höhepunkt der zukünftigen Ausstellung lässt sich jetzt schon mit Sicherheit benennen. Eine bemerkenswert umfangreiche Moulagensammlung wartet im Nachbargebäude - dem ehemaligen Abschiedshaus - auf eine restaurierende Hand und auf Platz, um sich in ihrer ganzen Kunstfertigkeit präsentieren zu können.

Moulagen sind plastische Darstellungen von Krankheiten aus Wachs. Ihre größte Verbreitung erlangten sie in der medizinischen Ausbildung, bevor Farbfotografien und Plastikmodelle zur Verfügung standen. Heute wiederum werden sie geschätzt, weil Ärzte an ihnen Krankheiten studieren können, die es hierzulande nicht mehr gibt. Besonders dermatologische Krankheiten konnten in Wachs außerordentlich exakt nachgebildet werden - was mitunter zu recht drastischen und schockierend echten Resultaten führte. Wie geschickt die Ärzte vor hundert Jahren Wachs als Modelliermaterial zu nutzen wussten, wie detailverliebt Geschwüre, Beulen, Furunkel, Lepraflecken und das gesamte übrige Sortiment tückischer Hautkrankheiten an allen möglichen Stellen des Körpers nachgebildet wurden, wird also in einiger Zeit im Fritz Schumacher-Haus anhand der über 600 Moulagen zu erleben sein: Dem Laien wird es in der ehemaligen Pathologie dann vielleicht doch etwas gruseln, zumal in der Abteilung mit den Kopfmoulagen, wo den Besucher Gesichter von Hunderten armer Seelen anstarren werden.

Beatrice Härig