Technische Denkmale Technik Juni 2009

Die Alte Dreherei in Mülheim an der Ruhr hofft auf Rettung

Für Truthähne und Traktoren

Es gibt Bauwerke, deren einstige Schönheit noch im Verfall durchscheint, so dass man sie um ihrer selbst willen bewahren möchte. Und es gibt Ruinen, deren Anblick nicht nur ergreifend ist, sondern die beim Betrachter Visionen hervorrufen: von den Möglichkeiten, sie sinnvoll zu nutzen, ohne sie dafür in ihrer Authentizität verändern zu müssen. Die Alte Dreherei in Mülheim-Speldorf weckt solche Vorstellungen. Seit langer Zeit pfeift der Wind durch die zerbrochenen Glasscheiben des backsteinernen Bauwerks aus dem 19. Jahrhundert, und es regnet durch die Löcher im Dach. Große und kleine Pfützen masern den Estrichboden, ihre Feuchtigkeit lässt Schienenstränge, die hier einst verlegt waren, wie ein Vexierbild aufscheinen.

Die historische Walze ist einer der Oldtimer, die in der Jugendstilhalle genügend Platz finden. 
© R. Rossner
Die historische Walze ist einer der Oldtimer, die in der Jugendstilhalle genügend Platz finden.

Das Brummen, Hämmern und Sägen von den benachbarten Baustellen auf dem einstigen Bahnbetriebsgelände machen es einem noch leichter, sich in ­Gedanken um 135 Jahre zurückzuversetzen. Damals war die Alte Dreherei Teil eines Eisenbahnausbesserungswerks im Süden Mülheims. Hier hatte die Rheinische Eisenbahn (RB) 1874 das Wartungswerk für Lokomotiven und Güterwagen gebaut, da Speldorf an einem Knotenpunkt des über 1.000 Kilometer langen Schienennetzes lag. Damit ent­lastete sie die Hauptwerkstatt in Köln-Nippes, die mit den 453 Lokomotiven, 734 Personen- und 11.745 Güterwagen der RB an die Grenze ihrer Kapazitäten geriet.

Stolz posieren 1913 die Arbeiter der Lok-Abteilung Speldorf in der Richthalle. Im Hintergrund sind Dampfloks und die Schiebebühne zu sehen. 
© Sammlung Eisenbahnfreunde Mülheim
Stolz posieren 1913 die Arbeiter der Lok-Abteilung Speldorf in der Richthalle. Im Hintergrund sind Dampfloks und die Schiebebühne zu sehen.

1880 wurde das private Unternehmen von der Preußischen Staatsbahn übernommen, und der Ausbau des nunmehr als Hauptwerkstatt bezeichneten Speldorfer Betriebshofes begann. Als sich das Gelände als zu klein erwies, verlegte man die Wartung der Güterwagen 1914 in das neue Werk nach Duisburg-Wedau und widmete sich in Speldorf nur noch den Dampflokomotiven.

Die Alte Dreherei ist das älteste erhaltene Gebäude des einstigen Ausbesserungswerks. Von außen präsentiert sie sich als typischer Vertreter der "Indus­trie-Kathedralen": Aus Backstein errichtet, erinnert die dreischiffige Halle mit den Rundbogenfenstern und dem Stufenfries an eine romanische Basilika. Das Innere der anfänglich 70 Meter langen und 27 Meter breiten Werkhalle beeindruckt durch die vollständig aus der ­Erbauungszeit erhaltene Dachkonstruktion. Auf zwei Reihen zu je 22 Stahlstützen sitzt eine aufwendige, überaus vielteilige hölzerne Hängewerk-Konstruktion, wie sie in dieser Art in Deutschland nicht noch einmal zu finden ist.

Sie ist ein beredtes Relikt aus der Pionierzeit des Eisenbahnwesens. "Die Halle wurde noch in herkömmlicher Bauweise geplant, doch die Aufgaben, die sie zu erfüllen hatte, wurden immer fortschrittlicher", erklärt Architekt Rainer Dittrich das stabile Bindersystem. Denn das Hängewerk hatte nicht in erster Linie das Dach zu tragen, sondern die tonnenschweren Maschinenteile aus Stahl. In der Alten Dreherei wurden die Einzelteile der zerlegten Lokomotiven bearbeitet und an Laufschienen, die an der Stützkonstruktion montiert waren, transportiert. Als mehr Platz benötigt wurde, verlängerte man 1909 die Halle um 20 auf 90 Meter, wobei in diesem Teil das Stützgerüst komplett aus Stahl gefertigt ist.

Wirksames Engagement: Der Mülheimer Künstler und Traktorfan Helge Schneider gab eine Vorstellung zugunsten der Alten Dreherei, die auch das Domizil seines Oldtimervereins wird. 
© R. Rossner
Wirksames Engagement: Der Mülheimer Künstler und Traktorfan Helge Schneider gab eine Vorstellung zugunsten der Alten Dreherei, die auch das Domizil seines Oldtimervereins wird.
© R. Rossner
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Die historische Walze ist einer der Oldtimer, die in der Jugendstilhalle genügend Platz finden.
©  Sammlung Eisenbahnfreunde Mülheim
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Stolz posieren 1913 die Arbeiter der Lok-Abteilung Speldorf in der Richthalle. Im Hintergrund sind Dampfloks und die Schiebebühne zu sehen.
©  R. Rossner
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Wirksames Engagement: Der Mülheimer Künstler und Traktorfan Helge Schneider gab eine Vorstellung zugunsten der Alten Dreherei, die auch das Domizil seines Oldtimervereins wird.
©  Sammlung Eisenbahnfreunde Mülheim
© Sammlung Eisenbahnfreunde Mülheim
Historische Aufnahme vom Eisenbahnausbesserungswerk in Mülheim-Speldorf. In der Mitte warten Loktender auf ihre Aufarbeitung.
©  R. Rossner
© R. Rossner
Desolate Ästhetik: Wie Baumkronen überspannt das hölzerne Tragwerk die Stahlstützen.
 
 
© R. Rossner
Die historische Walze ist einer der Oldtimer, die in der Jugendstilhalle genügend Platz finden.
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Stolz posieren 1913 die Arbeiter der Lok-Abteilung Speldorf in der Richthalle. Im Hintergrund sind Dampfloks und die Schiebebühne zu sehen.
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Wirksames Engagement: Der Mülheimer Künstler und Traktorfan Helge Schneider gab eine Vorstellung zugunsten der Alten Dreherei, die auch das Domizil seines Oldtimervereins wird.
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Historische Aufnahme vom Eisenbahnausbesserungswerk in Mülheim-Speldorf. In der Mitte warten Loktender auf ihre Aufarbeitung.
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Desolate Ästhetik: Wie Baumkronen überspannt das hölzerne Tragwerk die Stahlstützen.
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Wie die Kesselschmiede war die Alte Dreherei ein Zuarbeiter für das Kernstück des großen Reparaturbetriebs: die eigentliche Richthalle. Zunächst war eine Lokwerkhalle im rechten Winkel an die Dreherei gebaut worden. Doch als die Lokomotiven länger wurden, baute man 1918 eine neue Richthalle. Mit 254 mal 57 Metern besaß diese dreischiffige Halle drei Gleise und 90 Arbeitsstände und zählte damit zu den längsten Ausbesserungshallen der Deutschen Reichsbahn. Rund 2.000 Menschen arbeiteten an jährlich über 1.000 Dampflokomotiven, die dem Werk zugeteilt waren. Sie kamen von den Eisenbahndirektionen Essen, Wuppertal und Köln. Als man später aus Amerika statt der Querstände das Prinzip des sogenannten Längsstands übernahm, das ein Fließverfahren ermöglichte, verringerte sich die Durchlaufzeit der zu wartenden Maschinen von 60 Tagen auf 17 Tage. Dennoch war mit dem Ende der Dampfloks auch das Schicksal des Ausbesserungswerks in Speldorf besiegelt. Ende März 1959 wurde der Betrieb stillgelegt.

Seither wartet die Alte Dreherei auf neue Aufgaben. Die Mitglieder verschiedener Ruhrgebietsvereine sahen diese vor zwei Jahren sofort: Die Halle ist perfekt für ihre Vereinstätigkeiten geeignet. Sie waren von dem bedrohten Denkmal so begeistert, dass sie im Sommer 2007 bei seiner Versteigerung im Internet beherzt zugriffen. Wohlwissend, dass sie die Restaurierungskosten ohne Hilfe nicht allein stemmen können. Zunächst gründeten sie einen Trägerverein, um handlungsfähig zu sein und schlossen nach langen Gesprächen mit der Stadt Mülheim für das dazugehörige Grundstück einen Pachtvertrag über 90 Jahre ab.

Historische Aufnahme vom Eisenbahnausbesserungswerk in Mülheim-Speldorf. In der Mitte warten Loktender auf ihre Aufarbeitung. 
© Sammlung Eisenbahnfreunde Mülheim
Historische Aufnahme vom Eisenbahnausbesserungswerk in Mülheim-Speldorf. In der Mitte warten Loktender auf ihre Aufarbeitung.

Die Vereinsmitglieder können es kaum erwarten, mit der Restaurierung zu beginnen. Sie freuen sich darauf, endlich einen Platz gefunden zu haben, an dem sie ihren verschiedenen Hobbys frönen können. Die "Eisenbahnfreunde Mülheim an der Ruhr" werden in der weiträumigen Halle ihre großflächigen Modelle zeigen können, die "Mülheimer Vogelfreunde 1978" und der "Rassegeflügelzuchtverein 1869/1895 Mülheim an der Ruhr" werden ohne erschwerende Auflagen ihr gehegtes und gepflegtes Federvieh präsentieren können, und die "Oldtimerfreunde Mülheim an der Ruhr" haben nun so viel Platz, dass sie ihre original erhaltenen Fahrzeuge, darunter Lokomotiven, Lastwagen und Traktoren, dauerhaft zeigen können. Sogar aus der Nachbarstadt Essen gesellte sich die "Verkehrshistorische Arbeitsgemeinschaft EVAG" hinzu, weil sie von dem Projekt und den Veranstaltungsmöglichkeiten angetan ist.

Für das zukünftige "Haus der Vereine" sind die Nachbarn denkbar reizvoll: Die erhaltenen und bereits umgenutzten Denkmale des einstigen Werksgeländes sind ein Ringlokschuppen, der heute ein agiles Kulturzentrum beherbergt und ein Wasserturm aus dem letzten Jahrhundert, der nun als Camera obscura in die Geschichte der bewegten Bilder führt. Zudem wird dank der zur Zeit entstehenden Neubauten für Feuerwehr und Technisches Hilfswerk die Verkehrsanbindung für die Alte Dreherei über die Straßen "Am Schloss Broich" und "Zur Alten Dreherei" günstig sein.

Desolate Ästhetik: Wie Baumkronen überspannt das hölzerne Tragwerk die Stahlstützen. 
© R. Rossner
Desolate Ästhetik: Wie Baumkronen überspannt das hölzerne Tragwerk die Stahlstützen.

Im letzten Herbst befreite der Trägerverein unter großer Mithilfe von Vereinsmitgliedern die Halle containerweise von Efeu und Schutt. Sicherungsstützen wurden an einigen einsturzgefährdeten Bindern aufgerichtet und die größten Löcher im Dach notdürftig abgedeckt.

Zeitgleich wurde ebenso fleißig die Werbetrommel gerührt sowie die Möglichkeiten von finanziellen Förderungen ausgelotet. Nun warten alle auf den Startschuss, um mit der umfangreichen Restaurierung beginnen zu können. "Die Handwerker und die Mitglieder stehen bereit", sagt Ralf Lauterbach vom Trägerverein. Auch der Ablauf der dringendsten Baumaßnahmen steht fest: "Zunächst muss das Dach geschlossen und müssen die verfaulten Hölzer des dreischiffigen Hängwerks ersetzt werden", erklärt Architekt Dittrich. "Danach werden die 216 Fensterfassungen entrostet, grundiert und neu verglast." Mit Erleichterung hat man gehört, dass laut Prüfung des Holzsachverständigen fast alle Teile der originalen Holzkonstruktion erhalten werden können.

Doch die große Frage ist, wie viel Geld der Trägerverein erhalten wird. Zwar ist das Land Nordrhein-Westfalen von der Zukunft der Halle überzeugt und fördert ihre Rettung aus dem Denkmalprogramm, aber das zur Verfügung gestellte Geld wird nicht ausreichen. Daher hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in diesem März grünes Licht gegeben, die Baumaßnahmen unterstützen zu wollen. Sie hofft, dass ihre Förderer die Zukunftsvisionen für die im Moment noch arg mitgenommene Alte Dreherei teilen und durch ihre Spenden viele notwendige Arbeiten an der Halle mit der einmaligen Dachkonstruktion ermöglichen.

Wenn die Alte Dreherei nach 50 Jahren Leerstand ein hoffentlich erfolgreiches Jahr der Wiedergeburt feiert, werden demnächst nicht nur Eisenbahnfreunde und Vogelliebhaber an den Veranstaltungen der "Ruhrpottvereine" in der faszinierenden Halle ihre helle Freude haben.

Christiane Rossner

Weitere Infos im WWW:

www.alte-dreherei.de