Herrscher, Künstler, Architekten Interieur April 2009

Die Hackert-Gemälde auf Gut Boldevitz

In letzter Sekunde gerettet

Drei Tinten stehen, wenn er tuscht, immer bereit, und indem er von hinten hervorarbeitet und eine nach der andern braucht, so entsteht ein Bild, man weiß nicht woher es kommt. Wenn es nur so leicht auszuführen wäre, als es aussieht." Goethe ist voll der Bewunderung für den berühmten Landschaftsmaler Jakob Philipp Hackert, dem er 1787 während seiner "Italienischen Reise" über die Schulter schauen darf.

Im Rahmen der Restaurierung wurde auch die Scheinarchitektur rekonstruiert. Das Zusammenspiel von Innenraumgestaltung und weitläufiger Parklandschaft ist nun ganz im Sinne des 18. Jahrhunderts wiedergegeben. 
© ML Preiss
Im Rahmen der Restaurierung wurde auch die Scheinarchitektur rekonstruiert. Das Zusammenspiel von Innenraumgestaltung und weitläufiger Parklandschaft ist nun ganz im Sinne des 18. Jahrhunderts wiedergegeben.

Immerhin verschweigt der Dichter nicht, dass Hackert ihn bei dieser Gelegenheit unmissverständlich auf seine eigenen zeichnerischen Unzulänglichkeiten hingewiesen hat. Hackert, vom europäischen Adel gefeiert und umworben, war im Jahr zuvor durch König Ferdinand IV. zum Hofmaler in Neapel ernannt worden.    Schon in jungen Jahren konnte Hackert darin überzeugen, wohlkomponierte Ideallandschaften und realistische Naturwiedergabe miteinander zu verbinden. So hat der Klassizist nicht nur das Bild der Deutschen von Italien weit über seine Zeit hinaus geprägt, er lieferte auch - noch vor Caspar David Friedrich - erste naturgetreue Ansichten der Insel Rügen.


Der 1737 in Prenzlau geborene Hackert, der an der Berliner Akademie studiert hatte, fand in Adolf Friedrich von Olthoff einen ersten wichtigen Mäzen. Der Regierungsrat im damals schwedischen Pommern beauftragte ihn 1762 mit der Dekoration des Festsaales in seinem Stralsunder Stadtpalais. Sein Gönner war so angetan, dass der nächste Auftrag auf dem Fuße folgte: Olthoff hatte inzwischen das Herrenhaus Boldevitz auf Rügen erworben und nahm den Maler mit auf die Insel. Auch auf seinem neuen Sommersitz sollte Hackert den Festsaal ausschmücken.

Die restaurierten Leinwände wurden auf eine Lattenkonstruktion gespannt, die die notwendige Belüftung gewährleistet. 
© ML Preiss
Die restaurierten Leinwände wurden auf eine Lattenkonstruktion gespannt, die die notwendige Belüftung gewährleistet.

1763/64 schuf er sechs großformatige Landschaftsbilder in Leimfarben auf Leinwand. Neben frei komponierten Flusslandschaften, die er mit Tempeln oder Ruinen idealtypisch überhöhte, malte er eine realistische Ansicht der Kreidefelsen von Stubbenkammer. Auch die während seines Rügen-Aufenthaltes entstandenen Radierungen reetgedeckter Fischerkaten, der Boddenlandschaft und der Felsenküste zeigen, wie intensiv Hackert hier Landschaftsstudien betrieben hat.

Die Scheinarchitektur beschränkte der Künstler im Boldevitzer Festsaal auf antik anmutende Pfeiler und eine angedeutete Brüstung, die den Ausblick aus einer Loggia oder einem Gartenpavillon suggerieren. Jedoch blieb dieses Raumkunstwerk über die Jahrhunderte nicht unangetastet. 1860 hatte man die gemalte Architektur durch echte Rahmen ersetzt, um den Tapeten einen Gemäldecharakter zu verleihen.

1945 wurde das Boldevitzer Herrenhaus, das im Kern aus dem 17. Jahrhundert stammt, enteignet. Als in den siebziger Jahren hier Wohnungen eingerichtet und Wände eingezogen wurden, konnten Denkmalpfleger die Tapeten in letzter Sekunde retten. Da aus der provisorischen Zwischenlagerung aber ein Dauerzustand wurde, waren Schäden unvermeidlich.

Das Gutshaus von Boldevitz ist eines der ältesten erhaltenen Häuser seiner Art auf Rügen. 
© ML Preiss
Das Gutshaus von Boldevitz ist eines der ältesten erhaltenen Häuser seiner Art auf Rügen.

Als die Familie von Wersebe das Anwesen 1991 von der Treuhand übernahm, hatte sie nicht nur die Wiederaufnahme des landwirtschaftlichen Betriebes im Blick. Bei der Sanierung des Gutsensembles stand von Anfang an das Tapetenzimmer im Vordergrund.

Allerdings war der Erhaltungszustand der Hackert-Tapeten weit schlechter als befürchtet. Viele tausend Stunden intensiver und behutsamer Arbeit waren erforderlich, um den kunsthistorisch herausragenden Gemälden ihre Qualität und Ausstrahlung zurückzugeben. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat die schrittweise Instandsetzung des Hackert-Saals zusammen mit der Gerhard ten Doornkaat Koolmann-Stiftung unterstützt. Vor allem für die Restaurierung der Tapeten stellten beide seit 1995 über 425.000 Euro bereit.

Im Herbst 2005 konnte der erfolgreiche Abschluss der Maßnahmen mit einem internationalen wissenschaftlichen Symposium zu Jakob Philipp Hackert auf Gut Boldevitz gefeiert werden. Seit kurzem nun steht der Festsaal für standesamtliche Trauungen zur Verfügung. Welche Ausblicke die reizvolleren sind - die von Hackert gemalten idealen oder die echten in den gepflegten Park mit dem kleinen See und den Baumgruppen -, das mag jeder Besucher für sich entscheiden.

Bettina Vaupel

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    Dr. Frank Ziller schrieb am 21.03.2016 11:41 Uhr

    Im Rahmen einer Exkursion der Deutschen Burgenvereinigung (DBV) - Landesgruppe MV unter Leitung von Dr. Neidhard Krauß und unter aktiver Teilnahme des Präsidiumsmitgliedes der DBV, Frau Prof. Sabine Bock, konnte ich einen Eindruck von der Ausstrahlung der Hackertschen Tapeten im Festsaales im Gutshaus Boldevitz aufnehmen.

    Der historisch künstlerische Wert der Tapeten wird dem Interessierten erst bewusst, nachdem eine wissenschaftlich begründete Historie über Anlass der Herstellung und das Künstlerprofil aufgezeigt wird. Und genau das ist am 09.10.2011 vor Ort im Festsaal durch eine an der historischen Wertermittlung massgebend Beteiligte, Frau Prof. Sabine Bock, geschehen. Gemeinsam mit der Gutsherrin, Frau von Wersebe, gelang es Frau Prof. Bock die Mitglieder des DBV von dieser einmaligen und wiedererstandenen Kulturstätte auf der Insel Rügen zu begeistern.

    Ich glaube auch im Namen aller Beteiligten zu sprechen, wenn ichbeiden Frauen für ihr Engagement zur Rettung dieser Kulturstätte aus dem 17. Jahrhundert herzlich Dank sage.

    Dr. Frank Ziller

    Mitglied des DBV

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    Hans-Ulrich Iselin schrieb am 01.04.2018 09:53 Uhr

    Die Malerin und Zeichnerin Gustava Iselin-Haeger (1878 Berlin - 1962 Basel), einer Schülerin Max Liebermanns, hatte in ihrem Atelier zeitlebens ein kleinformatiges Ölbild von Jakob Philipp Hackert mit zwei Ziegen vor felsiger mediterraner Landschaft hängen, signiert F.Hackert (F. für Filippo, die italianisierte Form von Philipp). Es stammte aus dem Nachlass der Grossmutter der Künstlerin, Julie Haeger-von der Lancken (1797-1878) aus Rügen, und war über deren Sohn, den Berliner Architekten Julius Wilhem Haeger (1834 Greifswald -1901 Berlin) nach Basel gekommen. Gustava Iselin-Haeger fühlte sich zeitlebens der Landschaft Schwedisch-Pommerns stark verbunden, von zwei Reisen Anfang der Zwanziger und der Dreissiger Jahre brachte sie eine grosse Anzahl Skizzen und Pastelle mit. Als sie, bereits 75-jährig, 1953 eine Sammlung von Lithographien mit dem Titel "Drei Inseln - Rügen, Texel, Walcheren"publizierte, war das Thema Rügen wieder prominent vertreten. Worin besteht nun das Besondere an dem kleinen Werk von Hackert im Atelier einer Künstlerin, die ab 1907 bis zu ihrem Tod 1962 in Basel lebte, und Schloss Boldevitz auf Rügen? Boldevitz war bekanntlich ab 1780 im Besitz der von der Lancken, und die Tatsache, dass Hackert dort so prominent vertreten war, vermag auch die Affinität von der Lanckenscher Familienangehöriger für diesen zu seiner Zeit hochgeschätzten Künstler zu erklären. Darüber hinaus, und das ist im Zeitalter kritischer Provenienzforschung nicht ohne Bedeutung, vervollständigt der Bezug auch den Provenienz-Nachweis des Werks, zwar nicht urkundlich zurück bis zum Boldevitz-Eigentümer Julius Christoph von der Lancken-Gaten (1767-1831) selbst, so doch wenigstens bis zu seiner Tochter Julie.

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    Hans-Ulrich Iselin schrieb am 01.04.2018 20:09 Uhr

    Erratum: In meinem heutigen Beitrag ist irrrümlich Julius Christopher von der Lancken als Erwerber von Boldevitz genannt. Erwerber der Güter in Boldevitz war dessen Vater Friedrich Christian von der Lancken (1737-1784). Julius v.d.Lancken wurde bekannt durch die Gründung des Schlosses Juliusruh im Jahr 1795.

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