Schlösser und Burgen Februar 2009

Wie der Freiherr nach Nentershausen kam

Knigge ohne Takt

Wir sehen die klügsten, verständigsten Menschen im gemeinen Leben Schritte thun, wozu wir den Kopf schütteln müssen", heißt es in dem 1788 erschienenen Buch "Über den Umgang mit Menschen" von Adolph Freiherr von Knigge.

In Nentershausen wird das Alltagsleben auf einer spätmittelalterlichen Burg dargestellt und altes Handwerk vorgeführt. 
© ML Preiss
In Nentershausen wird das Alltagsleben auf einer spätmittelalterlichen Burg dargestellt und altes Handwerk vorgeführt.

Man könnte meinen, er habe beim Schreiben an eine Begebenheit gedacht, die ihn 15 Jahre zuvor seine Anstellung als Hofjunker beim Landgrafen Friedrich II. von Hessen-Kassel kostete: Er selbst hatte sich "durch amtliche und gesellige Misshelligkeiten unmöglich gemacht" und die Hofdame Henriette von Baumbach durch den Diebstahl eines Schuhs kompromittiert. Knigge musste Henriette schließlich auf Betreiben der Landgräfin heiraten. Das Paar lebte dann für eine Weile auf dem Gut der Baumbachs in Nentershausen.


Die Geschichte dieser Familie beginnt in dem nordhessischen Ort Anfang des 14. Jahrhunderts. Ritter Ludwig I. von Baumbach - man nennt ihn auch den Strengen - erhält die südlich von Nentershausen gelegene Burg Tannenberg als Lehen vom Hersfelder Abt und baut sie auf dem 350 Meter hohen Sporn des Herzbergs aus. Ihre strategisch wichtige Lage an der Grenze zu Thüringen führt dazu, dass die hessischen Landgrafen immer wieder Mittel für die Befestigung der Anlage bereitstellen.

Die Baumbachs sind aber vor allem deshalb in der Lage, sie zu erweitern und zu pflegen, weil sie sich den Geleitschutz für Kaufleute, die auf dem Handelsweg "durch die kurzen Hessen" von Frankfurt am Main nach Leipzig unterwegs sind, gut bezahlen lassen. Die Gebäude, die sich um den schmalen Burghof gruppieren, stammen aus dem 14., 16. und 17. Jahrhundert.

©  ML Preiss 
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1698 verlässt die Familie den Tannenberg und zieht in das bequemere Herrenhaus auf ihrem Gut in Nentershausen, auf dem auch Henriette und Adolph von Knigge ab 1775 wohnen. Zu diesem Zeitpunkt haben die Baumbachs den größten Teil ihres Burgbesitzes an den hessischen Landgrafen verkauft. Dieser bringt im Wohnturm zunächst Bergarbeiter der Kupfer- und Kobaltwerke und später Beschäftigte seiner Domäne unter. Die Gebäude, die nicht genutzt werden, verfallen.

1903 schließen sich die Baumbachs zu einem Familienverband zusammen und kaufen die Burg zurück. Sie beginnen mit der Sanierung der noch erhaltenen Gebäude und richten nach dem Ersten Weltkrieg im ehemaligen Burgwartshaus eine Jugendherberge ein, die während des National­sozialismus vom "Bund Deutscher Mädel" genutzt wird.

1980 übergeben die Baumbachs den Besitz per Erbbauvertrag für zunächst 99 Jahre an den "Verein der Freunde des Tannenberg", dem auch Mitglieder der Familie angehören. Pläne, die Anlage in ein Hotel umzubauen, scheitern. Doch zusammen mit der Gruppe Allerley gelingt es dem Verein, ab 1995 die Ideen für eine "mittelalterliche Erlebnisburg" nach und nach umzusetzen, was den Tourismus in der strukturschwachen Region erheblich ankurbelt. Sie vermitteln den Besuchern das Alltagsleben auf einer spätmittelalterlichen Burg, für das Schmiede, Zimmerei, Eselstall, Gesindestube und Kräutergarten den Rahmen bilden.

Gebäude aus mehreren Jahrhunderten gruppieren sich um den schmalen Hof der Burg Tannenberg. 
© ML Preiss
Gebäude aus mehreren Jahrhunderten gruppieren sich um den schmalen Hof der Burg Tannenberg.

Mit den Einnahmen aus einer Gastronomie, den beliebten Mittelaltermärkten und den Veranstaltungen, bei denen der Verein "Lebendige Burg e. V." altes Handwerk vorführt, wird die Anlage seither saniert. Das hessische Landesdenkmalamt begleitet die Maßnahmen und unterstützt sie auch finanziell. 2007 stellt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz - dank der ihr zugeflossenen Erträge aus der Lotterie GlückSpirale - ebenfalls Mittel bereit, mit denen die schadhafte Zwingermauer wiederhergestellt wird.

Zu dem Komplex gehört auch eine Kapelle mit einem gotischen Erker, in der Brautpaare in stilvoller Umgebung heiraten können. Wäre das schon im 18. Jahrhundert möglich gewesen, hätte vielleicht Adolph Freiherr von Knigge seine Henriette dort zum Traualtar geführt und sie für den Schabernack entschädigt, den er mit ihr am Hof des hessischen Landgrafen trieb.

Carola Nathan

Weitere Infos im WWW:

www.tannenburg.de