Menschen für Denkmale

Der "Gläserne Werkhof" mitten in Meldorf

Mode aus dem Alten Pastorat

Im Herbst 2006 war die Freude im schleswig-holsteinischen Meldorf groß: Mit der "Perspektive Meldorf", einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen, war wieder Leben in das "Altes Pastorat" genannte Gebäude eingekehrt. In den Räumen wird nun getöpfert, gewebt und genäht. Neben Keramikerzeugnissen entstehen auf teilweise über 150 Jahre alten Webstühlen handgewebte Stoffe - darunter in der besonders anspruchsvollen Beiderwandtechnik. Sogar eigene Modekollektionen werden gefertigt.

In der Keramikwerkstatt werden gerade Windlichter hergestellt.  
© ML Preiss
In der Keramikwerkstatt werden gerade Windlichter hergestellt.

Schon gut 500 Jahre steht das Haus in der Mitte der Stadt. Doch zu Beginn dieses Jahrhunderts war es durch Feuchtigkeit und Schwammbefall so geschädigt, dass einige es schon aufgeben wollten. Die Erschütterungen eines jeden vorüberfahrenden Lastwagens hätten es zum Einsturz bringen können. Mehrere Rettungsversuche in den 1990er Jahren waren gescheitert. Dabei ist dieses Renaissancegebäude des sogenannten Meldorfer Typs das letzte und wertvollste Beispiel für die besondere Art von Marschbürgerhäusern, die lange Zeit das Stadtbild prägten. Am Tag des offenen Denkmals 2003 bildete sich deshalb spontan eine Bürgerinitiative, um dem Untergang des Fachwerkgebäudes entgegenzuwirken. Sie gründete den "Förderkreis für das Alte Pastorat e. V.", rüttelte die Menschen auf und gewann Förderer im öffentlichen und privaten Bereich. Neben der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die insgesamt 220.000 Euro bereitstellte, halfen die Europäische Union und das Amt für Ländliche Räume, die Sparkassenstiftungen Schleswig-Holsteins und der Verbandssparkasse Meldorf, der Kreis Dithmarschen, das Landesamt für Denkmalpflege und das schleswig-holsteinische Innenministerium sowie der Verein für Dithmarscher Landeskunde und die "Perspektive Meldorf" als neue Eigentümerin.

Im Alten Pastorat wird auch die von der „Perspektive Meldorf“ entworfene Mode präsentiert.  
© ML Preiss
Im Alten Pastorat wird auch die von der „Perspektive Meldorf“ entworfene Mode präsentiert.

Der um 1600 errichtete massive Blendarkadengiebel des Gebäudes ist nun wieder ein Blickfang in der Stadt. Er ruht auf einem ungewöhnlichen Fachwerkunterbau, dessen mächtige Stützen nicht - wie sonst üblich - auf einem Schwellbalken sitzen, sondern auf Findlingssteinen stehen. Der rückwärtige Gebäudeteil mit dem polygonalen Abschluss deutet auf eine ehemalige Kapelle hin. Seit der Reformation war das Haus Wohnsitz des Hauptpastors am nahegelegenen Meldorfer Dom. Als dieser 1879 restauriert wurde, diente das zu diesem Zweck entkernte Pastorat als Ausweichquartier. Anschließend wurde es Museum, später beherbergte es die Museumswerkstätten. 1936 kam ein Anbau für die noch bestehende Weberei dazu. Heute ist jedermann eingeladen, diesen "Gläsernen Werkhof" im historischen Gebäude zu besichtigen und den eifrigen Menschen bei ihrer Arbeit über die Schultern zu schauen - im besten Sinne eine Fortführung der christlich-humanistischen Tradition des Alten Pastorats.

Dr. Dorothee Reimann

Kopfgrafik - rechtes Bild: Ein durch Blendbögen gegliederter Giebel schmückt das "Alte Pastorat" aus dem 17. Jahrhundert.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

  • Otto Bartning und seine Kirchen 09.03.2016 Bartning Kirchen Spiritualität in Serie

    Spiritualität in Serie

    Otto Bartning gehört zu den bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Wegweisend sind seine Raumschöpfungen im Bereich des protestantischen Kirchenbaus.

  • Von Seekisten und Seeleuten 08.11.2012 Seekisten Was auf der hohen Kante lag

    Was auf der hohen Kante lag

    In den alten Zeiten der Frachtsegler musste die gesamte Habe des Seemanns in eine hölzerne Kiste passen. Manchmal liebevoll bemalt, war sie das einzige persönliche Stück, das ihn auf seinen Reisen über die Weltmeere begleitete.

  • Albrecht Dürer und die Kartierung der Sterne 13.01.2016 Himmelskarten Der Hase am Südhimmel

    Der Hase am Südhimmel

    Sie spüren Kugelsternhaufen und Satellitengalaxien auf: Heutige Astronomen können Milliarden Lichtjahre weit ins All blicken. Vor 500 Jahren – das Fernrohr war noch nicht erfunden – sah unser Bild vom Himmel ganz anders aus.

Service

Monumente Probeheft

Probeheft jetzt anfordern!


Zeitschrift abonnieren
Magazin für Denkmalkultur in Deutschland



Möchten Sie ausführlicher über aktuelle Themen aus der deutschen Denkmallandschaft lesen? 


Dann abonnieren Sie Monumente!  


 
 
Monumente Probeheft

Probeheft jetzt anfordern!


1
Zeitschrift abonnieren
Magazin für Denkmalkultur in Deutschland
2
Monumente Abo



Möchten Sie ausführlicher über aktuelle Themen aus der deutschen Denkmallandschaft lesen? 


Dann abonnieren Sie Monumente!  


3

Newsletter

Lassen Sie sich per E-Mail informieren,

wenn eine neue Ausgabe von Monumente

Online erscheint.

Spenden für Denkmale

Auch kleinste Beträge zählen!

 
 
 
 
0 Kommentare

0 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar!

Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

 
 

© 2021 Deutsche Stiftung Denkmalschutz • Monumente Online • Schlegelstraße 1 • 53113 Bonn