Ikonographie

Eine Bildergeschichte in Gischow

Gott beim Wort genommen

Nur mit einem Lendentuch ist der verkrüppelte Mann bekleidet, der sich mühsam auf einfachen Holzprothesen fortbewegt. Ein anderer muss an Krücken laufen, doch zumindest trägt er, wenn auch abgerissen, eine wärmende Jacke, Hose und Schuhe. Den beiden wird - Gott sei Dank - geholfen: Der Nackte bekommt ein rotes Gewand übergestreift, dem anderen werden Brot und Wasser gereicht. Ein Heiligenschein gebührte eigentlich den Wohltätern, doch dieser umrahmt in leuchtendem Gold die Häupter der Bettler. Eine berührende, wenn auch seltsam anmutende Szene, die die Predella des spätgotischen Altars in der Kirche von Gischow zeigt. Doch so abwegig ist die Darstellung des unbekannten Dorfmalers nicht, vielmehr war er bibelfest.

Ein seltenes Bild von Werken der Barmherzigkeit: Hungrige speisen, Bedürftige kleiden, Obdachlose beherbergen, Gefangene besuchen, Kranke pflegen und Tote bestatten. Sie zieren die Predella des spätgotischen Altars in der Dorfkirche von Gischow. 
© Roland Rossner
Ein seltenes Bild von Werken der Barmherzigkeit: Hungrige speisen, Bedürftige kleiden, Obdachlose beherbergen, Gefangene besuchen, Kranke pflegen und Tote bestatten. Sie zieren die Predella des spätgotischen Altars in der Dorfkirche von Gischow.

Nächstenliebe gehört zu den Forderungen, die Jesus in seinen Predigten immer wieder an die Menschen stellt. Die Liebe zu Gott sei das höchste und größte Gebot. Doch ihr gleichrangig sei die Liebe zum Nächsten wie zu sich selbst. So schreibt es der Evangelist Matthäus nieder (Mt. 22, 37-40) und benennt einige Kapitel später auch konkrete Taten. Dort predigt Jesus über das Jüngste Gericht: "Dann wird der König zu denen auf seiner Rechten sprechen: 'Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt das Reich in Besitz, das euch seit Grundlegung der Welt bereitet ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben, ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gereicht, ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen, nackt, und ihr habt mich bekleidet, ich war krank, und ihr habt mich besucht, ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. (...) Wahrlich, ich sage euch, was immer ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.'"(Mt. 25, 34-40).

Die Fachwerkkirche im mecklenburgischen Gischow wurde 1715 errichtet. 
© Roland Rossner
Die Fachwerkkirche im mecklenburgischen Gischow wurde 1715 errichtet.

Diese Worte Jesu sind in der christlichen Theologie die Grundlage für die Werke der Barmherzigkeit, deren Reihe im Laufe der Zeit noch erweitert wurde. In der Kunst hat sich die Darstellung von sieben "klassischen" Werken durchgesetzt: Hungrigen zu essen und Durstigen zu trinken geben, Fremde beherbergen, Nackte bekleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und Tote bestatten. Das siebte Werk wurde durch den Kirchenlehrer Lactans (etwa 250-325) in Bezug auf das apokryphe Buch Tobit (1,20) hinzugefügt, so dass in den Bildszenen die beiden ersten Taten häufig zusammengefasst werden. Barmherzigkeit ist mehr als passives Mitleid. Sie wird gelebt, wenn der Mensch tätig wird und für seine Hilfe keine Gegenleistung erwartet. Barmherzigkeit war die Grundlage für die im Mittelalter vermehrte Wohlfahrtspflege, die Caritas, in deren Mittelpunkt das Almosenwesen stand. Deshalb gab es Darstellungen der barmherzigen Werke vor allem in den Pilger-, Armen- und Siechenhäusern. Dieses selbstlose Wirken am Nächsten sahen die Klöster, Kirchen und wohltätigen Stiftungen als ihre Aufgabe an. Doch im Laufe der Jahrhunderte wandelte es sich durch Naturkatastrophen, Kriege und nicht zuletzt durch die Große Pest zu einer Aufgabe der Allgemeinheit. Zu viele Menschen litten Hunger und Not, die Orden waren überfordert, die Laien mussten für die Caritas mobilisiert werden.

Um den Menschen zu verdeutlichen, worin der Sinn der guten Taten lag, traten in der bildenden Kunst oftmals Heilige an die Stelle der Helfenden. Elisabeth von Thüringen verkörpert dabei wohl am eindrucksvollsten die Misericordia, die Barmherzigkeit. Auch zeigte man Christus als Notleidenden oder als Begleiter der Bedürftigen - in allen Szenen erkennbar an seinem Kreuznimbus. Eine besonders hübsche und seltene Darstellung beherbergt die barocke Fachwerkkirche im mecklenburgischen Gischow. Im Mittelschrein des Schnitzaltars aus dem frühen 16. Jahrhundert steht eine Mondsichelmadonna, umrahmt von einem Rosenkranz mit den Wundmalen Christi. Auf den Seitenflügeln begleiten sie der Evangelist Johannes und der heilige Bischof Servatius, während die Rückseiten der Altarflügel die sogenannte Gregorsmesse zeigen.

Der Schnitzaltar stammt aus dem 1. Viertel des 16. Jahrhunderts. 
© Roland Rossner
Der Schnitzaltar stammt aus dem 1. Viertel des 16. Jahrhunderts.

Auf der Predella, dem unteren Teil des spätgotischen Altars, sind in einer fortlaufend gemalten Szene sechs Werke der Barmherzigkeit zu sehen. Dem unbekannten Meister des Gischower Altargemäldes ist es gelungen, lebensnah zu zeigen, wie wichtig Armenhilfe ist: Vor einer Kulisse aus Landschaft und Architektur wird in einer von stillem, freundlichem Ernst getragenen Szenerie über die christliche Tugend der aktiven Nächstenliebe erzählt. Der Künstler hat, wie es an der Schwelle zur Neuzeit üblich war, mit seinem Bildnis eher bewegt als nur sachlich unterwiesen: Er weckt durch die Gesten und Mimik seiner Figuren beim Betrachter Emotionen, stellt die den Notleidenden dienenden Institutionen glaubwürdig dar und regt darüber hinaus die Gläubigen an, selbst Almosen zu geben. All dies schuf der Künstler in Gischow ganz im Sinne der Worte Jesu: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Daher umgab er nicht die Wohltäter, sondern die Armen mit dem Heiligenschein. Gott beim Wort genommen - so einfach wie ergreifend.

Christiane Rossner

Info: Möchten Sie die Kirche besichtigen, wenden Sie sich bitte an Familie Hase, Hauptstr. 3, Tel. 038731/1 89 19.