Sehen und Erkennen Jugendstil / Art Déco

Und wie sich daraus der Jugendstil entwickelte

Die Wiedergeburt des Barock

Die Epoche des Späthistorismus und des Jugendstils fällt in Deutschland in eine Zeit großer wirtschaftlicher Blüte und in die Regierungszeit des prachtliebenden Kaisers Wilhelm II. 1888-1918. Die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden, aus der die meisten Fotos dieses Beitrags stammen, verdankt dieser Periode ein besonders reiches Erbe an herausragenden Bauten.

Schmuckreiche Neoromanik: die Ringkirche in Wiesbaden 
© G. Kiesow
Schmuckreiche Neoromanik: die Ringkirche in Wiesbaden

War die Architektur im romantischen Historismus (etwa 1835-70) noch relativ zurückhaltend mit Bauornamenten ausgeschmückt und im Relief flächig gehalten, so machte sich durch den Einfluss von Gottfried Semper der Hang zu stärkerer Plastizität der Fassaden und zu größerer Schmuckfreudigkeit immer deutlicher bemerkbar. Dies erfolgte unabhängig davon, welcher Stilrichtung die Baumeister des Späthistorismus den Vorzug gaben. Sie wählten nun bewusst wie Semper die italienische Hochrenaissance statt der zartflächigen Florentiner Frührenaissance. Und Johannes Otzen bevorzugte bei seiner 1894 vollendeten Ringkirche in Wiesbaden die sehr plastische, voluminöse rheinische Spätromanik und nicht wie Schinkel 1824-31 bei seiner Friedrichswerderschen Kirche in Berlin die Gotik mit ihren einfachen, klaren Formen.

Historistischer Stilmix: Fenster in der Seerobenstraße 
© G. Kiesow
Historistischer Stilmix: Fenster in der Seerobenstraße

Die großen Bauaufgaben beim stürmischen Wachstum der Städte erforderten eine vielfältige Ornamentik, um die zahlreichen, in einem Quartier in kürzester Zeit entstehenden Wohn- und Geschäftshäuser nicht monoton erscheinen zu lassen. So griff man angesichts des umfangreichen Wissens, das die Kunstgeschichte über die Stile aller Zeiten und Völker angesammelt hatte, zu Stilmischungen, wie man sie beispielsweise am Haus Seerobenstraße 33 von 1902 in Wiesbaden beobachten kann. Der architektonische Rahmen aus Vorhang- und Kreuzbögen wurde der Spätgotik entlehnt, die Kartusche unter der Fensterbrüstung ist mit ihren plastisch herausgerollten Voluten, den Putten, dem Löwenkopf und dem Laubwerk neobarock.

Die Wiederentdeckung des seit dem Ende des 18. Jahrhunderts im Zuge der Aufklärung und der Französischen Revolution geächteten Barock erfolgte zum erstenmal um die Mitte des 19. Jahrhunderts unter Kaiser Napoleon III. (1852-70) in Paris mit dem Bau der Neuen Flügelbauten des Louvre ab 1851 und der Oper von 1863-74 durch den Architekten Charles Garnier. Dass ausgerechnet ein Neffe jenes berühmten Napoleon, der doch aus der Revolution gegen den Absolutismus hervorgegangen war, die Kunst der französischen Könige Ludwig XIV. bis Ludwig XVI. wieder aufnahm, gehört zu den absonderlichen Launen, zu denen die Geschichte gelegentlich fähig ist. Alles, was der Klassizismus gerade eben noch geächtet hatte, nämlich Doppelsäulen, geschwungene Giebel, Risalite und gebrochene Dächer, wurde jetzt wieder hoffähig. Nun sonnte sich das reich gewordene Großbürgertum in jener Pracht, die einst nur den absolutistischen Fürsten zustand.

Prunkvoller Neobarock: das Staatstheater 
© G. Kiesow
Prunkvoller Neobarock: das Staatstheater

Nach Wiesbaden kam der Neobarock durch die Wiener Architekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer mit dem Bau des heutigen Staatstheaters 1892-94. Es ersetzte das alte, bescheidene Hoftheater von 1825-27 aus dem Klassizismus, das dem Repräsentationsbedürfnis der gründerzeitlichen Gesellschaft, vor allem aber Kaiser Wilhelms II., nicht prunkvoll genug war. Bei seinen jährlichen Aufenthalten in der 1866 von Preußen annektierten nassauischen Residenzstadt wünschte er für die von ihm geförderten Maifestspiele einen entsprechend prächtigen Rahmen.

Die Wiederbelebung des Barock war darüber hinaus aber ein wichtiger Schritt zur Entwicklung des Jugendstils, der nicht eine eigene Kunstepoche, sondern die letzte große Phase des Historismus ist. Nur die weichen, schwingenden Formen des Neobarock konnten zu den fließenden, floralen Formen des Jugendstils überleiten. Zugleich enthält der Jugendstil aber auch die Ansätze für die Baukunst des 20. Jahrhunderts.

Beim Stilpluralismus des Späthistorismus kommt es auch zu einem Mischen von neugotischen Architekturrahmungen und Jugendstilfüllungen mit den typischen, verschlungenen Blattranken, wie auch bei der Villa Humboldtstraße 14 in Wiesbaden, erbaut 1903 von Paul A. Jacobi.

Neogotik und Jugendstil: Erker in der Humboldtstraße 
© G. Kiesow
Neogotik und Jugendstil: Erker in der Humboldtstraße

Beliebt waren im Jugendstil die in Blütenranken eingebetteten Frauengestalten, etwa auf dem Fenstersturz des Hauses Rüdesheimer Straße 20 (siehe Kopfgraphik). Das Spielerische, die Freude am Dekorativen ohne tiefe Bedeutung kennzeichnen den Jugendstil. Hier kann man in dem Spiegel, den sich die lässig hingestreckte Dame vorhält, noch die Eitelkeit oder das Forschen nach der Wahrheit durch Selbsterkenntnis symbolisiert sehen. Beim zwischen hohen Blattpflanzen lauernden Fuchs am Erker des Hauses Kiedricher Straße 4 von 1904 fällt eine Deutung schon schwerer.

Zwischen Jugendstil und Neoklassizismus: Pflanzenornamente in der Kiedricher Straße 
© G. Kiesow
Zwischen Jugendstil und Neoklassizismus: Pflanzenornamente in der Kiedricher Straße

Zu bemerken ist hier aber bereits eine gewisse Abkühlung der Formen, die weniger fleischig und mehr graphisch als beim zuvor genannten Beispiel ausgefallen sind. Die das Fenster flankierenden Rohrkolben nimmt man erst auf den zweiten Blick als Pflanzen wahr, auf den ersten wie Kanneluren von Pilastern. Hier kündigt sich jene Tendenz zum Neoklassizismus an, der bereits wenige Jahre nach der Jahrhundertwende den Jugendstil abzulösen begann.

Selbst Joseph Maria Olbrich, Hauptmeister des Jugendstils auf der Mathildenhöhe in Darmstadt, formte seine beiden letzten Schöpfungen, das Warenhaus Tietz in Düsseldorf 1907-09 und die Villa Feinhals in Köln-Marienburg von 1908 im Stil des Neoklassizismus, der zur Hauptströmung der Baukunst um den Ersten Weltkrieg wurde. Damit wird dann auch die Ornamentik immer sparsamer, strenger und geometrischer. Dies deutet sich im Sprudelhof von Bad Nauheim bereits 1910/11 an, unterstützt durch die Wirkung glasierter Terrakotten, die unter dem Einfluss der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe in Darmstadt produziert worden waren.

Verstärkt spürt man diese Tendenz bei der Villa Bierstadter Straße 17 in Wiesbaden von 1912, die in ihren flächig-spröden Formen schon auf die Entwicklung des Art Déco der zwanziger Jahre hinweist, der vorläufig letzten Phase von Ornamentik in der Baukunst, die sich mit der Neuen Sachlichkeit des Bauhauses ganz von jeglichem Zierrat lossagt.

Vom Jugendstil zum Art Déco: Keramiken am Sprudelhof in Bad Nauheim (links) und ein Ornament in der Wiesbadener Bierstadter Straße 
© G. Kiesow / G. Kiesow
Vom Jugendstil zum Art Déco: Keramiken am Sprudelhof in Bad Nauheim (links) und ein Ornament in der Wiesbadener Bierstadter Straße

Professor Dr. Dr.-Ing. E. h. Gottfried Kiesow

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