Handwerk Menschen für Denkmale April 2006

Das Freiwillige Jahr in der Denkmalpflege

Jugend baut

Hinter der Eisentür schlagen mir Hitze und Rauch entgegen, der spitze Klang, wenn Metall auf Metall trifft, dringt durch Mark und Bein. Im Halbdunkel erkenne ich zwischen fauchenden Feuern und glühenden Kohlen junge Menschen, die mit von Wärme und Anstrengung geröteten Gesichtern versuchen, Eisen zu formen. Es ist keine Höllenszene, es ist nur die Schmiede in Schloss Raesfeld.

Dort im westlichen Münsterland bei Borken ist die staatlich anerkannte Akademie des Handwerks ansässig. Zur Zeit führt sie in der Vorburg des malerisch gelegenen Renaissance-Wasserschlosses eines von sieben Seminaren für die Jugendbauhütte Duisburg/Raesfeld durch.

Jugendbauhüttler in der Schmiede von Schloss Raesfeld 
© R.Rossner
Jugendbauhüttler in der Schmiede von Schloss Raesfeld

Über den hitzigen Lärm hinweg gelingt es Eva Wissing, der Leiterin der Jugendbauhütte und Mitarbeiterin des Trägervereins Internationale Jugendgemeinschaftsdienste e.V. (ijgd), tatsächlich, mich den Freiwilligen kurz vorzustellen. Bevor das Hämmern wieder losgeht, frage ich nach den weiteren Teilnehmern der Jugendbauhütte. "Sie sind oben in der Malerwerkstatt. Wir haben die Gruppe geteilt, damit jeder in dieser Woche möglichst viel lernen kann." Dieses Mal besteht die Gruppe aus 14 jungen Frauen und sechs jungen Männern zwischen 16 und 22 Jahren.

Im Obergeschoss sagt mir schon der eindringliche Geruch nach Terpentin und Bienenwachs, dass ich die Malerwerkstatt gefunden habe. Hier empfängt mich das genaue Gegenteil der lärmenden Kraftarbeit von unten. Zehn Jugendliche sitzen konzentriert über ihren Zeichenblättern und schneiden Schablonen für Wandornamente. Daneben in der hell erleuchteten Malerwerkstatt, ausgestattet mit großen Tischen, Eimern, Bottichen und Anstrichmustern an den Wänden, rührt die Restauratorin Claudia Aldenhoven gerade Zelluloseleim an, mit dem die Schablonenmalerei später auf Spanholzbretter aufgetragen werden soll.

Die Grundierung vom Morgen ist noch nicht getrocknet. So lerne ich als erstes einen wichtigen Grundsatz bei der Restaurierung: Man muss Geduld haben. Die Restauratorin schmunzelt: "Das ist für die Meister, die sich sonst hier zum Restaurator im Malerhandwerk fortbilden, oft der dickste Brocken. Das Motto 'Zeit ist Geld' gilt in der Denkmalpflege nur bedingt. Aber das ist das Gute für die Freiwilligen der Jugendbauhütte: Sie stehen ein Jahr lang nicht unter Zeitdruck und können sich entspannt mit den alten Handwerkstechniken anfreunden."

Derweil weiht der Schmied Norbert Then die Freiwilligen in die Grundsätze seines Handwerks ein. Dabei lerne auch ich, dass Eisen verbrennen kann wie "Brot im Backofen". Die Farben des glühenden Eisens sind besonders wichtig, denn sie zeigen an, wann das Metall die richtige Hitze zum Bearbeiten hat. Deshalb ist es in Schmieden immer dunkel. Ob es den Mädchen schwerer fällt, die massigen Eisenhämmer zu schwingen, kann ich nicht feststellen. Die ermunternden Worte Norbert Thens, sie sollten "mit Gefühl hämmern", quittieren die Freiwilligen mit einem amüsierten Auflachen.

Die Jugendlichen versuchen Eisen rund zu biegen. 
© R.Rossner
Die Jugendlichen versuchen Eisen rund zu biegen.

In der Malerwerkstatt wird inzwischen ein farbiger Untergrund für die Schablonenmalerei geschaffen. Damit er aussieht wie marmoriert, drehen die Jugendlichen Stoffwickel: Stoffstücke werden in Farbe getunkt, ausgedrückt und zu Wickeln mit vielen unregelmäßigen Falten gedreht. Diese werden leicht in kurzen, immer wieder die Richtung ändernden Bahnen über die Holzplatten gerollt. Es sieht einfach aus, doch die Technik will beherrscht sein. Sebastian ist der Wickel zu nass geraten, seine Bahnen verschmieren. Getröstet von den anderen, versucht er es an einer anderen Unterlage erneut. Jennifer überlegt, ob sie zwischen die vier Quadrate in die Mitte noch ein weiteres setzen soll: "Ich finde, im Augenblick sieht mein Ornament eher wie ein Herd mit vier Platten aus."

Um halb eins wird gemeinsam zu Mittag gegessen. Jeweils vier Freiwillige sind für die Zubereitung und das Anrichten zuständig. Es gibt Brot, Aufschnitt, Obst und Joghurt, dazu Saft, Mineralwasser, Tee und Kaffee. Hungrig kommen die "Schmiede" in den Seminarraum und bringen eine Wolke von Rauch mit. Angeregt werden die Erfahrungen ausgetauscht.

Ich habe den Eindruck, als würden sich alle bestens kennen und verstehen. Tatsächlich verleben die Freiwilligen in dem Jahr sieben Wochen zusammen: Vier davon in Fachseminaren, in denen sie in Kunst- und Kulturgeschichte, Denkmalpflege und -schutz sowie in der Restaurierung unterrichtet werden. Den größten Teil ihres Freiwilligen Jahres in der Denkmalpflege, das vom 1. September bis zum 31. August läuft, verbringen sie bei den sogenannten Einsatzstellen. Dies sind "gemeinwohlorientierte" Einrichtungen wie Museen, Denkmalbehörden oder Vereine, aber auch kleine und mittlere Handwerksbetriebe, die sich im Bereich der Denkmalpflege betätigen und die sich bereiterklärt haben, die Freiwilligen praktisch anzuleiten.

Eva Wissing ist froh, dass sie seit Gründung der Jugendbauhütte Raesfeld durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz auf einen festen Stamm an Betrieben zurückgreifen kann. Alle haben sie gute Erfahrungen gemacht. Den Jugendlichen sollen in den zwölf Monaten die vielfältigen Aufgaben in der Denkmalpflege sowie ein Verantwortungsbewusstsein für unsere Kultur nahegebracht werden.

Sehr wichtig ist den Jugendbauhütten, dass die jungen Leute auch Einblick "ins echte Berufsleben", den normalen Arbeitsalltag, erhalten. "In einem ersten Informationsgespräch stellen wir den Interessenten drei verschiedene Einsatzstellen vor und beraten sie auch. Aber sich bewerben, vorstellen, eine Wohnung suchen und für den Lebensunterhalt sorgen müssen sie selbständig", erklärt Eva Wissing. "Wir besuchen sie und ihre Einsatzstellen regelmäßig und stehen ihnen bei Fragen und Problemen jederzeit zur Verfügung."

Schablonenmalerei in der Malerwerkstatt  
© R.Rossner
Schablonenmalerei in der Malerwerkstatt

Deborah und Jennifer haben es praktisch angetroffen: In einem koptischen Kloster bei Höxter können sie arbeiten und gleichzeitig wohnen. Dominik aus Kamp-Lintfort arbeitet mit der Kölnerin Katja aus seiner Gruppe im Archäologischen Park in Xanten und wohnt bei seinem Vater. Er hat seine Leidenschaft für die Archäologie entdeckt. Nach der Bundeswehr war er unsicher, wie es weitergehen sollte. Eigentlich wollte er mit seinem Fachabitur im kaufmännischen oder im Verwaltungsbereich arbeiten. Davon wurde ihm aber beim Arbeitsamt abgeraten, statt dessen machte man ihn auf die Jugendbauhütten aufmerksam. Er erzählt angetan: "Wir haben bereits die verschiedensten Bereiche im Archäologiepark kennengelernt. Am meisten fasziniert mich, Fundstücke zu rekonstruieren. In zahllosen Kisten aus Tausenden von Bruchstücken die richtigen zu finden, ist wie eine Art Schnitzeljagd." Gerne würde er später in der archäologischen Denkmalpflege arbeiten, aber ob es dort mehr Stellen gibt?

Die 19jährige Caro wusste schon in der Schule, dass sie später praktisch und künstlerisch arbeiten wollte. Sie hilft einem Gemälderestaurator: "Es macht großen Spaß, mal vom Kopf wegzukommen und mit den Händen zu schaffen." Das bestätigt auch Ina: "Ich arbeite in einer Porzellanklinik. Es ist ein Einfrau-Betrieb, und wir restaurieren vor allem beschädigte Sanitärkeramik von Museen und Privatleuten. Vorher hatte ich zu Porzellan gar keine Beziehung, jetzt gefällt mir diese feinfühlige Arbeit sehr. Aber acht Stunden nur sitzen, das strengt an."

Als die Stiftung das Projekt entwickelte, schwebte ihr die Tradition der mittelalterlichen Bauhütten vor, in deren sozialer Gemeinschaft Kunst und Handwerk eine Einheit bildeten. Im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) ist die Arbeit der Jugendbauhütten staatlich anerkannt, und zwar unter der Bezeichnung Freiwilliges Jahr in der Denkmalpflege (FJD). Angesprochen sind junge Menschen im Alter von 18 bis 26 Jahren, die Interesse an Denkmalkultur und Handwerk haben und sich ein Jahr lang darin orientieren möchten. Besondere schulische Voraussetzungen bestehen zur Teilnahme nicht, nur die Schule sollte abgeschlossen sein. Die Freiwilligen erhalten Verpflegungs- und Taschengeld sowie Zuschüsse zur Unterbringung, damit sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. "Wir merken schon", bestätigt Eva Wissing, "dass die Freiwilligen ein Jahr lang keine Geldsorgen haben und sich in Ruhe in den verschiedenen Gewerken wie in Lehm, Holz, Stein, Glas und Metall umschauen können. Da am Ende des Jahres auch kein Prüfungstress ansteht, sind sie offen und saugen das Neue wie ein Schwamm auf."

Als kompetenten pädagogischen Partner für die Jugendbauhütten wurden die Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste e. V. (ijgd) gewonnen. Ihre Mitarbeiter leiten die Jugendbauhütten vor Ort, organisieren das Freiwillige Jahr in der Denkmalpflege und betreuen die Jugendlichen. In den fachlichen Bereichen arbeiten sie eng mit verschiedenen Weiterbildungseinrichtungen des Handwerks zusammen.

Schloss Raesfeld bei Rheinberg 
© R.Rossner
Schloss Raesfeld bei Rheinberg

1999 startete in Sachsen-Anhalt mit der Jugendbauhütte Quedlinburg das mit Spannung verfolgte Pilotprojekt. Unter der Leitung von Silke Strauch vom ijgd verlief das Freiwillige Jahr in der Denkmalpflege dort so erfolgreich, dass im Jahr 2001 die Jugendbauhütten in Duisburg/Raesfeld, Wismar und im hessischen Romrod gegründet wurden.
Die Jugendbauhütten fanden bei allen Beteiligten solchen Anklang, dass ab September 2003 Stralsund/Szczecin, Görlitz, Mühlhausen (Thüringen) und Brandenburg/Berlin folgten. Insgesamt haben bisher 600 junge Menschen eine Jugendbauhütte besucht.

Die Finanzierung der Jugendbauhütten wird durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz aus Spendengeldern sichergestellt. Regional unterschiedlich beteiligen sich auch die jeweiligen Länder und Kommunen. Die Jugendbauhütte Mühlhausen konnte dank der Deutschen Nationalstiftung, die auch die Hermann Reemtsma-Stiftung für das Projekt begeistern konnte, gegründet werden. Beide Stiftungen, die sich verstärkt für die kulturelle Identität der Deutschen und die Erhaltung von Kulturgütern einsetzen, unterstützen in dieser zukunftsweisenden Zusammenarbeit das Projekt in Mühlhausen mit erheblichen Mitteln. Kultur- und länderübergreifende Zusammenarbeit ist auch das Ziel der polnisch-deutschen Jugendbauhütte in Stralsund/Szczecin.

Das Freiwillige Jahr in der Denkmalpflege wird seit ein paar Jahren nicht nur als Wehrersatzdienst angerechnet, sondern gleichzeitig auch als vorbereitendes Praktikum für eine Berufsausbildung oder ein entsprechendes Studium anerkannt. "Gerade dadurch werden die Jugendbauhütten sicher noch interessanter, denn damit wird neben dem Bildungsaspekt auch der Bezug zum Berufs- und Arbeitsleben deutlich", betont der Geschäftsführer des Vereins Jugendbauhütten, Dr. Norbert Heinen.

Kurz bevor es nach dem Mittagessen wieder runter in die Schmiede geht, wird diskutiert, ob Schmied ein Beruf mit Zukunft ist oder ob er - außer dem Hufschmied - nicht gar schon ausgestorben ist. Man ist sich nicht einig.
Ich merke es den Freiwilligen an: Kunst ist für sie nicht mehr nur abstrakt und schön. Kunst, besonders die Baukunst, wird für sie greifbar, ist von Menschen für Menschen gemacht, und die Jugendlichen könnten sie mit ihren Händen bewahren. Das macht sie stolz und glücklich. Die Diskussion um das Thema Schmied beendet Sebastian: "Ich weiß es, der Schmied heißt heute Metallbauer. Den Beruf möchte ich nämlich erlernen!" Sagt's mit blitzenden Augen und wendet sich wieder tapfer den vertrackten Stoffwickeln zu.

Christiane Rossner