Kleine und große Kirchen Dezember 2005

Die "Alte Kapelle" in Regensburg

Bayerische Mutterkirche

Die frühmittelalterliche Geschichte Bayerns lässt sich ohne wiederholte und ausführliche Exkursionen nach Regensburg, in Arbeo von Freisings »Metropolis der Bajuwaren«, nicht erzählen. Dort, wo bereits die Römer im 2. Jahrhundert n. Chr. ein großräumiges Kastell für ihre Dritte Italische Legion errichteten, machten sich in der Nachfolge auch Agilolfinger, Karolinger, Ottonen und Bayernherzöge die verkehrsgünstige Lage an Donau und Naab sowie den Reichtum an Bodenschätzen für ihre vielfältigen machtpolitischen Unternehmungen zunutze.

Höhepunkt der Rokokoausstattung ist der prachtvolle Altar von 1775. 
© ML Preiss
Höhepunkt der Rokokoausstattung ist der prachtvolle Altar von 1775.

Ungebrochene tausendjährige Tradition - Umwölkt von Sagen und Legenden

Bischöfe wie Emmeram und Erhard weilten bei Hofe, Missionare wie der heilige Bonifatius gründeten wenig später wichtige Kirchen, und die Kaiserpfalz Karls des Großen bildete schließlich einen natürlichen Anziehungspunkt für die Großen des Reiches. Da verwundert es kaum noch, dass gerade in Regensburg der »anvanck aller gotz häuser in Bayrn« zu suchen sein soll - die Bayerische Mutterkirche.


Die ob ihrer Tradition und Bedeutung für die Christianisierung Bayerns von Papst Paul IV. 1964 in den Rang einer »Basilika Minor« erhobene »Mater Ecclesia«, die Alte Kapelle an Regensburgs Altem Kornmarkt, präsentiert sich heute als vielschichtiges, sorgsam zu entschlüsselndes Denkmal seiner selbst: ein Gotteshaus, das den Stürmen der Reformation und der Säkularisierung wie ein Fels in der Brandung trotzte, in seiner baulichen Gestalt aber sehr wohl deutlich macht, dass Kontinuität nicht gleichbedeutend ist mit Stillstand und Erstarrung.
Ganz im Gegenteil hat sich in und an der »chlain Altenchapelle« seit ihren sagenumwobenen Anfängen im frühen 7. Jahrhundert und der bedeutungsschweren »Umwandlung« der heidnischen Stätte in eine nur noch vage mit dem gegenwärtigen Bau zu verbindende christliche Marienkirche eine Menge verändert.

Ludwig der Deutsche hat den auf eine Pfalzkapelle zurückgehenden Bau nachweislich 875 gestiftet, unter Heinrich II. erhielt er in den Jahren 1002-04 eine Erneuerung a fundamentis, um die Mitte des 15. Jahrhunderts rückte dann ein lang gestreckter hoher Chor an die Stelle der alten Apsis und im 18. Jahrhundert folgte schließlich eine komplette Erneuerung im Stil des bayerischen Rokoko, eine Feier des Baudenkmals und seiner einzigartigen Geschichte mit den Mitteln der Künste. Erst in der Folgezeit sollte sich der Umgang mit dem Bauwerk ausschließlich nach Maßgabe der Denkmalpflege, mithin den Geboten von Erhaltung und Bestandssicherung definieren.

Das »modernere« Innere dieses mittelalterlichen Baus - eine kunstvolle Chronik aus verschwenderischem Stuck und zarten Fresken - stellt gewissermaßen einen Zeitschnitt dar, der, ausgehend von den Besonderheiten des 18. Jahrhunderts, einen Rückblick erlaubt bis hin zu den Anfängen der Alten Kapelle. Mehr oder weniger en passant entschlüsselt sich dabei auch der gewaltige Anspruch der Stiftsherren rund um den ebenso agilen wie baufreudigen Dekan Johann Michael Franz von Velhorn (1746-1782). Die Geschichte der Kirche findet sich nämlich integriert in eine auf die Gottesmutter ausgerichtete Heiligengeschichte, dargestellt unter stetem Bezug auf das hochverehrte heilige Stifterpaar Kaiser Heinrich und Kunigunde und vor dem Hintergrund einer in den Chorraum komponierten umfassenden Kosmologie - eine überwältigende, ins Universale ausgreifende Selbstbehauptung der Stiftskirche.

Engel, Strahlen und Wolken verweisen auf das Überirdische. 
© ML Preiss
Engel, Strahlen und Wolken verweisen auf das Überirdische.

Die Neuausstattung des 18. Jahrhunderts, dieses demonstrative Sich-in-die-Brust-Werfen, erfolgte anlässlich des 750. Jubiläums der Neugründung durch Heinrich II. zwischen 1747 und 1797 und hatte einen durchaus ernsten, »realpolitischen« Kern. Erstmals seit über 800 Jahren war die ehrwürdige Stellung des kaiserlichen Stifts durch den Machtanspruch des Regensburger Bischofs ernsthaft bedroht. Das Jubiläumsjahr 1754 bot den Kanonikern den hochwillkommenen Anlass, den Grund der traditionsreichen Reichsfreiheit wie auch den engen Bezug zu dem von Stifter Heinrich II. gegründeten Bistum Bamberg bilderreich zu untermauern und für die Gegenwart als Anspruch zu bekräftigen.

Da war als Erstes die Gründungslegende: Bischof Rupert von Salzburg, so die Sage, soll hier, an der Stelle der heutigen Mariavermähl-Kapelle, den Agilolfingerherzog Theodo getauft und so im 7. Jahrhundert den Grundstein für die Christianisierung Bayerns gelegt haben. Nachgewiesen ist das nicht, doch, wie oft bei Legenden, vermochte auch diese im Laufe der Geschichte den Rang eines historischen Dokuments einzunehmen. Spätestens im 18. Jahrhundert zweifelte jedenfalls niemand im Umkreis der Capella Antiqua mehr an der Wahrheit des sagenumwobenen Ursprungs. Den untermauert das mit mittelalterlichen Spolien ausgestattete Hauptportal ebenso wie Christoph Thomas Schefflers Fresko über der Orgelempore, das mit der Darstellung der berühmten Taufszene und der Weihe des Heidentempels den Auftakt bildet zu der prachtvollen Geschichtserzählung, die sich unter dem Schalgewölbe des Langhauses im bewussten Bezug zu Gott und den Heiligen auszubreiten beginnt.
Es ist kaum verwunderlich, dass im Weiteren nicht etwa an den ersten nachweislichen Gründer der Alten Kapelle erinnert wird, an Ludwig den Deutschen, der für das Kollegiatsstift, symbolträchtig genug, Steine aus der römischen Stadtmauer verwendete, sondern an den zweiten Gründer, an den in ganz Bayern verehrten heiligen Kaiser Heinrich II. und seine Gemahlin, die heilige Kunigunde.

Die einzigartige Ausstattung verdankt sich der Meisterschaft von Maler und Stuckateur. 
© ML Preiss
Die einzigartige Ausstattung verdankt sich der Meisterschaft von Maler und Stuckateur.

Heinrich, der die bereits im Jahr 967 verfallende Pfalzkapelle nach 1002 neu errichten ließ, wird hier - ausgestattet mit dem Modell der Kirche - immer wieder beschworen als ihr eigentlicher Gründervater, aber auch als wundertätiger heiliger Herrscher und Überbringer des legendenumrankten Gnadenbildes, des wertvollsten Kultbesitzes der Kirche überhaupt. Diese Ikone soll Heinrich anlässlich seiner Kaiserkrönung im Jahr 1014 vom Papst höchstpersönlich übergeben und vom Evangelisten Lukas, dem Patron der Maler, gemalt worden sein. Was kümmert es angesichts solcher Bezüge, dass die Wissenschaft das Gnadenbild auf das erste Viertel des 13. Jahrhunderts datiert und vielleicht auch die eine oder andere der an den Langhauswänden ausgebreiteten wundertätigen Szenen des heiligen Kaiserpaares mit triftigen Argumenten in Zweifel zu ziehen vermag?

Legenden, Überlieferungen, Glaubenssätze und historische Quellen finden sich hier untrennbar miteinander verwoben, strukturiert von figürlichem Stuck, gebannt in klar umgrenzte Bilderinseln und dramatisch gesteigert mit Blick auf den ebenso gewaltigen wie kunstvollen Hochaltar von Simon Sorg. Ein Wappen am Chorscheitel setzt, das Selbstverständnis des »Kayserlichen Collegiat Stifts« bekräftigend, den auch im Rausch der Farben kaum übersehbaren notwendigen Schlussakzent.

Von der Pflege des Denkmals

Um die Tradition eines der unstrittig ältesten Gotteshäuser Bayerns unbeeinträchtigt fortschreiben zu können, haben die Stiftsherren in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel bemüht, und sie werden nicht im Traum daran gedacht haben, dass auf absehbare Zeit ein ähnlicher Kraftakt vonnöten sein würde, um ihre Mater Ecclesia zu bewahren. Dabei sollte es dann allerdings nicht mehr um die Selbstbehauptung erworbener Rechte gehen, sondern um die Definition dessen, welches Gesicht die ehrwürdige Alte Kapelle der weiteren Zukunft zuwendet. Kurz, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ging es nicht mehr um Erneuerung des Gotteshauses, sondern um den sachgerechten Umgang mit dem in seinem Bestand und seiner Ausstattung zu sichernden Denkmal.

Zierliche Details überziehen den gesamten Kirchenraum. 
© ML Preiss
Zierliche Details überziehen den gesamten Kirchenraum.

Wie so oft bei Baudenkmalen von Rang diskutierte das 19. Jahrhundert zunächst über eine Rückrestaurierung der Kirche im Stil der Romanik - einzig die abzusehenden gewaltigen Kosten vermochten Denkmalpfleger und Stiftsherren von diesen Plänen abzubringen. Stattdessen einigte man sich in den Jahren 1886-88 auf eine Restaurierung des Innenraums, die der weiß-goldenen Fassung des Rokoko insofern seine Spitze nahm, als man den heiteren Malereien und Stuckierungen nun einen die Farbwirkung dämpfenden, wesentlich dunkleren Ölanstrich auflegte.

1936 schließlich maß sich die Denkmalpflege erneut an der Alten Kapelle. Dieses Mal galt es, den Zugriff des 19. Jahrhunderts rückgängig zu machen und das Rokoko wieder aufleben zu lassen. Auch diese Restaurierung setzte schließlich eigene, jetzt graublaue Farbakzente und, was für die Substanz der Ausstattung weitaus folgenträchtiger war, sie schadete der unter den Ölfarben verborgenen Originalsubstanz. Als die Denkmalpflege in den 1990er Jahren schließlich erneut auf den Plan gerufen wurde und über den Zustand des nach Kriegszerstörungen am nördlichen Querhaus nur notdürftig reparierten Baus diskutierte, förderten die Schadensanalysen ein deprimierendes Bild zutage: Der größte Teil der phänomenalen Rokoko-Ausstattung musste infolge der vorangegangenen Restaurierungsmaßnahmen im Zusammenwirken mit Witterungseinflüssen als unrettbar verloren gelten, lediglich einzelne originale Überreste hatten unversehrt überdauert.

Die Bassgeigenfenster bezeugen den Erneuerungswillen des 18. Jahrhunderts. 
© ML Preiss
Die Bassgeigenfenster bezeugen den Erneuerungswillen des 18. Jahrhunderts.

Wenn die Alte Kapelle heute - nach aufwendigen, von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz mit mehr als einer halben Million Euro unterstützten Restaurierungsarbeiten - wieder die originale Ausstattung und Farbfassung aufweist, so darf man sich mit der bayerischen Denkmalpflege darüber freuen, dass die jetzige Fassung dem ursprünglichen Bestand teilweise »millimetergenau« entspricht. Vergessen ist darüber gleichwohl nicht, dass die Raumfassung des Rokoko, diese ins Reich der Legenden ausgreifende Selbstbeschwörung der Alten Kapelle, heute selber - wiewohl hinlänglich dokumentiert - nur noch vermittelt über die Sicht der nachfolgenden Generationen zu erahnen ist.

Dr. Ingrid Scheurmann