Kurioses Dezember 2008 R

Die transportable Raumerweiterungshalle

Feiern in der Ziehharmonika

Die Idee von einem Gebäude, das gleichzeitig als Eisdiele, als Postamt, als Hotel, als Turbinenhaus, Pumpstation, Lichtspielhaus, Dorfbad oder gar als Kirche genutzt werden kann, klingt utopisch.

Mobile Architektur in DDR-Design: die "Transportable Raumerweiterungshalle" 
© Klaus Both Schwerin
Mobile Architektur in DDR-Design: die "Transportable Raumerweiterungshalle"

Dennoch wurde sie in der DDR Realität. 1959 stellte Helmut Both die ersten Entwürfe für die "Transportable Raumerweiterungshalle" vor, die 1966 - nach einer Weiterentwicklung durch seinen Sohn Klaus - in Serienproduktion ging. Vom Prinzip her einfach, dabei aber äußerst praktisch in ihrer Flexibilität, wurde die Ziehharmonikahalle schnell bekannt. Die "Variant", wie man sie auch nannte, wurde bis 1989 fast 3.500 mal gebaut.

In der ganzen DDR gehörte die eigenwillige Frontsilhouette mit ihrem abgerundeten Dachfuß und den nach innen geneigten Außenwänden zum alltäglichen Leben. Denn oft wurde sie - wie im Prospekt auch vorgeschlagen - als "Verkaufsraum für Neubaustadtgebiete" eingesetzt. Beim Bau der Siedlungen hatten viele "Variant"-Hallen zuvor als Bauarbeiterunterkunft gedient. Auch über die Landesgrenzen hinaus erlangte sie Bekanntheit: Bei den Leipziger Frühjahrsmessen wurde sie regelmäßig als "HO-Kaufhalle" präsentiert. Oft waren in ihr auch Intershop-Läden und Autobahnraststätten untergebracht.

Das Prinzip der REH (Raumerweiterungshalle) ist das eines Teleskops: Mehrere Module, Tunnel genannt, werden je nach Bedarf aneinandergesetzt. Maximal acht Tunnel bilden die Höchstlänge von 16 Metern und etwa 128 Quadratmeter Grundfläche. Ohne größeren Aufwand können zwei Hallen zusammengestellt werden, was einen Wurm von etwa 32 Metern Gesamtlänge ergibt! Zusammengeschoben ist ein Transport der Halle kein Problem, denn der Grundrahmen des ersten Tunnels, eine Stahlkonstruktion, die im aufgebauten Zustand als Fundament dient, verwandelt sich zum Fahrgestell. Zum Aufstellen einer 16 Meter langen Halle benötigen sechs Personen unter normalen Bedingungen, ohne weitere Hilfsgeräte, rund sechs Stunden, so sagt zumindest der Prospekt.

Aus dem Werbeprospekt des VEB Metallbau Boizenburg: die "Variant" in ihrer vielfältigen Nutzung 
© Klaus Both Schwerin
Aus dem Werbeprospekt des VEB Metallbau Boizenburg: die "Variant" in ihrer vielfältigen Nutzung

Das Angebot der Auslieferungsmodelle vergrößerte sich im Laufe der Jahre. Es konnten geordert werden: die 5-Tunnel-Universalhalle inklusive "Nassteil" mit zwei Toiletten und zwei Waschbecken sowie Miniküche, die 16-Tunnel-Kaufhalle, der 2-Tunnel-Einfamilienbungalow oder der 2-Tunnel-Zweifamilienbungalow mit zwei Wohn-Schlafräumen, einer kleinen Küche und einem Flur. Die Qualität der Materialien ließ dagegen immer mehr nach. Die ersten Baureihen glänzten golden oder silbern in eloxiertem Aluminiumblech, später konnte nur noch gewelltes Stahlblech verwendet werden.

Heute gibt es von den Ziehharmonikahallen nur noch eine Handvoll. So leicht sie zu errichten sind, so leicht sind sie eben auch zu entsorgen. Der "Verein zur Dokumentation der DDR-Alltagskultur", dem auch Klaus Both angehört, ist daran interessiert, die noch vorhandenen Hallen zu erhalten.

Ab und zu findet man auch heute noch eine REH: hier zum Beispiel in Pirna, genutzt von einer Reinigung 
© Bettina Eberhardt Heidelberg
Ab und zu findet man auch heute noch eine REH: hier zum Beispiel in Pirna, genutzt von einer Reinigung

In der Oberbaum-City in Berlin-Friedrichshain wird eine Halle mit großem Erfolg als Verkaufsladen für DDR-Konsumgüter gebraucht. Hier wird sozusagen Denkmalpflege in ihrer reinsten Form praktiziert. In Brandenburg an der Havel existieren noch zwei REHs, eine aufgebaute und eine zusammengeschobene. Sie sind 2003 als technisches Denkmal unter Schutz gestellt worden. Ihr Besitzer Henry Langer versuchte lange vergeblich, eine angemessene Nutzung für sie zu finden. Jetzt tut sich was: Zwei Architekturinteressierte, darunter ein Londoner Innenarchitekt, werden die Hallen abbauen, restaurieren und wieder nutzbar machen. Für die Neunutzung gehen die ersten Überlegungen in Richtung - eventuell auch mobiler - Wochenendhäuser.

Übrigens: 1972 wurde der von Helmut Both 1944 gegründete Betrieb in einen volkseigenen Betrieb zwangsumgewandelt. In der fast unveränderten Neuauflage des Prospekts über die REH, diesmal herausgegeben vom VEB Metallbau Boizenburg, später auch Kombinat Fertigelemente, wird die Nutzungsmöglichkeit als Kirchenraum nicht mehr erwähnt. Dafür sah man nunmehr keinen weiteren Bedarf. Die Realität hatte die Utopie eingeholt.

Beatrice Härig

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3 Kommentare

Lesen Sie 3  Kommentare anderer Leser

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    Hannelore Frenzel schrieb am 21.03.2016 11:34 Uhr

    Ich bin Besitzerin einer Raumerweiterungshalle und stehe in Gohrisch in der Sächsischen Schweiz. In meiner Halle werden vorwiegend Ostprodukte verkauft.Ich würde mich freuen, Sie dort begrüssen zu dürfen wenn Sie einmal die Sächsische Schweiz besuchen

    Auf diesen Kommentar antworten
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    Dietrich Banach schrieb am 21.03.2016 11:35 Uhr

    Hallo Freunde,
    die REH wurden auch auf Flugplätzen der NVA-LSK genutzt. Wurden diese auch auf flugplätzen der Sowjet-Luftstreitkräfte genutzt?
    Wurden REH exportiert, z.B. in die UDSSR?
    Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen

    Viele Grüße aus Dresden

    Auf diesen Kommentar antworten
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    Wolfgang Hesse schrieb am 21.03.2016 11:35 Uhr

    Hallo,
    ich finde die Idee toll.
    Gibt es noch irgendwelche Schutzrechte.
    Ich möchte mir solche ein Gebäude in den Garten bauen.
    Existieren noch Baupläne oder sonstige Entwürfe?
    Für Ihre Unterstützung bin ich Ihnen sehr dankbar.

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