Denkmalarten Kleine und große Kirchen Nach 1945 Herrscher, Künstler, Architekten Material April 2016 B

Otto Bartning und seine Kirchen

Spiritualität in Serie

Otto Bartning gehört zu den bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Wegweisend sind seine Raumschöpfungen im Bereich des protestantischen Kirchenbaus.

Glas, Stahl, Beton oder Holz – für Otto Bartning (1883 – 1959) schlummerte in jedem Material eine „Geistigkeit“. Mit seinen Kirchenschöpfungen verfolgte der Architekt keinen geringeren Anspruch, als die Geistigkeit in eine Form zu bringen, sie durch die Gestalt des Raumes wirken zu lassen.


Neben Rudolf Schwarz und Dominikus Böhm auf katholischer Seite gehört Otto Bartning auf protestantischer zu den bedeutenden Vertretern des modernen Kirchenbaus in der Weimarer Republik und nach 1945. Monumente möchte Ihnen einige seiner Sakralbauten vorstellen und dabei vor allem die sogenannten Notkirchen in den Blick nehmen.

Otto Bartnings Notkirchen waren keinesfalls – wie der Name vielleicht denken lässt – als Provisorien gedacht. Die Gießener Pankratiuskapelle ist in sehr gutem Zustand erhalten. Ihr Name erinnert an die dem heiligen Pankratius geweihte und im Zweiten Weltkrieg zerstörte Stadtkirche, die sich schräg gegenüber befand.
Gießen, Pankratiuskapelle © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Otto Bartnings Notkirchen waren keinesfalls – wie der Name vielleicht denken lässt – als Provisorien gedacht. Die Gießener Pankratiuskapelle ist in sehr gutem Zustand erhalten. Ihr Name erinnert an die dem heiligen Pankratius geweihte und im Zweiten Weltkrieg zerstörte Stadtkirche, die sich schräg gegenüber befand.

Raumspannung

Kirchenbau war für Bartning keine Frage des Stils. Sakralarchitektur sollte mehr als eine Hülle für den Gottesdienst sein. Sich auf den Ursprung der Kirche, die frühchristliche Gemeinschaft beziehend, war es für den Baumeister entscheidend, dass die Kirche Raum für das religiöse Handeln der versammelten Gläubigen bietet. Seine Auffassung legte er in der 1919 erschienenen Schrift „Vom neuen Kirchbau“ dar, in der er den Begriff der Raumspannung prägt. „Jeder Raum hat eine architektonische Spannung – im Kuppelraum zum Beispiel vom Rand zum Zentrum und hoch zur Kuppel. Jede gottesdienstliche Handlung hat eine liturgische Spannung, die sich in der Anordnung der Gemeinde zu Altar und Kanzel ausdrückt.“ Beide Spannungen sollten sich vereinigen und stärken, der Kirchenraum also nicht im Gegensatz zum Gottesdienst gestaltet sein, sondern diesen fördern, ohne ihn zu übertreffen. Das Licht setzte er als zentrales Element zur Steigerung der Raumspannung ein, indem er es stets in Richtung der liturgischen Handlungen fallen ließ.


Seine Vorstellungen hat Bartning in verschiedenartigen Bauten eindrucksvoll variiert. Den Zentralbau betrachtete er dabei als ideale Form, bei der die geometrische und liturgische Mitte übereinstimmen, der sich die Gläubigen zuwenden. Mit dem Zentralraum folgte Bartning einer typisch evangelischen Bautradition. Viele der im Barock gebauten Gotteshäuser entstanden in dieser Form, beispielsweise die Dresdner Frauenkirche. Mit der Hinwendung zum Historismus Anfang des 19. Jahrhunderts verlor sich der Bautyp für kurze Zeit, um am Ende des Jahrhunderts wiederaufzuleben. Denn unter protestantischen Theologen wurde die Forderung nach Zentralbauten laut, bei denen der Altar mitten unter den Gläubigen stehen sollte.

Seinen privaten und künstlerischen Nachlass vermachte Otto Bartnings Witwe der Technischen Universität in Darmstadt, wo er bis zu seinem Tod lebte.
Bartning Archiv, TU Darmstadt
Seinen privaten und künstlerischen Nachlass vermachte Otto Bartnings Witwe der Technischen Universität in Darmstadt, wo er bis zu seinem Tod lebte.

Als Enkel eines protestantischen Prälaten in Karlsruhe geboren, hatte Otto Bartning Zeit seines Lebens ein besonderes Interesse an theologischen Fragen. Nach seinem Abitur wandte er sich der Architektur zu. Schon während seines Studiums in Berlin, das er 1904 für eine achtmonatige Weltreise unterbrach, baute er Kirchen außerhalb Deutschlands. Bartning avancierte wenig später zum einflussreichen Architekten – und das, obwohl er sein Studium nie abschloss. Er war Mitglied, zeitweise auch Vorstand des Deutschen Werkbunds. Im Arbeitsrat für Kunst schmiedete er an der Bauhaus-Idee, an deren Umsetzung er jedoch nicht beteiligt war. Außerdem zählte er zu den Initiatoren der Architektenvereinigung „Der Ring“, die das Neue Bauen förderte. 1926 wurde Bartning schließlich Direktor der neu gegründeten Bauhochschule in Weimar, dem Nachfolger des Bauhauses, das nach Dessau umgezogen war.

 

Sternkirche

Erstmals für Aufsehen sorgte Bartning 1922 mit dem Modell der nie gebauten Sternkirche, die er in kristallinen Formen über einem siebeneckigen Grundriss konstruierte.


Die Architektur der Sternkirche verkörpert den Geist der Gotik und ist gleichzeitig expressionistisch gedacht. Ihr Inneres erscheint wie ein Wald aus gebogenen Pfeilern, die in ein Gewölbe aus zersplitterten Schalenelementen wachsen. Das gebrochen einfallende Licht kreiert ein mystisches Halbdunkel. Akzentuiert werden lediglich Altar und Kanzel, die als bauliches und geistiges Zentrum in den Mittelpunkt des Entwurfs gesetzt

sind, umgeben vom halbkreisförmig angeordneten Gestühl, das wie in einem Theater ansteigt. Indem Bartning den erhöhten Altar, hinter dem sich eine Feierkirche öffnet, über die Kanzel setzt, schafft er einen Predigt- und einen Feierraum, ohne Kanzel und Altar zu trennen. Wäre die Sternkirche ausgeführt worden, hätte Bartning sie aus Beton, Eisen oder Holz gebaut.

 

Legendär, aber nie realisiert: Die Sternkirche mit dem Grundriss eines kristallinen Siebenecks entwickelte Bartning als von Kanten und geschwungenen Bögen gestalteten Raum.
Otto Bartning Archiv, TU Darmstadt
Legendär, aber nie realisiert: Die Sternkirche mit dem Grundriss eines kristallinen Siebenecks entwickelte Bartning als von Kanten und geschwungenen Bögen gestalteten Raum.

Rundkirche 

Die Kerngedanken des Entwurfs realisierte der Architekt 1929/30 in der Essener Auferstehungskirche, deren sachlich klare Form allerdings nichts mehr mit der expressionistischen Sternkirche zu tun hat. Als radikaler Zentralraum erhebt sich ihr mit Ziegeln ausgefachtes und mit Beton ummanteltes Stahlgerüst über kreisrundem Grundriss. Ins Zentrum setzte Bartning den Taufstein, den die Gemeinde im Dreiviertelkreis umgibt. Am Altar und an der seitlich versetzten und leicht erhöhten Kanzel stehend, schließt der Pfarrer den Kreis mit den Gläubigen.


Nach dem Vorbild der Sternkirche besitzt die Essener Rundkirche hinter dem Altar – wie ein Tortenstück aus dem Rund herausgeschnitten – eine für Hochzeiten oder Taufen genutzte Feierkirche, die je nach Bedarf ebenfalls vom Altar her genutzt oder mit einem Vorhang abgetrennt werden kann. Die Rundkirche ist ein eindrucksvoller Aufbau drei ineinandergestellter Zylinder. Der größte Zylinder umfasst den Kirchenraum, der mittlere das Emporengeschoss und der kleinste ist die den Bau bekrönende Laterne. Umlaufende Lichtbänder aus Soffittenlampen betonen die Kreisform jeder Ebene – diese ursprüngliche Beleuchtung wurde bei der Restaurierung der Kirche im letzten Jahr wiederhergestellt.


Die Fenster des Kirchenbaus hatte Otto Bartning dem Künstler Thorn Prikker anvertraut. Im Zweiten Weltkrieg gingen sie verloren, konnten aber durch Spenden zwischen 1999 und 2007 nach Originalkartons rekonstruiert werden.


Heute ist das von den Essenern liebevoll Tortenkirche genannte Gotteshaus vor allem wegen seiner hochkarätigen Chorkonzerte ein Anziehungspunkt.



Der Gemeinschaftsgedanke bestimmt die Gestalt der Essener Rundkirche. Die Form des Baukörpers aufnehmend, bilden die Gläubigen auf der Empore und im Erdgeschoss zusammen mit dem Pfarrer einen Kreis.
Essen, Auferstehungskirche © Bildarchiv Florian Monheim, Krefeld
Der Gemeinschaftsgedanke bestimmt die Gestalt der Essener Rundkirche. Die Form des Baukörpers aufnehmend, bilden die Gläubigen auf der Empore und im Erdgeschoss zusammen mit dem Pfarrer einen Kreis.

Kurz vor der Zeit des Nationalsozialismus, in der sich Bartning als Leiter der Bauhütte der Heiliggeist- und Peterskirche in Heidelberg vom freien Markt zurückzog, begann er noch einen großen Kirchenbau. Meisterhaft setzte er die Berliner Gustav-Adolf-Kirche in Form eines weit aufgespannten Fächers auf ein Grundstück an einer Straßenkreuzung. Den Gemeinde- und Kirchenräume vereinigenden Baukörper aus Stahlbeton und Glas komponierte er von den niedrigen Seitenschiffen, die bis zum Mittelschiff ansteigen, wo der Turm in die Höhe wächst. Bartnings Prinzip der Raumspannung entsprechend, stimmen Grundriss und Gestalt innen und außen überein: Hinter dem Kirchturm befindet sich im Inneren der Altarraum, auf den das fächerförmig angeordnete Gestühl zuläuft.


Heute entspricht die Gustav-Adolf-Kirche nicht mehr ganz dem originalen Zustand. Denn kurz nach ihrer Entstehung wurde sie zerstört, Anfang der 1950er-Jahre von Bartning vereinfacht durch das Notkirchenprogramm wieder aufgebaut und 1959–62 nochmals verändert. Wenig später wurde sie unter Denkmalschutz gestellt.

Nicht nur der fächerartige Kirchenbau, sondern auch seine Ausstattung – Kreuz, Kanzel, Altar, Taufbecken und Gestühl – gehen auf die Entwürfe Bartnings zurück. Wie in einem Theater steigen die Bankreihen leicht an.
Berlin, Gustav-Adolf-Kirche © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Nicht nur der fächerartige Kirchenbau, sondern auch seine Ausstattung – Kreuz, Kanzel, Altar, Taufbecken und Gestühl – gehen auf die Entwürfe Bartnings zurück. Wie in einem Theater steigen die Bankreihen leicht an.

Notkirchen

1945 blicken die Gemeinden in ganz Deutschland auf ihre zerstörten Kirchen. Die Zahlen der Gottesdienstbesucher und das Bedürfnis nach Seelsorge steigen gleichzeitig sprunghaft an. Und die geistige und formale Neuorientierung kann sich entfalten. Auf dem Weg zu einer neuen Sakralarchitektur sind die 43 – von 48 geplanten – Notkirchen Bartnings ein wichtiger Markstein. Wie der Prototyp in Pforzheim waren die meisten von ihnen die ersten sakralen Neubauten in den Trümmern der Städte. Ermöglicht wurden sie vom Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland (HEKD), bei dem Gemeinden ein Gotteshaus beantragen konnten. Die Bauten wurden aus geheimen Spendensammlungen finanziert, die bereits während des Krieges in den USA angelaufen waren. Der World Council of Churches in Genf vermittelte die Gelder wiederum an das HEKD. Zunächst waren die Kirchen einfache Holzbaracken, bis Bartning – jetzt Leiter der Bauabteilung – das Notkirchenprogramm entwickelte und organisierte. Seine Idee: Ein vorgefertigtes Tragewerk aus hölzernen Dreigelenkbindern – das Holz stammte meist aus dem Schwarzwald, Skandinavien oder den USA – soll zusammen mit der Dachkonstruktion das Grundgerüst für den Kirchenbau bilden. Das in Serie vorfabrizierte Holzskelett wird den Gemeinden geliefert und vor Ort aufgestellt. Die Gemeinde baut ihrerseits das Fundament und das Mauerwerk. Das Material für die Mauerausfachungen und Umfassungsmauern kann sie selbst bestimmen, zum Beispiel Ziegel, Trümmersteine oder ortstypisches Gestein.


Kraft der Not

Bartnings Montagekirchen sind innovativ und demokratisch. Sie bieten Hilfe zur Selbsthilfe, passen sich an örtliche Besonderheiten an und lassen sich trotz Mangel an Geld, Fachkräften und Baustoffen realisieren. Unterschieden werden zwei Modelle: Typ B mit drei möglichen Chorvarianten und der mit dem Züricher Ingenieur Emil Staudacher entwickelte Typ A, der aufgrund seiner aufwendigeren Konstruktion nur zwei Mal realisiert wurde. Trotz der seriellen Herstellung und obwohl Bauteile und Ausstattungsstücke wie Empore, Fenster, Gestühl, Türen und Leuchtkästen je nach Bedarf mitgeliefert wurden, gleicht keine Notkirche der anderen.

In Chemnitz-Borna sorgt die Materialkombination von Holz und Ziegeln für eine warme Atmosphäre. Ausgeführt wurde hier der Bautyp mit einem angebauten Chorraum.
Chemnitz-Borna, Gnadenkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
In Chemnitz-Borna sorgt die Materialkombination von Holz und Ziegeln für eine warme Atmosphäre. Ausgeführt wurde hier der Bautyp mit einem angebauten Chorraum.

Was minimalistisch klingt und von außen auch so wirkt, überrascht im Inneren als einmaliges Raumerlebnis in Holz. Nachzuvollziehen zum Beispiel in der Gießener Pankratiuskapelle, die bis auf den Fußboden original und in äußerst gutem Zustand erhalten ist. Der 1949 anstelle der Stadtkirche errichtete Bau gehört zum Typ B mit polygonalem Altarraum. Dem 5/8-Chorschluss entlehnt, erinnert dieser an gotische Kirchen. Die Dreigelenkbinder, die den Raum wie Strebepfeiler rhythmisieren und einen Sog zum Altar hin erzeugen, verstärken diesen Eindruck. Unverkennbar ließ Bartning Elemente des Sternkirchenentwurfs in die Gestalt der Notkirchen fließen. Das Licht fällt über ein den Raum zusammenfassendes Fensterband aus farblosem Glas im Obergaden ein, bündelt sich im Osten und verschmilzt die durch die Chorbrüstung getrennten Räume des Liturgen und der Gemeinde zu einer Einheit. Holz und Bruchsteinmauerwerk, das teils aus Trümmersteinen besteht, verleihen dem Raum einen warmen Charakter. Verglichen mit der Sternkirche, die zwar aus Holz gebaut werden konnte, deren Konstruktion aber vom Beton oder Eisen her gedacht ist, wirken die Serienkirchen weniger technisch, sondern durch ihre niedrige Gestalt anheimelnd. Bartning verstand unter einer Notkirche nicht allein den in Konstruktion und Materialwahl kostengünstigen Bau, und er dachte sie nie als Provisorium. Vielmehr ging es ihm darum, Räume zu schaffen, die durch ihre „ehrliche Konstruktion“ und schlichte Form dazu beitragen, den geistig-moralischen Mangel „aus der Kraft der Not“ zu überwinden, indem sie die Menschen wie ein Zelt schützend umfangen. Selbst der nicht verwirklichten Sternkirche gab Bartning den Zusatz Notkirche.

Die Offenbarungskirche in Berlin wurde mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz  restauriert.
Berlin, Offenbarungskirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Offenbarungskirche in Berlin wurde mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz restauriert.

Zwölf Montagekirchen entstanden auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Unter ihnen die Offenbarungskirche in Berlin-Friedrichshain von 1949, ein Förderprojekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Wie die Gießener Pankratiuskapelle gehört sie zum Typ der Notkirchen mit polygonalem Chorraum. Die 1950/51 erbaute Notkirche in Chemnitz-Borna ist ein weiteres Beispiel für eine äußerst gut erhaltene Notkirche. Das Gotteshaus wurde aus Abbruchziegeln des kriegszerstörten Zentrums ausgeführt und entspricht Typ B mit angebautem Chorraum.


Bartning war es wichtig, auch den Alltag in die Kirche zu tragen, weshalb seine Sakralbauten Bereiche zur profanen Nutzung als Gemeinderäume besitzen. Bei den Notkirchen lassen diese sich unter der Empore einrichten und durch Falttüren vom Kirchenraum trennen. Innerhalb der Rundkirche in Essen schuf er abtrennbare Räume im äußeren Umgang des Erdgeschosses.

Ein komplettes kirchengemeindliches Zentrum vereinigt die Johanneskirche in Leverkusen-Manfort unter ihrem Dach. Der Bau mit seinen zwei seitlichen Flügeln beherbergt Kindergarten, Gemeinderäume, Jugendheim, Küsterwohnung und Pfarrhaus. Akzentuiert und verbunden werden die unterschiedlichen Bereiche durch Laubengänge. Das Leverkusener Gotteshaus von 1953/54 wurde zwar nach dem Montagesystem der Notkirchen erbaut – allerdings mit Seitenschiffen –, gehörte aber nicht mehr zum Hilfsprogramm, das zu dieser Zeit bereits abgelaufen war. Der Besitzer des damals gegenüberliegenden Stahlwerks Wuppermann initiierte den Bau und stiftete das Baugrundstück mit der Auflage, die Kirche höherzulegen, damit die Arbeiter sie sehen konnten.

Außerhalb des Notkirchenprogramms entstand in Leverkusen die Johanneskirche als dreischiffige Basilika mit integriertem Gemeindezentrum.
Leverkusen, Johanneskirche © ML Preiss, Deutsche Sitftung Denkmalschutz, Bonn
Außerhalb des Notkirchenprogramms entstand in Leverkusen die Johanneskirche als dreischiffige Basilika mit integriertem Gemeindezentrum.

Prinzip Neues Bauen 

Es mag verwundern, dass keine der Notkirchen ein Zentralbau ist, obwohl Bartning diesen doch als idealen Grundrisstyp empfand. Eine Erklärung dafür könnte ihre serielle Herstellung sein. Die Notkirchen waren nicht für individuelle Platzsituationen geplant, sondern mussten universell einpassbar sein. Im städtebaulichen Kontext ersetzten sie oft zerstörte Kirchen auf längsgerichtetem Areal. Außerdem konnte Bartning mit der Wahl einer eher traditionellen Bauform wohl sichergehen, die vielen Kirchengemeinden zu überzeugen und die große Zahl an Gläubigen emotional anzusprechen.


Das Prinzip der Serienproduktion auf Basis vorgefertigter Teile, die im Baukastensystem zusammengefügt werden, ist eine Spezialität des Neuen Bauens. Was für Wohnbauten populär war, übertrug Bartning – der ebenfalls Häuser nach dem Baukastenprinzip baute – auf Sakralräume. Und das nicht nur bei den Montagekirchen, sondern bereits 1928 mit der aus einem Bausatz errichteten Stahlkirche, die ihm zum Durchbruch als Architekt verhalf. Als Ausstellungspavillon der Evangelischen Kirche auf der Pressa, der Internationalen Presseausstellung in Köln, war sie ein architektonisches Bekenntnis zur Moderne. Der parabelförmige Bau, an dem Stein keinen Anteil hatte, bestand aus einem Stahlskelett und farbigen Fenstern, die den Raum als leuchtende Fassaden umfangen und die Kirche an eine Werkshalle erinnern lassen. Sechs Wochen lang stand sie auf dem Ausstellungsgelände gegenüber dem Dom, wurde danach in ihre Einzelteile zerlegt und als Melanchthonkirche in Essen wiederaufgebaut. Im Zweiten Weltkrieg getroffen, blieb sie ein Stahlgerippe, bis sie in den 1960er-Jahren abgerissen wurde.

Nicht nur innen, auch außen lassen sich die Notkirchen von Bartning eindeutig erkennen. Die Pankratiuskapelle in Gießen hatte ihren idyllischen Standort im alten Stadtgarten gefunden.
Gießen, Pankratiuskirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Nicht nur innen, auch außen lassen sich die Notkirchen von Bartning eindeutig erkennen. Die Pankratiuskapelle in Gießen hatte ihren idyllischen Standort im alten Stadtgarten gefunden.

In der Gesamtschau eint Bartnings Kirchen seine Idee, den Bau auf das Wesentliche zu reduzieren. Gleichzeitig verbinden sie einen traditionellen Charakter – selbst bei der Stahlkirche verzichtete der Baumeister nicht gänzlich auf Holz – mit neuen Formen, die den Aufbruch in eine neue Zeit des Sakralbaus markieren. Bartning, der sein gesamtes Leben lang Kirchen baute, wünschte sich, dass die Menschen in seinen Gotteshäusern auf ihre innere Stimme lauschen, um dann „hinauszutreten und aus der inneren Stille heraus stark und klar zu handeln und zu lieben“.


Julia Ricker

Monumente-Interview

Ein Gespräch mit der Ausstellungs-Kuratorin Dr. Sandra Wagner-Conzelmann, die Otto Bartning und sein Werk erforscht, finden Sie hier

Virtuelles Panorama der Notkirche in Gießen

                                                   

Weltkulturerbe Notkirchen

Die Notkirchen in Deutschland und die einzige in den Niederlanden erbaute sowie die in den 1990er-Jahren nach Litauen translozierte sollen zum UNESCO-Welterbe werden. Die Otto-Bartning-Arbeitsgemeinschaft Kirchenbau e. V. (OBAK) aus Berlin verfolgt dieses ehrgeizige Ziel. Die Initiative will die Notkirchen als einzigartiges Ensemble der Erinnerung mit herausragender architektur-, kultur- und kirchengeschichtlicher Bedeutung durch den Welterbeantrag würdigen. Bisher wird sie von 34 Notkirchen-Gemeinden unterstützt. 2017 soll der Antrag der Kultusministerkonferenz, die über die Aufnahme in die Liste der deutschen Bewerber für das UNESCO-Welterbe entscheidet, vorgelegt werden.

     

    

Otto-Bartning-Archiv, TU Darmstadt
Otto-Bartning-Archiv, TU Darmstadt
Das Blatt mit den unterschiedlichen Baustadien der Notkirchen stammt aus Bartnings Privatnachlass.
Chemnitz-Borna, Gnadenkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Chemnitz-Borna, Gnadenkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das Äußere der Gnadenkirche in Borna wurde mit hellem Rauputz versehen. Ein kleiner Anbau verbindet sie mit demTurm, der zunächst nur als Ansatz gebaut 1953/54 auf 27,5 Meter erhöht wurde.
Chemnitz-Borna, Gnadenkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Chemnitz-Borna, Gnadenkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Unterhalb der Empore hat sich die originale Falttür erhalten, die Kirchen- und Gemeinderaum voneinander trennt.
Chemnitz-Borna, Gnadenkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Chemnitz-Borna, Gnadenkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das Gestühl gehörte zu der Ausstat-tung, die sich jede Gemeinde zum Kirchenbau mitliefern lassen konnte. In Chemnitz ist es zusammen mit dem Fußbodenbelag original erhalten.
Berlin, Gustav-Adolf-Kirche  © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Berlin, Gustav-Adolf-Kirche © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Turm der Gustav-Adolf-Kirche war ursprünglich durchfenstert und ließ das Sonnenlicht auf den dahinterliegenden Altarbereich fallen.
 
 
Otto-Bartning-Archiv, TU Darmstadt
Das Blatt mit den unterschiedlichen Baustadien der Notkirchen stammt aus Bartnings Privatnachlass.
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Chemnitz-Borna, Gnadenkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das Äußere der Gnadenkirche in Borna wurde mit hellem Rauputz versehen. Ein kleiner Anbau verbindet sie mit demTurm, der zunächst nur als Ansatz gebaut 1953/54 auf 27,5 Meter erhöht wurde.
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Chemnitz-Borna, Gnadenkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Unterhalb der Empore hat sich die originale Falttür erhalten, die Kirchen- und Gemeinderaum voneinander trennt.
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Chemnitz-Borna, Gnadenkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das Gestühl gehörte zu der Ausstat-tung, die sich jede Gemeinde zum Kirchenbau mitliefern lassen konnte. In Chemnitz ist es zusammen mit dem Fußbodenbelag original erhalten.
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Berlin, Gustav-Adolf-Kirche © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Turm der Gustav-Adolf-Kirche war ursprünglich durchfenstert und ließ das Sonnenlicht auf den dahinterliegenden Altarbereich fallen.
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Bartning-Haus vom Abriss bedroht

1938 baute Otto Bartning das heute unter Denkmalschutz stehenden Franz Rohde-Haus in Karlsruhe, das einen unter Naturschutz stehenden Garten mit 150 Jahre alten Bäume besitzt. Das als Pflegeheim genutzte Haus in der Dragonerstraße soll abgerissen werden. Eine Initiative setzt sich für den Erhalt des Gebäudes ein.

Mehr dazu lesen Sie hier...


Die Welterbeinitiative entstand während des Projekts Otto Bartning und Europa 2010–2012. Neben der OBAK war die Deutsche Stiftung Denkmalschutz von deutscher Seite beteiligt, die denkmalgeschützte Kirchenbauten von Otto Bartning bereits seit 2001 in ihr Förderprogramm aufgenommen hat und die die interdisziplinäre und internationale Untersuchung seines Werks unterstützt.

Empfehlenswert sind die Internetseiten der OBAK, auf denen jede einzelne Notkirche vorgestellt wird. Sie bieten darüber hinaus einen guten Einblick in Leben und Werk des Architekten und informieren über Veranstaltungen rund um die moderne Sakralarchitektur in Berlin.     www.otto-bartning.de

 

Adressen

Gustav-Adolf-Kirche, Herschelstr. 14, 10589 Berlin-Charlottenburg, Besichtigung Mo 9–13, Do 16–18, Fr 9–11 Uhr und nach Absprache, Tel. 030 3446094


Offenbarungskirche, Simplonstr. 31–37, 10245 Berlin, Besichtigung Di 16–18, Do und Fr 9–11 Uhr, www.boxhagen-stralau.de.


Gnadenkirche, Wittgensdorfer Str. 82, 09114 Chemnitz-Borna, Besichtigung Mo, Mi, Fr 9–11.30 und Di, Do 14.30–17 Uhr, www.gnadenkirche-chemnitz-borna.de


Auferstehungskirche, Manteuffelstr. 26, 45138 Essen-Südostviertel, Besichtigung nach Absprache, Tel. 0201 56273194, Konzerttermine unter www.auferstehungskirche-essen.de


Johanneskirche, Scharnhorststr. 40, 51377 Leverkusen-Manfort, Besichtigung nach Absprache, Tel. 0214 8707090, www.kirche-manfort.de.


Pankratiuskapelle, Georg-Schlosser-Str. 5, Gießen, Besichtigung nach Absprache Tel. 0641 35400, www.pankratius-giessen.de.


Literatur

Chris Gerbing: Die Auferstehungskirche in Pforzheim (1945–1948). Otto Bartnings Kirchenbau im Spannungsfeld zwischen Moderne und Traditionalismus, Schnell und Steiner Verlag, Regensburg 2001.

Frömmigkeit und Moderne. Kirchenbau des 20. Jahrhunderts an Rhein und Ruhr, hrsg. v. Hans Körner u. Jürgen Wiener. (Ausst. Kat), Neuss, Clemens-Sels-Museum 2008, Klartext Verlag, Essen 2008.


Ausstellungen

2017 gibt es eine Ausstellung zu Leben und Werk Otto Bartnings: Akademie der Künste Berlin 30.3.18.6.2017 www.adk.de/de/projekte/2017/bartning

Städtische Galerie Karlsruhe 22.7.22.10.2017

Institut Mathildenhöhe Darmstadt: 19.11.2017–18.3.2018

www.mathildenhoehe.eu/ausstellungen/otto-bartning


Ein Monumente-Interview mit der Ausstellungs-Kuratorin Dr. Sandra Wagner-Conzelmann, die Otto Bartning und sein Werk erforscht, finden Sie hier

Bartning-Kirchen, bei deren Restaurierung die Deutschen Stiftung Denkmalschutz half:

Christuskirche, Diesterwegplatz, 02827 Görlitz (von 1938/39)


Johanniskirche, Alt-Moabit 25, 10559 Berlin (von 1952–57 Wiederaufbau der zerstörten Schinkelkirche mit Neugestaltung des Innenraums)


Himmelfahrtkirche (von 1956),

Gustav-Meyer-Allee 2, 13355 Berlin