Kurioses Juni 2008 L

Wie Lourdesgrotten nach Westfalen kamen

Im Gepäck die Mutter Gottes

Als Catherine Latapie ihre rechte Hand in das Quellwasser tauchte und wieder herauszog, war sie nicht mehr verkrümmt. In Windeseile verbreitete sich 1858 die Kunde von der wundersamen Heilung von Lourdes. Es war die erste von 67 Heilungswundern, die die katholische Kirche bislang dort anerkannte. Insgesamt soll es bis heute rund 30.000 Heilungen gegeben haben, 7.000 davon wurden dokumentiert.

So entrückt wie das Original: Wie hier in Assinghausen wurde bei den frühen Nachbildungen der Lourdesgrotten Wert auf Detailtreue gelegt.  
© Roland Rossner
So entrückt wie das Original: Wie hier in Assinghausen wurde bei den frühen Nachbildungen der Lourdesgrotten Wert auf Detailtreue gelegt.

Drei Wochen zuvor, am 11. Februar 1858, hatte Bernadette Soubirous, ältestes von sechs Kindern eines Müllers, beim Holzsammeln die erste Marienerscheinung. In der wenige Meter von ihrem Elternhaus entfernten Grotte Massabielle unterhalb der Stadt Lourdes am Rande der französischen Pyrenäen zeigte sich ihr in einer goldschimmernden Wolke eine weibliche Gestalt von großer Schönheit. Die "Dame", wie sie das 14-jährige Mädchen ehrfürchtig nannte, gab sich ihr im Laufe der insgesamt 18 Erscheinungen - die letzte fand am 16. Juli 1858 statt - als Jungfrau Maria, als die "Unbefleckte Empfängnis" zu erkennen. Nachdem sie ihr an der Grotte die Quelle mit der Heilkraft offenbart hatte, trug sie dem Mädchen auf, hier eine Kirche zu errichten und Prozessionen abzuhalten.

Trotz erheblicher Skepsis, vor allem aus Ärztekreisen, erkannte die Amtskirche 1862 Bernadettes Visionen als echt an. Lourdes entwickelte sich zum bedeutendsten Marienwallfahrtsort der Welt.

An Marienerscheinungen zu glauben, steht jedem frei, sie sind kein Bestandteil des katholischen Glaubenskanons. Mit dem Dogma der "Unbefleckten Empfängnis", von Papst Pius IX. 1854 erlassen, wurde im 19. und 20. Jahrhundert Maria als "Mutter der Kirche" mit päpstlicher und kirchlicher Autorität als Glaubenswahrheit festgeschrieben.

1992 errichtete ein Ehepaar diese Lourdesgrotte auf ihrem Grundstück in Grimlinghausen.  
© Roland Rossner
1992 errichtete ein Ehepaar diese Lourdesgrotte auf ihrem Grundstück in Grimlinghausen.

Jedes Jahr pilgern rund sechs Millionen Gläubige nach Lourdes - viele schwerkrank und behindert. Um dort Hilfe, Heilung und Trost zu erbitten, nehmen sie die beschwerliche und anstrengende Wallfahrt auf sich. Schon die ersten Pilger brachten das Lourdeswasser aus der Quelle in der Hoffnung auf Beistand mit nach Hause.

Mit dem zunehmenden Strom der Gläubigen stieg auch die Zahl der Devotionalien. Viele hatten später auch eine in Lourdes erworbene Gipsstatue der Jungfrau Maria im Gepäck. Sie gibt es in allen Größen, und ihr liebliches Aussehen ist unverwechselbar: cremefarbenes Gewand mit blauer Schärpe, den Rosenkranz in der Armbeuge und eine Rose auf jedem Fuß. In tiefer Verehrung errichteten die Wallfahrer der wundertätigen Madonna von Lourdes fern daheim auf ihren Grundstücken Andachtsstätten. Sie waren häufig nicht nur für ihr persönliches Gebet gedacht, sondern auch für ihre Mitbrüder und -schwestern im Glauben. Seit im 17. Jahrhundert die Verehrung von Heiligen einen öffentlichen Charakter angenommen hatte, wurden die Lourdesmadonnen auch an Wegekreuzungen, auf Friedhöfen und Kirchplätzen aufgestellt, stets liebevoll mit frischen Blumen und Kerzen geschmückt.

Wichtig war den Menschen, dass mit der Muttergottes von Lourdes auch der "heilige Ort" ihrer Erscheinung nachgeahmt wurde. So bauten sie aus dem vorhandenen heimischen Gestein die Grotte von Massabielle nach. "Unsere Lehrerin ließ nach ihrer Pilgerfahrt 1923 die Lourdesgrotte hier im sauerländischen Oesdorf errichten", erinnert sich Änne Redel. "Auch wir Mädchen halfen, Steine vom Feld zu sammeln. Als Sechsjährige habe ich sie bis hier hochgekarrt." Seit Jahren kommt im Marienmonat Mai die 90-Jährige jeden Abend mit einer Gruppe von Frauen aus dem Dorf zum Gebet dorthin.

Die Erbauer der Grotten suchten oftmals Plätze von besonderem Reiz. In Assinghausen liegt sie an einem ehemaligen Tränkplatz eines Handelsweges.  
© Roland Rossner
Die Erbauer der Grotten suchten oftmals Plätze von besonderem Reiz. In Assinghausen liegt sie an einem ehemaligen Tränkplatz eines Handelsweges.

Zahllose Lourdesgrotten wurden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in den katholischen Gegenden Deutschlands errichtet. Und noch heute sind neue Grotten zu entdecken, so etwa in Grimlinghausen nahe Bestwig im Hochsauerland.

In Borgentreich im Kreis Höxter befindet sich eine Lourdesgrotte, die als die größte ihrer Art in Westfalen gilt. Im Jahr 1900 hatte Maria Fiorentini, Schwester des Borgentreicher Schulleiters Heinrich Fiorentini, eine Wallfahrt nach Frankreich unternommen. Tief beeindruckt begeisterte sie die Einwohner für eine Nachbildung der Erscheinungsgrotte. Gemeinsam mit dem Bildhauer Clemens Brilon und tatkräftiger Hilfe der Bürger wurde sie im Mai 1902 im ehemaligen städtischen Steinbruch eingeweiht.

Im Laufe der Jahre kamen noch weitere Grotten mit dem Gekreuzigten und Statuen des heiligen Bernhard sowie des Erzengels Gabriel hinzu. Auch hier hielt sich die Amtskirche zurück. 40 Jahre später wurde die erste kirchliche Andacht an der Grotte gehalten. 1978 erhielten die "Verehrer der Gottesmutter von Lourdes in Borgentreich" den besonderen Segen des Papstes, und mittlerweile steht das Ensemble als eines der wenigen in Deutschland unter Denkmalschutz.

Jeden Abend im Marienmonat Mai beten Gläubige an der 1923 errichteten Andachtsgrotte in Oesdorf. Seit 2005 steht sie unter Denkmalschutz.  
© Roland Rossner
Jeden Abend im Marienmonat Mai beten Gläubige an der 1923 errichteten Andachtsgrotte in Oesdorf. Seit 2005 steht sie unter Denkmalschutz.

Auch wenn die Kirche oftmals diesem Volksglauben kritisch gegenübersteht und manche sie als Kitsch bezeichnen, ist es den Menschen ein tiefes Bedürfnis, ihren Glauben im Alltag zu leben und Ausdruck zu verleihen. Die Gründe für die Errichtung der Andachtsstätten sind so vielfältig wie die Nöte der Menschen. Oft war es aus Dankbarkeit, wenn etwa die Männer lebend aus den beiden Weltkriegen zurückkehrten, man von schwerer Krankheit genesen war oder schlicht aus tiefer Verehrung der Gottesmutter, die den Gläubigen ein Gefühl der Geborgenheit und des Schutzes vermittelt. Betrachtet man die Votivtafeln und die Einträge an den Lourdesgrotten, fällt auf, wie viele junge Menschen heute dort um Beistand für ihre Familien flehen. Dies stimmt nachdenklich. Ist doch Hoffnung nicht nur ein Prinzip.

Christiane Rossner

Info:
2008 wird in Lourdes das 150-jährige Jubiläum der Erscheinungen gefeiert. Papst Benedikt XVI. hat seinen Besuch Mitte September zugesagt.

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