Februar 2005 H

Eine kleine Kulturgeschichte der Hospitäler

"An gesundten und lufftigen Örtern gelegen"

Von der Außenwelt abgeschlossen durch Mauern und kunstvoll geschmiedete Gitter mit prächtigen Thoren, erhebt sich das Hospital des Mittelalters in landschaftlicher Umgebung von Gärten und Terrassen (...) Höfe sind bepflanzt mit schattengebenden Bäumen und dichtem Gebüsch; rauschend steigen in ihrer Mitte springende Wasser aus kunstvoll geschnittenen Becken und Schalen empor, ringsum ziehen sich, in verschiedenen Stockwerken übereinanderlaufend, mit Ruhebänken versehene Säulengänge, unter deren schützendem Dach die Kranken auf dem mit buntgewürfelten Marmorfliesen belegten Boden wandeln (...)."

 Sah so die gute alte Zeit aus? In einer Kulturgeschichte des Hospitalwesens aus dem Jahre 1870 schildert Maximilian Schmidt das Mittelalter nahezu schwärmerisch. Mit der Realität hatte seine Beschreibung allerdings wenig zu tun. Vielleicht schwebten ihm vorbildliche Spitäler wie in Stralsund, Lübeck oder Wismar vor. Mit ihrer Patina mussten den Menschen des 19. Jahrhunderts die ehrwürdig gealterten und über Jahrhunderte gewachsenen Anlagen als Oasen der Ruhe und ihre grünen Innenhöfe als wildromantische Gärten anmuten.

Am Rande der Altstadt Stralsunds liegt das Kloster Zum Heiligen Geist, das 1256 gegründet wurde. 
© ML Preiss
Am Rande der Altstadt Stralsunds liegt das Kloster Zum Heiligen Geist, das 1256 gegründet wurde.

Die meisten Einrichtungen für Kranke waren indes weitaus bescheidener. Bis ins Hochmittelalter betrug die Zahl der Betten in den Spitälern zwölf, höchstens achtzehn. Der Gesundheitsreformer Struppius schrieb im Jahre 1573, dass sie "an feinen gesundten und lufftigen örtern gelegen" sein sollten, "damit nicht in so faulen verschlossenen winckeln die arme(n) und schwachen mehr beschweret, sondern in ihrem Creutz erquicket würden ..." Hygiene war ein Fremdwort, das Wasser verschmutzt und gesundes Essen Mangelware. Meist mietete die Kirche einfache Wohnhäuser an, die die Zeitläufe nicht überstanden und damit auch aus unserem Gedächtnis gelöscht sind.

Unsere Vorstellungen vom Hospital sind durch meist sachlich-sterile Krankenhausbauten geprägt, eine kachelglatte Sauberkeit, helle Wände, frisch gestärkte Bettwäsche, weiß gekleidete Ärzte und Schwestern, hohe, kalte Metallbetten, lange Flure, und über allem schwebt das Prinzip Heilung.

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit war das Hospital Auffangbecken für alle Hilfsbedürftigen. Schwache, Arme, Alte, Fremde und eben auch Kranke konnten dort Zuflucht suchen. Großgeschrieben wurden seelischer Beistand durch tägliche Messen, regelmäßiger Schlaf und, wenn möglich, Körperpflege wie Waschen und Baden. Gespendet wurde Fürsorge. Ob Krankheiten geheilt wurden, entschied Gott allein.

Abgeschirmt und idyllisch: der Kirchgang des Stralsunder Klosters Zum Heiligen Geist 
© ML Preiss
Abgeschirmt und idyllisch: der Kirchgang des Stralsunder Klosters Zum Heiligen Geist

Dass diese öffentlichen Häuser - manchmal wurden die Schwachen auch im Kirchensaal selbst untergebracht - überhaupt im großen Stile entstanden, verdanken die Menschen des Abendlandes dem christlichen Gebot, tätige Nächstenliebe zu üben.

In der Antike musste man andere noch nicht lieben wie sich selbst. Weder in Sparta, Athen, Alexandria noch in Rom wurden aus Sorge um Bedürftige Spitäler eingerichtet. In Delphi, Delos und Korinth gab es jedoch seit etwa 500 vor Christus an den Kultstätten des für Gesundheit verantwortlichen Gottes Asklepios Pilgerherbergen, in denen heilkundige Priester ihr Werk verrichteten. Die Römer erbauten an den Grenzen des Römischen Reiches später Valetudinarien, in denen verletzte Legionäre und Sklaven behandelt wurden. Etwa seit dem 4. Jahrhundert verbreiteten sich mit dem Christentum die Xenodochien, Anstalten für Pilger, Fremde und Arme. Die ersten sollen in Ostia (395) und in Rom (399) entstanden sein. In Gallien und im Merowingerreich gab es Xenodochien bald an fast jedem Bischofssitz. Sie dienten aber eher als Herbergen.

Viele Jahrhunderte hindurch wurden die Kranken von ihren Familien gepflegt. Darüber hinaus waren Grundherren verpflichtet, im Krankheitsfall für die Fronleute zu sorgen. Die Kirche ihrerseits stellte den Schwachen ein Viertel ihres Vermögens zur Verfügung. Klöster und Domstifte fühlten sich verantwortlich, alle sozialen und karitativen Aufgaben in der Gesellschaft zu bewältigen. Als aber gegen Ende des 11. Jahrhunderts vom Christentum hauptsächlich prachtvolle Zeremonien und ein pomphaftes Leben der Bischöfe übrig geblieben waren, sprangen notgedrungen neue weltliche Orden und städtische Räte für die Kirche ein.

Die Xenodochien verloren nach und nach den Charakter, allen notleidenden Menschen unter einem gemeinsamen Dach Schutz zu bieten. Schon die furchtbaren Seuchen des Mittelalters wie Pest, Lepra, Blattern und Cholera, die sich vor allem durch die Kreuzzüge (1096-1270) ausbreiteten, machten es nötig, verschiedene Häuser zu gründen und die Ansteckenden zu isolieren. So entstanden Spitäler vor der Stadt für Aussätzige. Aus den Xenodochien gingen Hospize hervor - von Mönchen eingerichtete Unterkünfte für Reisende. Außerdem entwickelten sich spezielle Armen- und Pfründnerhäuser, letztere Vorläufer der Alten- und Pflegeheime, schließlich die Hospitäler für Kranke. Ritterliche Ordensgemeinschaften wie die seit 1099 existierenden Johanniter und der während des dritten Kreuzzugs 1191 ins Leben gerufene Deutsche Ritterorden waren anfänglich - ehe sie militärische Funktionen übernahmen - besonders in der Pflege von Kranken und Verwundeten aktiv. 1198 wurde in Montpellier der bürgerliche Spitalorden vom Heiligen Geist gegründet, der sich vor allem in Frankreich, Italien und Süddeutschland verbreitete und an dem Vorbild des Ospedale di San Spirito in Rom orientierte. Viele Heilig-Geist-Kapellen in unserer Denkmallandschaft erinnern heute noch an den verdienstvollen Orden.

Wie aber sahen die vorbildlichen Hospitäler für Kranke aus, die so romantische Bilder wie die eingangs zitierten zum Teil bis heute nähren?

Mächtig und erhaben liegt am Koberg in Lübeck das repräsentativ mit spitzen, hohen Türmen versehene Heilig-Geist-Hospital, dessen monumentaler und dennoch luftiger Krankensaal Schule machte. Es ist eines der ältesten und am besten erhaltenen städtischen Hospitalanlagen des Mittelalters, dessen Neubau wohl um 1286 weitgehend vollendet war. Seit dem 19. Jahrhundert wird es als Altersheim genutzt. Ein großräumiger, ungeteilter Krankensaal erwies sich auf Dauer als praktisch. An seinen Wänden wurden die Betten aufgereiht: Häufig lagen auf der einen Seite die Männer, auf der anderen die Frauen, manchmal durch Vorhänge voneinander abgetrennt. Versorgt wurden die Kranken von breiten Mittelgängen aus. Die Schwestern, die bei ihrem Eintritt in den Orden ein Gelübde der Armut, des Gehorsams und der Keuschheit ablegen mussten, verfügten allerdings nicht über eine medizinische Ausbildung.

Das imposante und wegweisende Heilig-Geist-Hospital am Lübecker Koberg 
© ML Preiss
Das imposante und wegweisende Heilig-Geist-Hospital am Lübecker Koberg

Dass große Hallen als Krankensäle bevorzugt wurden, war nicht nur eine Frage der Organisation. Möglichst alle Patienten sollten vom Bett aus der heiligen Messe zuhören. Kapelle und Saal wurden daher oft vereint oder doch zumindest so hintereinander gelegt, dass auch Bettlägerige die sieben Gebetszeiten einhalten konnten. Schließlich wollte man dem Wohle des Geistes mindestens genauso dienen wie dem des Körpers. Im Hospital - und das zeigt sich deutlich an seiner Architektur - standen Gemeinschaftssinn und Fürsorge im Vordergrund, nicht Heilung. Die Anwesenheit von Ärzten, die bei den Geistlichen im Allgemeinen keinen guten Ruf genossen, war die Ausnahme. Schmerzen sollten zwar gelindert werden, aber vor allem galt es, die Seele zu festigen. Dafür genügte ein großer Krankensaal. Erst als man die Spitalinsassen voneinander zu trennen begann, entwickelten sich ausgedehnte Komplexe mit mehreren Flügeln für Sieche und Pfründner, wie in Dresden, Nürnberg und auch in Lübeck.

Aber zurück zu den Anfängen, als der Kirchenraum gleichzeitig Festsaal, Gotteshaus, Klinik und Herberge sein konnte. Ein besonders beeindruckendes Beispiel dafür ist die Heiligen-Geist-Kirche in Wismar. Die 1326 geweihte Spitalkirche, eine spätgotische einschiffige Halle, ist wie jedes Gotteshaus kein reiner Funktionsbau. In ihr verbindet sich architektonisch die Idee des christlichen Glaubens mit der Idee der Mildtätigkeit. Magister Dietrich Schröder überliefert in seinem Kirchengeschichtswerk "Das Papistische Mecklenburg" von 1741, dass die Spitalkirche ab 1250 entstand, damit "darinnen die Werke der Barmherzigkeit durch der Gläubigen Almosen möchten geübet, die Schwachen erquicket, die im Geiste verwirrten und vom versehrten Gewissen Geängstigten getröstet, die Armen, Elenden und Frembden zur Herberge aufgenommen und entgästet und andere dergleichen christliche Dienste geleistet werden".

Das Heiligen-Geist Hospital in Wismar war einst Krankensaal, Herberge und Schutz für Obdachlose in einem. 
© R. Rossner
Das Heiligen-Geist Hospital in Wismar war einst Krankensaal, Herberge und Schutz für Obdachlose in einem.

Dem Kirchensaal wurde die Bedeutung eines Palastes göttlicher Liebe gegeben. In den täglichen Gottesdiensten war die himmlische Welt, die Zeit der Erlösung, stets gegenwärtig. Das Miteinander von Seelsorge und Leibsorge im Hospital wird sinnfällig, wenn man den geräumigen, mit Kreuzgewölben kunstvoll ausgestatteten Keller im Westen der Kirche betrachtet: In ihm wurden Lebensmittel von den eigenen Ländereien aufbewahrt, so dass der Spitalmeister allzeit zur Bewirtung bereit war. 1411 wurde an der Westseite des Heiligen-Geist-Hofes ein Siechenhaus mit Zellen angebaut, das zum Kirchensaal hin offen stand. So hatten die hier Weilenden Blick- und Hörkontakt zu den Altären und dem liturgischen Geschehen.

Erst im 16. Jahrhundert gab man das Wohnen in der Kirche endgültig auf. Das Hospital zog um in das durch die Reformation freigewordene Dominikanerkloster.

Ein selbstständiger Gebäudetyp, oftmals von christlichen Inhalten losgelöst, wurde das Hospital als Krankenhaus erst, nachdem die Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert einen rasanten Aufschwung genommen und sich die Krankenpflege als ernst zu nehmende Disziplin entwickelt hatte.

Analog zu den Fortschritten der Medizin ist die Architektur und Inneneinrichtung der Krankenhäuser heute einem ständigen Wechsel unterworfen. Legten die Menschen des Mittelalters ihr Schicksal in Gottes Hände, wenn sie um Aufnahme in ein nach christlichen Maßstäben gebautes Hospital baten, gilt heute die medizinisch-technische Versorgung als Allheilmittel. Auch dieser Glaube lässt sich eindrucksvoll an der sachlichen Architektur der Krankenhäuser ablesen.

Dr. Christiane Schillig