"Bei Clemens August trug man blau und weiß, da lebte es sich wie im Paradeis", sagte man im Rheinland und in Westfalen des 18. Jahrhunderts und noch darüber hinaus, in dem riesigen Gebiet nämlich, in dem der Wittelsbacher Kurfürst regierte. Als Sonnenkönig vom Rhein eiferte Clemens August, der sich viel lieber der Kunst und der Jagd als der Politik widmete, in seinem Baueifer dem großen französischen Vorbild nach. Für Johann Conrad Schlaun, den Barockbaumeister aus Westfalen, war das Erzbistum in der Tat ein Paradies, bot es ihm doch den idealen Boden für eine eindrucksvolle Architekten-Karriere.
Im Land der Westfälischen Sinfonie
Johann Conrad Schlaun: Meister des barocken Backsteins
Immer größer, immer effektvoller, immer pompöser: das war die Maxime der Zeit. Es war die Zeit des Spätbarock, in die der junge Wittelsbacher Clemens August hineingeboren wurde und in nur der es eine solch außerordentliche Häufung von Kirchenämtern geben konnte - sein Vater hatte seine Karriere geschickt organisiert. Das erste Fürstbistum der Regentschaft von Clemens August auf dem Weg zum "Herrn der fünf Kirchen", der fünf Bischofsstühle, wird das von Paderborn und Münster. Er "erbt" es von seinem Bruder. Und es bietet Johann Conrad Schlaun die Bühne für seinen ersten Auftritt. Für den feierlichen dreitägigen Empfang des 18-jährigen Regenten 1720 in Paderborn entwirft der fast ebenso junge westfälische Ingenieur-Architekt ein fulminantes Feuerwerk.
Feuerwerkerei mit Effekt
In fünf Akten setzt er in den bayerischen Farben Weiß und Blau pyrotechnische Effekte. Allegorische Figuren treten auf, begleitet von Kanonendonner, Posaunenklang und Raketenfontänen. Es erstrahlt eine Ehrenpforte, Pyramiden mit Feuerkugeln blenden die Augen, der Schlossgraben wird in Feuer verwandelt, und immer wieder leuchten Inschriften zum Ruhm und zur Ehre Clemens Augusts auf - das ganze Spektakel entzündet der Fürstbischof selbst per Schnurfeuer.
Zuvor hatte der Architekt dem neuen Landesherren zwei Zeichnungen übergeben. Sie zeigen die Stadt Paderborn und die Residenz und außerdem lange ehrerbietigste Huldigungen und Glückwünsche des Überbringers: Schlaun möchte Hofarchitekt werden, und mit diesem geschickten Einstieg in die Gunst des Fürstbischofs ist ihm der erste Schritt dahin so gut wie gelungen. Noch im gleichen Jahr wird er auf Studienreise geschickt.
Bei Neumann in der Lehre
Der Wittelsbacher Clemens August ist aus seiner süddeutschen Heimat hinsichtlich der Baukunst Großes gewohnt. Gerade wird die prächtige Residenz der Schönborns in Würzburg errichtet, einer der Höhepunkte des fränkischen Barock. Clemens August beordert Schlaun zu einer längeren Hospitanz dorthin. Danach darf er die für Bildungsreisen üblichen und begehrten Ziele Rom und Paris ausgiebig besichtigen. Vor allem die genialen Bauten Borrominis und Berninis in Rom brennen sich in sein Gedächtnis ein und werden sich in vielen seiner Werke wiederfinden.
Als Schlaun zurückkehrt, steht schon bald der erste Großauftrag des Kurfürsten an. Bauen war ein politisches Muss für jeden Monarchen, wollte man im Reigen der Wichtigen und Mächtigen mithalten, ganz nach dem Motto des französischen Finanzministers Jean-Baptiste Colberts, der an seinen König Ludwig XIV. schrieb: "Eure Majestät wissen, dass in Ermangelung glänzender Kriegstaten nichts so sehr die Größe und den Geist der Fürsten kennzeichnet wie Bauten, und die ganze Nachwelt misst sie mit der Elle dieser erhabenen Bauten." Clemens August war 1723 Kurfürst von Köln geworden. Er übernahm zwar die Bonner Residenz seines Onkels und Vorgängers Joseph Clemens als Regierungssitz, aber unerlässlich war ein eigener Schlossbau. Als Ort bot sich eine 1689 zerstörte Wasserburg aus dem 13. Jahrhundert in Brühl, zwischen Köln und Bonn gelegen, an. Auch deshalb, weil ihre Umgebung sehr geeignet für die Falkenjagd war, nach der der Kurfürst geradezu süchtig wurde. Zunächst dachte Clemens August an eine kostengünstige Variante. Schlaun wurde beauftragt, einen Entwurf unter Wiederverwendung der Burgruine zu liefern. Der wurde auch bis zum Rohbau verwirklicht. Dann aber überredete ein Münchner Bruder des Kurfürsten diesen zu unvergleichlich größeren Dimensionen: Er schickte seinen bayerischen Hofarchitekten François de Cuvilliés ins Rheinland - der mittelalterliche Turm verschwand aus den Plänen, die Fassaden wurden dekorativer und leichter, und die geplanten Baukosten von 40.000 Talern stiegen schließlich auf über 600.000. Balthasar Neumann, der begnadete Treppenhausbauer, dem Schlaun in Würzburg hatte über die Schulter schauen dürfen, setzte dem Barock-Kunstwerk die Krone auf. Schlauns Mitarbeit aber war obsolet geworden.
Sein Abgang war jedoch keineswegs schmachvoll. Ein anderes Großprojekt forderte ihn seit 1723: Für den im Kurfürstentum allmächtigen Minister Graf Plettenberg hatte er im Münsterland die Bauleitung von Schloss Nordkirchen übernommen, nicht zu Unrecht das "westfälische Versailles" genannt. Und trotz der riesigen Ausmaße zeigt sich hier schon Schlauns eigentliche Begabung: Ein eher zurückhaltender Duktus ist seinen Entwürfen eigen, charakteristisch wird für ihn die immer wiederkehrende Materialwahl von Backstein in Verbindung mit dem hellen Baumberger Sandstein. Er entwickelt die Eleganz der abgerundeten Gebäudeecken zur Perfektion, gliedert die Ziegelwände mit Bändern und eingetieften Wandfeldern und gewichtet die Fassade mit zentralen Risaliten.











Ihr Kommentar
Kommentare anderer Leser
Name: Karl-Heinz Fischer 08.12.2009
Sehr gut gestaltet diese Seite, übersichtlich und einfach toll.
Name: Dietrich Maschmeyer 10.12.2009
Schloss Nordkirchen gilt in seinen wesentlichen Teilen gemeinhin als Werk des Gottfried Laurenz Pictorius, und in der Tat ist es im Gesamtgestus noch wesentlich palladianistischer als Schlaun je gebaut hat - und zwar schon in Brühl. Sicher Schlaun zuschreiben lässt sich m.W. nur die dortige Neue Orangerie (die durch Umwidmung der alten zu einem Lustschlösschen nötig wurde) - und die liegt weitab.
Schon die Vorgänger von Schlaun haben das Wechselspiel von Sandstein und Backstein meisterlich verstanden. Schlaun hat also eine regionale und besonders reizvolle Bauweise als Tradition aufgenommen und meisterlich weiterentwickelt, aber nicht selbst erfunden.
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