Barock Herrscher, Künstler, Architekten Dezember 2009

Johann Conrad Schlaun: Meister des barocken Backsteins

Im Land der Westfälischen Sinfonie

"Bei Clemens August trug man blau und weiß, da lebte es sich wie im Paradeis", sagte man im Rheinland und in Westfalen des 18. Jahrhunderts und noch darüber hinaus, in dem riesigen Gebiet nämlich, in dem der Wittelsbacher Kurfürst regierte. Als Sonnenkönig vom Rhein eiferte Clemens August, der sich viel lieber der Kunst und der Jagd als der Politik widmete, in seinem Baueifer dem großen französischen Vorbild nach. Für Johann Conrad Schlaun, den Barockbaumeister aus Westfalen, war das Erzbistum in der Tat ein Paradies, bot es ihm doch den idealen Boden für eine eindrucksvolle Architekten-Karriere.

Schlaun schuf 1735-44 mit dem Jagschloss Clemenswerth in Sögel eine geschlossene absolutistische Welt: bodenständig, aber gleichzeitig elegant 
© Florian Monheim
Schlaun schuf 1735-44 mit dem Jagschloss Clemenswerth in Sögel eine geschlossene absolutistische Welt: bodenständig, aber gleichzeitig elegant

Immer größer, immer effektvoller, immer pompöser: das war die Maxime der Zeit. Es war die Zeit des Spätbarock, in die der junge Wittelsbacher Clemens August hineingeboren wurde und in nur der es eine solch außerordentliche Häufung von Kirchenämtern geben konnte - sein Vater hatte seine Karriere geschickt organisiert. Das erste Fürstbistum der Regentschaft von Clemens August auf dem Weg zum "Herrn der fünf Kirchen", der fünf Bischofsstühle, wird das von Paderborn und Münster. Er "erbt" es von seinem Bruder. Und es bietet Johann Conrad Schlaun die Bühne für seinen ersten Auftritt. Für den feierlichen dreitägigen Empfang des 18-jährigen Regenten 1720 in Paderborn entwirft der fast ebenso junge westfälische Ingenieur-Architekt ein fulminantes Feuerwerk.

Feuerwerkerei mit Effekt

In fünf Akten setzt er in den bayerischen Farben Weiß und Blau pyrotechnische Effekte. Allegorische Figuren treten auf, begleitet von Kanonendonner, Posaunenklang und Raketenfontänen. Es erstrahlt eine Ehrenpforte, Pyramiden mit Feuerkugeln blenden die Augen, der Schlossgraben wird in Feuer verwandelt, und immer wieder leuchten Inschriften zum Ruhm und zur Ehre Clemens Augusts auf - das ganze Spektakel entzündet der Fürstbischof selbst per Schnurfeuer.

Feuerwerk über Schloss Nordkirchen 
© Claus Langer
Feuerwerk über Schloss Nordkirchen

Zuvor hatte der Architekt dem neuen Landesherren zwei Zeichnungen übergeben. Sie zeigen die Stadt Paderborn und die Residenz und außerdem lange ehrerbietigste Huldigungen und Glückwünsche des Überbringers: Schlaun möchte Hofarchitekt werden, und mit diesem geschickten Einstieg in die Gunst des Fürstbischofs ist ihm der erste Schritt dahin so gut wie gelungen. Noch im gleichen Jahr wird er auf Studienreise geschickt.

Bei Neumann in der Lehre

Der Wittelsbacher Clemens August ist aus seiner süddeutschen Heimat hinsichtlich der Baukunst Großes gewohnt. Gerade wird die prächtige Residenz der Schönborns in Würzburg errichtet, einer der Höhepunkte des fränkischen Barock. Clemens August beordert Schlaun zu einer längeren Hospitanz dorthin. Danach darf er die für Bildungsreisen üblichen und begehrten Ziele Rom und Paris ausgiebig besichtigen. Vor allem die genialen Bauten Borrominis und Berninis in Rom brennen sich in sein Gedächtnis ein und werden sich in vielen seiner Werke wiederfinden.

Eines der kleinen Bauwerke Schlauns: Haus Schücking in Sassenberg. Föderprojekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz 
© ML Preiss
Eines der kleinen Bauwerke Schlauns: Haus Schücking in Sassenberg. Föderprojekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz

Als Schlaun zurückkehrt, steht schon bald der erste Großauftrag des Kurfürsten an. Bauen war ein politisches Muss für jeden Monarchen, wollte man im Reigen der Wichtigen und Mächtigen mithalten, ganz nach dem Motto des französischen Finanzministers Jean-Baptiste Colberts, der an seinen König Ludwig XIV. schrieb: "Eure Majestät wissen, dass in Ermangelung glänzender Kriegstaten nichts so sehr die Größe und den Geist der Fürsten kennzeichnet wie Bauten, und die ganze Nachwelt misst sie mit der Elle dieser erhabenen Bauten." Clemens August war 1723 Kurfürst von Köln geworden. Er übernahm zwar die Bonner Residenz seines Onkels und Vorgängers Joseph Clemens als Regierungssitz, aber unerlässlich war ein eigener Schlossbau. Als Ort bot sich eine 1689 zerstörte Wasserburg aus dem 13. Jahrhundert in Brühl, zwischen Köln und Bonn gelegen, an. Auch deshalb, weil ihre Umgebung sehr geeignet für die Falkenjagd war, nach der der Kurfürst geradezu süchtig wurde. Zunächst dachte Clemens August an eine kostengünstige Variante. Schlaun wurde beauftragt, einen Entwurf unter Wiederverwendung der Burgruine zu liefern. Der wurde auch bis zum Rohbau verwirklicht. Dann aber überredete ein Münchner Bruder des Kurfürsten diesen zu unvergleichlich größeren Dimensionen: Er schickte seinen bayerischen Hofarchitekten François de Cuvilliés ins Rheinland - der mittelalterliche Turm verschwand aus den Plänen, die Fassaden wurden dekorativer und leichter, und die geplanten Baukosten von 40.000 Talern stiegen schließlich auf über 600.000. Balthasar Neumann, der begnadete Treppenhausbauer, dem Schlaun in Würzburg hatte über die Schulter schauen dürfen, setzte dem Barock-Kunstwerk die Krone auf. Schlauns Mitarbeit aber war obsolet geworden.

Sein Abgang war jedoch keineswegs schmachvoll. Ein anderes Großprojekt forderte ihn seit 1723: Für den im Kurfürstentum allmächtigen Minister Graf Plettenberg hatte er im Münsterland die Bauleitung von Schloss Nordkirchen übernommen, nicht zu Unrecht das "westfälische Versailles" genannt. Und trotz der riesigen Ausmaße zeigt sich hier schon Schlauns eigentliche Begabung: Ein eher zurückhaltender Duktus ist seinen Entwürfen eigen, charakteristisch wird für ihn die immer wiederkehrende Materialwahl von Backstein in Verbindung mit dem hellen Baumberger Sandstein. Er entwickelt die Eleganz der abgerundeten Gebäudeecken zur Perfektion, gliedert die Ziegelwände mit Bändern und eingetieften Wandfeldern und gewichtet die Fassade mit zentralen Risaliten.

Westfälische Sinfonie

Die Landschaft des Fürstbistums Münster liegt dem Wesen Schlauns nahe, sie versteht er instinktiv in ihrem Charakter und hier führt er originell die Schönheiten des Barock aus Wien, aus Franken, Paris und Rom in seiner "Westfälischen Sinfonie", wie sein Werk in Bewunderung genannt wird, zusammen. Schlaun, 1695 im ostwestfälischen Nörde bei Warburg geboren, schafft im Zeitalter des ausgehenden Barock den gefeierten europäischen Baumeistern gegenüber Ebenbürtiges, verleugnet dabei aber nie seine westfälische Herkunft. Hier, wo der Feudalismus noch auf festem Boden steht, sind solche im Kern absolutistischen Bauten möglich. Dabei haben seine Werke in dem fast 50-jährigen Schaffen als Münsteraner Hofbaumeister größenmäßig nur mittleres Format. Stadtpalais, Landhäuser, Pfarrkirchen, Nutzbauten: nicht pompös, aber ausgeklügelt, das eher Diskrete liegt ihm. Sein letztes realisiertes Bauwerk allerdings, das schon lange geplante, aber erst 1767 begonnene Residenzschloss zu Münster, das einige in seinem spätbarocken Stil schon als anachronistisch im beginnenden Frühklassizismus empfinden, ist für Schlaun ein spätes Prestigeprojekt. Er wird es durch seinen Tod 1773 nicht mehr vollendet erleben.

Eines der kleinen Bauwerke Schlauns: Haus Schücking in Sassenberg. Föderprojekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz 
© Florian Monheim
Eines der kleinen Bauwerke Schlauns: Haus Schücking in Sassenberg. Föderprojekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz

Dabei hatte die Karriere Schlauns nicht sehr vielversprechend begonnen: Das Jesuitengymnasium in Paderborn musste er 1711 vorzeitig wegen schlechter Leistungen verlassen. Er meldete sich bei der Armee als Fähnrich und begann den langen Weg durch die Beförderungsstufen des Militärs. Schritt für Schritt gelangte er zugleich in seiner eigentlichen Passion, dem Bauen, zum Erfolg. Nach seiner Ausbildung zum Ingenieur-Architekten verhilft ihm das Feuerwerk 1720 in Paderborn zum Posten des Kapitänleutnants und Landmessers in Münster. 1723 wird er zum Titularkapitän ernannt. Er wird 1725 kurkölnischer Oberbaumeister und gleichzeitig Hauptmann und 1726 zum Major befördert. Bis zum Oberst und Generalmajor der Artillerie geht seine militärische Laufbahn - einhergehend mit Gehaltserhöhungen, die ihn zu einem reichen Mann werden lassen. Was sein Anfang als Ingenieur des Artillerie-, Feuerwerkerei- und Festungsbauwesen nicht unbedingt erahnen lässt: Als Hofbaumeister wird er zum Erfinder anmutiger Barockschöpfungen, zum Meister der Maisons de plaisance und des illusionistischen Kirchenraums gleichermaßen.

Die Welt in absolutistischer Form

Den Kurfürsten, dessen Hofbaumeister er ist, sieht er seit seinem Wegzug aus Bonn 1728 nicht mehr regelmäßig. Aber er erbaut ihm im Emsland 1737 bis 1747 ein Pavillon-Ensemble, das ihren beiden Seelen in Vollkommenheit entgegenkommt.

Das Jagdschloss Clemenswerth im heute niedersächsischen Sögel ist in seiner sternförmigen Anlage vollendeter Absolutismus. Alle Wege, alle Gebäude, alle Augen richten sich auf den Herrscher im zentralen zweigeschossigen Schloss als Mittelpunkt der Gesellschaft und der Natur.  

Alljährlich reisten zum großen Jagdtreiben Hunderte an und quartierten sich in den Pavillons ein, die nach seiner Deutschordensresidenz Mergentheim, nach seinen Bistümern Köln, Münster, Paderborn, Hildesheim und Osnabrück und nach Clemens August selbst benannt sind. Die idyllische Unbeschwertheit, die den heutigen Besucher in Clemenswerth umfängt, gab es früher zu Jagdtagen allerdings nicht. Die Gefolgschaft musste sich wegen Platzmangels die Zimmer in den Pavillons teilen. Speiste der Kurfürst im Saal des zentralen Schlosses, saß der Rest außer den zwanzig Privilegiertesten vor dem Gebäude. Mancher war nicht ganz so begeistert von der Parforce- und Entenjagd wie Clemens August selbst und empfand die langen Tage im Wald als sehr anstrengend. Auch der Bauherr, von dem melancholische Phasen überliefert sind, sehnte sich wohl mal nach einem Leben ohne Repräsentanz: Wenn er sich ins Zentrum von Clemenswerth stellte, nämlich auf den in Carrara-Marmor eingelassenen Mosaik-Stern in der Mitte des zentralen Saals, sah er ins Grüne der Alleen, ohne dass ein einziges weiteres Gebäude sein Blickfeld störte. Dabei bot die Ansicht der Pavillons nur Erfreuliches: Schlaun hatte ihm ein Meisterwerk geschaffen, eine in sich ruhende Welt, trotz aller barocken Gestik, trotz des raffinierten Rokoko-Inneren des Hauptpavillons letztendlich großartig in seiner Schlichtheit.

Der Plan von 1745 zeigt die vorgesehenen Stellen für die Misthaufen im Hof von Haus Rüschhaus. 
© Amt fuer Denkmalpflege Westfalen Muenster
Der Plan von 1745 zeigt die vorgesehenen Stellen für die Misthaufen im Hof von Haus Rüschhaus.

Schlaun war ein Barockmensch, durch und durch. Sein Schaffen beruht auf der Eleganz der nuancierten Gemessenheit. Symmetrie ist sein oberstes Gebot - in allen Lebenslagen. Nichts macht dies deutlicher als sein privater ländlicher Rückzugsort in Nienberge bei Münster: Im Ehrenhof von Haus Rüschhaus - einer reizvollen Mischung aus westfälischem Bauernhof und Maison de plaisance -, dort, wo die mitunter hochrangigen Besucher Schlauns aus der Stadt vorfuhren, lagen streng in der Hauptachse der Anlage angeordnet zwei Misthaufen.  


Sie waren im Plan von Schlaun höchstpersönlich eingezeichnet worden, akkurat gerahmt von Haupthaus und den seitlichen Wirtschaftsgebäuden: dampfende Ästhetik als bodenständiger Barock in Schlaunscher Harmonie.



Beatrice Härig

Bauwerke von Schlaun, die von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz mit Hilfe der GlücksSpirale und weiterer Geldgeber restauriert werden und wurden: 

Sögel (NI), Schloss Clemenswerth (1735-44)
Sassendorf (NW), Haus Schücking (1754)

Bottrop (NW), Schloss Beck (1766-77)

Eingangsseite von Schloss Beck in Bottrop 
© Beatrice Härig
Eingangsseite von Schloss Beck in Bottrop

Bilder Kopfgrafik: Die Clemenskirche in Münster möchte weder von außen noch von innen ihre römischen Anklänge verleugnen.

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