Bei einer Kulturreise durch Bayern steht Ingolstadt nicht unbedingt ganz oben auf dem Programm der zu besichtigenden Sehenswürdigkeiten.
Der Orbansaal in Ingolstadt
Ein "Gemach, welches zu denen Studiis gewidmet ist"
Zu abschreckend wirken von Ferne die Zweckbauten der modernen Großindustrie, die sich wie ein mittelalterlicher Mauerring um die Stadt legen und neben den imposanten Zeugnissen der vormaligen Landesfestung auch die kulturellen Schätze umschließen, die an die Residenz der Bayernherzöge erinnern, an die bedeutende Universitätstradition, das Wirken des Jesuitenordens. Doch die moderne Silhouette mit ihren gesichtslosen "Wachstumsringen" trügt. In Ingolstadts weitgehend erhaltener Altstadt finden sich reiche Überreste der vormaligen geistigen Blüte, Spuren des großen Humanisten Conrad Celtis, des Astronomen und Mathematikers Peter Apian, der Theologen Johannes Eck und Petrus Canisius, aber auch von Ferdinand Orban, dem Wissenschaftler und Sammler, der der Donaustadt kurzzeitig zu solchem Ansehen verhalf, dass man selbst den Vergleich mit dem mächtigen Rom nicht glaubte scheuen zu müssen.
"Man müsste Wochen und Monate anwenden, um diese orbanischen Schätze zu durchwandern"
In Ingolstadts Zentrum, dessen Straßenführung noch heute vom Verlauf der verschiedenen historischen Befestigungsringe erzählt, finden sich allenthalben Hinweise auf die große, durch Humanisten, Jesuiten und Illuminaten gleichermaßen geprägte geistige Tradition dieser Stadt, die auch der Einzug der Militärs in der napoleonischen Ära niemals vollständig überlagern sollte.
Namen wie Jesuitenstraße, Canisius-Stift, Hohe-Schul-Straße und Reuchlin-Haus signalisieren auch dem Nicht-Kenner, dass es hier einen Ort des Geistes und der Geistlichkeit zu entdecken gilt. An der Konviktstraße beispielsweise - unweit der Liebfrauenkirche - hatten ehedem die Jesuiten ihren Hauptsitz. Von hier aus machten sie über Jahrhunderte ihren Einfluss in der gesamten Oberdeutschen Ordensprovinz geltend, prägten sie das geistige Leben der Stadt, rückten sie Forschung und Lehre in den Dienst der Gegenreformation. Der heute nicht mehr zur Gänze erhaltene, einstmals mehrere Gebäude umfassende Komplex umschloss in seinem Garten auch den von Forschern und Gelehrten in ganz Deutschland gepriesenen so genannten Orbansaal - ein Juwel barocker Baukunst und zugleich ein Zeugnis der "res publica literaria", der frühneuzeitlichen "Gelehrtenrepublik".
Wenn man von dem europäischen Stellenwert der Ingolstädter Sammlungen Rückschlüsse anstellt auf das Gebäude, das zu ihrer Aufnahme errichtet worden ist, so tut man gut daran, Bedeutung und wissenschaftliche Qualität eines barocken "Museums" nicht notwendigerweise mit gewaltigen räumlichen Ausmaßen gleichzusetzen.
Das "Orbanische Museum" umfasste jedenfalls nicht mehr als einen einzigen, von anspielungsreichem Stuck überspannten Saal, der gartenseitig Stifts- und Kolleggebäude des Jesuitenkollegs miteinander verband und sich über einem siebzehnjochigen, früher offenen, heute geschlossenen Arkadengang erhebt. 54 Meter maß er in der Länge, 8,5 Meter in der Breite. Acht Fenster sorgten an jeder der Längsseiten für eine ausreichende blendfreie Belichtung des Raumes und der dort ausgestellten Objekte. Die aus aller Welt zusammengetragenen Pretiosen waren darin in allerlei "artigen, wohl inventirten Kästgen", auf Tischen und - was die Gemälde angeht - an den Wänden zwischen den Fenstern ausgebreitet. Eine eigene "Philosophische Experimentkammer" hatte in dem Bereich des Saales Aufstellung gefunden, wo man in späterer Zeit eine Bühne errichtete. Insgesamt vereinigte der Bau ethnographische, religions- und kulturgeschichtliche, natur- und kunstwissenschaftliche Sammlungen, darunter auch Gemälde von Rembrandt und Tizian neben Raritäten wie der Hirnschale Oliver Cromwells oder einem "Götz aus Menschenhaut".
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