Technische Denkmale Material Technik Februar 2013

In Bad Segeberg wird traditionell Wolle verarbeitet

Vom Schaf zum Wolf

Als letzter komplett erhaltener und bis heute produzierender Betrieb in Norddeutschland dokumentiert die Wollspinnerei Blunck anschaulich die Geschichte der kleinindustriellen Wollverarbeitung.

Die Spinner sitzen mittendrin, und das seit nunmehr 160 Jahren. Im Zentrum von Bad Segeberg gründete Joachim Christian Blunck 1852 die gleichnamige Wollspinnerei, die bis heute ausschließlich mit historischen Maschinen arbeitet und sich noch immer im Familienbesitz befindet. Zu der Anlage gehören zwei Vorderhäuser an der Kurhausstraße sowie der rückwärtige Produktionstrakt. Die meisten Gebäude stammen aus der Zeit um 1800 und wurden im Lauf der Zeit immer wieder moderat erweitert und den jeweiligen technischen Anforderungen angepasst.

Auch die Energiegewinnung hat sich naturgemäß gewandelt und bauliche Veränderungen gefordert: Auf den Pferde-Göpel folgte später die Dampfmaschine. Der noch vorhandene Dampfkessel kann nach wie vor zum Heizen und Trocknen eingesetzt werden. Die alte Transmissionsanlage ist die treibende Kraft des imposanten Maschinenparks, ihre Elektromotoren sind das einzige Zugeständnis an neuere Zeiten.

Auf den Krempelmaschinen durchläuft die Wolle eine Vielzahl von gegenläufigen Walzen, die mit feinen Stahlnadeln versehen sind. 
Bad Segeberg, Wollspinnerei Blunck © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Auf den Krempelmaschinen durchläuft die Wolle eine Vielzahl von gegenläufigen Walzen, die mit feinen Stahlnadeln versehen sind.

Die Rohwolle erhalten die Bluncks von Schafhaltern aus Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Bis daraus Fäden werden, sind allerdings viele komplizierte Arbeitsschritte notwendig: Nach dem Waschen und Trocknen zerteilt der Krempelwolf die Rohwollvliese zu Flocken. Mit Hilfe der Krempelmaschinen entsteht ein feiner Wollflor, der schließlich zu Fäden gerieben wird. Auf dem 24 Meter langen Selfaktor, der mit 320 Spindeln besetzt ist, wird die Wolle dann zu Garn gesponnen. Gezwirnt, eingefärbt oder gebleicht geht das Endprodukt an Handwebereien und Handstrickereien.

Als eine in ihrer Vollständigkeit für Norddeutschland einmalige Produktionsstätte wurde die Wollspinnerei Blunck 2003 unter Denkmalschutz gestellt. Wirtschaftlich arbeiten kann ein derartiger Betrieb heutzutage nicht mehr. Um das städtebaulich und industriegeschichtlich bedeutende Ensemble dennoch für die Zukunft zu rüsten, ist ein "arbeitendes Museum" geplant, in dem der gesamte Ablauf der Wollverarbeitung vom Waschen bis zum Zwirnen nachvollzogen werden kann. Dafür wurden die allesamt noch voll funktionsfähigen Maschinen sowie charakteristisches Mobiliar und Arbeitsgeräte im Auftrag des Landesamtes für Denkmalpflege Schleswig-Holstein von zwei Volkskundlerinnen inventarisiert.

Am Produktionsgebäude konnten die Außentreppe und der Laubengang bereits instand gesetzt werden. 
Bad Segeberg, Wollspinnerei Blunck © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Am Produktionsgebäude konnten die Außentreppe und der Laubengang bereits instand gesetzt werden.

Seit 2005 wird das schützenswerte Zeitzeugnis schrittweise saniert. Für die Zimmerer- und Dachdeckerarbeiten am Produktionstrakt stellte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz 30.000 Euro zur Verfügung. Den Löwenanteil der Maßnahme finanziert der Bund.

Einen Vorgeschmack auf das künftige Museum bieten auf Anfrage schon jetzt die beliebten Führungen. Zudem lockt das 2010 eröffnete Café Spindel in die alten Geschäftsräume in einem der Vorderhäuser. Bei ihren Bemühungen, die Tradition der frühindustriellen Wollverarbeitung wachzuhalten, werden die Eigentümer vom Förderverein Wollspinnerei Blunck e. V. tatkräftig unterstützt. Es darf also weiterhin gesponnen werden in Bad Segeberg.

Bettina Vaupel

Weitere Infos im WWW:

www.wollspinnerei-blunck.de