Ikonographie Dezember 2012

In Schwäbisch Hall sitzt Maria an einem Spinnrocken

Der Faden des Lebens

In der spätromanischen Urbanskirche in Schwäbisch Hall, Baden-Württemberg, wurde kürzlich eine spätgotische Wandmalerei restauriert, die Maria darstellt, wie sie einen Faden spinnt. Das im Mittelalter beliebte christliche Symbol des Spinnrockens stand nicht allein für die Verkündigung Mariens.

Um die Wende des 14./15. Jahrhunderts entstand das großformatige Andachtsbild der Maria mit dem Spinnrocken. 
© ML Preiss
Um die Wende des 14./15. Jahrhunderts entstand das großformatige Andachtsbild der Maria mit dem Spinnrocken.

Versonnen sitzt Maria auf ihrem Thron und spinnt mit zarter Hand den Faden. Vor ihr steht ein Spinnrocken mit den zu verarbeitenden Fasern. Den daraus gesponnenen Faden führt sie zu einer Spindel vor ihren Füßen, wo auch eine offene Spanschachtel steht, in die sie das Garn legt. Marias Blick ist konzentriert auf die Handarbeit gerichtet, und doch scheint sie mit ihren Gedanken in einer anderen Sphäre zu sein.

Zu sehen ist diese Szene in der spätromanischen Urbanskirche in Schwäbisch Hall. Die großformatige Wandmalerei wurde vermutlich Ende des 14. Jahrhunderts geschaffen und befindet sich an der nördlichen Chorwand über der Tür zur Sakristei an prominenter Stelle.

Die Vorstellung von der Jungfrau Maria, die den Faden des Lebens spinnt, hat Vorbilder. Etwa in den antiken Mythen, in denen die Schicksalsgöttinnen den Lebensfaden in den Händen halten. In der christlichen Ikonographie findet sich Maria mit der Spindel bereits ab dem 5. Jahrhundert in der byzantinischen Kunst als Bild der Verkündigung. Die Vorlage dazu entstammt den Apokryphen. Diese Schriften christlichen Inhalts zählen nicht zu den sogenannten kanonischen Büchern der Bibel. Doch gerade die Apokryphen des Neuen Testaments bereichern durch ihre bildhafte und teils dem Alltagsleben entnommene Sprache die biblischen Erzählungen. Für das Marienleben und die Kindheit Jesu lieferten das im 2. Jahrhundert auf Griechisch verfasste Protoevangelium des Jakobus sowie das spätere in Latein geschriebene Pseudo-Matthäus-Evangelium den Künstlern ergänzende Schriften, die sie gern aufgriffen.

Die Darstellung der Maria am Spinnrocken oder mit einer Spindel beruht auf dem Protoevangelium des Jakobus 10,3-12,1: Die Hohepriester wünschen einen neuen Vorhang für das Allerheiligste im Tempel des Herrn. Sie erinnern sich an Maria, die sie in die Obhut Josephs gegeben hatten und die zu den acht vor Gott reinen Jungfrauen aus dem Hause Davids zählt. Sie wird aus Josephs Haus geholt, zieht per Los die edlen Farben Purpur und Scharlachrot und spinnt sie zu Garn für den kostbaren Vorhang.

Auf diesem Geschehen fußt nicht nur das Motiv der Maria mit Spindel, sondern auch die Szene, in der Maria ihre Arbeit unterbricht, um am Brunnen Wasser zu schöpfen. Dort hört sie zum ersten Mal die Stimme des Engels der Verkündigung.

Für die Innenrestaurierung der Urbanskirche in Schwäbisch Hall konnte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz im Jahr 2010 dank der Erlöse aus der Lotterie GlücksSpirale 100.000 Euro bereitstellen. 
© ML Preiss
Für die Innenrestaurierung der Urbanskirche in Schwäbisch Hall konnte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz im Jahr 2010 dank der Erlöse aus der Lotterie GlücksSpirale 100.000 Euro bereitstellen.

Als sich der Marienkult im 12. und 13. Jahrhundert ausbreitete, wurden die Erzählungen der Apokryphen auch nördlich der Alpen aufgenommen. Doch die Darstellung blieb eine besondere. Erst in der erzählfreudigen Malerei des 14. und 15. Jahrhunderts, als sich die Verkündigung an Maria in der Altarkunst größter Beliebtheit erfreute, tritt vermehrt der Spinnrocken in Erscheinung. Die Heiligen wollte man den Gläubigen nahebringen, in dem sie in deren Alltagswelt versetzt wurden. Vornehmlich das Marienleben schmückten die Künstler in genrehaften Szenen mit zeitgenössischem Mobiliar aus. So etwa bei der Darstellung der Heiligen Familie, bei der Joseph tischlert, Maria näht und der Jesusknabe spielt oder Holzspäne aufkehrt. Mit Maria, der tugendhaftesten unter den christlichen Frauen, verband man die häusliche Handarbeit, die symbolhaft für Keuschheit, Demut und Fleiß steht. Tugenden, die das Frauenbild prägten.

Bei den Verkündigungsszenen sucht der Engel Gabriel Maria oft in einer Wohnstube oder einem Schlafgemach mit Baldachinbett auf. In der Theologie wird die Verkündigung mit dem Moment der Empfängnis gleichgesetzt. Daher ist häufig die weiße Taube als Symbol des Heiligen Geistes zu sehen oder das Jesuskind, das auf einem himmlischen Lichtstrahl zu Maria gleitet.

Wie in einem Genrebild sind bekannte Gebrauchsgegenstände in den Räumlichkeiten drapiert. Doch sie sind Symbole mit vielschichtigen Bedeutungen, die theologische Schriften und die Exegesen benennen. Einige treten immer wieder auf: zum Beispiel die Vase mit den weißen Lilien, die ebenso wie eine Waschschüssel mit Kanne und Handtuch für die unschuldige Reinheit der jungfräulichen Maria stehen. Dann die Spanschachtel mit der Wolle, die eine Metapher für die heilige Jungfrau ist, die als Schrein Gott beherbergen wird, oder ein Schuh, der die Bereitschaft Mariens signalisiert, ihre von Gott zugewiesene Aufgabe anzunehmen. Und zwischen all diesen Gegenständen ist manchmal ein Spinnrocken für das Entstehen des göttlichen Lebens zu entdecken.

Maria am Spinnrocken wurde als einzelnes Motiv vermutlich häufiger mit dem Topos des Josephszweifels (Protoev. 13,1-14,2) kombiniert. Joseph begreift die Schwangerschaft Mariens nicht, bis ihm ein Engel des Herrn das Wunder offenbart. Auch in der Urbanskirche scheint dies der Fall zu sein, da der greise Joseph, rechts im Bild, Maria beim Spinnen zusieht.

Ein besonderes Werk des Josephszweifels schuf der sogenannte Erfurter Meister um 1410. Auf diesem Tafelbild beobachtet der graubärtige Joseph durch ein Fenster der Kemenate unbemerkt die in das Spinnen versunkene Maria. Zum Verständnis hat der Künstler auf ihrem Leib das ungeborene Jesuskind in einem goldenen Strahlenkranz gemalt, über das Maria den gesponnenen Faden hinwegführt. Die Darstellung des ungeborenen Jesuskindes ist ein Kunstgriff des ausgehenden 14. Jahrhunderts, der sich von Böhmen aus verbreitete, um die Gottesmutter als Schwangere zu kennzeichnen.

Aus Nürnberg stammt die gotische Tafelmalerei mit der Darstellung von Maria und Elisabeth mit ihren Kindern Jesus und Johannes. 
© Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
Aus Nürnberg stammt die gotische Tafelmalerei mit der Darstellung von Maria und Elisabeth mit ihren Kindern Jesus und Johannes.

Eine weitere Szene mit einem Spinnrocken hinterließ uns ein Künstler um 1400/10 auf einer Nürnberger Tafel. Auch er ist von der böhmischen Kunst inspiriert. Er versetzte die Begegnung von Maria und Elisabeth, der Mutter des Propheten Johannes des Täufers, in einen irdisch-häuslichen und dennoch heiligen Raum: Vor goldenem Hintergrund haben die beiden Frauen auf einer Steinbank Platz genommen. Die Mutter Gottes hält einen Spinnrocken und ein aufgeschlagenes Buch in den Händen. Elisabeth dreht das Garn mit einer Haspel auf. Ihre Blicke ruhen auf den zu ihren Füßen sitzenden kleinen Jungen Jesus und Johannes, die sich nur vordergründig um ein Breitöpfchen balgen. Denn die Szene setzt sich mit der Bestimmung des Verhältnisses zwischen den Weggefährten Jesus und Johannes dem Täufer auseinander, das im Neuen Testament behandelt wird.

Die hier vorgestellten Tafelbilder gehörten zu Flügelaltären und sind heute als Fragmente in Museen ausgestellt. Daher bietet die großformatige Wandmalerei mit dem seltenen Verkündigungsmotiv des Spinnrockens in der Urbanskirche in Schwäbisch Hall etwas Einmaliges: die stille, anmutige Szene der Maria, die den Faden des göttlichen Lebens spinnt, in einem Kirchenraum zu erleben.

Christiane Rossner