Öffentliche Bauten Nach 1945 Menschen für Denkmale August 2009 D

Über den Umgang mit jungen Denkmalen

Meilensteine der Demokratie

Die gute Stube der Stadt ist in die Jahre gekommen. Es wird darüber nachgedacht, sie vollkommen umzugestalten, obwohl es sich um eines der wenigen international gewürdigten Gesamtkunstwerke der Nachkriegszeit in Deutschland handelt. Manche sprechen gar von Abriss.

Der Niedersächsische Landtag in Hannover 
© R. Rossner
Der Niedersächsische Landtag in Hannover

Das Denkmal genüge einfach nicht mehr den technischen und zeitgemäßen Anforderungen an ein Haus, in dem getagt und gefeiert wird. Auch die Akustik müsse verbessert werden, heißt es.    Diese Geschichte könnte in Bonn spielen, wo sich derzeit die meisten Stadtverordneten für den Neubau eines Festspielhauses aussprechen und die Beethovenhalle dafür opfern möchten. Oder in Hannover, wo der Plenarsaaltrakt des Landtags zur Disposition steht. Sie spielt jedoch im Köln der 1980er Jahre, als der Gürzenich modernisiert werden sollte.


Die Ursprünge dieses traditionsreichen Fest- und Handelshauses inmitten der Kölner Altstadt gehen auf das 15. Jahrhundert zurück. Das Innere des Gürzenich wurde 1943 durch Bomben zerstört, schon bald nach dem Ende des Krieges schrieb die Stadt einen Wettbewerb für den Wiederaufbau aus, den die Architekten Rudolf Schwarz und Karl Band gewannen. Das Geniale an ihrem von 1952-55 realisierten Entwurf war die Einbeziehung der Kirchenruine von St. Alban. Sie bildet den nördlichen Abschluss des Denkmal-Ensembles und ist durch einen Neubau, der das lichtdurchflutete zweigeschossige Foyer aufnimmt, mit dem historischen Gürzenich verbunden.

30 Jahre später zeigten sich an den Fassaden starke Schäden, und auch die Funktionsräume entsprachen nicht mehr den aktuellen Bedürfnissen. Nachdem das Gürzenich-Orchester 1986 in die neu errichtete Kölner Philharmonie umgezogen war, sollte das Innere entkernt werden. Es begann ein langjähriges Ringen zwischen der Stadt als Eigentümerin, den Betreibern und den Denkmalpflegern.

Modernisierung ja – Abriss nein

Man entschied sich schließlich für eine sensible Sanierung. Der Gürzenich wurde 1996-97 nach den Plänen des Architekturbüros KSP durch zwei Anbauten ergänzt, wobei die Architektursprache von Rudolf Schwarz und Karl Band sowie die künstlerische Aussage der Innenräume weitestgehend erhalten blieben.

Rudolf Schwarz hat sich auch durch den Wiederaufbau der 1944 ausgebrannten Frankfurter Paulskirche einen Namen gemacht hat. Er war außerdem maßgeblich am Kirchenbau der 1950er Jahre und - zusammen mit den Architekten Karl Band, Hans Schilling, Wilhelm Riphahn und anderen - am Aufbau der Kölner Innenstadt beteiligt, die im Zweiten Weltkrieg zu 80 Prozent zerstört worden war.

Dieter Oesterlen gab dem historischen Leineschloss in Hannover die Symmetrie wieder. Denn der Schlossflügel, auf dem der Plenarsaaltrakt steht, war Mitte des 19. Jahrhunderts abgerissen und nicht ersetzt worden. 
© M. Zimmermann
Dieter Oesterlen gab dem historischen Leineschloss in Hannover die Symmetrie wieder. Denn der Schlossflügel, auf dem der Plenarsaaltrakt steht, war Mitte des 19. Jahrhunderts abgerissen und nicht ersetzt worden.

Im Nachkriegsdeutschland fehlte es vor allem an Wohnraum, und so wurden in dieser Zeit vielerorts monotone Siedlungen errichtet. Es entstanden aber auch herausragende Bauten, die heute wegen ihrer besonderen Ästhetik und als Ausdruck einer erwachenden Demokratie unter Denkmalschutz stehen. Dazu zählen in Köln neben dem Gürzenich das Blaugoldhaus am Domplatz oder der Spanische Bau des Rathauses. Vor allem die Baudetails - fein gegliederte Fassaden, geschwungene Treppen und Handläufe, lichtdurchflutete Eingangshallen, Fenster- und Bodenmosaike, kunstvoll verzierte Türgriffe - geben den Gebäuden aus den 1950er Jahren ein unverwechselbares Gesicht.

Die Innenstadt von Hannover wurde im Zweiten Weltkrieg ebenfalls stark beschädigt. Den Wiederaufbau leitete der Architekt Dieter Oesterlen. Seine Umgestaltung des Leineschlosses zum Niedersächsischen Landtag findet bis heute internationale Beachtung. Dennoch soll der Plenarsaaltrakt, den Oesterlen sensibel in das historische Ensemble eingefügt und ihm somit die Symmetrie zurückgegeben hat, nach dem Willen die Mehrheit der Landtagsabgeordneten abgerissen werden.

Der Lichthof des Landtags in Hannover muss saniert werden. 
© R. Rossner
Der Lichthof des Landtags in Hannover muss saniert werden.

Es liegt auf der Hand, dass öffentliche Gebäude von Zeit zu Zeit aktuellen technischen und energetischen Bedürfnissen sowie den Brandschutz-Vorschriften angepasst werden müssen. Der Trend geht jedoch im Augenblick in die Richtung, sie nicht zu modernisieren, sondern sie gleich einem "schicken" Neubau zu opfern. Den Eigentümern ist dabei meist egal, ob es sich um ein eingetragenes Denkmal handelt.

Nicht nur Denkmalpfleger beobachten das mit großer Sorge. Bei einer Umfrage der Berliner Morgenpost stimmten 82 Prozent der Leser gegen den geplanten Abriss der Deutschlandhalle, die 1935 anlässlich der Olympischen Spiele von Franz Orthmann und Fritz Wiemer für 10.000 Zuschauer errichtet worden war. Auch der vorgesehene Eingriff in den Stuttgarter Bahnhof, bei dem die beiden Seitenflügel fallen und den von Paul Bonatz 1928 errichteten Bau als Torso zurücklassen sollen, löste einen Proteststurm aus.

Professor Dr. Jörg Haspel, Berliner Landeskonservator und Vorstandsmitglied der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, erwartet mehr Phantasie und denkmalpolitischen Mut, um Denkmale zu erhalten, die gerade nicht dem aktuellen Geschmack oder persönlichen Vorlieben entsprechen. "Auch Mut zum Abwarten lohnt sich - das können wir in Berlin gerade am Beispiel von Nachkriegsdenkmalen wie dem Studentendorf Schlachtensee demonstrieren. Zunächst vom Abriss bedroht, werden sie mittlerweile allgemein geschätzt. Der Geduld und Verlässlichkeit der Verantwortlichen ist es zu verdanken, dass dieses junge Erbe erhalten blieb und zum Gewinn aller umgenutzt werden konnte. Wer ein Denkmal abreißt, vernichtet hingegen materielle und ideelle Werte, und zwar unwiederbringlich."

Das finden auch zahlreiche Bürger Hannovers: Sie möchten, dass der Plenarsaaltrakt des Niedersächsischen Landtags erhalten bleibt. Das Ortskuratorium der Deutschen Stiftung Denkmalschutz konnte in kürzester Zeit 5.000 Unterschriften gegen den Abriss sammeln.

Durch die Decke fällt nur spärliches Licht in den Plenarsaal des Niedersächsischen Landtags. Die Abgeordneten möchten daher einen Neubau. 
© R. Rossner
Durch die Decke fällt nur spärliches Licht in den Plenarsaal des Niedersächsischen Landtags. Die Abgeordneten möchten daher einen Neubau.

Wie Rudolf Schwarz und Karl Band in Köln hatte sich der Architekt Dieter Oesterlen beim Niedersächsischen Landtag für einen Dialog aus Alt und Neu entschieden. Für ihn war wichtig, die Würde des Baudenkmals zu bewahren und das Neue in der Formensprache der 1950er Jahre "so hinzuzufügen, dass der Bau zu einem neuen Ganzen zusammenwächst, dass sich weder das Alte vor dem Neuen, noch das Neue vor dem Alten verleugnet, dass das Haus die Atmosphäre eines Repräsentationsbaues unserer jüngsten Demokratie in sich trägt und auch nach außen hin ausstrahlt".

Oesterlen hat für den Plenarsaal bewusst keine Fenster vorgesehen, damit die Abgeordneten sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren konnten. Die Klausuratmosphäre ist nun ein Argument für den Abriss. Bei einer hitzig geführten Landtagsdebatte im Februar 2009 fiel sogar das Wort Käfighaltung. Wobei die Abgeordneten im Schnitt an nur drei Tagen im Monat dort zusammenkommen. Beklagt wird auch, dass die Klimaanlage zu schwach, die Technik veraltet und die Bereiche für die Besucher sowie für die Vertreter der Presse unzumutbar seien ­- durchaus verständliche Argumente. Muss jedoch ein Gebäude, das seit 1983 unter Denkmalschutz steht, deshalb abgerissen werden?

Die dem Plenarsaal angrenzende Lobby ist lichtdurchflutet. 
© R. Rossner
Die dem Plenarsaal angrenzende Lobby ist lichtdurchflutet.

"Nein!" sagt der Architekt Horst von Bassewitz, Vorsitzender der Wissenschaftlichen Kommission der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. In seinem Brief an den Präsidenten des Niedersächsischen Landtags, Hermann Dinkla, schreibt er: "In unzähligen Metropolen Europas findet vorbildliche parlamentarische Arbeit statt in historischen wie modernen Räumen ohne Tageslicht. Es ist nicht bekannt, dass ausgerechnet dort das Fehlen von Tageslicht die Qualität der parlamentarischen Arbeit nachhaltig beeinflusst hätte." Er bescheinigt dem Gebäude eine hohe Ausstrahlungskraft, "die bis heute über die Landesgrenzen Niedersachsens hinaus als ­herausragendes Beispiel einer sich in ihren Bauten darstellenden demokratischen Gesellschaft wirkt". Der Bund Deutscher Architekten nennt den Oesterlen-Bau einen "Meilenstein für die Formulierung einer demokratischen Architektur in Deutschland".

Die Beethovenhalle prägt als Landmarke die Silhouette der Stadt Bonn. Dennoch soll sie abgerissen werden. 
© R. Rossner
Die Beethovenhalle prägt als Landmarke die Silhouette der Stadt Bonn. Dennoch soll sie abgerissen werden.

Zentrale Beispiele der Nachkriegsarchitektur, wie der Kanzlerbungalow in Bonn von Sep Ruf, der zur selben Zeit wie Oesterlens Landtag entstand, würden aufwendig saniert, sagt Dr. Andres Lepik, Historiker und Kurator im New Yorker Museum of Modern Art. "Umso absurder erscheint es mir, dass das Land Niedersachsen wirklich erwägt, den symbolisch wichtigsten Bau seiner jungen Demokratie abreißen zu wollen."

"Nein!" sagen auch die Architekten Anne Panse und Kai Koch, die 2002 einen Wettbewerb für die behutsame Modernisierung des Landtags gewonnen und - wie es vonseiten der Akademie der Künste in Berlin heißt - "in kongenialer Weise Oesterlens Thema des Dialogs von Alt und Neu aufgegriffen haben". 21 Millionen Euro hatten Panse und Koch für die Arbeiten veranschlagt. Das war den Abgeordneten damals zu teuer. Daher wurde nur die Gebäudehülle für mehrere Millionen Euro saniert. Nun schreibt der Landtag einen Wettbewerb für einen Neubau aus, und Experten sind sich sicher, dass er nicht unter 45 Millionen Euro zu verwirklichen ist. Allerdings hat der Landtag mittlerweile Abstand davon genommen, dass der Neubau an der Stelle des Plenarsaaltrakts von Oesterlen errichtet werden muss.

Ein Festhaus für die Bürger


Anders die Stadt Bonn. Die drei Unternehmen Telekom, Post und Postbank, die Bonn ein neues Festspielhaus schenken möchten, haben den von ihnen angesprochenen Architekturbüros den Abriss der Beethovenhalle nicht zur Bedingung gemacht. Aber der Bauplatz stand fest: Die Stadt stellte das Gelände zur Verfügung, auf dem sich seit 1959 die Beethovenhalle befindet. Sie opfert damit ein Denkmal, das längst die Silhouette der einstigen Bundeshauptstadt prägt.

Der große Saal in der Bonner Beethovenhalle hat eine sehr gute Akustik. 
© R. Rossner
Der große Saal in der Bonner Beethovenhalle hat eine sehr gute Akustik.

Die Vorgängerin der Beethovenhalle wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Bereits im Februar 1948 kam die Anregung zum Bau einer neuen Konzerthalle, und zwar von den Bonner Bürgern selbst. Und sie waren es auch, die in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten eine Million Mark sammelten, um dieses Ziel zu erreichen. Sie wurden dabei von Künstlern wie Elly Ney oder Andor Foldes unterstützt, der anlässlich eines Sonderkonzertes 1956 in der Carnegie Hall um Spenden für den Bau bat.

Die von Siegfried Wolske, einem Schüler Hans Scharouns, entworfene Beethovenhalle wurde am 8. September 1959 mit Beethovens Komposition "Zur Weihe des Hauses" eröffnet. Wegen der ausgezeichneten Akustik finden dort seither hochkarätige Konzerte statt, die Halle mit der markant geschwungenen Kuppel wird aber ebenso für Tagungen, Messen und Kongresse, für Karnevals- und Abiturfeiern sowie für unzählige andere Veranstaltungen der Bonner Politprominenz genutzt. Eine besondere Bedeutung für die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland erlangte sie als Ort von vier Bundesversammlungen, auf denen die Bundes­präsidenten Walter Scheel, Karl Carstens und Richard von Weizsäcker gewählt wurden.  

Das Hauptfoyer der Beethovenhalle mit dem Wandgemälde von Joseph Fassbender 
© R. Rossner
Das Hauptfoyer der Beethovenhalle mit dem Wandgemälde von Joseph Fassbender

Die Beethovenhalle wurde Mitte der 1990er Jahre unter der Regie von Siegfried Wolske für rund 22 Millionen Mark saniert. Auch die Künstlergarderoben vergaß man dabei nicht. Sie könnten heute einen neuen Anstrich vertragen. Die Behauptung, große Orchester hätten sich geweigert, in der Halle wegen der miserablen Aufenthaltsräume für die Musiker zu spielen, ist aber kaum nachzuvollziehen. Es spricht sicher nichts dagegen, die Halle technisch nachzurüsten, die Zugänge behindertengerechter zu gestalten und sie insgesamt zu modernisieren. Landeskonservator Professor Dr. Udo Mainzer ist ebenfalls der Ansicht, dass dies innerhalb der bestehenden Hülle geschehen könne. "Bonn kann gerne ein Festspielhaus bekommen, aber nicht auf Kosten des Denkmals."

Die beiden Entwürfe der Architekturbüros Zaha Hadid und Hermann & Valentiny für ein Beethoven Festspielhaus Bonn, die noch im Rennen sind, sprechen allerdings eine andere Sprache. Sie sehen einen Abriss der Beethovenhalle vor und opfern auch die Reste der barocken Stadtbefestigung, die sich in unmittelbarer Nähe befinden. Dabei ließen sich die Entwürfe durchaus an einer anderen unbebauten Stelle der Stadt verwirklichen. Die Beethovenhalle könnte dann als Haus der Bürger für andere wichtige Veranstaltungen erhalten werden, vor ­allem für die vielen Bälle oder Feiern der Karnevalsvereine, die für das gesellschaftliche Leben Bonns wichtig sind. Sie hätten bei einem Abriss keinen bezahlbaren Saal mehr in dieser Größenordnung.  

"Dass ein Konzert- und Festhaus aus den 1950er Jahren durchaus im Bestand modernisiert werden kann, zeigt die neue Gestaltung der Liederhalle in Essen", sagt Heiner Eckoldt vom Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz. Hoffen wir, dass sich die Stadt Bonn und der Niedersächsische Landtag auf den Wert ihrer Denkmale besinnen und sie nicht ohne Not opfern.

Carola Nathan