Kleine und große Kirchen Städte und Ensembles Nach 1945 Herrscher, Künstler, Architekten August 2008

Die Ruine der Berliner Gedächtniskirche ist gesichert

Das Zerstörte in die Mitte nehmen

Der "hohle Zahn", wie die Berliner den alten Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche nennen, hatte seinem Namen traurige Ehre gemacht: Das Mauerwerk war so porös geworden, die Mörtelfugen rissig, dass für die Kriegsruine ernste Gefahr bestand. Mittlerweile ist das Denkmal gerettet.

Charaktervolle Gemeinschaft auf dem Breitscheidplatz: Die Eingänge der alten und der neuen Kirche sind einander zugewandt.  
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Charaktervolle Gemeinschaft auf dem Breitscheidplatz: Die Eingänge der alten und der neuen Kirche sind einander zugewandt.

Tausende von Touristen aus Deutschland und aller Welt pilgern täglich zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, lassen sich bei schönem Wetter auf den Stufen und Bänken nieder. Der von den Bauten Egon Eiermanns eingerahmte Turmstumpf ist weit mehr als ein Mahnmal. Das einmalige Zusammenspiel von wilhelminischem Koloss und nachkriegsmoderner Klarheit hat die Physiognomie West-Berlins geprägt und ist als Bild um den Globus gegangen. Mit der Gedenkhalle im Erdgeschoss bildet der Westturm das letzte Überbleibsel der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirche, das sich die Berliner in den 1950er-Jahren vehement erkämpften. Heute ist der Wert des Denkmals unumstritten.

Tatsächlich ist der zerbombte Bau anerkannter als es der intakte jemals war. Man tat sich nicht leicht mit dem 1891-95 errichteten neoromanischen Gotteshaus, an das weit höhere Ziele geknüpft worden waren, als der wachsenden Metropole eine neue evangelische Gemeindekirche zu bescheren. Das Kaiserpaar forcierte den Bau als Manifest gegen die Entfremdung des Volks von der Kirche.

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche um 1900  
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Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche um 1900

Noch bevor Wilhelm II. 1888 die Kaiserwürde erlangte, hatte er auf der sogenannten Waldersee-Versammlung die "Zurückführung der glaubenslosen Menschen zum Christentum und zur Kirche und damit zur Anerkennung der gesetzlichen Autorität und der Liebe zur Monarchie" angemahnt. In einer Zeit, in der das Schreckgespenst des Sozialismus und Anarchismus umging, sollten sich Thron und Altar gegenseitig stärken. Im Mai 1888 wurde unter dem Protektorat der Kronprinzessin Auguste Viktoria der Evangelisch-Kirchliche Hilfsverein gegründet, aus dem 1890 der Evangelische Kirchenbauverein hervorging. Der Oberhofmeister der Kaiserin, Ernst Freiherr von Mirbach, übernahm die Leitung über die Bauprojekte.

Mit drei Gedächtniskirchen wollte Wilhelm II. in der Reichshauptstadt seine Großeltern und seinen Vater ehren. Im Juni 1890 wurde der Wettbewerb für eine repräsentative, "dem Andenken des Hochseligen Kaisers Wilhelm I." gewidmete Kirche mit 1.500 Sitzplätzen und einer königlichen Loge ausgeschrieben. Der Entwurf Franz Heinrich Schwechtens (1841-1924), der sich in Berlin vor allem mit dem Anhalter Bahnhof einen guten Ruf erworben hatte, überzeugte. Der aus Köln stammende Architekt hatte sich von der Marienkirche in der ehemaligen staufischen Reichsstadt Gelnhausen inspirieren und die Formensprache der rheinischen Romanik einfließen lassen. Dies war genau nach dem Geschmack des Kaisers: Ihm wie Mirbach galt der romanische Stil als Ausdruck des unverfälscht Germanischen.

Der Kirchenbauverein hatte sich für einen Bauplatz im damals noch unabhängigen Charlottenburg entschieden, an dem wichtige Straßen zusammenliefen. Das Gebiet um den Zoologischen Garten wurde gerade als gehobene Wohngegend erschlossen. Es bedurfte allerdings langer Verhandlungen mit dem Magistrat, der sich wirtschaftlich interessantere Bauprojekte für dieses Filetgrundstück in der neuen Westvorstadt erhoffte. Am 22. März 1891, dem Geburtstag des 1888 verstorbenen Wilhelm I., wurde in Anwesenheit des Kaiserpaares und ranghoher Vertreter aus Kirche, Politik und Militär die Grundsteinlegung für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche gefeiert. Das Areal erhielt im Jahr darauf den Namen Auguste-Viktoria-Platz.

Schwechten errichtete den monumentalen Bau über dem Grundriss eines lateinischen Kreuzes, der mit seiner ausladenden Vierung im Inneren den Eindruck eines Zentralbaus vermittelte. Im Westen lagerte er dem Langhaus eine offene, tonnengewölbte Eingangshalle vor, über der sich der mächtige, achteckige Hauptturm und zwei Nebentürme erhoben. Im Osten ragten über dem Chor mit Kapellenkranz drei weitere Türme auf. Schwechten verwendete hauptsächlich hellen Tuff- und Sandstein, für den Sockelbereich Granit.

Der ehemalige Eingang zur Kirche dient heute als Gedenkhalle.  
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der ehemalige Eingang zur Kirche dient heute als Gedenkhalle.

Am 1. September 1895 wurde das Gotteshaus eingeweiht. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings nur der Chorraum fertig gestaltet. Man pries den Bau als "nationales Denkmal, das uns und alle zukünftigen Geschlechter erinnern soll an die unvergleichliche Größe und das unermessliche, weltgeschichtliche Verdienst des ersten Deutschen Kaisers". Doch das ikonographische Programm - die aufwendige Innenausstattung zog sich bis 1906 hin - machte die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche erst zu dem Monument, mit dem sich Preußen und das Reich durch Glauben, Heldentum und Kunst gleichermaßen definieren konnten.

Für die Entwürfe der Mosaiken, Glasfenster, Statuen und Reliefs verpflichtete man namhafte Dekorationskünstler. Mit den alles überstrahlenden Glasmosaiken der Gewölbe wollte Schwechten an die frühchristlich-byzantinische Kunst anknüpfen. Im Chor wurde die christliche Heilsgeschichte vermittelt, im Lang- und Querhaus dominierten Szenen aus dem Leben Jesu. Die im letzten Schritt ausgestaltete Vorhalle war ganz der Huldigung von Wilhelm I. und seiner Dynastie gewidmet und betonte die Legitimation der Kaiserwürde von Gottes Gnaden.

Mit der Einweihung der Eingangshalle am 22. Februar 1906 war der historistische Repräsentationsbau vollendet. Die immer prunkvollere Dekoration trieb die Kosten schließlich auf eine Höhe von 6.410.000 Mark - fast das Zehnfache der ursprünglich veranschlagten Summe. "Ist es nicht schwer, zwischen Gold und Marmor vom Mammon zu predigen?" - die Kritik aus protestantischen Kreisen begleitete das Projekt von Anfang an. Um dem Memorialbau eine würdige Umgebung zu verleihen, hatte Wilhelm II. zudem ein "Romanisches Forum" angeregt. Zwischen 1890 und 1899 errichtete Schwechten vis à vis von Hauptportal und Chor die beiden "Romanischen Häuser" mit stilistisch angepassten Fassaden. Dies änderte nichts an der oft monierten Tatsache, dass die Kirche gewissermaßen auf einer Verkehrsinsel stand.

Der Zug der Hohenzollern in der alten Eingangshalle: Hier schreiten die jüngeren Herrscher, angeführt von Königin Luise, zum Abendmahl.  
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Zug der Hohenzollern in der alten Eingangshalle: Hier schreiten die jüngeren Herrscher, angeführt von Königin Luise, zum Abendmahl.

Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, in dem andere Architekten den Aufbruch in die Moderne vollzogen, wurde auch über den Stil dieses Sakralbaus heftig gestritten. Für Karl Scheffler entsprach er dem einer "reglementierten Staatsreligion, die als Moralpolizei auftritt und vor die sozialen Abgründe ihrer Zeit ihre reich verzierten Kirchenkulissen stellt."

Mit dem Zusammenbruch des Kaiserreiches wurde die ureigenste Bedeutung ohnehin fragwürdig. Doch unbestritten markierte die Kirche auch in der Weimarer Republik, wenn nicht ideell, so zumindest optisch den Brennpunkt des pulsierenden Berliner Westens - inmitten der Cafés, Lichtspielhäuser und Geschäfte war sie eine feste Bezugsgröße. "Bei uns um die Gedächtniskirche rum" betitelte Friedrich Hollaender 1927 seine Kabarettrevue, die im Romanischen Café an der Ostseite des Platzes spielte. Der berühmte Künstlertreff war das wahre Zuhause vieler Literaten, war Jobbörse und Schnorrerparadies. Den Autofahrern stand das Gotteshaus allerdings im Weg: Viele sahen in ihm nur ein Verkehrshindernis und plädierten ernsthaft für eine Verlegung.

Der Zweite Weltkrieg schuf Fakten und ließ die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche stark zerstört zurück. Den markanten Hauptturm, dessen steinerner Helm zur Hälfte weggebrochen war, tauften die Berliner - auch in Notzeiten nicht auf den Mund gefallen - "hohler Zahn". Es sollte eine Liebeserklärung sein. 1947 setzten die langwierigen Diskussionen um Abriss, Wiederaufbau und Neubau ein. Gegner und Befürworter spielten den inzwischen offen angezweifelten Kunstwert und den neugewonnenen Erinnerungswert gegeneinander aus. Von einer "Architekturschande" war sogar die Rede, und vom "Denkmal einer unwahrhaften, großsprecherischen und schamlosen Baugesinnung". Die Vertreter der Klassischen Moderne forderten Tabula rasa an dem Platz, der nun den Namen Rudolf Breitscheids trug.

Die neue Kirche als Gesamtkunstwerk: Penibel kümmerte sich Egon Eiermann um jedes Detail.  
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die neue Kirche als Gesamtkunstwerk: Penibel kümmerte sich Egon Eiermann um jedes Detail.

1954/55 sicherte man den von 113 auf 68 Meter geschrumpften Westturm, legte aber die noch vorhandenen Mauern des Schiffs und des Chores nieder. Im Jahr darauf lobten der Berliner Senat und das Kuratorium der Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche den Wettbewerb für eine neue repräsentative Kirche in modernen Formen aus. Gefordert war eine Lösung, "bei welcher der Turm der Kirche - in alter oder veränderter oder neuer Gestalt - auf dem bisherigen Standort steht".

1957 wurde ein Entwurf von Egon Eiermann (1904-1970) ausgewählt. Er projektierte ein Ensemble ohne den alten Turm, für ihn nur eine "baukünstlerische Belanglosigkeit". Die Berliner Bürger liefen Sturm, es hagelte Protestbriefe: Der Turmstumpf sei ein Wahrzeichen der freien Stadt, er gehöre als Blickpunkt zum Kurfürstendamm, und vor allem verkörpere er das kollektive Kriegsschicksal. Die regionale Presse startete eine Kampagne gegen die "Eierkiste", die Berlins "schönste Ruine" verdränge, und forderte zur Abstimmung auf. Über 90 Prozent votierten für den Turm. Unter dem Druck des Volkes entschloss sich das Kuratorium, den wilhelminischen Torso zu bewahren, und bat den Architekten um neue Entwürfe. Der räumte schließlich ein, es gebe "wohl kein Bauwerk, das für immerhin ein paar Millionen Menschen Glanz und Elend ihres Lebens so widerspiegelt wie diese jetzt noch vorhandene Ruine".

Und so gruppierte er seine Baukörper aus Beton, Stahl und Glas als "ein Spiel des Neuen um den alten Turm herum". Dessen Kriegsschäden blieben als Fingerzeig sichtbar. Auf einer erhöhten Plattform platzierte Eiermann westlich der Ruine die achteckige Kirche und das Foyer, im Osten den sechseckigen Glockenturm und die Kapelle - allesamt mit der charakteristischen Wabenfassade. Die eingelassenen farbigen Glasbausteine, jeder ein Unikat, ließ Eiermann in Chartres anfertigen. Am 17. Dezember 1961 wurde die neue Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche eingeweiht - gut vier Monate nach dem Bau der Berliner Mauer.

Blick vom Umgang der Eiermannschen Kapelle auf den bedrohten Turm  
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Blick vom Umgang der Eiermannschen Kapelle auf den bedrohten Turm

Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten ist es Egon Eiermann gelungen, einen beeindruckenden Ort der Stille zu schaffen. Die über der Sockelzone zweischaligen Wände sorgen dafür, dass die Geräusche der Großstadt draußen bleiben. Das Eintreten in diesen Kirchenraum ist immer wieder ein besonderes Erlebnis: Nach ein paar Schritten durch den Windfang lässt man alle Hektik, den Autolärm und das Stimmengewirr hinter sich, um in eine fast mystische Aura einzutauchen, die es mit gotischen Kathedralen aufnehmen kann. Denn der 2,40 Meter breite Umgang zwischen den inneren und den äußeren Glaswänden hat noch eine wichtige Funktion: Hier sind die Strahler installiert, die sie, auch wenn das Tageslicht nachlässt, zum Leuchten bringen. So wurde die blaue Kirche zum Signet der nächtlichen Metropole.

Für die Besucher kam 1987 zu dem sakralen noch ein musealer Raum hinzu. Schwechtens Gedächtnishalle, die den Bombenhagel vergleichsweise gut überstanden hatte, wurde für das Publikum geöffnet. Die Gewölbemosaiken lassen die Pracht der untergegangenen Kirche erahnen - die Risse hatte man bewusst sichtbar gelassen. Gerettete Ausstattungsstücke, eine Fotodokumentation zur Geschichte des Ortes und das Nagelkreuz von Coventry setzen auch hier Zeichen gegen Krieg und für Versöhnung.

Neben dem 1993 wiedereingeweihten Berliner Dom ist die Eiermann-Kirche weiterhin eine der zentralen Kirchen Berlins, in der besondere Anlässe im Leben der Stadt begangen werden. Sie hat ihr eigenes Profil, sie ist ein einladender Ruhepol in einem urbanen Zentrum. Auch in Sachen Kirchenmusik kann die Gedächtniskirche, Heimstatt des ambitionierten Bachchores, eine nie abgerissene Tradition vorweisen. Deren besondere Pflege steht in der Satzung der 1904 gegründeten Stiftung.

Die alte Kirche konnte stolze 2740 Quadratmeter Mosaikfläche aufweisen, ausgeführt von der Werkstätte Puhl & Wagner.  
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die alte Kirche konnte stolze 2740 Quadratmeter Mosaikfläche aufweisen, ausgeführt von der Werkstätte Puhl & Wagner.

Es ist eben nicht nur der Charakter als Mahnmal, der die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche so unverzichtbar macht. Das Brandenburger Tor, dienstältestes Berliner Wahrzeichen, war durch die Mauer an seine groteske Position im Sperrgebiet gerückt und so zum Symbol der Teilung geworden. Die Gedächtniskirche hielt als selbstbewusstes Symbol des freien Westens dagegen. Ihre Silhouette hat dem Teil der Stadt, der seine historische Mitte verloren hatte, ein neues Gesicht gegeben. Bis in die Gegenwart dient sie als Lesehilfe, um das Konstrukt City-West zu begreifen.

Der Turmstumpf ist ein gewolltes, kein aufgezwungenes Denkmal. Eiermann hatte angezweifelt, dass man ihn auf Dauer ertragen könne und die heranwachsende Generation Verständnis für die "im Augenblick berechtigte Anhänglichkeit" habe. Wie sehr sich der Rationalist getäuscht hat, beweisen die Blicke, die tagtäglich über die Mauern schweifen. Man darf kommenden Generationen wohl zutrauen, dass sie ihr eigenes Verhältnis zu diesem Monument definieren.

Nicht von ungefähr wurden die Debatten um die neuen Hochhäuser in Sichtweite der Gedächtniskirche so hitzig geführt. Das Ensemble braucht ein würdiges städtebauliches Umfeld – und es braucht vor allem den alten Turm. Das durch Umwelteinflüsse und die Erschütterungen des Verkehrs porös gewordene Mauerwerk des Torsos wurde drei Jahre lang aufwendig saniert. An den Maßnahmen zur Rettung der Ruine hat sich auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz großzügig beteiligt.

Die Portalfassade lässt die einstige Monumentalität des Schwechten-Baus erahnen.  
© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Portalfassade lässt die einstige Monumentalität des Schwechten-Baus erahnen.

"So, dass das Neue das Zerstörte in die Mitte nimmt, es abstützt und nicht in hoffnungsloser Vereinsamung zurücklässt", hatte Egon Eiermann seinen endgültigen Entwurf umschrieben. Diese poetisch formulierte architektonische Maßgabe sollte auch uns eine Verpflichtung sein.

Bettina Vaupel


Weitere Infos im WWW:

www.gedaechtniskirche-berlin.de