Interview mit Professor Gottfried Kiesow

Droht eine Rheinbrücke in der Nähe der Loreley?

MO: Über 100 brückenfreie Rheinkilometer zwischen Bingen und Koblenz sind 2002 zum Weltkulturerbe erhoben worden. Ausgerechnet für einen der schönsten und sagenumwobensten Abschnitte in der Nähe des Loreleyfelsens diskutiert die rheinland-pfälzische Landesregierung eine Rheinquerung in Form einer Brücke oder eines Tunnels. Hat der Internationale Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) zu Unrecht seine frühe Warnung ausgesprochen, dass bei einem Brückenbau der Weltkulturerbestatus des Mittelrheintals in Gefahr ist?

Die Zollburg Pfalzgrafenstein bei Kaub wurde mitten im Rhein auf ein Felsenriff gebaut.  
© E. Lixenfeld
Die Zollburg Pfalzgrafenstein bei Kaub wurde mitten im Rhein auf ein Felsenriff gebaut.

Professor Dr. Dr.-Ing. E. h. Gottfried Kiesow: Ich bin dem ICOMOS-Präsidenten, Herrn Professor Dr. Petzet, sehr dankbar, dass er allen Anfängen wehrt, denn wenn man Zugeständnisse erkennen lässt, entsteht dieselbe Problematik wie in Dresden. Am Mittelrhein kann grundsätzlich weder eine Brücke noch ein Tunnel in der Nähe der Loreley in Frage kommen. Innerhalb der mittelrheinischen Landschaft, die Weltkulturerbe geworden ist, ist das der schönste und wichtigste Punkt, der nicht nur in dem bekannten Gedicht von Heinrich Heine, sondern auch durch Mark Twain und andere Schriftsteller literarisch belegt ist. Jahrhundertelang ist man an dieser Stelle ohne Brücke ausgekommen, und bis heute ist die Landschaft des gesamten Rheinufers landschaftlich unangetastet geblieben, doch jetzt, wo man Welterbe geworden ist, braucht man plötzlich eine Rheinquerung.

MO: Die Auszeichnung "UNESCO-Weltkulturerbe" ist nicht nur ein touristisches Gütesiegel, sondern vor allem auch an den Auftrag gebunden, den Charakter des Denkmals zu wahren. Geht man in Deutschland zu leichtfertig mit dem Welterbestatus um, wenn nach dem Kölner Dom und dem Dresdner Elbtal* mit dem Mittelrheintal innerhalb kürzester Zeit ein drittes Kulturdenkmal zur Disposition steht?

Professor Dr. Dr.-Ing. E. h. Gottfried Kiesow: In Deutschland geht man tatsächlich zu leichtfertig mit seinem Weltkulturerbe um. Zunächst bemüht man sich darum, weil man dieses schmückende Beiwort unbedingt haben möchte und meint, danach zur Tagesordnung übergehen und das Weltkulturerbe genauso behandeln zu können wie ein normales Denkmal. Aber Weltkulturerbe-Denkmale sind herausgehoben und müssen sehr viel sorgsamer behandelt werden als normale Denkmale. Hinzu kommt, dass es sich sowohl in Dresden als auch am Mittelrhein um eine Kulturlandschaft handelt. Hätte man sich in Dresden auf die Stadt beschränkt, wäre diese nicht Welterbe geworden, weil große Teile der ursprünglichen Bausubstanz aufgrund der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg heute nicht mehr im Original erhalten sind. Da man aber das Elbtal, also die Landschaft, mit einbezogen hat, ist die Kritik an der Brücke natürlich umso größer. Am Mittelrhein spielt die Landschaft für das Weltkulturerbe genau dieselbe Rolle. Wegen der Gebäude allein hätte man den Mittelrhein nicht unter Welterbe gestellt. Deswegen muss man dort mit der Landschaft genauso sensibel umgehen.

MO: Die rheinland-pfälzische Landesregierung will nach eigener Aussage den Welterbestatus des Mittelrheintals nicht gefährden und prüft daher auch eine Tunnelvariante. Warum sind Sie der Ansicht, dass auch diese Lösung dem Weltkulturerbe nicht gerecht würde?

Der Blick von der Burg Rheinfels zeigt, wie idyllisch sich der Ort St. Goar zwischen Straße und Bahnschiene mandelförmig ausdehnt.  
© E. Lixenfeld
Der Blick von der Burg Rheinfels zeigt, wie idyllisch sich der Ort St. Goar zwischen Straße und Bahnschiene mandelförmig ausdehnt.

Professor Dr. Dr.-Ing. E. h. Gottfried Kiesow: Ein Tunnel ist von der topographischen Situation her schon sehr problematisch, denn auf der einen Rheinseite existieren die steilen Felsen und auf der anderen Seite befinden sich die Eisenbahnschienen sowie eine stark frequentierte Bundesstraße. Ein Tunnel würde sehr lange Rampen benötigen, da er weit in die Tiefe führen muss, was die gesamte Situation am Rheinufer beeinträchtigen und sich negativ auf das Erscheinungsbild der Orte St. Goar und St. Goarshausen auswirken würde. Außerdem ist es fragwürdig, ob man sich mit einer festen Querung intensiven Verkehr auf die rechte Rheinseite holen sollte. Man könnte überlegen, außerhalb des Welterbegebietes eine Brücke zu bauen, zum Beispiel bei Bingen, dort gab es einmal eine Eisenbahnbrücke, deren einstige Brückenauflager heute noch vorhanden sind. Aber auch das wird kommunalpolitisch und landespolitisch sehr umstritten diskutiert. Auch dort wird von vielen kritisch angemerkt, dass man sich so den linksrheinischen Verkehr auf die rechte Rheinseite holt.

MO: Die Kommunalpolitik führt die wirtschaftliche Bedeutung als Argument für eine festen Rheinquerung an. Ist nicht der Weltkulturerbestatus an sich schon ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die gesamte Region?

Professor Dr. Dr.-Ing. E. h. Gottfried Kiesow: Der wirtschaftliche Faktor bei Weltkulturerbestätten ist eindeutig der Tourismus, für den man keine Brücke und keinen Tunnel haben muss. Einer Rheinquerung würde dem sogar hindernd entgegenstehen, da man statt der Touristen mehr Durchgangsverkehr anzieht und außerdem der Landschaft ihre Idylle nimmt. Und die rechte Rheinseite ist nun einmal besonders reizvoll, weil die linksrheinische Seite durch den Verkehr schon enorm belastet ist. Außerdem ist schwer vorstellbar, dass sich rechtsrheinisch tatsächlich mehr Industrie und Gewerbe niederlässt, wenn man eine Rheinquerung baut.

MO: Was spricht für den Ausbau der vorhandenen Fährverbindungen, den ICOMOS anstelle einer festen Querung empfiehlt?

Professor Dr. Dr.-Ing. E. h. Gottfried Kiesow: Mehr Fährverbindungen halte ich für das Richtige, denn jahrhundertelang hat die Rheinquerung per Fähre gut funktioniert. Ein anderes Beispiel ist Bonn, wo es trotz der Autobahnbrücken auch Fähren gibt, zum Beispiel zwischen Königswinter und Bad Godesberg. Sie verkehren regelmäßig und tadellos im Minutentakt. Ein Ausbau der Fährverbindungen käme meines Erachtens auch für das Mittelrheintal in Frage.

Das Interview führte Julia Ricker

* Voraussichtlich wird dem Dresdner Elbtal der Welterbe-Titel aufgrund des Baus der Waldschlösschenbrücke aberkannt.

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