Kurioses 1500 Ikonographie April 2005 S

Die Weinbergschnecke

Auch ein Ostertier

Widmet man sich einmal den Details in den Winkeln von Kirchen und am Rande der Gemälde, stößt man gar nicht so selten auf die Abbildung einer Schnecke. Das Tier taucht oft dort auf, wo Leiden und Sterben Jesu in Szene gesetzt wurde.

Beim Spaziergang an schneelosen Wintertagen oder im zeitigen Frühling, ehe die Sonne das Erdreich aufgetaut hat, kann man an Hecken leere Schneckenhäuser finden. Wer gut beobachtet und etwas Glück hat, entdeckt vielleicht sogar ein Schneckenhaus, das vorn an der Mündung mit einem runden Deckel verschlossen ist. Den fertigt die Schnecke jedes Jahr im Spätherbst, um sich vor Frost zu schützen. Sobald die Märzsonne Wärme in ihr Versteck bringt, sprengt sie die "Tür" und kriecht hinaus.   


Christen sahen darin eine Parallele zur Ostergeschichte: Nach einem todesähnlichen Schlaf erwacht das Tier zu neuem Leben. Im Markus-Evangelium (Mk 15-16) wird berichtet, dass Joseph aus Arimathäa von Pilatus den Leichnam Jesu erbat und ihn in eine Gruft legte. Vor den Eingang wälzte er einen großen Stein. Als die Frauen, die den Toten salben wollten, an das Grab kamen, sahen sie, dass der Stein fort und das Grab leer war. In Anlehnung an das Neue Testament wurde die Weinbergschnecke zum Symbol der Auferstehung Christi und zur Hoffnung auf die eigene Auferstehung.Inzwischen ist die Schnecke nur noch wenigen als christliches Symbol bekannt. Landläufig steht sie für Langsamkeit. Schon im 13. Jahrhundert personifizierte sie - wie übrigens auch der Esel und die Schildkröte - die Trägheit, dann - wie der Hase - die Feigheit. Wohl ab dem 15. Jahrhundert wandelte sich ihre Bedeutung ins Positive: Die ihr Haus tragende Schnecke wird zum Zeichen der Zufriedenheit, der inneren Einkehr, Selbsterkenntnis, Klugheit und Vorsicht.

Das Sebaldusgrab in Nürnberg ruht auf zwölf Schnecken. 
© R. Rossner
Das Sebaldusgrab in Nürnberg ruht auf zwölf Schnecken.

Widmet man sich einmal den Details in den Winkeln von Kirchen und am Rande der Gemälde, stößt man gar nicht so selten auf die Abbildung einer Schnecke. Wer sich selbst auf die Suche machen möchten: Weinbergschnecken tauchen oft dort auf, wo Leiden und Sterben Jesu in Szene gesetzt wurden.

Eines der eindrucksvollsten Beispiele ist in der evangelischen Stadtkirche St. Sebald in Nürnberg zu sehen. Dort erhebt sich mehr als viereinhalb Meter hoch das Sebaldusgrab. Es wurde im Umbruch der Zeiten - zwischen später Gotik und Renaissance - 1489 in Auftrag gegeben und 1519 von Peter Vischer und seinen Söhnen vollendet.

Das Grab, in dem der Reliquienschrein des Stadtheiligen Sebaldus aufbewahrt wird, ruht auf vier Delphinen und zwölf Schnecken. Jede ist beinahe so groß, dass ein kleines Kind darauf reiten und sich an den Fühlern festhalten könnte. Wie weit die Liebe zur Natur in der Familie Vischer ging, belegen eindrucksvoll die individuell gestalteten Tiere: Keine der Schnecken gleicht der anderen. Jede einzelne trägt als Symbol der Auferstehung und Verkörperung der Klugheit und Bedächtigkeit mit an der Ruhestätte für den Toten.

Im Juni 1519 wurde das tonnenschwere Bronzewerk im Chor von St. Sebald aufgestellt.

Dieses großartige, schwere Kunstwerk, das 157 Zentner wiegt und dessen "lebendiges" Fundament zerbrechlich und stabil zugleich anmutet, versinnbildlicht den Tod genauso wie das Leben. Die Vischers ließen ihrer Phantasie freien Lauf: Neben griechischen Helden wie Herakles und Theseus tummeln sich Löwen und Delphine, hocken Musen und Meeresgötter auf dem Grabmal, treiben fröhlich-freche Putten ihr Unwesen oder blasen, zupfen und streichen verschiedene Instrumente. Je höher der Blick an den gotischen Pfeilern empor schweift, desto ehrwürdiger erscheinen die von den Schnecken getragenen Gestalten: Zwölf antikische Apostel und zwölf Propheten umgeben ernst und streng den Schrein, und ganz oben, für den flüchtigen Betrachter kaum mehr erkennbar, thront über den Türmen des Himmlischen Jerusalem das Christuskind - in der Hand die Weltkugel. Geballte Natur begegnet uns hier an dem tonnenschweren Monument, das mit 3.145 Gulden eines der teuersten seiner Zeit gewesen sein dürfte. 


Zum Vergleich: Das Haus des in Nürnberg beheimateten Albrecht Dürer (1471-1528) war damals rund 700 Gulden wert. Also steckten gut vier Wohnhäuser im Grab des Stadtheiligen Sebaldus, der nach der Legende ein dänischer Königssohn war und den Franken das Christentum brachte.


Nicht überall ist die Rolle der zarten, kleinen Weinbergschnecken so prominent wie in Nürnberg. In der Natur wie in der Kunst verkriechen sie sich eher in Ecken und erregen lange nicht die Aufmerksamkeit, die ihnen gebühren sollte.

Jonas entsteigt dem Walfischrachen (Jan Brueghel d. Ä., 1595). Links verweist die Schnecke auf die Auferstehung. 
© Bayerische Staatsgemäldegalerie, München
Jonas entsteigt dem Walfischrachen (Jan Brueghel d. Ä., 1595). Links verweist die Schnecke auf die Auferstehung.

In manchen Kirchen gibt es noch aus Holz geschnitzte oder in Stein gemeißelte "Ölberge". Auf diesen Hügeln kniet Jesus und betet. Vor ihm kriechen manchmal Schnecken. Andächtigen Betrachtern war ihre Bedeutung einst wohlbekannt.

Aber auch in einem anderen Zusammenhang begegnen wir der Schnecke. Auf dem Gemälde "Jonas entsteigt dem Rachen des Wals" (1595) von Jan Brueghel d. Ä. ziehen zunächst Jonas und ein Walfisch mit aufgesperrtem Maul die Betrachter in den Bann, ehe sie auf die viel unscheinbarere Muschelschnecke am Strand aufmerksam werden. Jonas, der vom Fisch ausgespuckt wird und in dem sich die Überwindung des Todes durch Christus vorankündigt, spielt hier die Hauptrolle. Der Schnecke am linken Bildrand als Hinweis auf die Auferstehung kommt die - allerdings sehr wichtige - Nebenrolle zu.

Langsamkeit, Trägheit, Weisheit, Vorsicht, Geburt und Wiedergeburt sowie die Jungfräulichkeit Mariens werden mit der Schnecke verbunden. Dass dieses eher unauffällige, stille Tier für die bildende Kunst so viele Bedeutungen erlangte, verdanken wir all denen, die Natur genau beobachteten. Dies ist ein guter Grund mehr, auch beim Spaziergang den kleinen Dingen am Rande des Weges Aufmerksamkeit zu schenken.

Christiane Schillig